Der Knecht Gottes

Matthäus 12, 15 – 21

15 Da aber Jesus das erkannte, entwich er von dort.

             Kein Leiden um jeden Preis. Kein selbstgewähltes Martyrium. Kein Opfergang aus eigenem Bestimmen. Die Zeit ist noch nicht da. Der Weg ist noch nicht zu Ende gegangen. Man kann fragen: Wie hat Jesus von diesem Beschluss, ihn zu töten, erfahren? Wie hat er ihn erkennen können, Kenntnis – so wörtlich  γνούς –   von ihm erhalten können  ? Es interessiert Matthäus nicht, uns an dieser Stelle Auskünfte zu geben. Über Informanten aus dem Kreis der Pharisäer. Über Sympathisanten, die ihn gewarnt haben könnten. Nur das: er weicht aus. Es ist noch Zeit für ihn zu leben.

 Und eine große Menge folgte ihm, und er heilte sie alle

             In seinem Ausweichen aber ist er nicht allein. Er hat viele, so wörtlich, die ihm nachfolgen. Nachlaufen, würden die Gegner Jesu wohl sagen. Es ist schon bemerkenswert, dass auch hier wieder das so hoch besetzte Wort κολουθεν für dieses Nachgehen der vielen hinter Jesus gebraucht wird. Offensichtlich hat Matthäus noch kein Interesse daran, das Wort zu überhöhen. Oder anders gesagt: der geistliche Weg der Nachfolge fängt damit an, dass eine/einer äußerlich hinter Jesus her zu gehen beginnt.

Alle erfahren sie bei Jesus Heilung. Wieder: Kein statistischer Befund, sondern eine Aussage über die Zuwendung Jesu: die, denen er sich zuwendet, werden heil.  Weil er  sich ihnen zuwendet. Weil sie ihm nachlaufen.

 16 und gebot ihnen, dass sie ihn nicht offenbar machten, 17 damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht (Jesaja 42,1-4):

 Jesus aber unterbindet, dass davon erzählt wird. Dass sie für ihn Propaganda machen. Dass sie ihn offenbaren. Enthüllen. Öffentlich machen. Mit φανερόν steht hier ein Wort, das später für das Erscheinen des Auferstandenen gebraucht werden wird. Dabei wird es kaum um seinen Aufenthaltsort gehen, der nicht publik werden soll. Sondern eher um das, was er tut. Das ist durch die Möglichkeit von Missverständnissen bedroht. Wenn sie von ihm als Heiler erzählen, wird er darauf reduziert werden. So wie manche bis heute Jesus auf den Wundermann reduzieren. Auf eine Art „Mirakulix“.

Auch das mag mitschwingen: es ist nicht die Aufgabe von Menschen, auch nicht von gutmeinenden Menschen zu enthüllen, wer Jesus ist. Es ist einzig und allein er selbst, der zu erkennen gibt, offenbart, enthüllt, wer er ist. Wenn es an der Zeit ist.

Das dritte: hinter dem Verbot steht für den Evangelisten Matthäus ein prophetisches Wort, das so erfüllt wird. Das kennzeichnet sein Evangelium: er sieht Jesus als die Erfüllung der alten Prophetie und liest so diese Propheten auf Jesus hin. Darin unterscheidet er sich von Juden, die die Propheten ergebnis-offen lesen, ohne diesen Seitenblick auf Jesus.

  18 »Siehe, das ist mein Knecht, den ich erwählt habe, und mein Geliebter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat; ich will meinen Geist auf ihn legen, und er soll den Heiden das Recht verkündigen. 19 Er wird nicht streiten noch schreien, und man wird seine Stimme nicht hören auf den Gassen; 20 das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen, bis er das Recht hinausführt zum Sieg; 21 und die Heiden werden auf seinen Namen hoffen.«

Es ist Gott, der HERR, der seinen Knecht, „sein Kind“ (so wörtlich: πας) enthüllt und zeigt, ihn erkennbar macht.  Das Zitat, das dem Propheten eher frei nachempfunden ist, hebt zuerst die enge Verbindung hervor. Der Knecht ist der Geliebte – im NT fast immer verbunden mit dem Hinweis auf das Kind. Es liegt nahe, sich an die Taufe Jesu zu erinnern: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“(3,17)  Von ihm heißt es: der Geist liegt auf ihm. Von ihm wird der Auftrag ausgesagt: Den Heiden das Recht verkündigen.

          κρίσις ist bei Matthäus nie „Recht“ als eine Art Rechtssystem, sondern immer Urteil, Urteilsspruch. Gerichtsurteil. Dann ist also hier zu lesen: er verkündigt den Heiden, was Gott als sein Gerichtsurteil über sie beschlossen hat. Was immer das sein mag, weil es Gottes Urteil ist, steht es fest.

Er, der Knecht wird es heraufführen. Nicht unter großem Tamtam, nicht unter Streit und Geschrei. Nicht mit lautstarkem Einsatz. Es ist kein Propaganda-Feldzug, der hier gestartet wird. Auch kein neuzeitlicher Kreuzzug, oder netter, weil nicht gleich so martialisch konnotiert: kein „Crusade for Christ.“ Jesus hat keinen Propaganda-Feldzug geplant: Er hat nie Eigenwerbung getrieben. Er ist auch – bis auf die Ausnahme der Wehe-Rufe- nie laut  geworden.

Dem Urteilsspruch entspricht die Art, wie der Knecht auftritt: das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. Kein vorschnelles, übereiltes Urteil. Keine Sicht, die sich nur an der Effizienz, am Gelingen eines Lebens orientiert. Dieser Knecht Gottes, dieser Geliebte Gottes geht einen anderen Weg – hin zu denen, die geknickt sind, eingeknickt, verwundet an Leib und Seele. Sein Weg ist der Weg nach unten, zu den hoffnungslosen Fällen zu denen in Angst und im Schatten des Todes. Das ist gute Nachricht für die, die am Leben zu zerbrechen drohen, deren Lebensfunken zu erlöschen scheint, die nicht mehr aus noch ein wissen – oder, wie Jesus es früher sagt: die mühselig und beladen sind. (11,28)

             Darauf läuft das so frei formulierte Jesaja-Zitat hinaus: es geht im Grunde nur darum zu zeigen, wer Jesus ist. Es zeigt sein Erbarmen, seine Geduld, seine Gewaltlosigkeit, seine Güte und Liebe. Es ist, in meinen Augen, wie ein verspäteter Kommentar zu seinem Heilandsruf. Weil er so ist, wie er ist, haben die Heiden allen Grund, auf seinen Namen zu hoffen. „Die Völker.“ So besser statt: die Heiden.

             Ich leihe mir, einmal mehr, fremde Worte: „Nur wer bedenkt, dass in Jesus Gott selbst „bei uns“ ist, versteht seine Geschichte…..Die Geschichte Jesu, der auf seinem Weg in Israel zunehmend angefeindet und bedroht wird, gleicht einer Wanderung bei schlechtem Wetter unter tiefliegenden Wolken. Unser Text will die Wolkenschichten für einen Moment wegreißen, damit der Himmel, der Sache nach: die wahre göttliche Perspektive der traurigen Geschichte des Gehorsams Jesu, wieder sichtbar wird.“ (U. Luz, aaO.  S.250) So bereitet dieses Jesaja-Zitat die Leserinnen und Leser darauf vor, die langsam nahende Passion Jesu als Weg des Gehorsams zu begreifen. Als Weg auch des Sieges, weil es Gottes Weg mit ihm ist.  

Zum Weiterdenken:

Das Zitat aus Jesaja ist ein Reflexions-Zitat. So nennt die exegetische Wissenschaft solche Zitate. Ein Zitat, das das Nachdenken des Evangelisten reflektiert, nicht das Selbstverständnis Jesu. Das muss man schon sorgfältig unterscheiden. Es ist nicht so zu verstehen, dass Jesus den Propheten Jesaja als Drehbuch seines Lebens, seines Verhaltens liest und es entsprechend diesen Skript inszeniert. Der Evangelist sieht – nach der Kreuzigung und de Rauferstehung – auf den Weg Jesu und er sieht, geistgeleitet, wie dieser Weg der Prophetie entspricht, auch wenn er ihr nicht entspringt. Es ist die Sicht des Propheten und keine Momentaufnahme auf dem Weg Jesu: dieser Weg hat seine Vorzeichen und Wegmarken im prophetischen Wort. Und er bringt dieses Wort zu seiner Fülle, die seit über 500 Jahren noch ausstand, zur Erfüllung. Ans Ziel.

 

 

Jesus, Du Stimme eines Rufenden, Du Tröster der Gebeugten, Erbarmer über den Bedrängten, Du Halt der Haltlosen -Du bist der Knecht Gottes, der Geliebte, der Sohn, der die Herrlichkeit des Vaters widerspiegelt.

Ich danke Dir, dass ich  glauben darf: Bei Dir ist keiner und keine wertloser Abfall, nur noch zum Wegwerfen, verlöschendes Licht, nur noch zum Ausblasen.

Du glaubst an den neuen Anfang, unseren neuen Anfang, den wir uns selbst nicht mehr zutrauen. Du gibst den Rückenwind, der uns den Rücken stärkt. Du hältst die Hoffnung wach, die uns neu handeln lässt. Amen.