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Matthäus 11, 25 -30

25 Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart. 26 Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen.

Diesmal nicht das Allerweltswort Τότε. Sondern ganz bewusst im Griechischen anders betont: Ἐν ἐκείνῳ τῷ καιρῷ. Es ist ein ganz besonderer Zeitpunkt, einer, der aus Gottes Zeit genommen ist. Was für ein Kontrast: Eben noch Wehe-Rufe, und jetzt: Ich preise dich. ξομολογομα σοι Jesus bleibt nicht stehen bei dem Wehe. Das ist nicht sein Ziel. Sondern das ist sein Ziel: das Lob des Vaters im Himmel. πτερ, Vater – das ist die Anrede Jesu an Gott. Das kennzeichnet seinen Umgang mit dem Herrn des Himmels und der Erde, dem Schöpfer, dass er ihn Vater nennt. Es ist kein Gegensatz, sondern es gehört für Jesus zusammen – Vater und Herr des Himmels und der Erde – die bergende Nähe und die Majestät des Schöpfers. Es ist ein Schritt über die Tradition hinaus, in der Jesus aufgewachsen ist. Israel redet Gott als Vater an, aber nicht der einzelne Israelit.

Mit den Worten, die Jesus hier gebraucht, fangen auch Dank- und Lobpsalmen an, wie wir sie im Psalter finden. Aber auch die Gemeinschaft im Qumran betet so zu Gott. Es gibt ein tief eingeprägtes Wissen: Wir sind Gott das Lob, die Anbetung, den Lobpreis schuldig. ein Beispiel für ungezählte andere: „Dein, HERR, ist die Majestät und Gewalt, Herrlichkeit, Sieg und Hoheit. Denn alles, was im Himmel und auf Erden ist, das ist dein. Dein, HERR, ist das Reich, und du bist erhöht zum Haupt über alles. Reichtum und Ehre kommt von dir, du herrschst über alles. In deiner Hand steht Kraft und Macht, in deiner Hand steht es, jedermann groß und stark zu machen (1. Chronik 29, 11- 12)

Der Grund für den Lobpreis Jesu: Gott hat sich denen zu erkennen gegeben, die einfache, normale Leute sind. Unmündige: νηποι. Wörtlich: Kinder, Säuglinge. Aus dem Wissen der Gelehrten wird Allgemeingut. Aus der Weisheit der Weisen wird die Weisheit der Törichten.

Es liegen so viele Bezüge nahe: „Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge hast du eine Macht zugerichtet.“ (Psalm 8,3)  Oder: „Das Zeugnis des HERRN ist gewiss und macht die Unverständigen weise.“(Psalm 19,8) Oder: „Denn ich will Wasser gießen auf das Durstige und Ströme auf das Dürre: ich will meinen Geist auf deine Kinder gießen und meinen Segen auf deine Nachkommen.“(Jesaja 44,3) Oder: „Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?“(1.Korinther 1, 20)

Immer geht es in der Welt um Herrschaftswissen. Wissen ist Macht. Und alleine wissen ist noch einmal potenzierte Macht. „Ach wie gut, dass keiner weiß….“ Es geht um den Vorsprung der Weisen und Klugen gegenüber dem amhaaretz, dem „Volk des Landes“, den Armen, dem armen, ungelehrten, gesetzesunkundigen Volk. Diese Gegenüberstellung stellt Jesus auf den Kopf! Die Unmündigen sind der Offenbarung Gottes gewürdigt. Weil sie Jesu Worte hören.

An die Stelle des Herrschaftswissens der Wenigen tritt das Wissen aller. „Die „Weisen“ sind jüdisch je nach Kontext und Situation verschiedene Gruppen: die Weisheitslehrer Israels, die „Schüler“ der Weisheit, die Anhänger apokalyptischer Gruppen, die Sektenmitglieder und neben ihnen der besondere Stand der Weisen in Qumran und vor allem die Schriftgelehrten“ (U. Luz, aaO.  S.205) Oft genug ist es eine Selbstbezeichnung, die auch nach Arroganz schmeckt. Das alles wird hier von Jesus zertrümmert. Der Glauben derer, die die Worte Jesu hören, genügt.

Das ist nicht Jesu eigensinniger Weg, den er selbst sich ausgedacht hat. So hat es dir wohlgefallen. Es ist der Weg des Vaters – in die Tiefe, zu den Armen, zu den Kleinen. Der sich das „Würmlein Jakob“(Jesaja 41, 14 erwählt hat, diesen armen Haufen hebräischer Sklaven in Ägypten, der wendet sich auch in Jesus denen zu, die unten sind, dem Fußvolk der Weltgeschichte.  

  27 Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.

             Ein Satz, wie er auch im Johannesevangelium stehen könnte. Aber nun eben bei Matthäus. Wie von selbst lese ich mit: Alles. Πντα  „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“(28,18) Auch da wieder: Alles. Die ganze Welt. Alle Erkenntnis. Die ganze Schöpfung. Zeit und Ewigkeit. Das Heil.

 Es ist das Selbst-Bewusstsein Jesu, das ihn so sagen lässt: Mir ist alles anvertraut.     Παραδίδωμι  „Übergeben“. Das kann man auch so übersetzen „ausgeliefert“ – so wird es von Jesus gesagt werden. Ober „überliefert“ – so wird es für die Weitergabe der Tradition verwendet. Oder „hingegeben“ – so gebraucht es Paulus oft im Römerbrief. Ein Wort von überragender Bedeutung im gesamten Neuen Testament. Ihm, den „Gott hingeben wird für uns“(Römer 8,32) – auch hier wieder dieses Wort – ihm hat der Vater seine Welt anvertraut. Alles.

Weil der Vater den Sohn kennt. Es ist nicht ausgemacht, ob die Menschen den Sohn kennen. Sie machen sich Bilder von ihm, versuchen ihn zu begreifen und irgendwann auch zu ergreifen. Der Vater aber kennt ihn. Weiß, wie er ist. Weiß, wer er ist. Weiß, dass er ihm alles anvertrauen kann. Und dass der Sohn alles zurückgeben wird. „Das ist aber der Wille dessen, der mich gesandt hat, dass ich nichts verliere von allem, was er mir gegeben hat, sondern dass ich’s auferwecke am Jüngsten Tage.“(Johannes 6,39) Paulus bringt dieses umfassende alles in seiner Weise auf den Punkt: „Wenn aber alles ihm untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott sei alles in allem.“(1. Korinther 15,28)

 So schlicht also hier als die tragende Grundlage für das Vertrauen zwischen Vater und Sohn: Der Vater kennt den SohnDer Sohn kennt den Vater. Und der Sohn öffnet die Augen für den Vater. Denen, die auf ihn hören. Die ihm folgen. Die sich ihm anvertrauen. Es ist eine enge Gasse, ein schmaler Weg, auf dem es zur Erkenntnis des Vaters kommt: Nur durch den Sohn.

 28 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. 29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. 30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

             Kein Zufall, sondern schriftstellerische Absicht: In der Mitte der Bergpredigt steht das Vaterunser. In der Mitte des Matthäus-Evangeliums steht der Heilandsruf. Kommt her zu mir, alle. Jesus ruft keine auserwählte Elite. Er ruft alle. πάντες . Er, dem alles anvertraut ist, er ruft alle. Es ist der logische Schritt nach den Worten zuvor. Das Kennen, Erkennen des Vaters – und des Sohnes! – geschieht so, dass man dem Ruf des Heilandes Vertrauen schenkt, sich rufen lässt.

Sein Ruf entspricht dem Weg, den er geht. Er ruft die, die unten sind. Am Boden.  mühselig und beladen. Die nicht mit dem Leben und seinen Aufgaben fertig werden, sondern oft genug fertig gemacht werden. Ausgepowert, ausgebrannt. Mit allem am Ende. Auch mit dem Fünkchen Hoffnung.

An die Stelle der Lasten tritt sein entlastendes Wort. Er nimmt von den Schultern, was andere auf die Schultern gepackt haben. „Die Schriftgelehrten und Pharisäer sind es, die den Menschen schwer zu tragende Lasten aufbinden.“ (U. Luz, aaO.  S.219) Die Forderungen des Gesetzes. Die religiösen Pflichten. Die Forderungen nach Perfektion. Die ein Bild von der Hoheit Gottes lehren, dem man nie und nimmer entsprechen kann.

Diesem Bild stellt Jesus sein Joch ζυγόν – entgegen. Gemeinsam unter dem einen Joch. Zusammen tragen, was dem einzelnen zu schwer ist. Seine Last- φορτίον – sein Lebensgepäck. Das ist nichts anderes als das Leben mit ihm, hinter ihm her. Keine Gesetze, keine Regeln, sondern sich anvertrauen. Den Weg seiner Liebe und seines Erbarmens für sich selbst annehmen und nachgehen. An dem sanftmütigen Jesus selbst Sanftmut lernen.

Zum Weiterdenken

Es ist eine Variante des seligen Tausches, von dem Weihnachtslieder singen:

 Er wechselt mit uns wunderlich: Fleisch und Blut nimmt er an
und gibt uns in seins Vaters Reich die klare Gottheit dran.

Er wird ein Knecht und ich ein Herr; das mag ein Wechsel sein!
Wie könnt es doch sein freundlicher, das herze Jesulein!                                                                                            N. Hermann 1560, EG 27

Hier: Gib mir deine Sorgen und nimm auf dich, was ich dir zumute. Die Lebenlasten ablegen und die Lasten Jesu auf sich nehmen. die Last, alles allein meistern zu müssen, fahren lassen und statt dessen einen zu haben, der sagt: Ich helfe dir tragen. Lass dir helfen. Das geht gegen den Stolz, das geht gegen das Projekt unserer Zeit, dasss jeder allein seines Glückes Schmied zu sein hat. Es ist der selige Tausch – meine Autonomie gegen die Knechtschaft unter Christus. Etwas Besseres kann uns nicht passieren.

Täglich zu lernen, täglich zu üben. Täglich zu singen. Es geht um die Wandlung unserer Existenz. Dieser „Heilandsruf“, wie die Passage in der Auslegungsgeschichte gerne genannt wird, ist ein Ruf, der Würde verleiht. Denen, die oft genug nach den Maßstäben der Erfolgsgesellschaft nicht gewürdigt werden. Das ist die Wandlungen unter dem Ruf Jesu: Aus Habenichtsen zu Lastenträgern, aus Herrsch-Süchtigen zu Dienern.

 Trag die Last, die den andern beugt,  weil allein Liebe überzeugt.                       Wahre Größe zeigt, wer auch dienen kann.  Im Namen Jesu: Fang damit an.                         Pekka Simjoki, CD Geh´ den Weg nicht allein, Lüdenscheid

Ich glaube, einmal mehr darf ich die Seligpreisungen mithören: „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.“(5,5) Auf diesem Weg gelangen die Leute Jesu zur Ruhe. Zu einem Frieden, der das ganze Leben durchdringt. In allem Schweren leicht macht. In das Land der Verheißung.

 

Herr Jesus. Wie oft habe ich Dein Rufen gehört und es hat meiner Seele wohlgetan. Es hat mir den Blick geweitet und den Rücken gestärkt, mich den neuen Tag mutiger angehen lassen.

Ich danke Dir, dass Du nicht müde wirst so zu rufen, in unsere Zeit hinein, in der wir so beschäftigt sind, die uns so treibt und jagt, so wenig Ruhe lässt.

Ich danke Dir, dass Du in den Lärm der Zeit hinein rufst: Her zu mir alle, mühselig und beladen, wie ihr seid. Danke, dass wir so kommen dürfen,  wie wir sind. Amen