Es ist ernst gemeint

Matthäus 11, 20 – 24

20 Da fing er an, die Städte zu schelten, in denen die meisten seiner Taten geschehen waren; denn sie hatten nicht Buße getan:

Ττε – eine Allerweltswort. Da. „Damals“ (Gemoll, aaO. S. 745) Was ist das, was sich hier zu Wort meldet? Emotion Jesu? Ist er gar beleidigt? Weil er spürt: Alles vergebliche Liebesmühe. Wir fremdeln mit diesem Schelten. νειδζειν„schmähen, schelten, Vorwürfe machen.“(Gemoll, aaO. S. 544) Ein scheltender Jesus ist eine schwierige Vorstellung, so wie wir es auch schwer haben mit dem zornigen Jesus. Weil wir so auf den liebenden Jesus fixiert sind, können wir diese andere Seite an ihm kaum wahrnehmen. Wir halten sie nicht wirklich gut aus.

Hinter diesem Satz wird eine Erwartung erkennbar: Die Machttaten Jesu sollen seiner Umkehrpredigt dienen. Sie unterstreichen, was er sagt. Mit dem Wort Μετανοετε.Kehrt um. Tut Buße!“ (4,17) hat Jesus seine öffentliche Wirksamkeit begonnen. Alles, was er im Folgenden tut, steht auch unter diesem Leitwort. Auch seine Taten sind ein Ruf zur Umkehr, zur Hinkehr zu Gott.

Es ist die Erwartung, dass Wort und Werk die Herzen von Menschen erreichen und zur Umkehr führen. Eine Erwartung, die dem Prophetenwort entspricht: Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“(Jesaja 55, 10 – 11)Hat sich Jesus also etwas vorgemacht über die Kraft seiner Worte?

Oder hat er, der Kenner der Herzen, der Gedankenleser sich etwas vorgemacht über die Herzen derer, die ihn hören und seine Werke sehen? Es ist ein Psalmwort über die Götzen, es könnte aber genauso gut ein Wort über Menschen sein:

 „Sie haben einen Mund und reden nicht,                                                                              sie haben Augen und sehen nicht,                                                                                                     sie haben Ohren und hören nicht,                                                                                           sie haben Nasen und riechen nicht,                                                                              sie haben Hände und greifen nicht,                                                                                       Füße haben sie und gehen nicht,                                                                                            und kein Laut kommt aus ihrer Kehle.“        Psalm 115, 5 -7

Ist es das, dass Jesus sich eingestehen muss: Ich habe die Situation falsch eingeschätzt? Es ist eben nicht so, dass eine Bergpredigt wie von selbst Menschenherzen verändert und Menschen auf eine neue Spur setzt. Lässt ihn der Frust über sich selbst so hart reden? Das wäre menschlich nur zu verständlich – und bringt ihn uns ein wenig näher, weil der Goldglanz der frommen Bilder eingetrübt wird.

21 Wehe dir, Chorazin! Weh dir, Betsaida! Wären solche Taten in Tyrus und Sidon geschehen, wie sie bei euch geschehen sind, sie hätten längst in Sack und Asche Buße getan. 22 Doch ich sage euch: Es wird Tyrus und Sidon erträglicher ergehen am Tage des Gerichts als euch.

 Matthäus hat bis hierher nichts von Machttaten Jesu in Chorazin und Betsaida erzählt. Auch in der Folge des Evangeliums spielen beide Orte keine Rolle mehr. Was also hat es mit dieser Anklage auf sich? Aber vielleicht verbergen sich diese Taten, auf die hier angespielt wird, in den Zusammenfassungen, die Matthäus immer wieder einstreut – so in 4,23 und 9,35 -, den Summarien? Das wäre immerhin möglich, weil da ja nicht jede Tat einzeln und nicht jeder Ort extra benannt wird.

Die andere Möglichkeit: Diese Worte greifen weit nach vorne aus und reden von der vergeblichen Verkündigung der Jünger Jesu, der ersten Gemeinde in diesen Orten. Dann hätten wir es hier mit dem Zeugnis zu tun, dass es missionarische Verkündigung in Galiläa gab, die kein Echo gefunden hat, die ins Leere gelaufen ist – im Gegensatz zur Verkündigung in Tyrus und Sidon.

                  Buße in Sack und Asche – da meldet sich Ninive zu Wort. Die Prophetenerzählung von Jona. Als er in Ninive das Urteil Gottes ansagt, entsteht eine Bußbewegung in Sack und Asche. Die das Gericht Gottes aufhält. Beides, die Erwähnung der heidnischen Städte Tyrus und Sidon wie auch die Erwähnung der heidnischen Bußbewegung in Ninive spricht dafür: die Verkündigung von Jesus, der Bußruf der Gemeinde, hat unter den Heiden das Echo gefunden, dass die galiläischen Städte verweigert haben. So gelesen sind die Worte Jesu eine bittere Anklage, die der Zeit allerdings weit voraus ist.

  23 Und du, Kapernaum, wirst du bis zum Himmel erhoben werden? Du wirst bis zurHölle hinabfahren. Denn wenn in Sodom die Taten geschehen wären, die in dir geschehen sind, es stünde noch heutigen Tages. 24 Doch ich sage euch: Es wird dem Land der Sodomer erträglicher ergehen am Tage des Gerichts als dir.

              Diese Anklage wird noch einmal gesteigert, in den Worten über Kapernaum. Das ist ja „seine Stadt“(9,1): „Er verließ Nazareth, kam und wohnte in Kapernaum, das am See liegt im Gebiet von Sebulon und Naftali.“(4,13) Und aus Kapernaum werden uns Wunder über Wunder erzählt. Ist es also nicht durch seine Gegenwart, durch sein Wohnen dort, regelrecht zum Himmel erhoben worden? Zur Pforte des Himmels auf die Erde gemacht worden?

 Aber statt des Himmels wartet auf Kapernaum der Hades. ᾅδης. Statt ein Ort des Lebens zu sein, wie es die Machttaten Jesu angeboten haben, wird es in das Totenreich versinken. Hölle ist hier eine unangemessene Übersetzung. Aber darum geht es nicht. Sondern, der Ton liegt auf dem Vergleich: Kapernaum wird mit Sodom verglichen, dem Sündenpfuhl schlechthin für alle, die in der biblischen Tradition zu Hause sind. Und da heißt es dann eben: der verweigerte Glaube in Kapernaum ist schlimmer als alle Laster in Sodom und Gomorra.

καταβσ  – du wirst hinabsteigen.Es ist die eigene Schuld und der selbst gewählte Weg. In der Lutherüersetzung 1964 klang es noch anders – als Gerichtsansage, als ein passiv erlittes Urteil. Du wirst bis in die Hölle hinuntergestoßen werden. Hier ist es nicht mehr das fremde Urteil, sondern die eigene fehlende Bereitschaft, die Taten zu sehen und durch sie Vertrauuen zu lernen.

Ganz nebenbei wird damit auch deutlich: Sünde im Verständnis des NT hat weniger mit Lastern zu tun als mehr mit verweigertem Vertrauen. Wo einer bei sich allein bleibt, weil er sich selbst genügt und Gott nicht traut, seinen Heilstaten keinen Glauben schenkt, da redet das NT von Sünde. Sünde als Isolation von Gott, verweigerte Umkehr.

Der Tag des Gerichtesἡμέρα κρίσεως, von dem hier die Rede ist, das ist der Tag am Ende der Zeiten, der „eschatologische Gerichtstag.“(U. Luz aaO.  S.194) Es ist kein Zweifel möglich: Matthäus sieht diese Welt unterwegs auf diesen Tag hin. Und beruft sich dabei auf Worte Jesu. Die Welt geht nicht irgendeinem unentschiedenen Ausgang entgegen, sondern dem Tag, an dem Rechenschaft abzulegen ist. Vor dem Richterstuhl Gottes. „Gottes Gericht gehört zum Zentrum von Jesu Gottesreichverkündigung und bewahrt diese davor, zu einer Botschaft von harmloser Liebe zu werden.“(U. Luz, ebda. S.195)

 Was mich beschäftigt:

Auch diese harten Worte Jesu sind nicht einfach nur Drohworte, schon gar nicht beleidigte Reaktion. Sondern sie wollen und sollen aufrütteln. Sie sollen Blindheit durchbrechen und die Konsequenzen der eigenen Entscheidungen vor Augen führen. Sie sollen durch ihre Härte helfen, dass wir verstehen, dass wir uns die neuen Wege nicht ersparen können. Dass es darum geht, uns ganz und ungeteilt auf den Weg Jesu einzulassen. Wir ersetzen allzu leicht Nachfolgeimmer noch gerne durch korrekte Glaubenssätze. Das allerdings macht die Schärfe der Worte Jesu sichtbar:  Gott nimmt uns ernst in dem, was wir wollen. Unsere Entscheidungen hier und heute haben Folgen, Konsequenzen, bis in die Ewigkeit hinein.

 

Mein Gott, wir haben keine Entschuldigung. Bei uns ist das Evangelium heimisch, gepredigt seit Jahrhunderten, Sonntag für Sonntag, zugänglich im Wort der Bibel. Jeder in unserem Land kann es hören, kann es kennen, ohne dass es gleich lebensgefährlich wäre.

Wir können uns nicht herausreden, dass wir es nicht gehört hätten, nicht hätten lesen können, dass es uns nicht nahe gebracht worden wäre.

Gib Du Umkehr, die sich wirklich zu Dir hinkehrt,und fange bei mir an, dass ich Umkehrschritte einübe. Amen