Fragen über Fragen

Matthäus 11, 1 – 19

1 Und es begab sich, als Jesus diese Gebote an seine zwölf Jünger beendet hatte, dass er von dort weiterging, um in ihren Städten zu lehren und zu predigen.

            Die Aussendungsrede ist zu Ende. Eine Rede nur an Jesu Jünger. Nicht auch an das Volk. Sie wissen nun, was sie zu tun haben. Er hat ihnen seine Gebote gegeben. Mir fällt auf, dass hier weder Nomos, νόμος, noch Entole, ντολή als Wort verwendet wird, Worte, die für Paulus beide großes Gewicht haben, sondern διατσσων. Es sind Befehle Jesu. Keine unverbindlichen Ratschläge. Sondern sie sind Einweisung in eine Lebensgestalt, die Jesus entspricht. Einer Lebenspraxis, die ihn abbildet, sich ihm nachbildet. Oder anders ausgedrückt: „Die Kirche übernimmt Jesu Lebensgestalt.“ (U. Luz, aaO.  S. 155)

            Es fällt  auf: die Aussendungsrede endet nicht mit einer Aussendung. Sondern jetzt wird weiter erzählt, dass Jesus weiterzieht und predigt und lehrt. Das in ihren Städten hört sich schon nach Distanz an. Es sind nicht mehr seine Städte. Da ist ein Bruch.

  2 Als aber Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger 3 und ließ ihn fragen: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?

             Vom Täufer Johannes war lange nicht mehr die Rede. Die letzte Notiz verwies auf seine Gefangennahme (4,12), die Jesus dazu bringt, nach Galiläa zu gehen. Auf Abstand, könnte man vermuten: Jetzt also hört Johannes von den Werken Christi. Das fällt auf: nicht von den Werken Jesu, sondern von den Werken Christi. Von Werken, die er mit seiner Messias-Erwartung, seiner Christus-Hoffnung zusammen zu bringen sucht. Er kommt durch das, was er von Jesus hört zu seiner Frage: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?

             Wen, was hören wir in dieser Frage? Einen Zweifler Johannes? Einen, der irre wird an Jesus, weil er seine Erwartungen nicht erfüllt? Aber es könnte doch auch genau anders herum sein: Was Johannes hört, lässt ihn in dem, den er am Jordan getauft hat, den Kommenden, den so lange schon Angekündigten, den Messias vermuten. Vielleicht sogar erhoffen! Und darum fragen: Bist Du es wirklich?

Wenn ich die Frage so als offene Frage annehme und nicht als die Frage eines Zweifelnden, der in seiner Gefängniszelle ins Sinnieren geraten ist, dann stellt Johannes stellvertretend für alle Suchenden die Frage, auf die wir Antwort brauchen. Die wir uns nicht selbst beantworten können. „So offen, wie Johannes (und seine Jünger!) Jesus fragen, soll man an Jesus herantreten, damit er sein Wirken erschließt?“ (U. Luz, ebda, S.168) Es ist befreiend, dass Johannes so fragen darf. Befreiend für das eigene Fragen, Suchen, Tasten. Es hat seinen Platz vor Jesus.

4 Jesus antwortete und sprach zu ihnen:

             Matthäus leitet die Antwort Jesu knapp ein. Nüchtern. Ohne jeden Unterton. Da ist nichts zu spüren von Kritik an dieser Frage und an dem, der sie stellt. Mir will es geradezu so scheinen, als wünschte sich Matthäus, dass alle genau so fragen.

 Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: 5 Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt; 6 und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.

             Was ihr hört und seht. Es geht um Erfahrungen der Fragenden. Sie können, dürfen und sollen sich ihr eigenes Bild machen. Hören und Sehen. Das Hören ist das Erste, das Sehen folgt nach. So wie die Bergpredigt den Taten Jesu vorangeht. Aber es gibt eben die Bergpredigt zu hören – und für die Leser des Evangeliums war auch gerade die Aussendungsrede zu hören bzw. zu lesen. Worte satt.

Den Worten aber folgt das, was zu sehen ist. sie sind kein folgenloses Gerede. Es folgen Taten des Messias. Taten der Heilszeit: „Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken.“ (Jesaja 35,5-6) Später in dem gleichen Prophetenbuch: „Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen.“ (Jesaja 61,1) Worte, die der Evangelist Lukas in der Antrittspredigt in Nazareth Jesus als Lesung in den Mund legt (Lukas 4,18). Und hat nicht Jesus wie Elia und Elisa Tote auferweckt? So hat es Matthäus doch von der Tochter des Synagogenvorstehers in Kapernaum erzählt.

Es sind Werke, die Not wenden, die das Zeichen des Erbarmens an sich tragen, die nicht den groß machen und erheben, der sie tut, sondern die, die sie empfangen. Sie können Schritte in ein neues Leben tun. Wege eines neuen Lebens sehen. Sie werden neu hineingestellt in eine Gemeinschaft, die sie willkommen heißt, ihnen Rückenwind gibt, ihnen eine weite Perspektive öffnet.

Erst nach diesen Bildern der Heilszeit lenkt Jesus den Blick der Fragenden zurück auf sich selbst. Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert. Wieder: Glücklich. Wohl dem. μακρις. Die Seligpreisungen sind nicht auf die Bergpredigt beschränkt. Hier also: wer nicht Anstoß an mir nimmt, der ist gut dran. Dem kann man gratulieren. Der hat das Glück seines Lebens zum Greifen nah.

Freilich – das ist nicht von selbst ausgemacht. Es gibt auch das, dass sich Leute an Jesus stoßen, an ihm scheitern, zu Fall kommen. Σκανδαλίζω ist ein Wort, das für die endgültige Abwendung von Jesus gebraucht wird. Vor allem in der Passionsgeschichte. „Da sprach Jesus zu ihnen: In dieser Nacht werdet ihr alle Ärgernis nehmen an mir… Petrus aber antwortete und sprach zu ihm: Wenn sie auch alle Ärgernis nehmen, so will ich doch niemals Ärgernis nehmen an dir. (26,31.33)

7 Als sie fortgingen, fing Jesus an, zu dem Volk von Johannes zu reden: Was seid ihr hinausgegangen in die Wüste zu sehen? Wolltet ihr ein Rohr sehen, das der Wind hin und her weht? 8 Oder was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Wolltet ihr einen Menschen in weichen Kleidern sehen? Siehe, die weiche Kleider tragen, sind in den Häusern der Könige. 9 Oder was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Wolltet ihr einen Propheten sehen?

             Mir kommt dieser Übergang als sie fortgingen wie ein Bruch vor. Nur lose verbunden mit der vorigen Szene dadurch, dass es weiter um Johannes geht. Jetzt nicht mehr um ihn als einen Fragenden, sondern um ihn als um den, an dem Fragen entstehen. Die Johannes-Jünger sind gegangen. Jesus richtet sich demnach mit seinen Worten an die Volksmengen, die Vielen. Er fragt sie: Was war Johannes der Täufer für euch? Ein Exot? Einer, der sich nach dem Wind richtet? Einer, der es gerne bequemer hätte? Er fragt so und weiß, die Antwort wird Nein sein. Also doch: ein Prophet?  

 Ja, ich sage euch: Er ist mehr als ein Prophet. 10 Dieser ist’s, von dem geschrieben steht (Maleachi 3,1): »Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg vor dir bereiten soll.« 11 Wahrlich, ich sage euch: Unter allen, die von einer Frau geboren sind, ist keiner aufgetreten, der größer ist als Johannes der Täufer; der aber der Kleinste ist im Himmelreich, ist größer als er.

             Die Menge schweigt. Jesus seinerseits fährt fort: Ja – ein Prophet. Mehr noch: Der Vorläufer! In den alten Luther-Übersetzungen von 1912 steht noch für Bote: „Ich sende meinen Engel vor dir her.“ Im Griechischen steht daγγελόϛ, was als Lehnwort über das lateinische angelus zu unserem Engel geworden ist. Johannes – ein Bote, der zugleich der Erde und dem Himmel zugehört.

Der Bibelleser Jesus kennt die Schriften Israels, auch den Propheten Maleachi. Er kennt die Erwartung: Vor dem Messias wird sein Wegbereiter kommen. Und so deutet er nun den Täufer: er ist der Vorläufer vor dem Kommenden (11,2). Nach dem hatte Johannes ja durch seine Jünger gefragt. Und hier, in den Worten an das Volk, deckt Jesus indirekt auf, durch die Person des Johannes: Ja, ich bin der Kommende. Mit mir bricht das Himmelreich an.

So teilt Jesus die Zeiten! Es gibt eine Zeit, in der ist Johannes der Größte. Die Zeit der alten Prophetie. Sie ist erfüllt mit dem Vorläufer. Aber jetzt ist eine neue Zeit: Die, in der der Zugang zum Himmelreich geöffnet ist. Wer da hineingeht, der ist größer als Johannes. Gerade an dem Größten in der alten Wirklichkeit wird die alles überragende Zeitenwende sichtbar gemacht. Es ist das Reich, das die Größe ausmacht. Nicht die individuelle Qualität. Es gibt eine Zeit vor Christus und eine Zeit mit Christus und nach Christus. Und sie sind qualitativ unterschieden. Erzählt Matthäus, gewissermaßen nebenher.

  12 Aber von den Tagen Johannes des Täufers bis heute leidet das Himmelreich Gewalt, und die Gewaltt tun reißen es an sich. 13 Denn alle Propheten und das Gesetz haben geweissagt bis hin zu Johannes; 14 und wenn ihr’s annehmen wollt: er ist Elia, der da kommen soll. 15 Wer Ohren hat, der höre!

Vor diesem Wort in V.12 stehe ich ratlos. Es fängt schon damit an, dass ich nicht weiß, ob diese Worte bloße Feststellung sind oder Kritik. Oder gar eine Aufforderung: Packt zu. Greift an. Den Entschlossenen gehört die Welt. Und das Himmelreich. βασιλεα τν ορανῶν. Ist das Himmelreich hier das, was mit Gewalt, mit gewaltigen Anstrengungen erstrebt wird? Fasten, Beten wie verrückt? Oder ist von einer Eskalation der Gewalt die Rede, der Johannes schon zum Opfer gefallen ist und der schließlich ja auch Jesus zum Opfer fallen wird? Oder ist es, gegen den Wortsinn, aber nicht ganz unmöglich zu übersetzen, so, dass das Himmelreich wie eine ungeheure Macht nach Menschen greift und die, die entschlossen sind, wagemutig, lassen sich hineinziehen in diesen Strom. Ich weiß es nicht.

Der Satz über alle Propheten  mit seiner Deutung auf Elia würde gut an den V. 11 anschließen. So steht er mit der Unterbrechung durch den Himmel-Stürmer-Satz irgendwie seltsam da. Aber er sagt, was zuvor schon anklingt: Es ist eine neue Zeit angebrochen. Markiert durch den wiedergekommen Elia und eben: Größer als alle Zeit zuvor. Zeit der Entscheidung. Endzeit. In der die Gotteszeit in die Weltzeit hineindrängt.

Wer Ohren hat, der höre!

Dieser neuen Zeit, dieser neuen Botschaft gilt es sich zu öffnen. Eine Mahnung, die sich über alle Zeiten hinweg an die Leserinnen und Leser des Evangeliums richtet.

16 Mit wem soll ich aber dieses Geschlecht vergleichen? Es gleicht den Kindern, die auf dem Markt sitzen und rufen den andern zu: 17 Wir haben euch aufgespielt und ihr wolltet nicht tanzen; wir haben Klagelieder gesungen und ihr wolltet nicht weinen.

Das gilt erst recht, wenn man diese Worte liest. Sie zeigen unentschlossene Wankelmütigkeit. So nicht, so aber auch nicht – und ganz anders erst recht nicht. Menschen, die nicht wissen, was sie wollen. Die immer nur wissen, was sie nicht wollen. „Sie sind passiv,  widerspenstig, Spielverderber, die sich nirgendwo engagieren wollen.“ (U. Luz, ebda., S.184) Menschen, die in die Multi-Options-Gesellschaft passen und sich nicht festlegen können und auch nicht festlegen wollen. Menschen auch, die die Zeichen der Zeit nicht verstehen. Nicht hören, was angesagt ist.

Dieses Geschlecht – γενέα – das sind nicht nur die, die gerade um Jesus herum stehen. Auch nicht nur die Zeitgenossen Jesu. Auch nicht nur die aus den ersten Jahrhunderten. Es sind alle, die, die der Welt verhaftet sind und das herandrängende Himmelreich nicht wahrnehmen.

  18 Johannes ist gekommen, aß nicht und trank nicht; so sagen sie: Er ist besessen. 19 Der Menschensohn ist gekommen, isst und trinkt; so sagen sie: Siehe, was ist dieser Mensch für ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund der Zöllner und Sünder!

             Sie sehen einen Asketen wie Johannes und lehnen ihn ab. Er ist verrückt. Besessen. In der Sprache heute: er übertreibt maßlos. Sie sehen Jesus, sehen nichts als einen Menschen und sagen: „Der frißt und säuft und hängt mit seltsamen Menschen herum.“(Volxbibel S. 974) Alles, nur kein Heiliger. Kein Botschafter für einen Weltenherrscher, für den heiligen Gott. Sünderfreund und Gottesbote – das passt nicht zusammen.

 Und doch ist die Weisheit gerechtfertigt worden aus ihren Werken.

Es ist das letzte Wort in der Angelegenheit. Aber hier geht es jetzt nicht mehr um Johannes, sondern um Jesus. Um ihn, in dem „alle Schätze der Weisheit verborgen“ (Kolosser 2,3) sind. Wer er ist, wird durch seine Werke – τα ργα offenbar, nicht durch die Anerkennung der Menschen. Mag sein, sie werden ihn verwerfen. Aber seine Werke rechtfertigen ihn, erweisen ihn als den, der gerecht ist, der Gott recht ist.  Im anderen, späteren Evangelium klingt das so: „Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, was er den Vater tun sieht; denn was dieser tut, das tut in gleicher Weise auch der  Sohn. Denn der Vater hat den Sohn lieb und zeigt ihm alles, was er tut, und wird ihm noch größere Werke zeigen, sodass ihr euch verwundern werdet.“(Johannes 5, 19-20) Das größte Werk wird schließlich die Auferstehung sein.

Herausforderungen an unser Denken und Glauben:

Der fragende Johannes und seine fragenden Jüngern werden nicht aus historischem Interesse geschildert. So wie das Evangelium fast immer nie nur historische Information liefern will. In den Worten steckt immer mit drin, dass es um die Leser*innen geht, damals, heute. So ist auch die Antwort Jesu an die Johannes-Jünger mehr als eine Antwort in einer bestimmten historischen Situation.

Sie sagt dem Leser, der Leserin: Wenn Du wissen willst, wer Jesus ist – frage nach. Du darfst fragen. Offen. Suchend. Vielleicht sogar ein bisschen skeptisch. Du musst Dein Fragen auch nicht durch irgendeine mehr oder weniger rechtgläubige oder liberale Dogmatik kanalisieren. Du darfst fragen, suchen, tasten – unter Einsatz Deiner Existenz. Aber dann: Sammle Erfahrungen. Sieh und höre, was Jesus sagt und tut. Keine korrekte Antwort wie: „Jesus ist der Sohn Gottes“  oder „der Christus“ kann es Dir ersparen, Dich auf Jesus  und seine Geschichte einzulassen, kann Dir ersparen, seine Fußspuren aufzunehmen im eigenen Leben.

Ich habe gelernt: der Text entsteht im Lesen des Lesenden. Ob die Frage des Johannes, die seine Jünger Jesus überbringen, eine bange Frage ist, eine suchende Frage, eine zweifelnde Frage, eine offene und hoffnungsvolle Frage – das hängt an mir, der ich sie lese und stelle. Ich bin der bange, suchende, zweifelnde, offene, hoffnungsvolle Frager. Ich. Und ich höre in der Frage meinen Ton!

 

Jesus, wenn wir auf Dich sehen, sehen wir nur einen Menschen, gewöhnlich, wie wir selbst. Einen von uns. Bis heute sind da Fragen.Laufen wir nicht nur schönen Bildern nach, in Goldfarben gemalt, überirdisch schön. Betrügen wir uns mit Dir, um der Wirklichkeit standhalten zu können?

Wer im Gefängnis sitzt, im Gefängnis der Ängste, im Gefängnis der Schmerzen, im Gefängnis der Realitäten, wird misstrauisch, schaut genau hin, glaubt nicht mehr  unbesehen jedes Wort. Bist Du es, der da kommen soll? Und kommt in Dir Gott selbst?

Jesus, wir nehmen Dich beim Wort. Öffne Du uns die Augen. Stelle Du uns auf die Beine. Mache Du uns gemeinschaftsfähig. Lass Du uns aufstehen aus dem Tod, Aufstehen gegen den Tod. Gib uns in unsere Armut Dein Wort, Deine Nähe. Anders können wir nicht mehr glauben. Amen