Unbequemer Jesus

Matthäus 10, 34 – 42

34 Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.

             Das ist das Sendungsbewusstsein Jesu. Eine harte Herausforderung für alle, die aus ihm einen soften Mann machen wollen. Jesus will nicht den Frieden um jeden Preis, um den Preis auch, dass Konflikte zugekleistert werden und alles gleichgültig ist und damit gleich gültig. Zugleich muss auch festgehalten werden: dieses Wort ist keine Aufforderung oder Rechtfertigung von Gewalt. Auch dieses Wort macht aus Jesus noch keinen Revolutionär oder Freiheitskämpfer.

Es gibt eine Fülle alttestamentlicher Worte, die den Messias als den Friedensfürsten ansagen. Worte, die wir Christen auf Jesus hin lesen: „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit.“(Jesaja 9,5-6) Mit seinem Kommen wird Frieden verbunden, der bis in die Naturverhältnisse hinein reicht: „Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter.“(Jesaja 11, 6-8)

Bilder unserer Sehnsucht. Bilder auch einer menschenfreundlichen Religiosität, wie sie heute noch Akzeptanz finden kann. Und dann dies: Die Realisierung dieser Worte- Frieden jetzt – sieht Jesus nicht als seinen Weg! Er ist nicht der Peacemaker in der Pax Romana und der unruhigen Provinz Syrien.

Nicht Frieden, sondern das Schwert. Auch darüber kann man stolpern: diese Worte beißen sich mit dem Auftrag an seine Jünger, Frieden in die Häuser zu bringen: Wenn ihr aber in ein Haus geht, so grüßt es; und wenn es das Haus wert ist, wird euer Friede auf sie kommen.“ (10,12-13) Fast möchte man fragen: Was gilt denn nun? Meine Antwort: Die Sendung Jesu bringt mit sich, dass Differenzen sichtbar werden, Konflikte auftreten, weil sich Menschen unterschiedlich zu ihm verhalten. Es kommt zu Spaltungen in den Familien.

  35 Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. 36 Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.

Wir lesen das, als ob Jesus damit ein Ziel seines Kommens benennen würde. Aber so darf ich nicht lesen. Sondern es geschieht durch sein Kommen. Die Spaltungen sind eine Folge des Kommens Jesu. Die einen halten sich zu ihm, die anderen gehen auf Abstand. Die einen glauben und die anderen sagen: was soll der Quatsch?

„Das Kommen Jesu und seine Gottesreichbotschaft stehen quer zu den familiären und gesellschaftlichen Bindungen. Es ist der Friedensgruß der Jünger, der die Spaltungen bewirkt.“(U. Luz, aaO.  S.139) Das ist, wenn man den hohen Stellenwert in Anschlag bringt, den Familie und Sippe nicht nur im Orient haben, eine große Herausforderung. Oder anders formuliert der Preis, den die Nachfolge kosten kann: eine innere und äußere Trennung von denen, mit denen man durch Geburt verbunden ist. Blut ist zwar dicker als Wasser. Aber es darf den Glauben nicht hindern. Eine Botschaft, die wir im Kontext der Volkskirche weithin verdrängt haben.

In unserer Gesellschaft heute halten viele, vielleicht die Allermeisten, den Glauben nicht mehr für so lebensrelevant, dass es durch ihn zu Spaltungen kommen könnte. Wo das doch geschieht, da wittern wir Sektierertum und schlimmstenfalls – bei jungen Muslimen und zum Islam konvertierten ehemaligen Christ*innen kommt das ja auch vor – Terrorismus. Vielleicht hilft genau diese Beobachtung, die Schärfe dieser Worte Jesu zu erfassen.

  37 Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.

    Es fühlt sich an,  als würde Jesus jetzt noch eins oben drauf setzen. Es geht um die Liebe. Er tritt in Konkurrenz zur Liebe der Kinder zu den Eltern, der Eltern zu den Kindern. Dabei geht es nicht um das Gefühl Liebe. Sondern es geht um die Bindung. Wer sich nicht von den Eltern lösen kann, wer sich nicht von den Kindern lösen kann, der wird unfähig zur Nachfolge. Die Prioritätenfrage ist gestellt und wird gelöst: Die familiäre Bindung tritt zurück, hinter die Bindung des Glaubens.

Es ist mehr gemeint als: Um erwachsen zu werden, muss ich mich von den Eltern lösen. Um den eigenen Weg zu finden, muss ich die erlernten Wege der Familie relativieren lernen. Um ich werden zu können, muss ich Vater und Mutter vom Thron stürzen. Sondern gemeint ist: Wenn die Frage ansteht – Loyalität zur Familie oder Christusnachfolge, dann kann nur die Christusnachfolge die Priorität sein.

Diese Worte sind  in der Kirchengeschichteimmer wieder gelebt worden. Sie sind ein Teil des Weges, wie ihn Mönche und Nonnen gehen. Ordensleute. Sie vollziehen auch äußerlich, durch den neuen Namen, den Bruch mit der Herkunftsfamilie und setzen so die neue Gemeinschaft an die erste Stelle.

38 Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert. 39 Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.

Jetzt geht es nicht mehr um den Bruch mit der Familie, sondern um die Konsequenzen für das eigene Leben. Das eigene Leben ist: sein Kreuz tragen. λαμβνειν τν σταυρν. Sein Leben preisgeben. Sich selbst loslassen. Mir scheint eindeutig: Es geht um ein Leben, das bereit wird, den Weg des Leidens zu gehen, bis hin zum Richtplatz. Hinter Jesus her, wohin er auch führen wird. So, wie es der Auferstandene zu Petrus in einer letzten Begegnung sagt: „Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst.“(Johannes 11,18)   

Also nicht mehr: „Geh, wohin dein Herz dich führt.“ Sondern: Immer hinter Jesus her. κολουθεῖν πσω μου. Mir folgen! Nichts festhalten, nicht einmal sich selbst behalten wollen, sondern nur seinem Weg folgen. Es mag sein, dass es einem leichter wird, das zu hören, wenn ich mit klar mache: Ich kann sowieso nichts festhalten, was lebendig ist. Nicht die Zeit, nicht die Liebe, nicht das Leben. Auch nicht mich selbst. Ich bin, weil ich lebe, auf einem Wandlungsweg. Jeden Tag neu. Aber durch den Glauben an Jesus gewinnt dieser Weg seine Richtung: Immer hinter Jesus her.

Gleich dreimal: der ist mein nicht wert. ξιος. Offensichtlich hängt viel daran. Das deutsche Wort klingt nach „meiner nicht würdig“. Vielleicht genauer: Der passt nicht zu mir.  Der entspricht mir nicht. Ich versuche es mit einer Umschreibung: Der weiß nicht, was er an mir hat und würdigt das Geschenk meiner Gemeinschaft nicht. Des Lebens mit mir. Und beraubt sich dadurch selbst seiner Würde, des Wertes, den er haben könnte als mein Bruder, meine Schwester, als Sohn und Tochter meines Vaters im Himmel.

Das Versprechen Jesu aber ist: Auf diesem Weg mit mir, der von außen so armselig erscheint, der so viel Widerspruch erregt, gewinnst du das Leben.ψυχ meint ein einziges, unteilbares Gut, das Gott dem Menschen schenkt: Wahres Leben ist nicht das, was der Mensch selbst sich aneignet, sondern das, was Gott ihm geben wird, grade durch den Tod hindurch.“(U. Luz, aaO.  S.145) Wahres Leben.

40 Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat.

   Das ist für wandernde Leute eine dringliche Frage: wo finde ich eine Bleibe für die Nacht? Wer nimmt mich auf? Es ist für die ersten Christengemeinden eine stete Herausforderung, die wandernden Boten des Evangeliums zu beherbergen. Das Thema spielt eine große Rolle – in der Apostelgeschichte,  in den Briefen des Paulus bis hin zum Hebräer-Brief. „Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“(Hebräer 13,2) Jesus geht einen Schritt weiter: Nicht nur Engel – ich selbst finde Aufnahme da, wo eine*r euch aufnimmt.

             Es ist schon eine Herausforderung in Zeiten ohne Ausweis und Melderegister, ohne kirchliche Beglaubigungsschreiben. Da steht einer vor der Tür und sagt von sich: Bote Christi. Bruder aus der Gemeinde XY. Schwester Sowieso. Das soll man glauben und das Haus öffnen. Bett und Frühstück anbieten ohne Bezahlung? Es hat den Missbrauch dieser Gastfreundschaft gegeben durch „falsche Brüder“ – und das führt in der Didache zu „einer Belehrung über die Aufnahme und Bewirtung der Apostel und Propheten, der zugereisten Brüder überhaupt, wobei Güte und Vorsicht empfohlen wird, Vorsicht, weil sich auch Schwindler einfinden.“(F. Zeller, Einleitung zur Didache oder Apostellehre. In: Die Apostolischen Väter. Aus dem Griechischen übersetzt von Franz Zeller. (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 35) München 1918.)

Jesus nimmt im Grundsatz die Worte schon vorweg, die er später, im Gleichnis vom  großen Weltgericht sagen wird: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“(25,40) Jesus identifiziert sich mit seinen Leuten, mehr noch: seine Leute mit sich. Salopp gesagt: es gibt keinen Unterschied zwischen Jesus und seinen Leuten.

Die Reihe der Identifikationen wird fortgesetzt: In Jesus wird der aufgenommen, der ihn gesandt hat. Der unsichtbare, unbegreifliche, der ewige Gott. Oder, wie ich lieber sage: der Vater. Es mag an der Herkunft Jesu aus dem Judentum liegen, dass er hier eine umschreibende Formel braucht und nicht ohne Verhüllung den Gottesnamen verwendet.

 41 Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, der wird den Lohn eines Propheten empfangen. Wer einen Gerechten aufnimmt, weil es ein Gerechter ist, der wird den Lohn eines Gerechten empfangen.

             Wer ist mit den Propheten und den Gerechten gemeint? Es gibt in der ersten Gemeinde Menschen mit einer prophetischen Gabe. Es gibt Propheten. Männer und Frauen mit dem Durchblick durch die Wirklichkeit, den der Geist Gottes schenkt. Manche von diesen Propheten werden wandernd unterwegs gewesen sein.

Vor größeren Schwierigkeiten noch stehen wir, wenn es darum geht, die Gerechten zu identifizieren. Was macht sie zu Gerechten? In der Hebräischen Bibel werden Abel, Noah, Abraham, Josef als „Gerechte“ bezeichnet. Aber geklärt ist damit noch nichts. Sind die Gerechten Arme, die alles für andere gegeben haben? Sind es Leute, die hungert und dürstet nach  Gerechtigkeit(5,6)? Oder sind es Christinnen und Christen, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden? (5,10) Dieser Rückgriff auf die Seligpreisungen scheint mir am besten geeignet zur Klärung. Dann haben wir es in den Gerechten mit Leuten zu tun, die heimatlos sind, weil sie aus dem Vertrauen auf diese Worte Jesu alles preisgegeben haben. Ohne jede Rückversicherung. Die kein „Amt“ innehaben, sondern einfach eine Jesus-förmige Lebensweise praktizieren. Die ganz angewiesen sind darauf, dass man ihnen gerecht wird.

Was man ihnen tut, den Propheten und den Gerechten, bleibt nicht unbemerkt – im Himmel – und nicht unvergolten – vom Himmel her. Es lohnt nicht unbedingt auf der Erde, in der Zeit. Aber es findet seinen Lohn.

Viermal: wer aufnimmt. δεχμενος Das gibt den Worten ihr Gewicht. Es geht gewiss auch um die Übung der Gastfreundschaft. Aber weit darüber hinaus geht es um ein Aufnehmen Jesu, um ein Öffnen des eigenen Lebens für seine Gegenwart. Auf den ersten Blick tut jemand, der/die so handelt, anderen Gutes. Aber in Wahrheit wird er/sie reich beschenkt. Durch Gotteslohn wird es sich auszahlen. Das ist nicht Geschäftsbeziehung, sondern Verheißung.

  42 Und wer einem dieser Geringen auch nur einen Becher kalten Wassers zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist, wahrlich, ich sage euch: Es wird ihm nicht unbelohnt bleiben.

             Am Ende wird noch einmal verallgemeinert, jetzt in einer deutlichen Ausrichtung auf die Gemeinde hin, auf alle Christinnen und Christen. Schon der Becher Wasser wird nicht unbemerkt, unbelohnt bleiben. Was an Freundlichkeit und Aufmerksamkeit einem, einer der Geringen zugewendet wird – einem normalen Gemeindeglied ohne besondere Fähigkeiten oder Würden – einfach, weil es eine, einer in der Gemeinde ist, das hat Folgen bis in Ewigkeit. Vielleicht steht dieses Wort hinter Worten des Paulus: „Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen.“ (Galater 6,10)

             Ich erinnere mich: Auf der Wanderung über den Athos kommen wir erschöpft nachmittags im Kloster an. Wir sind sehr durstig. Ein junger Mitarbeiter im Kloster sieht uns, begrüßt uns freundlich und dann geht er und holt einen großen Krug mit Saft. Orangensaft. Er schüttet zwei Becher voll, schlägt über ihnen das Kreuz und gibt uns zu trinken.

Herausforderung an unser Denken und Glauben:

  Es gibt die Gewohnheit, das Tun in den Spuren Jesu in den Vordergrund zu rücken. Wir handeln wie Jesus und sind ihm so nahe. Hier dagegen wird vor allem das Empfangen in den Blick gerückt. Was einer uns tut, das tut er Christus. Als die Empfangenden sind wir wie er – mit leeren Händen, die doch gefüllt werden.

Ich überlege zusammenfassend: Hat die Rede zuvor „die Schicksalsidentität von Jünger und Meister“, (U. Luz, aaO.  S.150) mit Jesus unter dem Gesichtspunkt: Leiden in der Spur Jesu in den Blick genommen, so wird jetzt diese Schicksalsgemeinschaft positiv gewendet. Die Jünger gewinnen durch das Leben mit Jesus eine Ewigkeits-Perspektive. Auf sie wartet großer Lohn. Der Weg hinter Jesus her verläuft nicht ins Nirgendwo. Er kommt ans Ziel und dort am Ziel wird das Staunen groß sein.

 

Jesus, es gibt Worte von Dir, die mich erschrecken lassen, weil sie mein Leben in Frage stellen, meine Werte, die Grundlagen meines Denkens und Fühlens, meines Handelns.

Es verunsichert mich tief, dass meine Familie, meine Frau und Kinder so in die zweite Reihe rücken sollen. Ich tue mich schwer zu beten: Ich bin klein, mein Herz mach´ rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein.

Jesus, Dich aufnehmen, Deine Leute aufnehmen, dazu öffne du mir das Herz. Dazu mache mich bereit durch die Liebe, die Du mir ins Herz gibst

Lass mich auch dann lieben, wenn es weh tut, anstrengend ist, mir Kraft abverlangt. Lass mich auch dann lieben, wenn ich nicht mit einem Echo rechnen kann, lieben mit der Liebe, die aller Antwort und aller Enttäuschung zuvorkommt. Amen