Bekennen

Matthäus 10, 26b – 33

Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. 27 Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern.

 Diese Worte Jesu klingen nach Lebensweisheit. Alles kommt ans Licht. Jesus schöpft ja oft genug aus dem Fundus der Weisheit Israels, so könnte er auch aus dem Fundus der Lebensweisheiten schöpfen. Aber sein Wort geht darüber hinaus. Es will auslösen, was es sagt. Seine Lehre an die Jünger soll kein Geheimwissen bleiben, nicht nur Wissen eines inneren Kreises. Es gibt im Leben Jesu keine Zeit einer „geheimen, esoterischen Belehrung der Jünger.“(W. Klaiber aaO. S.210)Jesus will keinen Geheimbund ins Leben rufen und seine Jünger sind eben nicht Geheimnisträger. Auch das, was er nur ihnen sagt, sollen sie nicht für sich behalten.

In der Konsequenz dieser Worte gibt es im Christentum keine geheimen Lehren. Es ist für jede Art Esoterik denkbar ungeeignet. Nichts, was nur für „Eingeweihte“ bestimmt wäre. Wann immer Christen sich hinter verschlossene Türen oder in Klöster zurückgezogen haben, wann immer Jesus seine Jünger zur Seite genommen hat, um sie zu lehren, diente das nur diesem einem Zweck: Sie zu befähigen und zu ermutigen, weiterzugeben, was sie empfangen haben. Schlicht: Wer von Jesus weitersagt, begeht keinen Geheimnisverrat. Sondern er erfüllt seinen Willen.

Vielleicht bildet sich in diesen Worten auch der „Kontrast zwischen der auf den Umkreis Galiläas beschränkten Predigt Jesu und der in die ganze Welt ergehenden Verkündigung der Jüngergemeinde“(W. Klaiber, aaO.) ab. Dann wäre Galiläa der Ort des Redens in der Finsternis. Nicht ganz unmöglich, wird doch von Galiläa auch so gesprochen: „Doch es wird nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind. Hat er in früherer Zeit in Schmach gebracht das Land Sebulon und das Land Naftali, so wird er hernach zu Ehren bringen den Weg am Meer, das Land jenseits des Jordans, das Galiläa der Heiden. Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“(Jesaja 8,23-9,1)Die Welt aber wäre der Ort, wo aus der Finsternis heraus ein Licht angezündet wird, aufgeht. Das Evangelium wird nicht in Galiläa bleiben – es wird seinen Weg finden bis an die Enden der Erde.

  28 Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.

 Ein Ruf zur Furchtlosigkeit. Die Absicht des Wortes: Furcht nehmen. Mag sein, Menschen können töten. Aber sie haben keinen Zugriff, keine Verfügungsgewalt über die ψυχ, die Psyche, die Seele, das Leben. Nur über den Leibσμα „Die Seele ist im Unterschied zum Leib der Verfügbarkeit des Menschen entzogen.“(U. Luz, aaO.  S.127) So sind die Sätze nicht geeignet, um eine Lehre von Leib und Seele und ihrem unterschiedlichen Geschick jenseits des Todes zu begründen und aus ihnen zu entwickeln. Auch nicht für einen Vorzug der Seele vor dem Leib.

 Darauf dürfen die Jünger auf ihrem Weg bauen: Sie sind in der Hand Gottes. Geborgen. Und er, der in die Hölle, in die γεννα, die Gehenna verderben könnte, er hat ihnen doch Rettung zu gesagt. Sein Erbarmen. Ihm gegenüber ist Gottesfurcht angesagt – und Gottesliebe. So wie es Generationen Konfirmanden gelernt haben: „Wir sollen Gott fürchten und lieben.“(M.Luther, Kleiner Katechismus, Erklärungen zu den Geboten) 

   29 Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. 30 Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt. 31 Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge.

 Das ist ein geläufiges Schluss-Verfahren in Diskussionen: vom Kleineren zum Größeren. Wenn Gott schon auf das achtet, was kaum etwas wert ist, wie viel mehr wird er auf Euch achten. Sperlinge gibt es ohne Zahl, Haare im Allgemeinen auch. Und doch hat Gott sie im Blick, die Sperlinge und die Haare.

Es ist ein starkes Stück Kinder-Theologie aus dem vorvorigen Jahrhundert, das auf diesem Schluss-Verfahren beruht und das Denken Jesu bis heute vernehmbar macht:

Weißt du wieviel Mücklein spielen in der hellen Sonnenglut?
Wieviel Fischlein auch sich kühlen in der hellen Wasserflut?
Gott, der Herr, rief sie mit Namen, dass sie all‘ ins Leben kamen,
dass sie nun so fröhlich sind.                        W. Hey 1837, EG 511

Es ist wie ein Vorgriff auf heutige Debatten.Gottes Fürsorge zeigt sich an den kleinsten Geschöpfen. Es ist auch eine Korrektur an einer angeblich biblischen Weltsicht, die den Menschen von der Schöpfung und seinen Mitgeschöpfen isoliert. Die Bildworte Jesu sprechen eine andere Sprache. Es ist die eine, ungeteilte Fürsorge Gottes, die der Schöpfung, den Geschöpfen und unter ihnen auch  den Menschen gilt.

DieWorte Jesu leben von einer Einheit mit Gott, die verloren gegangen ist. Von deF Einheit, wie sie vor dem Sündefall war und wie sie Jesus selbst lebt – „ich und der Vater sind eins.“(Johannes 10,30) Ganz anders daggen unser Denken heute: „Sündenfall heißt nicht,dass irgendjemand ein wenig unmoralisch war, sondern der Sündenfall heißt, der Mensch verweigert dem Ganzen das Recht, den Platz zuzuweisen. Der Mensch nimmt sich selber der Platz und damit verlässt der Mensch das Ganze.“ (K. Vollmer, aaO. s. 166)  Die Unterscheidung Subjekt-Objekt, Mensch-Welt ist der erste Schritt zur Isolation des Menschen von der Schöpfung und streng genommen die Wurzel aller heutigen Umweltprobleme. Wir haben uns von der Schöpfung isoliert.

   32 Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. 33 Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.

 Daraus folgert der Aufruf zum Bekennen. Es ist die Aufforderung, die sich an die ganze Gemeinde richtet, nicht nur an die Zwölf. Auch an die Gemeinde aller Zeiten. Eine Christengemeinde, die ihren Glauben verschweigt, verliert sich selbst. Ihre Mitte. Auch ihre Daseins-Berechtigung. Es gibt Gemeinde, weil sie bekennt und damit sie bekennt.

Gemeint ist mit der Aufforderung auch der einzelne Christ, die einzelne Christin. Gefragt ist der eigene Mut, das eigene Sagen, das eigene Leben. Man darf und kann sich als einzelner Christ nicht hinter der Gemeinde verstecken. Umgekehrt: das Bekennen, so gewiss es die Sache jedes einzelnen Christen und jeder einzelnen Christin ist, lebt doch und erwächst primär daraus, dass die Gemeinde „bekennende Gemeinde“ ist. Es geht um die „jesusförmige Existenz… Armut, Wehrlosigkeit, Leiden um Jesu willen“(U. Luz, ebda.; S. 131), die in der Gemeinde eingeübt wird. Und über die Gemeindegrenzen hinaus gelebt wird. Bekennen also nicht nur als „Mundwerk“, sondern als Leben, das Hand und Fuß hat.

Herausforderungen an unser Denken und Glauben:

Es ist auffällig, wie oft Jesus – nach dem Matthäus-Evangelium – vom himmlischen Vater, von „meinem Vater in den Himmeln“, so wörtlich: πατήρ μου το ν  ορανος redet. Das ist eine andere, emotionale, existentielle Nähe, als wenn da einfach Gott, θεός stünde. Da spüre ich eine Beziehungsdichte, in die ich durch die Worte Jesu hineingezogen werde. Jesus gibt seinen Jüngern Anteil an seiner Nähe zu dem Vater, an seinem Vertrauen auf den Vater, an seinem Weg mit dem Vater. Das ist nicht: „Brüder, überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen.“(F. Schiller, Ode an die Freude)Sondern das ist der nahe Gott mit dem zugewandten Angesicht, väterlich und mütterlich zugleich. Keiner, von dem man auch sagen könnte: Das Gott.

Bekennen als Lebens-Äußerung der Christ*innen. Nicht nur in Worten, sondern in der Lebenpraxis. Jesus will nicht nur richtige Worte, er will Leben, das sich in ihm festgemacht hat und von ihm her seine Gestalt gewinnt. Unterscheidbar von der Welt. „Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“Römer 12,2) Jesus will auch nicht nur Bekennen  als organisierten Akt sondern erwachsen aus der Beziehung: Ich weiß, zu wem ich gehöre. Dieses Bekennen findet sein Echo im Bekennen Jesu vor dem Vater: Der gehört zu mir. Die ist eine von meinen Leuten. Bekennen, so könnte man sagen, ist keine Einbahn-Straße. Sondern ein hin und her. Schweigen allerdings auch.

 

Jesus. Rühre Du unsere Lippen an, dass unser Mund Deinen Ruhm bekennt, dass wir uns zu Dir bekennen, dass wir es nicht müde werden zu sagen und zu zeigen: Du bist unsere Zuversicht, unser Halt, unser Heiland. Rühre Du unsere Herzen an, dass wir uns Dir anvertrauen, Dein Wort in uns aufnehmen, uns dem Einfluss Deines Geistes öffnen.

Jesus, wandle Du unser Denken aus der Verzagtheit in neuen Mut, aus der Ängstlichkeit in Freimut, aus dem sich Verbergen in ein offenes Einstehen zu unserer Zeit und an unserem Ort. Amen