Standfest bleiben.

Matthäus 10, 16 – 26a

16 Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Darum seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben. 17 Hütet euch aber vor den Menschen; denn sie werden euch den Gerichten überantworten und werden euch geißeln in ihren Synagogen. 18 Und man wird euch vor Statthalter und Könige führen um meinetwillen, ihnen und den Heiden zum Zeugnis.

Es ist kein Spaziergang, auf den Jesus seine Jünger schickt. Er bereitet sie vor: es wird gefährlich werden. Weil ihr wehrlos seid, seid ihr wie Schafe unter den Wölfen. Und doch: nicht einfach ausgeliefert. Man kann sich schützen. Jünger dürfen sich auch schützen – durch Klugheit und durch Lauterkeit. Keine Tricks. Keine Heuchelei. Aber auch keine Blindheit für die Gefahren.

Es ist ein Signal der Freiheit Jesu, wenn er hier die Schlange – seit der Sündenfall-Erzählung nicht unbedingt das Lieblingstier des Glaubens – zu einem Vorbild für das Verhalten der Jünger macht. Den Auslegern hat das zu allen Zeiten Schwierigkeiten bereitet. Ganz im Gegensatz zur sanften, lauteren Taube.

Ohne Bild: es geht in harte Konflikte hinein. Die Christ*innen des 1. Jahrhunderts erleben, was hier als Zukunft angesagt wird: Gerichtsverfahren, Misshandlungen, Feindseligkeiten. Dass sich die Umwelt gegen sie stellt, auch die staatliche Obrigkeit. Das beschränkt sich nicht nur auf Konflikte in ihren Synagogen. Das ist wohl eher der erzählten Situation der Erstaussendung der Jünger zur Zeit Jesu geschuldet.

Die lesende Gemeinde des Matthäus aber weiß: die Synagogen-Konflikte mögen Ausgangspunkte sein, aber es geht weiter in den ganzen Mittelmeer-Raum, wo das Evangelium weiter gesagt wird. „Die Widerfahrnisse der Israelmission werden sich in der Heidenmission wiederholen.“(U. Luz, aaO. S.111) Wo immer Christen sich kenntlich machen, werden sie vor die Obrigkeiten gezerrt, vor Richtstühle geführt. Genau so läuft das Evangelium weiter. O-Ton Paulus: „Ich lasse euch aber wissen, liebe Brüder: Wie es um mich steht, das ist nur mehr zur Förderung des Evangeliums geraten. Denn dass ich meine Fesseln für Christus trage, das ist im ganzen Prätorium und bei allen andern offenbar geworden.“(Philipper 1,12-13)

19 Wenn sie euch nun überantworten werden, so sorgt nicht, wie oder was ihr reden sollt; denn es soll euch zu der Stunde gegeben werden, was ihr reden sollt. 20 Denn nicht ihr seid es, die da reden, sondern eures Vaters Geist ist es, der durch euch redet.

Das ist das Herz-Wort dieses Abschnittes. Es geht Jesus nicht darum, einfach nur einen furchterregenden Blick in die Zukunft zu werfen. Sondern es geht vor allem darum: in dieser Zukunft seid ihr nicht euch selbst überlassen, nicht allein. Ich sende euch – und der Geist des Vaters redet durch euch.

Es gibt dieser Geist-Verheißung ihr besonderes Gewicht, dass sie einmalig ist. Nur noch im Missionsbefehl (28,19)wird den Jüngern sonst der Geist verheißen. Aber hier, wo von Bedrängnis die Rede ist, vom Zeugnis vor Gericht, da dürfen sie darauf bauen: der Geist redet. Er sagt vor, was sie nachsagen dürfen. Er flüstert ein, er gibt die richtigen Worte. Es lohnt sich und hat sein Recht, so zu bitten:

Gib mir die richtigen Worte, gib mir den richtigen Ton.
Worte, die deutlich für jeden von dir reden – gib mir genug davon.
Worte, die klären, Worte, die stören, wo man vorbeilebt an dir;
Wunden zu finden und sie zu verbinden – gib mir die Worte dafür.                                                   M. Siebald, CD Zeitpunkte 1978

Es ist ein Schritt in die Sorglosigkeit angesichts dessen, was Angst machen kann. Die Jünger müssen nicht mehr danach fragen, wie sie da wohl bestehen werden in Verfahren vor Gericht, angeschrien durch Richter, unter Druck gesetzt durch Drohungen. Es ist Gottes Sache, sie durchzubringen. Wer die Verhör-Akten von Leuten des Widerstandes vor den NS-Richtern wie Freisler liest, der merkt, dass das nicht nur schöne Versprechen von damals sind, sondern dass diese Worte bis in unsere Zeit hinein gereicht haben.

Es wird dem Text nicht gerecht, wenn in der Auslegungs-Geschichte dieses Wort zur Geist-Verheißung für die Prediger „erniedrigt“ worden ist: „Augustinus wendet den Text auf die Alltagssituation des Predigers an und muss sich dann dagegen wehren, dass man sich auf das Predigen nicht mehr vorbereitet.“(U. Luz, aaO. S.112) Geist-Erfahrungen gibt es nicht immer und überall. Der Geist des Vaters, von dem hier die Rede ist, ist keine Gabe für immer und überall, semper et ubique. Aber er wirkt, redet ganz gewiss da, wo einer in der Bedrängnis und der Not den Mund für Jesus aufmacht.

In unseren harmlosen Zeiten muss ich ja nicht fürchten, um des Glaubens willen vor Gericht gezerrt zu werden. Aber auch mir ist dieses Wort eine große Hilfe. Weil es mich ermutigt, einigermaßen unbekümmert zu reden. Es ist ein Wort, das mir Freiheit schafft, damit ich nicht vor lauter Sorge, meine Worte könnten falsch ankommen, anderen den Weg zum Glauben verbauen, gar nichts mehr sage. Verstumme, weil ich den eigenen Worten nicht traue. Sie reichen ja auch wirklich nicht. Das Versprechen Jesu aber ist: so wie der Geist mein Beten vor Gott recht sein lässt, so kann er auch meine Worte vor Menschen dazu gebrauchen, dass er durch sie das Wort nimmt.

Es gibt den schönen Satz, der hier passt: „Auch durch eine gute Predigt muss der Heilige Geist sich erst noch den Weg bahnen.“(R. Knieling, mündlich überliefert) Das gilt auch für das Gespräch, auch für die Begegnugnen. Es ist gut, wenn wir darin echt, authentisch sind. Aer damit ist es nicht getan. Wir sind auf die Beglaubigung durch den Geist angwiesen. Alle, Profi-Christen und Laien.

21 Es wird aber ein Bruder den andern dem Tod preisgeben und der Vater den Sohn, und die Kinder werden sich empören gegen ihre Eltern und werden sie töten helfen. 22 Und ihr werdet gehasst werden von jedermann um meines Namens willen.

Undenkbar? Dass es dazu kommt, dass Verfolgung aus dem engsten Kreis heraus erwächst. Dass der Glaube an Jesus die Familienbande zerreißt. Dass sich Vater und Sohn, Mutter und Tochter, Eltern und Kinder fremd gegenüber stehen, weil die einen ihren Lebensweg an Jesus orientieren und die anderen das für den Super-GAU halten? Damals? Heute? Von solchen Erfahrungen kann manche und mancher auch heute noch erzählen und es sind nicht nur Muslime, die diese Erfahrung denr Endfremdung machen, wenn sie zum Christus-Glauben konvertieren und sich taufen lassen. das gibt es auch mitten im so liberalen uund toleranten Deutschland. Die Entscheidung, dass „mir Jesus konkurrenzlos wichtig“(F. Schwarz, Überschaubare Gemiende, Gladbeck 1982, S. 12) ist, kann mich isolieren – im sportverein, unter Freunden, in der Familie, in der Partei. Manchmal sogar in der Kirche, die es so eindeutig auch nicht immer und überall mag.

Dass es solche Entfremdungen in Familien gibt und Wege sich trennen, ist für alle sichtbar. Weil es unterschiedliche Wertvorstellungen und Lebensentwürfe gibt und die Differenzen unüberbrückbar sind. Dass das aber auch durch den Glauben bewirkt werden kann, der doch, so allgemeine Sicht, versöhnen soll statt spalten, das erscheint irgendwie ungeheuerlich.

Aber genau das ist Erfahrung in den ersten Gemeinden. Die einen werden Christen und die anderen bleiben auf ihrem Weg, als Juden, als Verehrer des Jupiter, als Gläubige irgendwelcher anderer Religionen. Es geht ein Riss durch Familien. Mancherorts bis dahin, dass die einen für den Glauben sterben und die anderen Zeugen vor den Gerichten gegen sie sind.

Heute lernen wir neu: Es gibt ihn wirklich, den Hass auf die Christen. Auf die Leute, die Christus nachfolgen. Für ihn einstehen. Wir können es oft, zu oft in den Nachrichten hören, dass irgendwelche Milizen ein Blutbad unter Christen angerichtet haben. Allein aus dem einen Grund: Weil Christen Christen sind.

Wer aber bis an das Ende beharrt, der wird selig werden.

Ein Überwinder-Spruch – so wie es sie vor allem in der Offenbarung des Johannes gibt. Da ziehen sich solche Worte wie ein Cantus firmus durch die Schreiben an die Gemeinden (Offenbarung 2-3) in Ephesus und Sardes, Smyrna und Laodicea. Immer mit dem gleichen Anfang: „Wer überwindet…“ Hier also: Wer durchhält. Standhält. Erträgt. Daran liegt dem Sprecher Jesus und dem Evangelisten Matthäus viel: Nicht auf halber Strecke in den Widerständen aufgeben.

Es geht schließlich um Rettung. Der wird gerettet werden – so muss man das griechische Wort σωθήσεται. eigentlich übersetzen. Aus dem Untergang, aus der Feuersnot, aus den Wasserwogen. Das ist das Bild: ein Rettungsring wird geworfen und die ihn werfen, rufen dem Empfänger zu: Halte durch. Wir sind da.

23 Wenn sie euch aber in einer Stadt verfolgen, so flieht in eine andere. Wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet mit den Städten Israels nicht zu Ende kommen, bis der Menschensohn kommt.

Nicht standhalten um jeden Preis. Es gibt ein Recht, eine Erlaubnis zur Flucht. Es gibt die Klugheit, die sich der Not entziehen kann. Ich habe einen eindrücklichen Satz aus den Friedensdebatten der 80er Jahre in Erinnerung. Es geht um das Bild einer Dampfwalze, die auf ein Kind zurollt. Und dann schreibt Jörg Zink: „Es gibt eine Form der Auseinandersetzung mit dem Bösen, die in der Flucht besteht – dann nämlich, wenn das Böse als plumpe, brutale Gewalt auftritt.“(J. Zink, Wie übt man Frieden? Stuttgart 1982, S.8) Es ist nie und nimmer das Anliegen der Worte Jesu, die zur Geduld ermutigen, unausweichlich ins Martyrium zu treiben. Das Evangelium will keine Märtyrer machen.

Die Erwartung im Wort Jesu: Die Zeit ist kurz. Der Weg ist kurz. Das nennen wir „Nah-Erwartung“. Exegeten stellen heute, ziemlich einmütig fest; hier hat Jesus geirrt! Ist also dieses Wort nicht zu retten? Ist es besser, darüber zu schweigen? Es zu verschweigen? Ich kann mir keine Zeit vorstellen, die nicht auf das baldige Kommen des Gekommenen hofft, die sich nicht sehnt nach der Vollendung. Wo immer Christen leben und in ihrem Leben Bedrängnis wahrnehmen, ob durch Verfolgung oder durch das kreatürliche Leiden, die das Leben mit sich bringt, entsteht diese Hoffnung, dieser Schrei: Herr, komme wieder. Komme bald. Maranatha! Um den Schmerz aushalten zu können, braucht es die Hoffnung: Es wird bald ausgestanden sein. Bald!

24 Der Jünger steht nicht über dem Meister und der Knecht nicht über seinem Herrn. 25 Es ist für den Jünger genug, dass er ist wie sein Meister und der Knecht wie sein Herr. Haben sie den Hausherrn Beelzebul genannt, wie viel mehr werden sie seine Hausgenossen so nennen! 26 Darum fürchtet euch nicht vor ihnen.

Hat Jesus am Anfang dieser Aussendungsrede die Jünger in seinen Auftrag hinein genommen, so nimmt er sie jetzt erneut in seinen Weg hinein. Er sagt ihnen zu, dass sie in einer Schicksalsgemeinschaft stehen: Sie teilen sein Geschick. Nicht nur Lerngemeinschaft oder Arbeitsgemeinschaft – Lebensgemeinschaft. Sie bilden seinen Weg ab und sie werden nach seinem Weg abgebildet. Sie erfahren, was er erfahren hat. Die Schmähungen, die ihn getroffen haben, treffen sie auch – Teufelsleute werden sie genannt. Gotteslästerer.

Dass es so hart zugehen wird, darf sie nicht auf die Idee bringen: wir sind von Gott verlassen. Jesus kümmert sich nicht um uns. Sondern gerade umgekehrt: wir sind ihm nahe, er ist uns nahe, weil wir „ihm gleichgestaltet“ (Philipper 3,10) werden.

Es ist ein düsteres Bild, das sich hier entrollt. Es ist kein Sonntags-Spaziergang, auf den die Zwölf geschickt werden. Kein Weg, auf dem ihnen freundlich applaudiert wird. Kein Grund zur Freude. Aber eben auch: Kein Grund zur Furcht.

Darum – weil ihr Christus gleichgestaltet werdet. Darum – weil ihr seinen Weg teilt, in einer Schicksalsgemeinschaft mit ihm steht, die das Leiden nicht ausspart, die aber das Ziel vor Augen behält: Rettung. Ewigkeit. Das Vaterhaus Gottes. Darum fürchtet euch nicht.

Dieses „Darum“ der Lutherbibel steht im griechischen Text nicht da! Sondern nur ein schlichtes οὖν. „Nun“ könnte man übersetzen. Auch: „so“. Aber eben auch: Darum. Weil ihr mit Jesus in einem Boot seid (vgl. 9,25-26), mit ihm verbunden auf dem Weg.

Zum Weiterdenken

Oft gelesen, aber noch nie ist es mir so durch den Kopf gegangen. Jesus sagt hier nicht nur den Jüngern: Verlasst euch auf den Geist. Haltet es aus, wenn ihr nicht gleich die richtigen Worte findet. Haltet es aus, wenn ihr den Weg noch nicht seht, der vor euch ist. Er ist selbst in dieser Lage. Er sagt diese Worte auch sich selbst. Er ist sein erster Hörer.

Wir haben es uns angewöhnt, Jesu ganzen Weg unter dem Vorzeichen des Kreuzes zu sehen. Ihm zu unterstellen, dass er es von Anfang an gewusst hat, was werden wird. Es kann aber doch gut sein, dass er auch warten musste auf die Weisung des Geistes. Dann ist genau das seine Situation: er wandert in Galiläa, von Ort zu Ort, ein wartende Wanderer. Bis die Zeit reif sein wird. Bis der Geist ihn leiten wird.

Der andere Gedanke: ich muss nicht fürchten, dass ich vor einen Richter gezogen werde, weil ich Christ bin. Dass ich meinen Glauben vor staatlichen Richterstühlen rechtfertigen muss. Es berührt mich, dass es Migranten gibt, getauft in einer christlichen Gemeinde, die mit  der Unterstellung konfrontiert werden: nur ein Trick, um Asyl zu erlangen. Sie sollen nachweisen, dass sie „richtig“ glauben. Als ob man das könnte!

 

Soll´s uns hart ergeh´n
Lass uns fest besteh´n.
So oft, mein Jesus, habe ich das singen lassen und selbst gesungen. Manchmal denke ich, dass ich nicht gewusst habe, was wir da singen

Ich danke Dir, dass Du uns in unserem Land bis auf diesen Tag erspart hast, die großen Lasten der offenen Feindschaft zu ertragen. Wir tragen ja schon schwer am dem feinen Spott, am belächelt Werden, an der Gleichgültigkeit
an dem Widerspruch und dem Verlust der Bedeutung, durch den wir als Kirchen hindurch müssen

Gib Du uns, dass wir so in Dir Halt haben können, den festen Grund, dass wir auch das tragen lernen, was uns heute noch undenkbar erscheint,
wenn es denn einmal so weit kommen sollte. Amen