Nur die Zwölf? Und wir?

Matthäus 10, 5 – 15

5 Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach:

             Man sieht sie regelrecht vor Jesus stehen, diese Zwölf. Ihre Namen wissen wir durch die aufzählende Liste. Bei dem einen oder anderen auch, wie er gerufen worden ist. Aber sonst wissen wir nichts. Es wirkt fast, als wäre es nicht wichtig, wer sie sind, wo sie herkommen, wie ihr Leben bis dahin gelaufen ist. Sondern wichtig ist allein dies: Jesus sendet sie, mit einer klaren Anweisung.  

 Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht in keine Stadt der Samariter, 6 sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel.

             Keine Allerwelts-Sendung, sondern präzise: Nur zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel. Nicht in das nichtjüdische Umland. Nicht zu den Samaritanern. Nur zu den Juden. Das ist Exklusivität, Es geht um die Sammlung von ganz Israel. Denn, so haben wir es ja zuvor gelesen (9,36): ganz Israel wirkt wie Schafe, die keinen Hirten haben. Mit den verlorenen Schafen sind also auch nicht nur die Deklassierten, Ausgegrenzten, Marginalisierten gemeint, die Zöllner und Sünder, sondern alle in Israel! Auch die, die äußerlich gut da stehen, die selst nicht im Traum daran denken würden, sich für verloren zu halten.

Ist dieses Nein zu den Wegen zu den Heiden eine Absage an die Heidenmission? An Paulus und seinen Weg zu den Völkern? An die Apostelgeschichte und ihr Erzählen, wie die Heiden das Evangelium aufnehmen? Wer das Evangelium bis ans Ende liest, der kennt den Satz: „Geht hin und machet zu Jüngern alle Völker.“(28,19) Hier nur exklusiv die Juden?

Das ist eine tiefgreifende Frage, die sich mit dieser Beobachtung verbindet: Löst der Auftrag Jesu am Ende des Evangeliums diesen Auftrag an die Jünger ab? Oder führt er ihn nur weiter? Gibt es am Ende des Matthäus-Evangeliums keinen Auftrag mehr zur Sammlung und zur Verkündigung an Israel, weil der Auftrag, von dem hier die Rede ist, gescheitert ist? Oder geht es nur um die „Priorität Israels“ (W. Klaiber, aaO.  S.200), so wie es bei Paulus oft heißt: „die Juden zuerst“(Römer 1,16). Dann würde aus dem „geht nicht“ ein „geht zunächst nicht“. Das klingt dann nicht mehr so erschreckend schroff.

Klar ist nur so viel: Es ist ein Auftrag an die Jünger, gegeben von Jesus, der selbst, trotz des „Ausflugs“ ins Land der Gadarener nach der bisherigen Erzählung des Matthäus nicht die Grenze zu den Heiden überschritten hat. Der Auftrag an die Jünger hat die gleiche „Reichweite“ wie das bisherige Handeln Jesu. Vielleicht darf man es ja so lesen: die Zeit war noch nicht reif für einen Überschritt zu den Heiden, sondern Jesus hat wirklich nur dieses eine Ziel vor Augen: Israel als das Volk Gottes neu zu sammeln. Dafür schickt er seine Jünger auf den Weg. 

 7 Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. 8 Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus.

Ganz nahe an dem, was Jesus selbst tut, sind diese Worte. Seine Jünger sollen tun, was er tut. Sie sollen sein verlängerter Arm, sein Sprachrohr sein. Das Reich ausrufen. Heilen, befreien und aus den Toten rufen. Es sind die „Taten des Messias“, die Jesus hier seinen Jüngern aufträgt und zutraut.

Wir lesen das – und erschrecken. Kranke zu heilen haben wir längst als Aufgabe an das Gesundheitswesen übertragen. Dämonen austreiben? Wir werden ja nicht einmal mit dem Ungeist der nationalen Gesinnung fertig, der Abgrenzung gegenüber dem Fremden, der Rechthaberei in Sachen des Glaubens? Lieber erklären wir die Dämonen, δαιμνια, für nicht existent als das wir uns als Rausschmeißer ihnen gegenüber versuchen würden. (Luther 1912 übersetzt noch: treibt die Teufel aus!)

Und dann auch noch: Tote auferwecken. Das stürzt völlig in Ratlosigkeit. Nicht erst heute. Von Paulus wird das noch in der Apostelgeschichte erzählt. Ausnahmsweise. Einmal. Aber hier: Auftrag Jesu an die Jünger. Matthäus erzählt allerdings nie, dass es dazu kommt, dass die Jünger Tote auferwecken. Und doch: es steht hier. Matthäus gibt diesen Auftrag an die Lesergemeinde weiter, doch nicht nur aus historischer Treue. Sondern wohl, weil er glaubt, dass die Gemeinde, die zu dem Auferstandenen gehört, gar nicht anders kann als aus den Toten rufen.

Der Ausweg aus diesen Ratlosigkeiten wird von Johannes Chrysostomos  aufgezeigt und seitdem eifrig beschritten: „Wichtiger als die Wundertaten sind ihm die Tugenden, durch die die Verkündiger sich auszeichnen sollen…Das größte Wunder sei die Freiheit von der Sünde. Johannes Chrysostomos markiert einen Verdrängungsprozess, der meistens eher impliziert stattgefunden hat: An unserem Text wurde wichtig, welche Lehre die Apostel predigen sollen; der ganze Vers 8 tritt zurück oder wird gar verschwiegen.“ (U. Luz, aaO.  S.94)

             Es ist mir wichtig, dass wir dieses Zurückbleiben hinter dem Auftrag Jesu nicht einfach „kassieren“, sondern es uns eingestehen. Nicht als Defizit, aber als Erfahrung, die uns zeigt: wir dürfen die Worte Jesu nicht einfach unserer Wirklichkeit anpassen. Sie bleiben quer zur Wirklichkeit, in der und mit der wir leben.

Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch. 9 Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben, 10 auch keine Reisetasche, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert.

Der inhaltlichen Auftrags-Bestimmung folgen Ausführungsbestimmungen. Das „Wie“ ist nicht unwichtig. Es muss dem Inhalt entsprechen und darf ihn nicht konterkarieren. Umsonst ist das Leitwort.  δωρεν. Das gleiche Wort steht an einer mir sehr wichtigen Stelle in der Vision vom himmlischen Jerusalem: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“(Offenbarung 21,6)  In der Art ihres Gebens, ihres Weges bilden die Jünger den freigiebigen, schenkenden Gott ab.

Auch das schwingt mit: Aus diesem Weg darf kein „Geschäft“ werden. „Geldzahlungen für die Boten des Evangeliums oder Wunder gegen Entgelt kommen überhaupt nicht in Frage.“(U. Luz, aaO.  S. 95)

Vielmehr – sie sind unterwegs als Leute, die nicht unabhängig sind, nicht autark, sondern angewiesen auf Gastfreundschaft. Angewiesen auf offene Türen. Als bittenden Leute. Wenn sie so unterwegs sind, mittellos, ohne Wehrhaftigkeit, „spiegeln sie etwas von der Lebensweise Jesu wieder, der arm und bedürfnislos lebte und damit auch seine Jünger konfrontierte. Sein Lebensstil hat Zeichencharakter.“(W. Klaiber, aaO.  S 200f.)

 Wer anderen den Zugang zum Glauben öffnen will, muss sich selbst öffnen. Wer will, das andere empfangen, was er zu geben hat, muss selbst bereit werden zu empfangen, was die anderen zu geben haben. So ohne Sicherung unterwegs zu sein ist auch eine Ein-Übung in Gottvertrauen.

  11 Wenn ihr aber in eine Stadt oder ein Dorf geht, da erkundigt euch, ob jemand darin ist, der es wert ist; und bei dem bleibt, bis ihr weiterzieht. 12 Wenn ihr aber in ein Haus geht, so grüßt es; 13 und wenn es das Haus wert ist, wird euer Friede auf sie kommen.

             Der Menschensohn hat selbst keine Bleibe (9,20). Seine Jünger sind angewiesen auf Gastfreundschaft, auf Häuser, in denen sie Aufnahme finden. Es ist die Situation der Wanderprediger, die in diesen Worten sichtbar wird. Sie erfragen ihre Unterkunft. Allerdings – nicht das erstbeste Haus sollen sie ansteuern, sondern das Haus, in dem einer ist, der es wert ist. ξις. Woran sich entscheidet, ob einer es wert ist, würdig, wird nicht erklärt! Ist es so zu verstehen: Mit Bedacht gewählt, weil die Gastgeber offen sind für ihre Gäste? Es geht nicht um Wohnqualität, auch nicht um moralische Qualität, sondern um Gastgeberschaft, die aus der Offenheit für das Evangelium schöpft.

Bleiben, bis man weiterzieht – das ist auf den ersten Augenblick unsinnig. Es ist vielleicht die Abwehr der Versuchung, immer auf das bessere Quartier zu hoffen. Vielleicht auch ein Riegel gegen eine Gastgeber-Konkurrenz. Vielleicht aber auch ganz schlicht die Aufforderung, nicht immer schon auf dem Sprung zu sein, nicht immer auf gepackten Koffern zu sitzen. sondern wirklich gegenwärtig. Solange, bis es Zeit ist zu neuem Aufbruch.

Ganz mit leeren Händen kommen die Jünger nicht. Sie bringen den Frieden mit sich. Schon im Friedensgruß: Schalom.

Hewenu Schalom alechem“ –„Wir bringen Frieden euch allen.“

Dieses Wissen ist uns verloren gegangen: Grüße sind mehr als nur Worte. Sie sind Zuspruch, der wirkt. Wer einem anderen den Frieden zuspricht, eröffnet ihm einen Raum, in dem das Leben sich entfalten kann. Das Grüßen der Jünger Jesu hat Anteil an der Kraft der Worte Gottes – es ist wirkendes Wort. Wo dieses Gruß-Wort offene Ohren und offene Herzen findet, ein offenes Haus, da wird es tun, was es zusagt. „Im Wort (ergänze: der Jünger) besucht Gott selbst den Menschen.“(E. Schweizer , aaO. S.155) Es ist das Zutrauen, das auch wir zu unserem Grüßen haben dürfen: sie sind wirkendes Wort.

 Ist es aber nicht wert, so wird sich euer Friede wieder zu euch wenden. 14 Und wenn euch jemand nicht aufnehmen und eure Rede nicht hören wird, so geht heraus aus diesem Hause oder dieser Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen.

             Auch das  wird es geben: Die Grüße laufen ins Leere. Die Worte finden kein Echo. Es ist, als wären die Jünger nie da gewesen. Der Friede, den sie zugesagt haben, findet keinen Wurzelboden, keinen Grund, auf dem er sich entfalten kann. Deshalb ist er nicht verloren, sondern er geht mit denen weiter mit, die ihn zugesagt hatten, auch vergeblich zugesagt haben.

Den Staub von den Füßen schütteln, ist eine klare Geste der Distanzierung. Wenn die Jünger sich, selbst abgelehnt, so abwenden, dann bleibt alles beim Alten. „Das Haus oder die Stadt liegt außerhalb des Gottesfriedens.“(U. Luz, aaO.  S.101) Weil sie sich selbst genügen, müssen sie auch mit sich selbst auskommen. Weil sie denken und glauben, dasss sie den Frieden Gottes nicht nötig haben, wird er ihnen auch nicht aufgenötigt. Es gibt keine Zwangsbeglückung.

Wo die Christenheit das doch versucht hat, den Frieden aufzunötigen, den Glauben aufzunötigen, da hat sie sich an der Freiheit, die in diesen Worten Jesu liegt, schwer vergangen. Da hat sie die Freiheit, die zum Glauben nötig ist, verfehlt.

Aber auch umgekehrt: Wo die Christenheit sich nur noch in Distanz zu denen bewegt, die es nicht wert sind, zu Zöllnern und Sündern, zu Spöttern und Gottesleugnern, da verliert sie den Anschluss an ihren Auftrag, die Güte Gottes allem Volk zu bezeugen. Eine Kirche oder eine Gemeinde, die nur noch „unter sich“ bleibt, nur noch mit ihrem Innenleben beschäftigt ist, die verfehlt auch den Weg, der ihr hier gezeigt wird.

 15 Wahrlich, ich sage euch: Dem Land der Sodomer und Gomorrer wird es erträglicher ergehen am Tage des Gerichts als dieser Stadt.

Es ist keine Belanglosigkeit, sich dem Evangelium zu verschließen. Matthäus ist weit entfernt von unserer toleranten Haltung: „Jeder hat seinen Glauben. Und es ist gleich gültig, was jeder so glaubt.“ Nein, sagt Matthäus durch dieses Wort Jesu: Es gibt so etwas wie den Selbst-Ausschluss aus dem Frieden Gottes. Es gibt so etwas, das Leute das Gericht Gottes auf sich ziehen, weil sie die Gegenwart der Gerechten, die ihr Schutz sein könnten, nicht achten.

Es ist für mich eine bedenkenswerte Idee, auf die mich die Erwähnung der Sodomer und Gomorrer bringt: Sind die Christen für ihre Umgebung so etwas wie menschliche Schutzschilde vor dem Gericht Gottes? Das wäre dann eine Verwirklichung von „Kirche für andere“(D. Bonhoeffer) – es auszuhalten, dass die Kirche an Macht und Einfluss verliert, dass sie ärmer wird an Menschen und an Möglichkeiten, dass sich ihre Gestalt der Volkskirche radikal wandelt – aber eben bei den Menschen zu bleiben: segnen, grüßen, das Wort bewahren und es manchmal auch sagen, wenn denn einmal Ohren offen sind. Kein leichter Weg für eine Kirche, die sich daran gewöhnt hat, akzeptiert, gesellschaftlich relevant zu sein.

Herausforderung an unser Denken, Glauben und Leben:

Wir sind weit davon entfernt, diese Worte eins zu eins in die Praxis unserer Kirchen und unseres Lebens umsetzten zu können oder zu wollen. Mir fallen viele Ausreden ein, warum das heute nicht mehr geht, so unterwegs zu sein wie die Jünger Jesu auf ihrer Sendung. Wir erklären uns: Das ist die spezielle Anweisung an die Wander-Radikalen des Anfangs – nicht an die Gemeinde aller Zeiten.  Und doch ist geradezu unvermeidlich, dass sich in mir die Überlegung meldet: Wie weit bin ich mit meiner gesicherten Existenz als Pfarrer von diesen Worten Jesu entfernt. Weit weg von den Reichen, die sich alle leisten können, aber eben doch auch weit weg von denen, die Tag um Tag bangen müssen um ihr Auskommen, um ihre Teilhabe an der Gesellschaft, die sich abgehängt erleben und überflüssig. Um ihnen nahe zu sein, müsste ich meine Sicherheiten aufgeben. Ich weiß nicht, ob ich das kann, nicht einmal, ob ich das will.

Die andere Anfrage: Tote auferwecken. Wir stehen nicht auf Friedhöfen und rufen:  Komm heraus. Das kämen wir uns lächerlich vor und wären wohl auch nur komisch. Also: keine Totenauferweckungen? Man könnte aich anders denken: wenn eine*r aus seiner Sucht herausfinden ist das nicht eine kleine Auferstehung? Wenn eine*r aus dem Hass, der ihn/sie zerfrisst, herausfinden, ist das nicht wie eine Totenauferweckung? Wenn eine*r, der/die am Leben zerbbrochen ist und nur noch Nacht sieht, plötzlich doch ein licht aufleuchten sieht, weil sich jemand zuwendet, mit guten Worten, mit Freundlichkeit, ist das nicht wie Totenauferweckung mitten im Leben?

 

Jesus, mache uns zu Friedensboten. Mache uns zu Lebensboten. Gib Du uns die Kraft, Menschen aufzurichten, zu trösten, ihnen Mut zu machen zu neuen Schritten.

Gib Du uns die Kraft Deines Geistes, dass wir Blindgewordenen die Augen öffnen können für Dich, Festgelegte zu neuen Schritten bewegen können, solche, die den Glauben an das Leben verloren haben, neu anstecken können mit der Lust am Leben.  Mache Du uns zu Deinen Werk-Zeugen. Amen