Zuerst: Bitten

Matthäus  9, 35 – 10,4

35 Und Jesus ging ringsum in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen.

 An die voraus gegangenen einzelnen Erzählung schließt nun ein summarische Satz an.  Auffallend ist: Genau der gleiche Satz steht früher schon einmal (4,23), bevor die Bergpredigt berichtet wird und Wunder erzählt werden. Dort als Summarium der kommenden Ereignisse. Jetzt als eine Art Rückblick. Er zeigt Jesus als wandernden Lehrer, der das Evangelium verkündigt und heilt. Das, so zeigt Matthäus in aller Kürze, ist Jesus: Lehrer, Prediger, Heiler. Wort und Tat – beides gehört zu Jesus. Wenn es heißt: er heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen, dann ist alle nicht im Sinn eines ausnahmslosen Geschehens zu lesen – es gibt wohl auch nach dieser Wanderung Jesu durch die Dörfer und Städte noch Kranken und Schwache – aber er wendet sich allen zu, auf die er trifft, die zu ihm kommen. Er macht keine Ausnahmen und kennt keine Vorbehalte.

  36 Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.

 Bei diesen Wanderungen trifft er auf „die Massen“ – so könnte man das Volk nach dem griechischen Wort χλοι auch wiedergeben, nimmt es wahr, sieht es. Sein Sehen löst Erbarmen bei ihm aus. σπλαγχνσθη sagt: Es geht ihm an die Nieren. Es nimmt ihn körperlich mit. Es geht um „eine tiefe, innere Bewegung, ein Erbarmen, das aus dem Bauch kommt.“ (W. Klaiber, aaO.  S.194)

 Es ist, wie es schon früher war: „Und Gott sah auf die Kinder Israel und nahm sich ihrer an.“(2. Mose 2,25) Das macht dann wohl auch den Unterschied zu unserem Sehen aus: wir sehen mancherlei, erst recht, wenn wir Nachrichten sehen. Aber sie lösen nichts aus. Sie bringen uns nicht in Bewegung. Sie führen uns allzu oft nur unsere Ohnmacht vor Augen. Jesu Sehen dagegen packt ihn an und lässt ihn dann auch anpacken. Sein Sehen ist der Anfang neuen Handelns.

Was Jesus sieht, ist ein Volk in Not. In den unterschiedlichen Dörfern und Städten doch immer wieder das Gleiche: verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben. Für heutige Leser ist wichtig, das Wort Schafe nicht als herablassende Sehweise zu interpretieren. Schafe sind nicht „dumme Schafe“, auch keine niedlichen „Schäflein“.  Sie sid kostbar, unter Gottes Obhut.

 Es fehlt an denen, die sich der Menschen annehmen. Die ihre Not lindern, ihrem Auftrag als Hirten nachkommen. Jesus sieht, was in Hesekiel als das Sehen Gottes kenntlich gemacht wird: „Und meine Schafe sind zerstreut, weil sie keinen Hirten haben, und sind allen wilden Tieren zum Fraß geworden und zerstreut. Sie irren umher auf allen Bergen und auf allen hohen Hügeln und sind über das ganze Land zerstreut und niemand ist da, der nach ihnen fragt oder auf sie achtet….Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten.“ (Hesekiel 34,5-6.11-12a)

 So gewiss diese Worte auch auf die humanitären Katastrophen in einem ausgebeuteten Landstrich zielen – und das ist das Galiläa der Zeit Jesu: im Würgegriff der Großgrundbesitzer -, so gewiss gehen sie darin nicht auf. Es ist auch die Gottes-Blindheit in einem religiösen Volk, die hier als Not sichtbar ist – für die Augen Jesu. Eine Blindheit, die aus einer religiösen Praxis erwächst, die nur „Du sollst“ kennst, die Unterwerfung und nicht das Erbarmen, die nur den übermächtigen und strengen Gott kennt und nicht das Bild seiner Barmherzigkeit malt.

Es ist ein anderes Sehen als das Sehen der landläufigen Art. Nicht das Sehen, das nur sieht, was vor Augen ist – schreiende soziale Ungerechtigkeit, Kinderarmut, Mangel an allem, ws lebensnotwendig ist. Nicht unser Sehen – wir sehen den Dreck von zuviel CO2, wir sehen Mikro-Plastik und das Verschwinden von Tier-Arten weeltweit. Wir sehen viel Gwalt und Verrohung. Das alles ist nicht zu übersehen. Jesus sieht sicherlich auch die soziale not in Galiläa. Aer sein Sehen geht tiefer, es ist ein Sehen wie Gott. Mit einem altertümlichen Wort: es ist das Sehen der Retterliebe. Sehen mit den Augen der Ewigkeit.

 37 Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. 38 Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.

 Jesus nimmt seine Jünger in seine Sicht hinein. In einer Art Auftrags-Erteilung. Es ist Ernte-Zeit, Zeit zu sammeln aus der Zerstreuung. Das Bild von der Ernte ist oftmals ein Bild vom kommenden Gericht. Hier aber, so scheint es mir, ist es anderes  zu lesen: als Hinweis auf die Sammlung Israels, die das Werk Jesu ist. Mag sein, es ist Ernte, es ist hohe Zeit, das Ende drängt heran. Es gibt viel zu tun. Aber das erste ist: δεθητε . Bitten.Beten.

So wie Jesus in die Mitte der Bergpredigt das Gebet, das Vaterunser stellt, so stellt er hier an den Anfang der Sendung, die folgen wird, das Gebet. Weil es nicht um das große Rettungsprojekt von Menschen geht, die wissen, dass „Menschen Menschen brauchen“, sondern  weil es um Gottes Weg und Werk geht. „Nicht der Mensch kann das notwendige Neue schaffen; Gott allein erwählt seine Boten.“(E. Schweizer , aaO.  S.151) Das liegt dieser Bitte zugrunde: Keiner kann sich selbst in diese Erntearbeit berufen. Es braucht die Berufung Gottes. Es braucht den Auftrag Gottes. Diese Sammlung und Ernte ist Gottes Sammlung und Ernte und nicht unser eigenes Projekt.

Es mag sein, auch deshalb steht hier Beten vor allem Tun, weil es darum geht, dass die Jünger sehen lernen, wie Jesus sieht. Dass sie sich die Augen öffnen lassen für die Not, die tiefer ist als die Not, die wir analysieren und alltäglich vor Augen haben.  So auf das Volk zu sehen wie Jesus es sieht, das ist nicht Naturbegabung, sondern dieses Sehen erwächst aus dem Gebet. Jesus will Arbeiter*innen in der Ernte, die sehen wie er – barmherzig, von der Liebe Gottes zu den Menschen durchdrungen, den Blick aus der Ewigkeit.

Es liegt Matthäus unendlich viel daran, sichtbar zu machen, dass Jesus die Gemeinde in sein Werk hinein nimmt, dass er sie als „seinen verlängerten Arm“ will, dass er ihr zutraut, seine Arbeit zu tun. Aber es bleibt sein Werk, seine Arbeit, seine Sammlung. Es darf nie dazu kommen, dass wir nicht mehr wissen:

 Die Sach´ ist Dein, Herr Jesu Christ, die Sach´, an der wir steh´n,
und weil es Deine Sache ist, kann sie nicht untergeh´n.                                                                         S.
Preiswerk 1799-1871 , in: Jesu Name 88

 10,1 Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen.

 Erst jetzt, nach dieser Einweisung in das Gebet folgt auch die Berufung der Jünger. Folgt auch ihre „Ermächtigung“, dass sie Macht erhalten – einmal mehr steht hier ξουσα. Das Wort, das die Macht Jesu als Macht aus Gott kennzeichnet. An dieser Macht gibt Jesus seinen Jüngern und damit seiner Gemeinde – durch alle Zeiten hindurch – Anteil.

Es ist eine Macht, die sich nicht nur in der Wortmächtigkeit zeigt. Sie sollen in der Lage sein, Menschen zu befreien von dem, was sie knechtet, von dem, was sie zerstört, von dem, was sie gefangen nimmt und den Weg in die Zukunft Gottes verwehrt.

Es klingt für uns fremd, altertümlich: unreine Geister austreiben. Aber es geht um etwas, was wir sofort verstehen. Wenn wir übersetzen: den Geist der Gier. Den Geist der Maßlosigkeit. Den Geist des Egoismus und Egozentrismus. Den Geist, der nur das Heute kennt und kein Morgen. Den Geist, der die Fremden verachtet und die Armen am ausgestreckten Arm umkommen lässt. Den Geist, der See-Not-Retter mit Gefängnis bedroht. Böse Geister gibt es auch heute zuhauf. Manche sind ausgesprochen „Hof-fähig.“ Und werden hofiert. In Sport und Wirtschaft, Politik und medialer Öffentlichkeit.

Darum also geht es Jesus in dem Dienst und der Macht, die er seinen Jüngern überträgt: Um die Befreiung aus der entfremdenden Gefangenschaft zu einem Leben, das von einem guten Geist gekennzeichnet und getragen ist.

Es sind zwölf Jünger, die er ruft. Aus denen dann zwölf Apostel werden. Die Wortwahl des Matthäus: Jünger ist sicherlich Absicht. Denn damit wissen seine Leserinnen und Leser, die sich ja auch als Jüngerinnen und Jünger verstehen: Jesus ruft Leute wie wir es sind. Und vertraut seine Arbeit Leuten an, wie wir es sind. Der Titel „Apostel“, der nun im Folgenden verwendet wird, ist ja kein Ehrentitel für alle Zeit, sondern er sagt schlicht durch das griechische Wort ποστλος: das sind die Gesandten der damaligen Stunde.

2 Die Namen aber der zwölf Apostel sind diese: zuerst Simon, genannt Petrus, und Andreas, sein Bruder; Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und Johannes, sein Bruder; 3 Philippus und Bartholomäus; Thomas und Matthäus, der Zöllner; Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus; 4 Simon Kananäus und Judas Iskariot, der ihn verriet.

Das sind die Namen der Zwölf. Zuerst Simon genannt Petrus. Die Vulgata übersetzt: Primus Simon – und öffnet damit das Tor für „konfessionell bestimme Überinterpretationen“. (U. Luz, aaO.  S.86) Man kann es leicht vergessen: Petrus ist nur der Erste unter Gleichen. Primus inter pares. Vielleicht einfach nur der als Erster Berufene. Einer aber, der mit den anderen dies gemeinsam hat, „an der damaligen und einmaligen Geschichte Jesu mit seinen Jüngern zu partizipieren.“ (U. Luz, ebda.)

Paarweise werden die Jünger genannt. Und alle Paare werden durch die beigefügten Anfangs- und Schluss-Erläuterungen umfasst: zuerst – und der ihn auslieferte. παραδος. Übergab. So besser für „der ihn verriet“. Sie alle sind irgendwie „Erste“ und sie alle könnten es sein, die ihn ausliefern. Jeder von ihnen. Nicht nur Judas. Judas am Ende dieser Liste erinnert die Gemeinde daran: Wir sind noch unterwegs, um den Glauben zu bewähren. Noch nicht am Ziel. Kein Grund zur Selbstsicherheit.

Herausforderung an unser Dnken und Glauben

            „Als Jesus zu seinem Vater in den Himmel zurückkehrte, herrschte unter den Engeln große Freude. Doch bald stellte sich die Sorge ein: „Du hast dich so sehr für die Menschhen eingesetzt, dein Leben für sie gelassen, was wird nun aus deiner Sache werden, wenn du nicht mehr bei ihnen bist?“ Jesus sprach: „Ich habe meine Jünger.“ Doch die Engel wurden durch diese Auskunft nicht beruhigt. Sie sprachen: Herr, du kennst doch die Menschen. Sie wollen sicher auch, doch vollbringen werden  sie es nicht. Sie werden so schnell müde und geben auf. Oder sie verfremden deine Sache und machen sie zu der Ihrigen. Hast du nicht irgeneine Sicherung eingebaut?“ Jesus verstand die Sorge der Engel guut. Doch er sprach: „Ich habe keine andere Sicherheit. Ich habe meine Jünger.“ (H. Gerlach, Salz zum Würzen, Marburg 1983, S.38) 

 Wann immer die Kirche Jesu Christi so getan hat, als wäre die Ernte allein ihre Sache und nicht das Werk ihres Herrn, hat sie sich schwer vergriffen und ihren Auftrag verfehlt, ist herrschsüchtig geworden und hat Machtmittel verwendet, die ihr übel anstehen. Es ist so, dass mit diesem Wort die Menschen geschützt werden vor dem wohlmeinenden direkten Zugriff der Kirche: Zwischen uns Kirchenleuten und denen, die wir sammeln wollen, steht alle Male der Herr, schützend und bergend – uns und die, die wir rufen wollen.

 

Jesus, Du rufst Dir Deine Leute, Männer und Frauen, Alte und Junge, Fromme und weniger Fromme. Und allen, die Du rufst, gibst Du was sie brauchen auf dem Weg, was sie brauchen für die, zu denen Du sie sendest

Lass es uns doch glauben: Wir kommen nicht mit leeren Händen, wenn wir in Deinem Namen unterwegs sind. Amen