Euch geschehe wie ihr glaubt

Matthäus 9, 27 – 34

27 Und als Jesus von dort weiterging, folgten ihm zwei Blinde, die schrien: Du Sohn Davids, erbarme dich unser!

             Salopp könnte man sagen: Schlag auf Schlag geht es weiter. Kaum hat Jesus das Haus des Vorstehers verlassen, klingen neue Hilfeschreie an sein Ohr. Du Sohn Davids, erbarme dich unser! Es ist, als ob sich um ihn das ganze Elend und der ganze Schmerz der Welt sammeln würde.

Diesmal nicht: Kyrie eleison, sondern Sohn Davids, eleison. Der Ruf, den die Gemeinde Jesu seitdem immer wieder anstimmt, in dem sie sich ihm hinhält. Darin sind sich die beiden Blinden und die Gemeinde gleich: Manchmal ruft auch die Gemeinde mit blinden Augen, weil sie nichts mehr sehen kann.

Die beiden Blinden tappen hinter Jesus her, folgen ihm, obwohl sie (noch) nichts sehen können. Das mag ein Signal an die Leser-Gemeinde sein: Nachfolgen beginnt oftmals so, dass man noch nicht sieht, aber schon ahnt: Da ist mit Jesus einer auf dem Plan, bei dem Hilfe ist und Halt.

Du Sohn Davids ist für Matthäus ein wichtiger „Titel“ Jesu. Er verwendet ihn besonders häufig im Zusammenhang mit Heilungserzählungen „Wenn Hilfesuchende Jesus so ansprechen, zeigt das, dass sie von ihm die Hilfe Gottes erwarten.“(W. Klaiber, aaO.  S.189) Vielleicht auch sprechen sie nur nach,  was sie von anderen gehört haben, was man über Jesus munkelt: er ist einer aus dem Geschlecht Davids. Nur was das bedeuten könnte, wird sich noch erweisen müssen.

28 Als er aber ins Haus kam, traten die Blinden zu ihm.

     Ob es das Haus ist, in dem Jesus seinen Aufenthaltsort in Kapernaum hat, also „sein Haus“, das kann man nicht wissen. Vielleicht ist es so. Wichtiger ist: in welches Haus auch immer er jetzt eingetreten ist, die beiden Blinden sind ihm gefolgt und jetzt nahe bei ihm. Da ist kein trennender Abstand mehr.

Und Jesus sprach zu ihnen: Glaubt ihr, dass ich das tun kann? Da sprachen sie zu ihm: Ja, Herr. 29 Da berührte er ihre Augen und sprach: Euch geschehe nach eurem Glauben! 30 Und ihre Augen wurden geöffnet.

             Ich versuche zu verstehen, was jetzt geschieht. Das kann man wie ein Examen in Sachen Glauben lesen: Glaubt ihr auch wirklich? Das kann ich aber auch lesen als die Frage: Vertraut ihr euch mir an – und dann wird nicht nach irgendeinem Inhalt des Glaubens gefragt, sondern nach dem „Zutrauen“, dem Vertrauen.

Es hängt viel daran, dass man klärt: dass ich das tun kann. Was ist das? Es scheint auf der Hand zu liegen: „dass ich sehen kann“ oder hier: dass wir sehen können. In der parallelen Geschichte von der Heilung des blinden Bartimäus gibt es den Dialog, den wahrscheinlich fast jeder Bibelleser auch hier mitschwingen spürt „Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Der Blinde sprach zu ihm: Rabbuni, dass ich sehend werde.“ (Markus 10,51) Genau das aber wird von Matthäus nicht wiedergegeben.

Von daher kann ich dieses „das“ auch so lesen: sie glauben, dass er sich erbarmen kann. Dass er das will. Ohne dass damit gleich festgelegt wird: es ist ein Glauben an eine wundersame Heilung. Das erlaubt mir, meinen Platz an der Seite dieser Blinden zu finden. Weil es bei mir ja auch nicht immer um Wunder über Wunder geht, sondern manchmal einfach um den Glauben, der sich an Jesus hält.

Ihre Antwort ist schlicht: Ja, Herr.  Jetzt nicht mehr Sohn Davids, sondern Kyrie. Ob es stimmt oder nicht doch zu eng führt: „Matthäus macht deutlich, dass der Glaube der  Heilung voran geht und ein aktiver, beharrlicher Glaube sein muss.“(U. Luz, aaO.  S.61) Wenn man aus dieser Beobachtung eine Regel machen wollte, wird es gefährlich schief.  Dann hätte Jesus erst durch ihr Ja, Herr  seine Handlungsfreiheit gewonnen. Ihr Glauben ist da, vor der Heilung. Ob er beharrlich ist, aktiv – das ist schon Bereich der Vermutung. Es genügt, dass sie beharrlich nachgelaufen sind.  Und jetzt Ja sagen.

Jesus berührt sie – die dritte Berührungs-Geschichte nacheinander. Und er spricht jetzt von ihrem Glauben: Euch geschehe nach eurem Glauben! Auch hier muss man sich wieder vor Missverständnissen hüten. Das ist kein Satz, der die Reichweite ihres Glaubens einfordert – und weil ihr Glaube weit reicht, werden ihre Augen geöffnet. Sozusagen: Wer viel glaubt, erlebt auch große Wunder. Wer wenig glaubt, geht eher leer aus.

Sie empfangen, was sie geglaubt haben. Sie sind mit ihrem Vertrauen auf Jesus nicht ins Leere gelaufen, ins Dunkel getappt. Es ist so, wie es im Johannes-Evangelium heißt: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“(Johannes 8,12) Das erfahren die beiden konkret mit ihren geöffneten Augen und das erfährt die Gemeinde, die diese Erzählung liest: „Sicher hat Jesus nicht jede/n gesund gemacht, aber doch öffnet er jeder/m die Augen, indem er seiner Gemeinde den Glauben an Gott den Vater schenkt.“(U. Luz, aaO.  S.62)

             Euch geschehe, wie ihr glaubt.“ Diese Worte haben überaus sachgemäß Eingang gefunden in die Abendmahls-Liturgie. Nach dem Zuspruch der Vergebung, der auf da Sündenbekenntnis folgt, sind sie Zusicherung, Zuspruch, Wort, das Gewissheit weckt. Und nie und nimmer ein Bedingungssatz oder gar kärgliche Berechnungsformel.

 Und Jesus bedrohte sie und sprach: Seht zu, dass es niemand erfahre! 31 Aber sie gingen hinaus und verbreiteten die Kunde von ihm in diesem ganzen Lande.

Diesmal folgt auf die Heilung ein Schweigegebot. Jesus braucht keine Mund-Propaganda für sich als Heiler. Die ihm Zulauf, „Kundschaft“ sichern würde. Jesus ist nie „werbemäßig“ in eigener Sache unterwegs. Aber dieses Schweige-Gebot ist im Ablauf des Matthäus-Evangeliums eine eher zufällige Notiz und nicht wie bei Markus eine stete Warnung, weil es falsch ist, von Jesus als dem heilenden Messias zu erzählen.

Die Mahnung erweist sich als zwecklos. Wie sollte man auch von einer solchen Erfahrung schweigen können? So sind sie es, die beiden Geheilten, die im ganzen Land von Jesus erzählen. Was zuvor irgendwie ein Lauffeuer war, geschieht jetzt durch sie: Die Kunde verbreitet sich. Lautmalerisch ist, was sie tun – διεφμισαν – nahe bei unserem diffamieren. Aber das wäre, wie das Folgende zeigt, gar nicht mehr nötig gewesen.

  32 Als diese nun hinausgegangen waren, siehe, da brachten sie zu ihm einen Menschen, der war stumm und besessen. 33 Da der Dämon ausgetrieben war, redete der Stumme. Und das Volk verwunderte sich und sprach: So etwas ist noch nie in Israel gesehen worden.

             Sie sind weg, aber der nächste „Fall“ wartet schon, wird zu ihm gebracht. Ein Stummer, ein Besessener. Einer, in dem ein böser Geist herbergt. Kurz: ein Mensch.

Es fällt auf: Kein Wort über Glauben, kein Fragen. Kein Wort Jesu. Nicht einmal: Jesus heilte ihn. Nichts. Sondern die Heilung, wahrscheinlich müsste man besser sagen: Befreiung versteckt sich regelrecht: Als aber der böse Geist ausgetrieben war, redete der Stumme. Nur das Ergebnis zählt: der Mensch hat seine Stimme, seine Sprache gefunden. Wieder gefunden. Wer immer, was immer ihn vorher hat verstummen lassen, besessen hat – jetzt ist er frei.

Das Volk staunt und wundert sich. Sie nehmen ein Geschehen war, das ihr Verstehen übersteigt. „Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt, Horatio“ (William Shakespeare, Hamlet, 1. Akt, 5. Szene) Staunen ja, aber es ist noch kein Glauben. Aber ungleich offener für den Glauben als die Reaktion der Pharisäer.

 34 Aber die Pharisäer sprachen: durch den Obersten der Dämonen treibt er die Dämonen aus.

Hier kündigt sich der Gegensatz an, der den Weg Jesus begleiten wird. Es ist eine Reaktion auf ein Geschehen, dass sie faktisch nicht bestreiten können. Aber sie deuten die Macht Jesu, die er hat, nicht als Gottesmacht, sondern als eine Macht von unten. Sie werfen Jesus schlicht „Komplizenschaft mit dem Teufeln vor.“ (U. Luz, aaO.  S.63) Und versperren sich mit dieser Sicht den Weg zu Jesus.

Mit diesen beiden so unterschiedlichen Reaktionen – hier das Volk, da die Pharisäer – wird den Leserinnen und Lesern eine Frage gestellt: und wie ist deine Sicht auf Jesus? Staunst Du – vielleicht folgenlos? Oder deutest du seine Macht als „Magie“, wo immer sie auch herkommen mag? Oder siehst du in ihm den Herrn, den Sohn Davids? „Israels Messias ist in Wahrheit der, der die Kranken seines Volkes heilt.“ (U. Luz, aaO.  S.60) Glaubst du das?

                                                             

Mein Jesus, alles in mir schreit: Ja, das glaube ich, dass Du hilfst und heilst, rettest und zurecht bringst. Alles in mir sehnt sich danach, dass nichts diese Gewissheit zum Wanken bringen kann. Und doch bin ich mit meinem Glauben wie ein schwankendes Rohr, zerbrechlich, angefochten, zittern und zagend.

Es ist gut, dass mein armer Glaube Dich nicht begrenzt, Deine Möglichkeiten nicht einengt, Deinen Willen zu retten nicht zum Erliegen bringt. Tue Du an uns, was Deinem Willen und Deinem Erbarmen entspringt. Kyrie eleison. Amen