Rühr uns an mit Deiner Kraft

Matthäus 9, 18 – 26

18 Als er dies mit ihnen redete, siehe, da kam einer der Ooberen, fiel vor ihm nieder und sprach: Meine Tochter ist eben gestorben, aber komm und lege deine Hand auf sie, so wird sie lebendig.

    Sie sind noch immer am Reden, im Haus ihres Gastgebers in Kapernaum. Da kommt  einer von den Oberen, mit einer Bitte, die doch kaum verständlich erscheint. Er erbittet von Jesus, dass er seiner eben verstorbenen Tochter die Hände auflegt. In der Hoffnung, dass so das Leben in sie zurückkehrt. So weit geht er, dass er vor ihm niederfällt, wie der fromme Jude es sonst nur vor Gott tut.

Es ist das Wunder, von dem die alten Schriften zeugen. Von Elia wird es erzählt:  „Und er legte sich auf das Kind drei Mal und rief den HERRN an und sprach: HERR, mein Gott, lass sein Leben in dies Kind zurückkehren! Und der HERR erhörte die Stimme Elias und das Leben kehrte in das Kind zurück, und es wurde wieder lebendig.“(1. Könige 17,21-22) Und von Elisa wird es auch erzählt: „Und als Elisa ins Haus kam, siehe, da lag der Knabe tot auf seinem Bett. Und er ging hinein und schloss die Tür hinter sich zu und betete zu dem HERRN und stieg aufs Bett und legte sich auf das Kind und legte seinen Mund auf des Kindes Mund und seine Augen auf dessen Augen und seine Hände auf dessen Hände und breitete sich so über ihn; da wurde des Kindes Leib warm. Er aber stand wieder auf und ging im Haus einmal hierhin und dahin und stieg wieder aufs Bett und breitete sich über ihn. Da nieste der Knabe sieben Mal; danach tat der Knabe seine Augen auf.“(2. Könige 4, 32-35)

Aber das sind alte Geschichten, lange her. Kaum zu glauben. So mögen manche damals schon gesagt haben. Wenn aber nun dieser  Anführer, ρχων, der in Kapernaum angesehen ist, Jesus so bittet, dann wird erkennbar: er sieht in ihm die Kraft der Propheten am Werk, die Kraft, die sogar dem Tod standhalten kann und ihm seinen Sieg nehmen kann. So groß ist sein Glaube!

 19 Und Jesus stand auf und folgte ihm mit seinen Jüngern.

             Jesus verlässt das Haus, das Festmahl und folgt dem Ruf des Vaters. Er, der in seine Nachfolge ruft, lässt sich auch rufen und geht auf dieses Rufen ein. Hier verwendet Matthäus genau das griechische Wort, das er sonst für das Nachfolgen hinter Jesus her gebraucht. Vielleicht kann man so sagen: Wir glauben an einen Gott, der selbst in die Nachfolge ruft und sich auch in die Nachfolge seiner Menschen rufen lässt. Dorthin, wo ihre Not ist.

 20 Und siehe, eine Frau, die seit zwölf Jahren den Blutfluss hatte, trat von hinten an ihn heran und berührte den Saum seines Gewandes. 21 Denn sie sprach bei sich selbst: Wenn ich nur sein Gewand berühre, so werde ich gesund. 22 Da wandte sich Jesus um und sah sie und sprach: Sei getrost, meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Und die Frau wurde gesund zu derselben Stunde.

             Einmal mehr geschieht etwas unterwegs. Fast beiläufig. Eine Frau rührt ihn an. Sie ist seit zwölf Jahren mit Blutfluss geschlagen. Das ist mehr als nur eine Krankheit, in der ihr das Leben buchstäblich verrinnt. Das ist auch seit zwölf Jahren Ausschluss aus der Gemeinschaft. Sie ist unrein. Sie darf keinen anrühren. Alles, was sie berührt, wird gleichfalls unrein. „Wenn aber eine Frau den Blutfluss eine lange Zeit hat, zu ungewöhnlicher Zeit oder über die gewöhnliche Zeit hinaus, so wird sie unrein, solange sie ihn hat; wie zu ihrer gewöhnlichen Zeit, so soll sie auch da unrein sein.“(3. Mose 15,25)

Weil sie das alles weiß, nähert sie sich vorsichtig von hinten, rührt sie Jesus an, genauer: nur die Quasten seines Gewandes. Weil sie sich von ihm, „dem gesetzestreuen Juden, den sie, signalisiert durch die Quasten vor sich sieht“(vgl. E. Schweizer, aaO. S.148), Heilung verspricht. Zweimal die gleiche Hoffnung, bei dem Vorsteher und bei der Frau auf der Straße: Wo er berührt, wo er angerührt wird, da geht heilende Kraft von ihm aus.

Ihre Hoffnung hat sie nicht getrogen. Es geschieht – sie wird gesund. Augenblicklich. Weil sie geglaubt hat. Es ist das Wort Jesu, das ihre Berührung als Glauben kennzeichnet, der ihr geholfen hat, der sie gerettet hat. So kann man auch übersetzen. Darum auch: Sei getrost. Fasse Mut. Sie hat wieder Zukunft.

 23 Und als Jesus in das Haus des Vorstehers kam und sah die Flötenspieler und das Getümmel des Volkes, 24 sprach er: Geht hinaus! Denn das Mädchen ist nicht tot, sondern es schläft. Und sie verlachten ihn. 25 Als aber das Volk hinausgetrieben war, ging er hinein und ergriff sie bei der Hand. Da stand das Mädchen auf.

    Jetzt kann Jesus seinen Weg fortsetzen. Er kommt in das Trauerhaus, das nicht still ist, sondern vom Lärm und Wehklagen der Trauer erfüllt. In ein regelrechtes Getümmel. χλος θορυβομενος – in einen lärmenden Haufen. Fast so, als würde man schon zum Leichenzug und zur Beerdigung rüsten. Es ist wohl so wie heute noch in den islamischen Ländern: Beerdigungen sind lärmerfüllt und sie werden auch nicht lange aufgeschoben. Noch am gleichen Tag oder spätestens einen Tag nach dem Tod.

Jesus wirft den ganzen Volkshaufen hinaus. Mit Worten, die ihnen lächerlich vorkommen müssen. Das Mädchen schläft. Sie wissen es besser: Tot ist tot. Da ist nichts mehr zu machen. Es ist ein Lachen der Verzweiflung, das da laut wird, das sich längst unter die harten Realitäten gebeugt hat. Vergleichbar mit dem Lachen Sarahs, als ihr der Gast über`s Jahr die Geburt eines Kindes ankündigt (1. Mose 18,12). Wo der Tod so sein strenges Regiment ausübt, bleibt allenfalls die ferne,vage Hoffnung auf die Auferstehung der Toten am Ende der Zeiten.

Diesem Wissen und Glauben steht das Wort Jesu entgegen: Jesus spricht „nicht nur die allgemeine Lehre aus, dass angesichts der Hoffnung auf die zukünftige Auferstehung jeder Tod nur ein Schlaf sei, sondern der Satz will verfremden: Jesus spricht nur von dieser Toten und will auf seine eigene Macht hinweisen. Für ihn ist dieser Tod kein endgültiger Tod, denn er wird jetzt zeigen, dass er Macht über ihn hat.“(U. Luz, aaO.  S.54)

             Hier aber will er genau dies zeigen. Er ergreift das Mädchen bei der Hand – auch hier wieder  wird er, wie bei dem Aussätzigen (8,3), doch potentiell durch die Berührung unrein! Aber was schert es ihn – und das Mädchen steht auf. Das ist schon alles. Kein Spektakel. Kein Test, kein erstes Üben von Schritten. Kein Essen. Nicht einmal ein Befehlswort Jesu. Nichts. Nur eine Berührung.

Knapper kann man nicht erzählen. Aber gerade dies konzentriert den Blick auf das Wesentliche, auf Jesus und sein Anrühren. Wo Jesus ist, wird die Macht des Todes gebrochen.

26 Und diese Kunde erscholl durch dieses ganze Land.

             Es fehlt die übliche Notiz, dass die, die das Wunder erleben, erschrecken, rätseln, staunen. Stattdessen: es spricht sich im Land herum. Es wird erzählt. Es mag sein, dass damit Erwartungen an Jesus geschürt werden, die ganz unrealistisch sind. Aber Matthäus liegt daran zu zeigen: Die Jesus–Geschichte ist nicht verborgen, sie wird auch nicht geheim gehalten. Sondern sie wird erzählt und weiter gesagt. Das Wirken Jesu erreicht sogar die, die nicht vor Ort dabei sind.

Das könnte auch eine Aufforderung an Leserinnen und Leser sein: Behaltet die Jesus-Geschichte nicht für euch. Erzählt sie. Gebt sie kund in das ganze Land. Verschweigt sie nicht.

 Was mich beschäftigt:

Rückweg ins Leben – nach zwölf Jahren. Ein Geschenk. Totenauferweckung – an dieser einen Zwölfjährigen. Ein Geschenk. Die Zuspitzung (s. o.): Es geht um diese eine Tote, verwehrt die Frage: Warum geht das nicht auch heute noch? Warum können wir in der Nachfolge Jesu nicht auch Tote erwecken? Es verbietet sich, immer und überall aus dem einzigartigen Tun Jesu Handlungsanweisungen für uns machen zu wollen. Es gibt ein Tun, das nur ihm zusteht, das seine exklusive Macht ist. Er übt sie aus, wo und wann er will.

Wie viel Sehnsucht weckt diese Erzählung, auch bei mir, dass es doch nicht nur eine alte Geschichte von damals sein möge, sondern dass der Herr sich auch heute noch hineinrufen lässt in den Schmerz, in die Angst um die eigenen Kinder, in das Leid, wo es keine Hoffnung mehr zu geben scheint, alles zu spät ist.

„Nur der liebe Gott darf mich wecken“ schreibt der krebskranke Oskar in der wunderbaren Erzählung „Oskar und die Dame in Rosa“ (E.-E. Schmitt, Frankfurt 2005, S. 105).Aber das soll er gefälligst auch tun – und nicht erst am Ende der Zeiten. Jetzt. Heute. Damit Leben neu anfangen kann.

 

Jesus, rühre uns an mit Deiner Kraft. Öffne uns durch Deine Gegenwart die Zukunft. Heile uns durch Deine Stärke. Gib unserer Hoffnung festen Boden unter die Füße, damit wir sichere Schritte tun können.

Wenn Du Menschen anrührst, wird der Horizont durchsichtig, weitet sich die Enge, wandelt sich der Schmerz, fällt in dunkle Täler ein Lichtstrahl, kann die Freude neu einziehen. Darauf warte ich, darauf hoffe ich, mein Jesus. Amen