Versöhnte Vielfalt?

Matthäus 9, 14 – 17

14 Da kamen die Jünger des Johannes zu ihm und sprachen: Warum fasten wir und die Pharisäer so viel und deine Jünger fasten nicht?

Man muss sich das wohl so vorstellen: Das Gastmahl geht weiter. In dem offenen Haus ist Platz für viele. Zu denen, die schon da sind, gesellen sich jetzt Johannes-Jünger. Es ist das erste Mal, dass Matthäus sie erwähnt. Sie kommen, weil sie von Jesus gehört haben. Und sie fragen ihn, weil sie irritiert sind. Angesichts der vielen Tische, der üppigen Speisen, des wunderbaren Buffets?

Es ist eine Umwegfrage: Sie fragen nach dem Verhalten seiner Jüngern. Eigentlich allerdings wollen sie wissen: Warum fastet du nicht? Mit den „vierzig Tagen in der Wüste“ (4,2) ist es doch nicht getan.

Es ist eine typische Frage: Warum lebt ihr so anders wie wir? Offensichtlich haben sie kein Problem mit ihrem eigenen Lebenstil, der sie nötigt, häufig zu fasten. Nicht nur am großen Versöhnungstag, nicht nur an zwei Tagen in der Woche, freiwillig, wie es zum Beispiel die Pharisäer machen. Sie halten ihre Praxis für das Normale, für die Norm – und sind darum verwundert über diese Jesus-Jünger. Die machen nicht mit in diesem Hochleistungs-Wettbewerb der Frömmigkeit. Der Lebensstil der Jesus-Leute ist in ihren Augen lax. Müsste Jesus sie nicht zu einem konsequenten Leben anhalten? Er, der doch als Bußprediger angefangen hat und ernst genommen werden will.

Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ (4,17) Wer so auftritt, der muss doch auch logischerweise seine Leute dazu anhalten, Bußübungen einzuhalten. Und Fasten ist ja nun die angesagte Bußübung schlechthin.

Vielleicht spiegelt sich in diesen Worten auch eine Debatte späterer Zeit, dass die Gemeinde der ersten Christ*innen sich für ihre abweichende Praxis gegenüber streng gläubigen jüdischen Gruppen rechtfertigen muss, die ihnen vorhalten: So wie ihr lebt, seid ihr längst draußen, außerhalb des jüdischen Kontextes.Darum wäre es hilfreich und wichtig, dass Matthäus für so eine Debatte ein Wort Jesu weitergeben kann.

15 Jesus antwortete ihnen: Wie können die Hochzeitsgäste Leid tragen, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Es wird aber die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten.

Die Antwort Jesu ist überwältigend einfach: Euer Bild stimmt nicht. Es geht in meiner Gegenwart um ein Fest. Nicht um eine Bußveranstaltung. Bei einer Hochzeit fasten – das geht doch gar nicht. Und Hochzeitsgäste sind doch ganz gewiss berechtigt zur Freude,  solange der Bräutigam bei ihnen ist. Das ist das Bild, das Jesus von seinen Jüngern hat. Sie sind Gäste bei einer Hochzeit. „„Für die spätere Gemeinde aber war klar: Der Bräutigam war kein anderer als Jesus selbst.“ (W. Klaiber, aaO. S. 183)

            Es wirkt auf mich wie ein Zugeständnis: Es wird wieder Fastenzeiten geben. Wenn der Bräutigam nicht mehr sichtbar da ist. Wenn sich eine neue Lebenspraxis der christlichen Gemeinde entwickelt. Es gibt wohl schon recht früh auch eine „christliche Fastenpraxis“(W. Klaiber, ebda) in den jungen Gemeinden. Auch in der Gemeinde, die das Matthäus-Evangelium liest. Sonst wäre der Satz nicht wirklich verständlich. Aber diese Praxis hat ein anderes Gesicht als in den jüdischen Kreisen. Von Teresa von Avila gibt es den Satz: „Wenn fasten dann fasten, wenn Rebhuhn dann Rebhuhn.“ Es gilt, den eigenen Weg zu funden. Darauf zielen auch die nachfolgenden Worte Jesu.

16 Niemand flickt ein altes Kleid mit einem Lappen von neuem Tuch; denn der Lappen reißt doch wieder vom Kleid ab und der Riss wird ärger. 17 Man füllt auch nicht neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißen die Schläuche und der Wein wird verschüttet und die Schläuche verderben. Sondern man füllt neuen Wein in neue Schläuche, so bleiben beide miteinander erhalten.

             Doch, das halten diese Worte fest: Es geht nicht einfach nur um ein „Weiter so“ in der Lebenspraxis und der Frömmigkeitspraxis. Es geht um eine neues Leben auch da, wo es scheinbar nur die Fortführung alter Wege ist. Ja, auch Christ*innen fasten, aber nicht, um sich Gott genehm zu machen. Auch nicht einfach als Bußübung. Sie fasten, damit ihr Leben Leerstellen hat, Räume offen lässt, die neu gefüllt werden können. Von Oben. Von Gott.

             Auch Christ*innen suchen Gemeinschaft. Aber die suchen sie nicht nur unter sich, sondern sie öffnen ihre Gemeinschaft für alle, die sich dazu rufen lassen. Sie versuchen zumindest, die große Einladung Gottes an alle zu leben. Wirklich an alle. Die Mühseligen und Beladenen, die Fernen und die Nahen, die Traurigen und die Frohen.

             Gibt es hier ein friedliches Miteinander – den alten Wein in den alten Schläuchen, das Judentum mit seiner Frömmigkeit und seinem Glauben? Und eben den neuen Wein in den neuen Schläuchen – die jungen Christengemeinde mit ihren neuen Wegen? So kann man die Worte Jesu auch lesen. Dann wären sie der Versuch, über Gruppengrenzen hinweg zu Toleranz zu rufen, dazu aufzufordern, den anderen ihren anderen Weg zuzugestehen.

Herausforderungen an unser Denken und Glauben:

Das wird bis heute wohl eine Botschaft Jesu an uns sein: Lasst euch doch gegenseitig gelten. Die, die es gerne so haben, wie es immer schon war, die sich in den alten Formen und Formeln aufgehoben wissen. Und umgekehrt auch die, die nach neuen Wegen und neuen Ausdrucksformen suchen. Gebt euch gegenseitig freien Raum. Und beendet die untauglichen Mischversuche, die nur dazu führen, dass alles verdorben wird, das Alte und das Neue.

Es ist dies ein Umgehen mit der Unterschiedlichkeit, das viel verlangt. Mehr als nur schlichte Toleranz. Vor allem den Abschied von dem vermeintlichen Wissen: Nur auf meine Weise kann es richtig sein. Überhaupt den Abschied von Kategorien wie richtig und falsch, die wir gar zu gerne auch an geistliche Vorgänge anlegen und die doch so wenig angemessen sind. Von mir selbst weiß ich, es ist ein harter und langer Weg zu solcher akzeptierten Verschiedenheit. Nicht zähneknirschend und widerwillig akzeptiert, sondern in dem Wissen um den Reichtum, der sich darin verbirgt. Wenn ich ehrlich bin: Es ist eine große Frage an mich selbst, die mehr als nur Einiges an Umdenken und neu leben abverlangt. Eine neue Weitherzigkeit.

             Man kann diese Worte so lesen. Ob sie auch von Matthäus – und von Jesus – so gemeint  sind, wage ich nicht zu entscheiden. Aber nach dieser neuen Lebenspraxis, die das Alte nicht abwertet und das Neue nicht überwertet, und auch umgekehrt das Alte nicht überbewertet und das Neue nicht entwertet, sondern beidem sein Recht lässt, suchen und tasten wir bis heute in den christlichen Gemeinden. Verletzungen und Fehlversuche sind dabei inbegriffen. Mag sein, das wirkliche Neue ist, diese Tast- und Suchbewegungen auszuhalten und sie sich selbst und anderen zuzugestehen.

 

Herr Jesus, lehre Du uns doch Deinen Weg, geduldig und beharrlich, mit einem weiten Herzen für andere, mit wachen Augen, mit der Freude an den Wegen anderer und der Freude am eigenen Weg

Lehre Du uns, dass wir uns führen lassen können durch Deinen Geist, dass Du uns Klarheit finden lässt im Genießen und Verzichten, im Fasten und im Feiern. Amen