Der Menschensucher

Matthäus 9, 9 – 13

9 Und als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm.

            Es wirkt zufällig. Jesus ist auf dem Weg, sieht einen am Zoll sitzen und ruft ihn. Keinerlei  Begründung. Weder auf der Seite Jesu noch auf der Seite des Menschen, dessen Namen nun mit Matthäus angegeben wird. Ein Allerwelts-Name. Aber wahrscheinlich hat der Verfasser des Evangeliums für diesen Mann und seinen Namen Sympathie, weil er sich so rufen lässt. Folge mir! κολοθει μοι. Keine Frage, ein Ruf! Es ist ein absolut grundloser und zugleich bezwingender Ruf. Matthäus verliert kein Wort über irgendein Warum.

Es braucht kein Versprechen. Keine Angabe von großen Zielen. Keine Vision, die zu erfüllen ist, weil sie der Sehnsucht des Matthäus entspricht. Wenn man so will – ein unbegründeter, nutz- und zweckfreier Ruf auf einen Weg, über den der gerufene Matthäus nichts weiß. Aber er verlässt seine Arbeitstelle, das Zollhäuschen, die gesicherte Existenz und geht hinter Jesus her.

10 Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern.

            In welchem Haus? Dem des Matthäus. Irgendwie würde das dem vorigen Satz widersprechen, wenn der Weg der Nachfolge erst einmal in das eigene Haus führt. Oder doch nicht? Es könnte ja auch so sein: Nachfolge fängt Zuhause an, mit der Öffnung des eigenen Hauses.  Die beiden anderen Evangelisten, Markus und Lukas lassen keinen Zweifel aufkommen. Es geht in das Haus des gerade Gerufenen.

Es sind viele, die sich hier einfinden. Zu einem Essen mit Jesus. Auch wenn es ein „Privat-Haus“ ist, dieses Essen ist eine öffentliche Angelegenheit. Jesus, die Jünger, dazu viele Zöllner und Sünder. Ein großer Haufen und ein großer Teil der Teilnehmer an diesem Mahl sind übel beleumundete Leute. Aktenkundig. Moralisch zweifelhaft und aus der Optik der Frommen Leute einfach draußen vor der Tür. Nicht geeignet und nicht qualifiziert  für das Reich Gottes.

 11 Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern?

Dass es sich so verhält, zeigt die Frage der Pharisäer. Wie kann er nur! Weiß er nicht? Wenn er es nicht weiß, wen er da um sich hat, ist das auch nicht schön, aber dann ist er nur schlecht informiert. Wenn er aber weiß, wer die sind, dann macht er sich mit ihnen gemein. Er wird einer von „denen“.

Mich erinnert das an manche Debatten heutzutage, wenn es darum geht, dass der Staat Bundesrepublik Präsidenten empfängt und Kontakte pflegt zu Staaten, die foltern, morden, demokratische Rechte missachten, Frauen nicht als gleichberechtigt behandeln, und, und…. Darf man das überhaupt? Macht man sich mit ihnen gemein?

Wenn Jesus nur mit denen hätte umgehen wollen, die von keiner Sünde wissen, die reine Hände haben und ein reines Herz, er hätte nie Mensch werden dürfen. Er hätte unter den Engeln oder im Himmel bleiben müssen. Mensch werden dagegen heißt: sich unter Sünder begeben.

Das übersehen die Pharisäer mit ihrer Frage. Umgekehrt hätten sie sich ihr Warum auch selbst beantworten können: Weil er ihnen Gemeinschaft anbietet, sie einlädt zum Mit-Sein mit ihm. Es ist offenkundig: er fühlt sich irgendwie mit ihnen verbunden. Immerhin hat er sich ja schon bei seiner Taufe durch Johannes eingereiht in die Reihen der Sünder!

12 Als das Jesus hörte, sprach er: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.

Jesus, der nicht gefragt ist, hört gleichwohl das Fragen und antwortet auch ungefragt. Wer gesund ist, braucht keinen Arzt. Aber wer krank ist, der ist auf ihn angewiesen. Und der Arzt, so sollen wir wohl hören, geht doch zu den Kranken. Bei den Gesunden hat er nichts zu suchen und nichts verloren. Dieser Satz, der wie eine Allerweltswahrheit daher kommt, ist eine Rechtfertigung des Weges Jesu. Er ist kein Testat für die Pharisäer: Ihr seid die Gesunden, die Starken. Auch keine Unbedenklichkeitsbescheinigung für alle Frommen in den Fußspuren der Pharisäer.  Sondern er erklärt, warum Jesus sich mit denen abgibt, bei denen aufhält, die ein ordentlicher Frommer damals meidet.

Ich gerate über diesen Sätzen in Nachdenken. Wir als Kirche sind anders als Jesus. Eine Mittelstands-Kirche, die die Kriterien der bürgerlichen Unbescholtenheit repräsentiert. Um Pfarrer werden zu dürfen, musste ich ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen, aus dem hervorging, dass ich nicht aktenkundig bin, nichts gegen mich vorlag. Jesus dagegen gibt sich mit zweifelhaften und zwielichtigen Gestalten ab, die die Kerntexte ihrer religiösen Tradion kaum „unfallfrei“ aufsagen können. Im Buch „Der Prediger“ erzählt einer anonym davon dass er gemordet hat – einer, der jetzt Pfarrer ist. Aber es darf bis heute nicht herauskommen, welche Vergangenheit er mit sich trägt.

Jesus ist weit davon entfernt, alles gut zu heißen, was die Zöllner und Sünder tun, wie sie leben. Er sieht in ihnen, und traut sich auch, das zu sagen, nicht die Gesunden, sondern die Kranken. Deren Leben in Unordnung ist, die wahrscheinlich auch, gekränkt durch die Gesellschaft, kränkeln. Aber vor allem sieht  er in ihnen die, die er rufen will. Bei sich haben will.

13 Geht aber hin und lernt, was das heißt (Hosea 6,6): »Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.« Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.

Die Begründung für seine Verhalten liefert Jesus gleich mit. In der Hoffnung, dass die Autorität des Propheten seinen Kritkern Wind aus den Segeln nimmt. Sie liegt zuerst und zuletzt nicht im Elend der Menschen, sondern im Wesen Gottes. Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit. Es ist Gottes Art, sich zu erbarmen. Es ist nicht seine Art, auf Opfer zu warten.  Weil Gott barmherzig ist, deshalb ist Jesus auf dem Weg zu den Sündern. Deshalb geht er zu denen, die sich selbst von Gott entfremdet haben, die auf Halb-Distanz oder auch ganz auf Distanz sind. Zu den religiösen Analphabeten und religiös Unmusikalischen.

Wir sind gewöhnt, den Satz aus Hosea anti-kultisch zu hören. Gegen den Gottesdienst, gegen die Opfer. Aber mir scheint, er spricht von dem, was Jesus als den Kern seiner Sendung bezeichnet. Die Barmherzigkeit Gottes auszuteilen, zuzusprechen, aufzurichten. Hier steht nicht Diakonie gegen Gottesdienst. Es geht vielmehr darum, dass das Erbarmen Gottes zuerst sein Tun ist und nicht erst das Opfer der Menschen voraus gehen muss, damit Gott armhertzig wird. Wer die Sünder nicht ruft, macht sich des  verweigerten Erbarmens schuldig.

Es sind nicht viele Sätze im Evangelium, in denen Jesus sein Kommen begründet, das Ziel seines Kommens angibt. Ich bin gekommen, um zu….  Umso mehr Gewicht haben diese wenigen Sätze. Hier haben wir also eine „Spitzenaussage“ vor uns. Gekommen, um die Sünder zu rufen.

Jesus ist kommen, ein Opfer für Sünden,                                                                            Sünden der ganzen Welt träget dies Lamm.
Sündern die ewge Erlösung zu finden,                                                                                  stirbt es aus Liebe am blutigen Stamm.
Abgrund der Liebe, wer kann dich ergründen?                                                                  Jesus ist kommen, ein Opfer für Sünden.
                        J-L.K. Allendorf 1736, EG 66

          Es ist, in meinen Augen, das Herzstück der Sendung Jesu: Er will denen zurecht helfen, in ihrem Leben vor Gott, die sich verrannt haben, verlaufen, verirrt, die abgestoßen worden sind,  die keinen Zugang zu Gott mehr finden und damit am Leben zu zerbrechen drohen, bei allem äußeren Glanz, der vielleicht über ihrem Leben liegt.

Herausforderungen an unser Denken und Glauben:

Es gibt immer wieder einmal den Versuch, diesen unbedingten Ruf in die Nachfolge auf die Sonder-Situation damals zu begrenzen, auf die geschichtliche Zeit des Wirkens Jesu und auch nur auf den ausgewählten Jüngerkreis. Für unsere Zeit heute sei das kein Modell mehr. Aber es gibt bis in unsere Zeit hinein genau diese Erfahrung: dass Menschen sich angesehen erleben, angerufen durch das Wort Jesu, das ihnen gesagt wird, das sie lesen, dass sie in einer Situation empfangen – und gar nicht anders können, als einen neuen Weg einzuschlagen. Einen Weg, den sie sich nie erträumt oder ersehnt haben, der ihnen nicht in die Wiege gelegt war. Aber es gibt keine Alternative zu diesem Ruf.

Das andere: Wie werde wir zu einer Kirche, in der für jeden Platz ist, so wie er kommt. Wie können wir so offen sein, dass sich auch die zu uns trauen, in die Kirchen, auch in Gottesdienste, die sich da völlig fremd vorkommen (müssen). Manchmal fürchte ich, dass das nonverbale Signal an die Kranken unserer Zeit bei uns heißt: Ihr seid willkommen, aber erst, wenn ihr so werdet, wie wir sind. So wie es jetzt um euch steht, geht es nicht. Das gleicht eher der Einladung in ein Umerziehungslager als in eine offene Gemeinschaft. Genau deshalb aber bleiben wir als Gemeinde wohl auch so oft unter uns, den Anständigen und Gesunden.

 

Jesus, weil Du Sünder suchst, gibt es Hoffnung, für mich und meinesgleichen, kann und darf  ich glauben: Es geht Dir auch um mich. Weil Du Sünder suchst, ist die Welt noch nicht verloren. Du gibst ja nicht auf bevor Du gefunden hast -mich, uns, alle. Dafür danke ich Dir und preise Dich. Amen