Sei getrost

Matthäus 9, 1 – 8

 1 Da stieg er in ein Boot und fuhr hinüber und kam in seine Stadt.

Der Weg führt aus dem Heidenland zurück nach Galiläa. In seine Stadt. Gemeint ist wohl Kapernaum und nicht Nazareth. Wie es dazu gekommen ist, erzählt Matthäus nicht. Weil es ihn nicht interessiert? Vielleicht auch, weil es keine seiner mündlichen Quellen als so richtig bedeutsam überliefert hat. Seine Stadt beißt sich ja auch ein bisschen mit seinem Satz:  Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“(8,20) Kapernaum ist nur ein Zwischenhalt.  

  2 Und siehe, da brachten sie zu ihm einen Gelähmten, der lag auf einem Bett. Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.

             Wer die ausführliche Schilderung aus Markus 2 im Gedächtnis hat, (Massenandrang, das Geschehen spielt sich im Haus ab, der Umweg über das abgedeckte Dach) wird hier die geradezu  karge Schilderung bemerken. Matthäus beschränkt sich auf das Wesentliche. Ein Gelähmterπαραλυτικός – Paralytiker, würde fürher mit Gichtbrüchiger übersetzt – wird zu Jesus gebracht. Und Jesus sieht bei denen, die ihn bringen, Glauben. Woran – nebensächlich. Es reicht, dass sie ihn bringen. Es liegt nahe, sich zu erklären: Darin, dass sie ich bringen, wird ihr Glaube handgreiflich sichtbar.

Das Wort Jesu an diesen Gelähmten stimmt wieder mit Markus überein. Sei getrost, fasse Mut – das griechische Wort Θρσει kommt bei Matthäus nur im Mund Jesu vor. Das gibt ihm ein besonderes Gewicht. Es fällt schon auf: der die Schwiegermutter des Petrus durch Handauflegen wirtlos und unaufgefordert geheilt hat, der spricht hier nicht von Heilung, sondern von Sündenvergebung. Deine Sünden sind dir vergeben.Ob die, die sonst mit da waren, nicht doch eine Heilung erhofft und erwartet haben? Was der Gelähmte für sich erhofft hat? wie trifft ihn dieser Satz? Man kann spekulieren, darüber nachdenken. Matthäus lässt durch sein Schweigen den Raum dazu offen.

  3 Und siehe, einige unter den Schriftgelehrten sprachen bei sich selbst: Dieser lästert Gott.

             Das ist rechtgläubige Dogmatik, die sich in den Gedanken der Schriftgelehrten meldet. Sünden vergeben ist das Privileg Gottes. Menschen können allenfalls Strafverfolgung einstellen. Schuld nicht mehr anrechnen. Aber Sünde ist das Wort für die gestörte  Beziehung zwischen Gott und Mensch. Dass diese Beziehung wieder intakt ist, nicht mehr gestört, das kann allein Gott feststellen. Wer es einem anderen zuspricht: deine Sünden sind dir vergeben. der beansprucht nicht weniger, als dass er an Gottes Stelle handelt.

Das verleiht ja dem Zuspruch der Vergebung zum Beispiel in der Abendmahlsliturgie ganz besondere Bedeutung. Im Wissen darum formulieren wir, zumindest bedachte Pfarrerinnen und Pfarrer, auch vorsichtig: „Im Namen und Jesu Christi und im Auftrag, den er uns gegeben hat, spreche ich es euch zu: eure Sünden sind euch vergeben.“ Damit knüpfen wir an die Überlieferung des Johannes-Evangeliums an: Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.“(Johannes 20, 22-23) Man kann nicht einfach auf eigene Rechnung Sünden vergeben. Das wäre wirklich Gotteslästerung.

 4 Als aber Jesus ihre Gedanken sah, sprach er: Warum denkt ihr so Böses in euren Herzen? 5 Was ist denn leichter, zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf und geh umher?

             Jesus ist Gedankenleser. Herzenskenner. Er weiß, was im Inneren der Menschen vor sich geht. Ist das erschreckend oder beruhigend? Führt es zu Versteckspielen oder macht es nicht alle Versteckspiele auch im eigenen Gedankendschungel überflüssig?

Was ist an ihren Gedanken böse? Dass sie sein Gutes – die Vergebung der Sünden für Gotteslästerung halten. Dass sie die Befreiung nicht wahrhaben wollen, weil sie ihrem Denken widerspricht. Sie sehen nur den eigenmächtigen Menschen Jesus. Sie können sich gar nicht denken, dass er in seinem Vergeben den Willen Gottes tut. Dass es der Wille Gottes ist, dass Menschen aus dem Gefängnis ihrer Sünden befreit werden.

Was ist denn leichter? Dass es mit dem Zuspruch der Sündenvergebung zu einer realen Veränderung der Verhältnisse kommt, ist für uns nicht kontrollierbar, während die Wirkung eines Heilungswortes sichtbar vor aller Augen wäre. Auf den ersten Blick also: Die Heilung und das Heilungswort ist das Schwerere, denn: „Für dieses Sagen muss man den Tatbeweis antreten.“(U. Luz, aaO.  S37) Wenn sich nach dem Wort „Steh auf und geh umher“ nichts tut, ist man als Hochstapler entlarvt.

 6 Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, auf Erden die Sünden zu vergeben – sprach er zu dem Gelähmten: Steh auf, hebe dein Bett auf und geh heim! 7 Und er stand auf und ging heim.

             Jesus aber sieht es anders. Und demonstriert hier – ausnahmsweise – seine Sicht der Dinge. Es ist wirklich eine Ausnahmegeschichte und eine Ausnahme-Situation. Nie sonst lässt sich Jesus durch den Zweifel, den Einwand, zum Handeln bewegen. Nur hier. Aber dennoch: Es „ist keine Konzession an ihren Unglauben, sondern dient der Vergewisserung des Betroffenen und der für Jesu Wirken offenen Menge.“ (W. Klaiber aaO.  S.176)

             Was er tut, tut er als der Menschensohn .Wir haben es uns ein wenig angewöhnt diese Selbst-Bezeichnung der Menschensohn nur als ein Ohnmachtswort zu lesen. Im Gegenüber zum hoheitlichen und mächtigen Gottessohn. Der Satz aus dem Mund Jesu korrigiert. Er ist auch als der Menschensohn eben nicht der Ohnmächtige, sondern er hat Macht, Vollmacht. ξουσα. Macht, die den Himmel zu öffnen vermag, die bis in die Gegenwart Gottes reicht, weil sie aus seiner Gegenwart schöpft.

So spricht er das Wort der Befreiung. Steh auf, hebe dein Bett auf und geh heim! Und der, zu dem er so spricht, kann tun, was ihm gesagt wird. Gehorcht diesem Wort. Er gewinnt wieder Zugang zu seinem sozialen Umfeld, kann zurückkehren unter seine Leute. Er muss dafür sein Bett nicht wegwerfen, all die verlegenen Jahre auf dem Bett nicht streichen. Er kann sie tragen als seine Vergangenheit. Aber sie sind jetzt auch wirklich Vergangenheit, vor ihm liegt neue Zukunft.

  8 Als das Volk das sah, fürchtete es sich und pries Gott, der solche Macht den Menschen gegeben hat.

             Das Volk hört und sieht, was da vor sich geht – und fürchtet sich. Und preist doch Gott in einem Atemzug. Das ist auch so ein merkwürdiges Zwillingspaar: Furcht und Staunen und Erschrecken und Gott die Ehre geben.  Diese Mischung aus Staunen und Entsetzen, Sehen, was geschieht und mit weit aufgerissenen Augen fassungslos dastehen.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Es ist innerhalb des Evangeliums eine Steigerung der Reaktion. Die Sturmstillung löst Fragen aus. Die Geschichte im Land der Gadarener lässt Menschen Abstand von Jesus wünschen. Hier aber löst das Geschehen endlich das Lob Gottes aus. Es ist, als würde Matthäus durch diese unterschiedlichen Reaktionen die Leser-Gemeinde fragen: Und wie antwortet ihr auf das, was ihr von Jesus hört und mit Jesus erlebt?  Über die Zeiten hinweg: welche sicht auf Jesus gewinnt ihr mit solchem Erzählen? Stärkt es euer Zutrauen zu ihm oder mscht es euch ratlos?

 

Jesus, wie oft fehlt unseren Worten die Kraft. Wir wollen Mut machen, machen aber nur Worte. Dein Wort wirkt. Wenn Du uns sagst – Sei getrost. Fasse Mut – dann gibst Du uns festen Grund unter die Füße.

Dein Wort wirkt, richtet auf, öffnet Zukunft, auch da, wo wir keine Zukunft mehr glauben können. Amen