Wer bist du?

Matthäus 8, 23 – 27

23 Und er stieg in das Boot und seine Jünger folgten ihm.

             Genug geredet. Jetzt steigt Jesus in das Boot. Die Jünger tun es ihm gleich. Sie folgen ihm. Nachfolgen ist  für die Jünger etwas sehr schlichtes: einfach hinter Jesus her. Mir ist das eine wichtige Mahnung, das Wort „Nachfolge“ nicht zu sehr mit Bedeutung aufzuladen. „Wahre Jünger folgen Jesus auch dann, wenn es gefährlich werden kann.“(W. Klaiber, aaO.  S. 169) Aber von drohender Gefahr ist hier noch nichts zu sehen. Das Nachfolgen der Jünger geht in Schritten, die von außen betrachtet auch nur so aussehen: Schritte. Hier: Einsteigen in einen Boot.

 24 Und siehe, da erhob sich ein gewaltiger Sturm auf dem See, sodass auch das Boot von Wellen zugedeckt wurde. Er aber schlief.

Jetzt, als sie auf dem galiläischen Meer sind,  dem See Genezareth, wird es gefährlich. Ein gewaltiger Sturm. σεισμς μγας. Ein Beben, das die Welt erschüttert. Matthäus wählt das gleiche Wort das „auch in den Schilderungen der Katastrophen der Endzeit, unter denen die Verfolgung der Gemeinde einen wichtigen Platz einnimmt, vorkommt.“(E. Schweizer , aaO. S.143)Das mag ein Hinweis darauf sein, dass diese Geschichte auf doppelter Ebene erzählt: Im Vordergrund geht es um einen wirklichen Sturm, im Hintergrund aber um die Erschütterungen und Stürmen, denen den Gemeinde ausgesetzt ist.

Diesem Sturm sind alle preisgegeben, ausgeliefert, die im Boot sind. So heftig ist er, dass die Wellen das Boot überspülen. Es doch wohl zu sinken droht. Das Chaos tobt.

Er aber schlief. Was für ein Kontrast. Mitten im Sturm ein Schlafender. In himmlischer Ruh. Als ob ihm die Unbilden des Wetters nichts anhaben könnten. „Darin zeigt sich nicht der überlegene Mensch, der jederzeit Herr der Situation ist,  sondern der Herr der Elemente, der über ihrem Ansturm steht.“(U. Luz, aaO. S. 27) Ich bin noch ein weniger vorsichtiger: Ich  sehe schlicht einen Jesus, der schlafen kann, weil er sich geborgen weiß. Mitten im Sturm geborgen. Das ist keine Demonstration: Seht her, ich schlafe. Das ist ein einfacher, natürlicher Vorgang.

25 Und sie traten zu ihm, weckten ihn auf und sprachen: Herr, hilf, wir kommen um!

             Die Jünger suchen ihn, rütteln ihn auf, wecken ihn.  Sie erwarten sich von ihm Hilfe. Herr, hilf, ist die Gebetsbitte der Gemeinde im Mund der Jünger. Damit wird die Situation endgültig geweitet über den Augenblick hinaus. Denn es sind doch Fischer unter den Jüngern, Männer, die mit dem See und seinen Gefahren vertraut sind  und Jesus ist nicht Fischersjunge, sondern Zimmermanns-Sohn. Ihnen ist Jesus in diesem Augenblick nicht mehr nur der Gefährte auf dem Boot, sondern „der Herr“. Κριος. Zu ihm ruft die Gemeinde wie die Jünger: Kyrie, eleison.

  26 Da sagt er zu ihnen: Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam? Und stand auf und bedrohte den Wind und das Meer. Da wurde es ganz stille.

             Die erste Antwort Jesu hört sich wie Kritik an den Jüngern an. Aber man darf wohl nicht hören: Es gibt doch gar keinen Grund zur Furcht. Sondern in dieser Antwort deckt Jesus auf, was die Not ist: die Furcht der Jünger. Sie sehen nur die Gefahr. Diese Gefahr spült ihr Vertrauen, ihren Glauben über Bord, reißt ihn fort mit den Wellen, die über ihnen zusammenschlagen. Es ist die große Erschütterung, das Beben des Herzens, auf das diese Worte Jesu deuten. Darum nennt Jesus sie Kleingläubige, weil sie auf dem Weg der Nachfolge doch ihn in seiner schützenden Nähe  aus den Augen verloren haben.

Aber dabei bleibt es nicht. Jesus erhebt sich, steht in dem schwankenden Boot und spricht zum Wind und zum Meer. Zu den Elementen, denen sie ausgeliefert sind. „Er fährt sie an“ (U. Luz, ebda, S.21) Vielleicht könnte man auch sagen: Er herrscht sie an. Und bringt Wind und Wellen zum Schweigen. Es entsteht eine große Stille. Erhob sich zum Anfang ein großes Beben, so breitet sich jetzt eine große Stille aus.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,                                                                          So lass uns hören jenen vollen Klang                                                                                   der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,                                                                         all Deiner Kinder hohen Lobgesang.                                                                                                                  D. Bonhoeffer, Von guten Mächten, 1944, EG 65

Ein anderer Klang, ein neuer Ton. Es ist das Wunder, das manchmal geschieht: Dass mitten im Sturm Herzen gestillt werden, Zuversicht gestärkt wird, neuer Mut entsteht. Nicht nur bei Einzelnen, sondern auch in der Gemeinde. Es könnte so diese Erzählung von der Sturm-Stillung eine Mut-Mach-Geschichte für eine mutlose Kirche sein, die in den Stürmen der Zeit nur noch den geordneten Rückzug antreten will, weil sie vergisst, wer da an Bord des Schiffes schläft.

Es gibt Passagen in einen Psalm, die wie eine Parallele zu dieser Erzählung auf mich wirken.

Die mit Schiffen auf dem Meere fuhren                                                                                 und trieben ihren Handel auf großen Wassern,                                                                   die des HERRN Werke erfahren haben                                                                              und seine Wunder auf dem Meer,                                                                                        wenn er sprach und einen Sturmwind erregte,                                                                 der die Wellen erhob,                                                                                                                    und sie gen Himmel fuhren und in den Abgrund sanken,                                                dass ihre Seele vor Angst verzagte,                                                                                   dass sie taumelten und wankten wie ein Trunkener                                                        und wussten keinen Rat mehr,                                                                                                 „die dann zum HERRN schrien in ihrer Not“,                                                                    und er führte sie aus ihren Ängsten                                                                                        und stillte das Ungewitter,                                                                                                        dass die Wellen sich legten                                                                                                     und sie froh wurden, dass es still geworden war                                                                 und er sie zum erwünschten Lande brachte:                                                                          „Die sollen dem HERRN danken für seine Güte                                                                 und für seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut,“                                         und ihn in der Gemeinde preisen und bei den Alten rühmen.                                                                              Psalm 107, 23-32

             Meine Vermutung: wenn die ersten Leserinnen und Leser des Evangeliums diesen Psalm kannten, machte er diese Geschichte der Sturmstillung für ein Verstehen Jesu bereit, für das ihnen die Worte dennoch erst einmal noch fehlen mochten.

 27 Die Menschen aber verwunderten sich und sprachen: Was ist das für ein Mann, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind?

             Kein Wunder, dass die Menschen sich verwundern, staunen, ins Fragen geraten, sich wohl auch ein wenig entsetzen. Das sind aber jetzt nicht die Jünger mit im Boot, sondern es sind die Menschen. Leute, die davon hören. Beobachter vom Ufer her? Schwer vorstellbar. Oder Insassen anderer Boote? Genauso schwer in der realistischen Szene vorstellbar. Oder sind es Menschen, denen von dieser Erfahrung erzählt wird?

Wie auch immer, sie geraten ins Fragen. Über diesen Geschehen. Aber sie fragen eben nicht: Wie geht so etwas denn? Was steckt hinter diesem Phänomen von plötzlichem Sturm und plötzlicher Stille. Sondern sie fragen: Wer ist das? Was ist das für einer? Wind und Meer sind ihm gehorsam. In der Frage meldet sich die Ahnung: Wir haben es mit einem zu tun, den wir nicht begreifen können. Es ist ein wichtiger Schritt im Glauben: Fragend zu bleiben, sich nicht mit den korrekten angelernten Antworten zufrieden zu geben, sondern sich immer neu auszustrecken nach ihm, seiner Nähe zu trauen, auch im Sturm.    

Was mich beschäftigt:

 Der Schläfer im Sturm löst Fragen, auch und gerade an mich selbst aus: Wie steht es mit meinem Gottvertrauen? Kann ich mich loslassen, weil ich mich geborgen weiß, auch im Sturm? Ich bin davon überzeugt: Schlafen, Einschlafen ist so etwas wie eine geistliche Übung. Ich rechne mit der Gegenwart des Vaters im Himmel und gebe mich und die Welt in seine Hände. Es mag nicht fair sein, aber ich denke so: Manche Schlafstörung wird hier in ihre Wurzel haben, in der Unfähigkeit, sich anzuvertrauen, es zu glauben, dass die Welt auch in ihren Stürmen gut aufgehoben ist.

Nun, Brüder eine gute Nacht. Der Herr im hohen Himmel wacht                                 In seiner Güte uns zu behüten ist er bedacht.          A. W. von Zuccalmaglio 1840

 Ich möchte es lernen, Nacht um Nacht üben: Ich lege alles ab, was mich sorgt, was mich quält, was ich glaube, regeln zu müssen und lasse mich los in die Hände Gottes. Ich weiß, dass mir das bitter schwer fällt. Weil ich so oft das Heft des Handelns in der Hand behalten will. Weil ich manchmal darunter leide, dass ich die Stürme meines Lebens nicht mit einem Machtwort zum Schweigen bringen kann, sie nicht anherrschen kann. Vielleicht kann ich das lernen an dem schlafenden Jesus.

Am Ende dieses langen Tages lege ich ab Bücher
Briefe
Akten
Schlüssel
Schuhe
Kleider und die Uhr
Am Ende dieses langen Tages lege ich auf dich Ängste
Sorgen
Mühen
Lust
Trauer
Sehnsucht und meine Schuld
Am Ende dieses langen Tages lege ich mich
ganz und gar
still und geborgen
mein guter Gott
in deinen Schutz und Frieden.
J.Hansen, Nach dem Dunkel kommt ein neuer Morgen, Wesel 1978, S.60 

 

Mein Jesus, Wunder über Wunder, Staunen über Staunen, Fragen über Fragen. Wer bist Du? Bis ans Ende meiner Tage werde ich nicht aufhören zu staunen, zu fragen, mich zu verwundern über Dich. Wer bist Du

Manchmal leuchtet Dein Bild vor mir auf in den Stürmen des Lebens und ich kann still werden, auch mit allen meinen Fragen, weil ich geborgen bin in Dir. Amen