Und DU?

Matthäus 8, 18 – 22

 18 Als aber Jesus die Menge um sich sah, befahl er, hinüber ans andre Ufer zu fahren.

Jesus sucht das Weite. Ob man so weit gehen darf: Weil ihm die Leute zu viel sind oder es zu viele Leute sind? Weil er spürt, dass ein Ortwechsel jetzt angesagt sein könnte. Es ist ziemlich nachdrücklich: er befiehlt. κλευσεν Ein wenig sanfter würde die auch mögliche Version klingen: er fordert sie auf. Er hat deutlich eine Führungsrolle inne und nimmt sie auch genauso deutlich an. Es sind Leute um ihn, die diesen Befehl hören und ihm gehorchen wollen.

 19 Und es trat ein Schriftgelehrter herzu und sprach zu ihm: Meister, ich will dir folgen, wohin du gehst.

             Aus der Menge am Ufer, die sich um die Boote drängt, löst sich einer heraus. Ein Schriftgelehrter.  γραμματες – einer, der mit der Grammatik umzugehen gewohnt ist. Einer, der sich ständig mit der Schrift beschäftigt, auf sie hört, in ihr forscht. Freiwillig und von Berufs wegen. Er will mit Jesus gehen. Mit auf die andere Seite des Sees. Wohin auch immer der Weg führen könnte. Er will dabei sein. Folgen. κολουθσω. Das ist kein Allerweltswort: Ich will mit dir gehen. Es ist das Wort, das Matthäus gebraucht, wenn er vom Nachfolgen und der Nachfolge spricht. Das Wort, mit dem er den Aufbruch der vier Jünger Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes beschrieben hat. Das Wort auch, mit dem die Gemeinde ihren Weg mit Jesus charakterisiert: Immer nur hinter Jesus her.

Auffallend: dieser Schriftgelehrte, der Jesus folgen will, spricht ihn als Meister an. Διδσκαλε. Lehrer könnte man auch sagen. Er vermeidet die Anrede „Herr“. Vielleicht ist er sich noch nicht darüber im Klaren, was er in Jesus sehen soll – ob einen Lehrer, der die Schrift auslegt oder den Herrn, was immer das auch bedeuten mag. Und doch ist er voll guten Willen, sich auf diese Überfahrt einzulassen, auf einen neuen Weg, den er noch gar nicht überblicken kann. Noch kein Jünger, wohl aber ein Suchender, Fragender. Einer der Klarheit will.

Ob das nicht geeignet sein kann, unser so fest gefügtes Bild von den Schriftgelehrten zu erschüttern? „Die Angehörigen dieses Berufstandes werden von Matthäus meist als Kritiker Jesu geschildert.“(W. Klaiber, aaO. S.165) Es ist hier doch großartig anders: Keine Kritik, keine Spitzfindigkeit, sondern da will sich einer Jesus als Lehrer wählen. Von ihm lernen, sich von ihm leiten lassen. Es fällt auf: bei Lukas ist der, der so fragt irgendeiner, kein Schriftgelehrter. Es scheint eine möglicher Anfang für viele zu sein, die den Weg hinter Jesus auf sich nehmen wollen.

20 Jesus sagt zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.

Jesus reagiert merkwürdig. Seltsam zurückhaltend, fast abweisend. Jedenfalls nicht mit einem „Wunderbar“. Sondern eher mit einer Nachfolge-Warnung: Hast du dir das gut überlegt, worauf du dich einlassen willst? Der Weg, auf den er sich einlassen würde, ist ein Weg in die Heimatlosigkeit. In ein Leben ohne die kleinste Sicherheit. Nicht einmal eine Grube, nicht einmal ein Nest. Jeder Fuchs und jeder Vogel ist besser dran.

Der Menschensohn sagt Jesus und spricht von sich selbst. Aber er sagt eben nicht einfach nur „Ich“. Haben die Zuhörer hören können, was dieses Wort für eine Füllung hat? Die Leser*innen des Evangeliums haben es wohl verstanden, dieses seltsame Geheimnis, „dass der, der auferstanden ist und als Weltentrichter kommen wird, in absoluter Armut und Heimatlosigkeit leben musste.“(U. Luz, aaO. S.23)

 Vor Augen aber haben sie einen, der aussieht wie jedermann. Und er ruft in ein Leben hinein, das auf den ersten und auch den zweiten Blick nichts zu bieten hat. Das keinen Lebensgewinn verspricht. „Wer diesem Lehrer folgen will, der muss auch seine Ungesichertheit, Heimatlosigkeit und Armut teilen.“(W. Klaiber, aaO, S.166) Dieses Jesus-Wort ist eine Warnung über die Zeiten hinweg, an uns heute: Es geht nicht an, den Weg der Nachfolge dadurch attraktiv zu machen, dass man Lebenserfolge verspricht, aufzählt, was es bringt oder nützt. Ganz im Gegenteil: es kennzeichnet den Weg hinter Jesus her geradezu, dass er zu nichts nütze ist, keine Vorteile bringt, keinen Erfolg verspricht. Nur eben: Bei ihm sein. Das Leben mit ihm teilen.

21 Und ein anderer unter den Jüngern sprach zu ihm: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. 22 Aber Jesus spricht zu ihm: Folge du mir und lass die Toten ihre Toten begraben!

             Noch ein anderer tritt aus der Menge hervor. Von ihm heißt es einer unter den Jüngern. Demnach doch einer, der  schon mit auf dem Weg ist – und der diesen Weg auch nicht in Frage stellt. Einer, der schon gehört hat und sich hat rufen lassen. Nur eben: da ist noch etwas, das vor der Überfahrt, vor den nächsten Schritten zu tun ist. Zuvor.

       Es wirkt, als sei das eine Bitte, die gerade erst entstanden ist. Der Vater ist eben erst gestorben. Jetzt ist es doch Pflicht des Sohnes, für seine Beerdigung zu sorgen. Das ist selbstverständlich, für Juden, für Römer, für Griechen – und für uns heute. Umso schockierender die Antwort Jesu: „Lass die Toten sich gegenseitig  begraben.“(Volxbibel, S. 969) Was macht es, wenn ein paar Gräber offen bleiben, ein paar Leichen unbestattet herum liegen. So radikal ist die Herausforderung, die Jesus an seine Leute richtet. Da ist ein offenes Grab – na und? Mit Pietät, wie wir das verstehen und von Gott her für geboten halten, hat das nichts mehr zu tun.

Es ist ein Bruch mit der Tradition, mit der Pietät, mit der Familie, der hier in den Blick rückt, der erschrecken lässt. „Ein Bruch um des Gottesreiches willen, den er offenbar selbst vollzogen hat, von seinen Nachfolgern forderte und den auch die nachösterliche Gemeinde immer wieder erlebte.“ (U. Luz, aaO.  S.25) Wenn etwas in diesen Worten deutlich wird, dann dies, dass es mit dem Glauben nicht um eine nette Freizeitbeschäftigung für religiös empfindsame Leute geht. Es geht um Gehorsam, um Nachfolge, um Schritte heraus aus der bürgerlichen Sicherheit und Gewohnheit.

Auch hier hören wir nicht, wie die Reaktion ist, welche Antwort dieses so harte Wort Jesu findet. Ob der Sohn das offene Grab hat Grab sein lassen? Ob er doch den Vater erst begraben hat und dann auf anderen Wegen auf die andere Seeseite gekommen ist? Ob er am Ende rechtzeitig in Jerusalem war – rechtzeitig zu Passah und Ostern?

Was mich beschäftigt.

Wir erfahren nicht, wie der Schriftgelehrte reagiert. Ob er mit ans andere Ufer fährt oder zurückgeschreckt zurück bleibt. Wir erfahren nicht, wie der Jünger auf die harten Worte Jesu  – lass die Beerdigung ausfallen – reagiert? Das lässt den Fortgang offen und stellt in dieser Offenheit uns Leser*innen vor die Frage: Wie würdest du denn reagieren – das ist die Frage, die sich uns stellt.

 Was ist meine Antwort? Mein Weg? Und wie viel darf er mich kosten?

Für uns als Ehepaar stellt sich das so dar: Wir lernen seit Jahren, dass es mit der „Lebensplanung“ nichts (mehr) ist. Wir lernen, Tag für Tag zu nehmen. Wir üben ein, ohne feste Weg-Route, ohne vorgegebenen Plan unterwegs zu sein.  Die Zeit freizuhalten, um auf Hilferufe zu reagieren. Nicht mehr selbstbestimmt zu leben, sondern die Regie über das eigene Leben aus der Hand zu geben.

Ganz neu ist das nicht. Früher hat der Beruf die Termine und Fixpunkte gesetzt. Jetzt ist es die Familie mit ihren Bedürfnissen. Vielleicht ist das für uns neu zu lernen: Nachfolge hat auch diese Gestalt: Die Regie über das eigene Leben einem anderen überlassen. Weil ich ja gar nicht mehr weiß, wie es gehen soll.  Was bleibt, beständig bleibt, ist nur dies eine: Bei Jesus bleiben, wohin der Weg auch gehen mag.

 

Jesus, immer nur hinter Dir her, immer nur Deine Nähe, immer nur Dein Wort. So radikal bin ich nicht. Ich habe viele Kompromisse gemacht, Zugeständnisse, auch Abstriche -manchmal aus Feigheit, manchmal aus Trägheit und Gewöhnung. Aber immer noch suche ich Deinen Weg, weil bei Dir das Leben ist. Lass mein Suchen nicht ins Leere gehen. Amen