Einfach so

Matthäus 8, 14 – 17

14 Und Jesus kam in das Haus des Petrus und sah, dass dessen Schwiegermutter zu Bett lag und hatte das Fieber. 15 Da ergriff er ihre Hand und das Fieber verließ sie. Und sie stand auf und diente ihm.

             Der Szene auf der Straße von Kapernaum folgt eine Szene im Haus des Petrus. Jesus betritt dieses Haus. Hat Petrus ihn eingeladen? Er kommt dorthin, wie man zu guten Bekannten kommt. Es wirkt wie ein selbstverständlicher Aufenthalt. Wie nebenbei erfahren die Leser*innen, dass Petrus verheiratet ist und seine Schwiegermutter bei ihm wohnt, mit der Familie lebt. Wenn das Haus des Petrus wirklich so „eine Art Standquartier“ Jesu war (W. Klaiber, aaO.  S162), dann müsste Jesus sie als Hausgenossin gekannt haben.

 Sie ist krank. Liegt mit Fieber im Bett. Weil Menschen manchmal Fieber haben, damals, heute auch noch. Die Erzählung gibt nichts her für die steile These: dass „jede Krankheit letztlich eine Folge der Sünde ist.“(F. Jung, in: Bibel für heute 2019. Stuttgart/Giessen, S. 236) Niemand hat ihn aufmerksam gemacht – Jesus nimmt diese Kranke wahr. Einmal mehr ist sein Sehen der Anfang der Hilfe. Durchaus bemerkenswert: „Es ist die einzige Heilung, bei der Jesus völlig aus eigener Initiative handelt.“(E. Schweizer, aaO.  S. 140)  Keine Bitte, kein Hinweis, auch kein Wort, auch nicht von Jesus. Er geht auf sie zu, ergreift ihre Hand und das Fieber weicht. Sofort. Ein völlig unspektakulärer Vorgang.

Auch was weiter geschieht, ist so alltäglich wie nur möglich. Die vom Fieber befreite Frau steht auf und dient ihm. Kümmert sich um den Haushalt, um das Wohl der Gäste. „Meist wird das so verstanden, dass sie für Jesus und seine Jünger das Abendessen vorbereitet hat.“ (W. Klaiber, ebda. S. 163) Fast ist man versucht zu fragen: Ist sie nur geheilt worden, damit sie sich um das Essen kümmern kann, ihrer Tochter zur Hand geht?

Man kann darüber nachdenken, ob mehr gemeint ist. Sie diente ihm heißt es. Nur ihm. Nicht dem ganzen Jüngerhaufen. Die griechische Verbform allerdings deutet auf eine sich über lange Zeiträume erstreckende Tätigkeit hin, nicht nur auf das kurzfristig vorbereitete Abendessen. Dann könnte in dem unscheinbaren Sätzchen „eine sehr viel umfassendere Form tätiger Unterstützung und Nachfolge“(W. Klaiber, ebda) angedeutet sein. In einer ganz unauffälligen Alltagsgestalt.

  16 Am Abend aber brachten sie viele Besessene zu ihm; und er trieb die Geister aus durch sein Wort und machte alle Kranken gesund, 17 damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht (Jesaja 53,4): »Er hat unsre Schwachheit auf sich genommen, und unsre Krankheit hat er getragen.«

             Neben die ausführlich erzählten drei Heilungen tritt ein Summarium. So sind die drei Heilungen Einzelfälle, aber zugleich auch Teil eines größeren Geschehens. Jesus findet Zulauf, als einer, der Geister austreibt und Kranke heilt. Alle, ohne Ausnahme. Auch ohne danach zu fragen, ob sie in ihm mehr sehen als einen Heiler. Die Menschen werden zu ihm gebracht und er hilft. Bringt zurecht. Öffnet den Weg ins Leben neu.

Ausdrücklich betont Matthäus: er treibt die Geister durch sein Wort aus. Was in der Bergpredigt programmatische Rede sein könnte, aber nur Rede, das wird hier  Befehlswort, wirksames Wort. „So soll das Wort, das aus meinem Munde geht, sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“ (Jesaja 55,12) An der Kraft dieses göttlichen Wortes haben die Worte Jesu Anteil.

Es folgt ein Schriftzitat. Bemerkenswert; „Nur hier wird Jesaja 53 in den Evangelien ausdrücklich zitiert.“(E. Schweizer, ebda. S.140) Auffällig an diesem Zitat: Es hebt nicht auf das stellvertretende Leiden des Gottesknechtes ab, sondern darauf, dass er unsere Schwachheit und Krankheit auf sich nimmt. Bildlich hat das Ausdruck gefunden im „Isenheimer Altar“ in Colmar. Da ist der Gekreuzigte gezeichnet von allen Krankheiten, die der Mahler Matthias Grünewald in seiner Zeit kannte. Das Bild hing im Siechenhaus, im Krankensaal. Als Trost und Versprechen zugleich für alle Kranken. Was ihr zu tragen habt, hat er getragen.

Es ist Matthäus 8,17 ganz deutlich, dass Christus nicht hilft kraft seiner Allmacht, sondern kraft seiner Schwachheit.“(D. Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, München 1968, S. 178) Vom Text her muss man es anders sagen: Man darf in diese Szene nicht die Bilder des leidenden Gottesknechtes vom Kreuz her eintragen. Matthäus zeigt hier Jesus, wie er seine Kraft einsetzt, verwendet für die, die es nötig haben. Einfach, weil es not-wendig ist.

Das ist wohl etwas, was auch wir heute, als Einzelne, Kirchengemeinden, Kirchen, immer neu zu lernen haben: zu helfen mit unserer Kraft. Ohne jede andere Motivation als die: es ist not-wendig.

Zum Weiterdenken:

Manchmal geschieht etwas. Unverhofft, unerwartet, einfach so. Man kann und muss es nicht einplanen. Die Gegenwart Jesu ist heilsam, einfach darin, dass er da ist. Sieht, wie die Dinge stehen. Niemand muss etwas erklären, erbitten. Vielleicht ist diese schlichte Erzählung ein Hilfe frei zu werden von einem zwanghaften „Es muss erbeten sein.“ Es ist ein Satz, der hierher passt: „So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.“(Römer 9,16) Darauf gibt es kein Recht, wohl aber ein Hoffen. Und manchmal geschieht es einfach.

Eine so unspektakuläre Heilung hat doch tieferen Sinn. Alle gehen zur Tagesordnung über. Vielleicht hilft das, die eigenen Erwartungen an das Sichtbarwerden von Christsein ein wenig zu relativieren. Das Dienen der Schwiegermutter des Petrus wird für Jesus spürbar. Ob es für die Öffentlichkeit sichtbar wird, ist nicht wirklich interessant. Ob es sie in die Synagoge führt, ob es von frommen Übungen begleitet, umrahmt, unterbaut ist, ist auch nicht interessant. Ich fühle mich erinnert an den Hinweis Luthers auf die Magd, die Kühe melkt, sonst nichts, und darin Gott dient.

 

Jesus, Du heilst. Du richtest auf. Du stärkst zu neuen Schritten ins Leben. Darauf traue ich, zusammen mit so vielen, die sich nach Heil und Heilung sehnen, nach neuer Kraft, nach einem neuen Weg, der das Leben in die Weite führt. Amen