Wie Glaube aussieht

Matthäus 8, 5 – 13

5 Als aber Jesus nach Kapernaum hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm; der bat ihn  6 und sprach: Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen.

             Der Weg vom Berg hinab führt nach Kapernaum. Hafendorf am See Genezareth. Dort tritt ihm ein Hauptmann entgegen. Die Ausleger sind sich weitgehend einig: „ein im Dienst des Herodes Agrippa stehender heidnischer Kommandant einer Hundertschaft.“(U. Luz, aaO.  S.14) Ein Centurio. So die lateinische Übersetzung der Vulgata. Er kommt, weil ihn eine Not bewegt. Sein Knecht ist krank. Es ist nicht irgendein Knecht, einer unter vielen. Es ist sein Bursche, der ihm so lieb ist, dass er ihn „seinen Jungen“ nennt. Vielleicht sogar sein Kind.

πας – die Vulgata übersetzt puer – wird von Matthäus fast immer in der Bedeutung von Kind, Sohn verwendet. Dann hätten wir in dem Hauptmann womöglich einen besorgten, bekümmerten Vater vor Augen, der sich um seinen Sohn ängstigt, der gelähmt ist und schwer leidet. So liest es sich ja im 4. Evangelium: „Es war ein Mann im Dienst des Königs; dessen Sohn lag krank in Kapernaum.“(Johannes 4,46) Er aber steht dabei und kann nichts tun. So viel er sonst befehlen kann, soviel Macht er sonst hat ‑ hier ist er hilflos. Er kann herumkommandieren, er kann herumschreien, er kann wüten oder stumm vor sich hin grübeln. Alle seine Befehlsgewalt nützt nichts, alle seine Machtworte bleiben wirkungslos: er steht an einer Grenze, an der er nichts mehr vermag.

 In dieser Lage, sucht er Hilfe. Bei Jesus. Wie er auf ihn als Helfer kommt, wird nicht erzählt. Er geht zu ihm und sagt ihm seine Not. Mehr nicht. In dem Sagen steckt die Frage, steckt die Bitte: „Willst du nicht helfen?“ In diesen Worten überlässt der Hauptmann sich und sein Wünschen ganz dem Willen Jesu. Er schreibt ihm nichts vor. Aber er erwartet alles von ihm. Das ist Vertrauen, das alles auf eine Karte setzt, das sich an Jesus ganz ausliefert. Das ist Wagen des Glaubens.

  7 Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen.            

      Wenn Jesus so antwortet, dann hat er die Bitte hinter der Schilderung der Krankheit gehört. Aber der griechische Satz kann auch als Frage verstanden und wiedergegeben werden: „Ich soll kommen und ihn heilen?“(Basisbibel und viele Kommentare) Die Begründung für diese Übersetzung: „Das Sätzchen ist als Frage zu übersetzen, a) weil nur dann das betonte  γ (ich) sinnvoll ist, b) weil auch in der verwandten Geschichte 15, 21-28 Jesus die Bitte der Heidin ablehnt.“(U. Luz, aaO.  S.12) Allerdings, auch die mögliche Rückfrage Jesu muss keine Ablehnung sein. Aber die folgende Worte des Hauptmannes schließen an eine solche Frage besser an als an die Aussage: Ich will kommen

  8 Der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund. 9 Denn auch ich bin ein Mensch, der Obrigkeit untertan, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er’s.

             Spürt der Hauptmann einen inneren Widerstand bei Jesus? Jedenfalls akzeptiert er, dass da eine Schwelle ist, die er Jesus nicht zumuten will zu übersteigen. „In Palästina betritt der Jude das heidnische Haus nicht, um sich nicht zu verunreinigen.“(E. Schweizer, aaO. S.138) Ich bin nicht wert meint also nicht: ich bin moralisch defizitär. Unwürdig. Als Person nichts wert. κανς – ich bin nicht so „bedeutend“(Gemoll, aaO. S. 385), dass du dir deshalb Umstände machen müsstest. Es ist das schlichte Eingeständnis: Ich kann nicht erwarten, dass du, Jesus, um meinetwillen eine Grenze überschreitest, die dein Gesetz dir zieht.

Wir hören diese Worte, nicht zuletzt durch unsere Abendmahlstradition, anders. Da heißt es in der Liturgie: „Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach kommst, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“ Da geht es um Schulderkenntnis, um die Einsicht in die völlig unverdiente Gnade. Hier in der Erzählung des Matthäus geht es um eine soziale Grenze.

Diese Grenze akzeptiert der Centurio. Und überschreitet sie doch sogleich mit den folgenden Worten. Er kennt sich aus mit der Macht, die Worte haben. Er weiß,  was Befehle sind. Sie setzen Wirklichkeit in Gang. Und dann folgert er gewissermaßen aus seiner Erfahrung: „Wenn schon ich, als kleiner Offizier Befehle geben kann, wie viel mehr dann du“. (U. Luz, aaO.  S.15)Das steckt hinter seinen Worten: Jesus hat Befehlsgewalt über die Krankheit. So sieht der Hauptmann diesen jüdischen Mann auf der Straße. Κριε redet er ihn an – es ist im Evangelium des Matthäus die Anrede der Glaubenden an Jesus. Ihm ist Jesus nicht irgendwer.

 Es ist ein „Spielen“ mit dem Wort ξουσα, Macht. Vollmacht. Aus dem, was der Hauptmann von sich selbst kennt, dass er eine verliehene Befehlsgewalt hat, die er auch gebrauchen kann, folgert er die Befehlsgewalt Jesu. Sie ist verliehen. Von Gott. Er, Jesus, kann sie gebrauchen. Und sie wird tun, was er will.

Im Hintergrund mag eine Sicht auf die Worte Jesu stehen, die sich aus dem Gottes-Wort speist, das der Prophet weitergibt: „So soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“(Jesaja 55, 11) Genau das ist die Erwartung an Jesu Wort: Es ist wirkendes Wort und nicht fruchtloses Gerede. Woher dieses Vertrauen bei dem Centurio kommt, steht nicht zur Debatte. Er hat es einfach.

10 Als das Jesus hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden!

             In diesen Worten hört Jesus Glauben. Vertrauen. Πίστς. Glauben und Vertrauen – beides ist in diesem Wort eins. Er stellt den Glauben dieses Mannes fest. Nicht der Hauptmann beteuert seine Gläubigkeit. Das ist fast durchgängig so in den Texten bei Matthäus, Markus und Lukas: Jesus bestätigt Worte und Verhalten als Glauben. Er stellt ihn fest, nicht wir bescheinigen ihn uns selbst. Diese Beobachtung könnte – und sollte wohl auch – vorsichtig machen im Reden über den „eigenen Glauben“.

Hier aber: ein Glaube wie sonst bei keinem in Israel. Es ist wie ein großes Ausrufezeichen: in der ersten Begegnung mit einem heidnischen Menschen trifft Jesus auf einen Glauben, ein Vertrauen, das ihn staunen macht. Sofort ist die Frage da: Wird Israel hinter diesem unbedingten Vertrauen zurück bleiben? Und die Frage an die Leserinnen und Leser von heute: Seht ihr in diesem Hauptmann ein Bild für das, was euer Glaube sein kann? „Bedingungsloses Zutrauen zu Jesu helfender Macht, das sich nicht abweisen lässt.“ (U. Luz aaO.  S.15) Darin Vorbild für alle, die von diesem Centurio hören.

11 Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; 12 aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern.

             Dieses Wort weitet die Situation auf der Straße von Kapernaum. Es gilt denen, die dabei sind. Zuschauern, Zuhörern und wohl auch den Leserinnen und Lesern des Evangeliums. Ein Wort, das auf die Zukunft verweist: was sich hier ereignet hat, wird seine Fortsetzung finden. Aus aller Herren Länder werden Menschen kommen wie dieser Hauptmann. „Der Hauptmann wird zum Erstling der Heidenkirche.“ (U. Luz, aaO.  S.16) Zugleich aber deutet dieses Wort auch einen Mehrwert an: Dieser Glaube bringt nicht nur irdische Heilung mit sich,  er öffnet auch den Weg zum ewigen Heil im Himmelreich.

Die Worte am Ende: da wird sein Heulen und Zähneklappern finden sich im Evangelium des Matthäus wiederholt: 13,42.50; 22,13; 24,51; 25,30. Man kann den Platz im Himmelreich versäumen. Die Kinder des Reiches, genauer: die Söhne des Reiches ist keine gebräuchliche Bezeichnung für das jüdische Volk. Deshalb darf man auch hier nicht so etwas wie eine pauschale Verwerfung Israels hören. Sondern es ist eine Warnung an alle, die meinen, gewissermaßen durch Geburt, Herkunft und Dasein schon dazu zu gehören – ob Juden oder Christen.

Finsternis – das ist nichts anderes als die selbstgewählte Ferne von Gott, die unüberbrückbare Distanz, die das Licht zwar noch sieht, aber sich nicht mehr im Licht bergen kann.

  13 Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast. Und sein Knecht wurde gesund zu derselben Stunde.

Über diesen grundsätzlichen Worten geht aber die konkrete Geschichte nicht unter. Sie findet ihren Abschluss in einem weiteren Wort Jesu, diesmal an den  Hauptmann gerichtet. Er darf sehen, was er geglaubt hat. Dazu soll er hingehen. Die Wahrheit des Glaubens, dass das Vertrauen berechtigt ist, zeigt sich im Gehen auf dem Weg, den Jesus weist. Was Jesus seine Jünger bitten gelehrt hat: Dein Wille geschehe (6,10), das darf der Hauptmann jetzt sehen. Sein Bitten ist erhört.

Zum Weiterdenken

Woran wird Glaube sichtbar? Heute halten sich Menschen für ungläubig, weil sie sagen: Die Lehren der Kirche sagen mir nichts. Sie sind für mich Leersätze. Sind sie deshalb ungläubig? Der Glaube des Hauptmanns besteht darin, dass er bei Jesus Hilfe sucht, Hilfe erbittet. Welche Sätze über Gott er für wesentlich, richtig hält, spielt keine Rolle. Nur sein Hilferuf zählt. „Der Ernstfall des Glaubens ist das Gebet.“ habe ich gelesen, ich weiß nicht mehr wo und wann. Das ist eine Definition, die zu dem Hauptmann passt. Eine Definition, die unser engens Denken weiten könnte. Weil dann alle gläubig sind, die ihre Not in Richtung Gott herausschreien, selbst wenn sie manchmal vermeintlich auch nur in sich hinein seufzen.

 

Jesus, öffne mir die Augen zu sehen, wo Menschen leiden in meinem Haus, in meiner Nähe und in unserer Welt. Öffne mir die Ohren zu hören, wo Menschen bitten und in Gefahr sind, in ihrer Not zu verstummen. Öffne mir das Herz zu spüren, wo Menschen am Leben verzagen,Erbarmen suchen.

Lenke meine Schritte, wo Wege nötig sind. Lass mich dorthin gehen, wo Hilflosen die Kräfte für eigene Wege fehlen.

Jesus, lehre mich für andere bitten, Deine Hilfe glauben, Deiner Macht trauen. Heute und hier für die in meinem Haus, in meiner Nähe und für mich selbst.  Amen