Ich will

Matthäus 8, 1 – 4

1 Als er aber vom Berge herabging, folgte ihm eine große Menge.

             Die Bergpredigt ist zu Ende. Wenn sie den jemals so, wie Matthäus sie aufgeschrieben hat, gehalten worden sein sollte. Jesus bleibt nicht für immer auf dem Berg. Er geht hinunter, ins Tal. „Aus den Höhen seiner Lehre herab in die Niederungen menschlichen Leids.“(W. Klaiber, aaO.  S.156) Dass ihm viele „nachfolgen, kennzeichnet sie als potentielle Kirche“. (U. Luz, Das Evangelium nach Matthäus (8 – 17) EKK 1/2, Zürich 1990, S. 9) χλοι πολλο. Wörtlich: „Viele Haufen.“ Männer, Frauen, Junge, Alte. die Jünger vom See mittendrin. Sie alle haben ihn gehört. Jetzt werden sie sehen, was er tut. Und könnten so, im Hören und Sehen zu Nachfolgern, Jüngerinnen und Jüngern, Christinnen und Christen werden. 

  2 Und siehe, ein Aussätziger kam heran und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, wenn du willst, kannst du mich reinigen.

Es geschieht Dramatisches, auch wenn es nicht sofort so aussieht. Aber Und siehe – κα δοfordert Leserinnen und das Volk um Jesus herum zur Aufmerksamkeit auf. Ein Aussätziger kommt und fällt vor ihm nieder. Auf die Knie. Bittend. „Hinzutreten und Niederfallen bezeichnet im Alten Testament häufig die kultische Anbetung.“(E. Schweizer, aaO. S.136) Hier aber ist es auf dem Weg, weit und breit keine Kultstätte. So kann es nur heißen: Der Aussätzige ehrt den, vor dem er niederfällt, wie es sonst nur Gott im Tempel zukommt.

Das wird unterstrichen durch seine Anrede: Herr. Κύριε. Das ist bei Matthäus nicht Höflichkeitsfloskel, sondern Anrede, „die nur im Mund Glaubender erscheint.“(E. Schweizer, ebda.) Es ist in der ganzen Episode das einzige, winzige Signal von so etwas wie Glauben. Woher der Aussätzige diesen Glauben hat, wird nicht erklärt, spielt auch keine Rolle. Er zeigt ihn in seiner Bitte. In diesem Zutrauen auf die Macht und den Willen Jesu: wenn du willst. In dieser Bitte vertraut er sich ihm an.

Es ist eine Bitte, die aufs Ganze geht. „Die Rabbinen verglichen die Heilung eines Aussätzigen mit der Auferweckung eines Toten.“(W. Klaiber, aaO.  S.157) Das traut der Aussätzige Jesus zu. Er will zurück ins Leben. Wieder rein sein – nicht mehr gefangen in seiner Krankheit, ausgeschlossen aus der Gemeinschaft, weggesperrt auch vom Gottesdienst. Das alles sind ja die Folgen des Aussatzes, der Lepra. λπρα. Ob es sich nun dabei um Lepra, wie wir sie heute kennen, oder Psiorasis oder Vitiligo oder sonst eine Hautkrankheit handelt, ist nebensächlich. Die Wirkung ist immer die Gleiche: Lebendig dem sozialen Tod völliger Isolation ausgeliefert.

Es gehört zur Eigenart der Erzählungen bei Matthäus: Glaube ist nie das Hersagen von dogmatischen Formeln. Auch nicht nur das Hersagen von Überzeugungen über Gott. Sondern Glaube ist die Bitte, die sich mit einer konkreten Not an Jesus wendet. Die ihm Hilfe zutraut und abverlangt. Die ihn hineinruft in die eigene Lebens-Lage. Immer geht es um die eigene Existenz, wenn es um Glauben geht.

3 Und Jesus streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach: Ich will’s tun; sei rein! Und sogleich wurde er von seinem Aussatz rein.

             Die Bitte findet Antwort im Tun Jesu. Er rührt den Aussätzigen an. Einen, der doch durch seine Krankheit unberührbar geworden ist. Jesus scheut vor dieser Berührung nicht zurück. Vielleicht kann man sagen: er berührt ihn, weil er durch sein Bitten berührt ist.

Streng genommen riskiert Jesus, dass er selbst „unrein“ wird. Ausgeschlossen und ausgestoßen. Denn es geht um Ansteckungsgefahren.  Die Bilder, die wir aus Ebola-Gebieten heute sehen, zeigen, was auf dem Spiel steht. Trotzdem berührt er ihn. Steckt ihn an mit seiner Gesundheit. Vielleicht darf ich auch sagen: mit seiner Lebenskraft – und begleitet sein Tun mit dem schlichten Satz: Ich will – sei rein. Der Aussätzige hat sich seinem Willen bittend hingehalten und Jesus antwortet mit seinem Ich will. Θλω. Der Wille Jesu ist Tat. Nicht hilflos, sondern Hilfe.

Vor den Augen aller, die da sind, vollzieht sich Wandlung. Der Aussatz verschwindet. Der Kranke ist geheilt, der Unreine rein. εθως. Sogleich. Ein Wunder, das aber in keiner Weise kommentiert wird – nicht durch die Dankbarkeit des Geheilten und nicht durch das Staunen oder Entsetzen des Volkes, das es miterlebt. Auch nicht durch eine Wertung Jesu: Dein Glaube hat dir geholfen. Es wirkt fast ein bisschen beiläufig. Wie im Vorübergehen, eben unterwegs.

  4 Und Jesus sprach zu ihm: Sieh zu, sage es niemandem, sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere die Gabe, die Mose befohlen hat, ihnen zum Zeugnis.

Für Jesus ist das Geschehen noch nicht fertig, noch nicht abgeschlossen. Er schickt den Mann zu dem Priester. Es braucht die offizielle Anerkennung. Dass er wieder rein, καθαρός, ist. Dasss die Reinigung – Katharsis gelungen ist. Er muss sich dem prüfenden Blick aussetzen. Vielleicht auch der skeptischen Nachfrage. Es ist wohl so: „Der Aussätzige ist Jude und Jesus befiehlt ihm, das Gesetz zu halten.“(U. Luz, aaO. S 10) Das stimmt auch überein mit seinen Worten: „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.“(5,17) In seinen Worten und in seinem Tun bleibt Jesus eindeutig. Der, dessen Willen Leben ist, der sich der Not annimmt – besser: der sich der Menschen annimmt – und darin den Willen Gottes erfüllt.

Nur so viel will Jesus: der Geheilte soll kein Geschrei um diese Begegnung machen. Keine große Geschichte, auch kein Geschäft: Ich bin der erste Geheilte auf dem Weg des Heilands nach der Bergpredigt. Zeichen für seine Vollmacht. Nichts, einfach nur: Klappe halten.

Zum Weiterdenken

Eine Blitzheilung. Sofort. Eine Heilungsgeschichte, die wie im Vorübergehen erzählt wird. Kein vorangehender, tiefer Glaube. Kein Ringen. Eine Gelegenheitsbegegnung, in der Gutes für den Aussätzigen geschieht. Es braucht keine lange Vorgeschichte und es braucht keine Verpflichtung auf eine neue Lebensrichtung. Es scheint zu genügen: er ist geheilt. Jesus verbindet mit seinem Tun keine Forderung für zukünftiges Verhalten.

Die Frage an mich selbst: Fehlt meinen Glauben etwas, wenn ich nicht mehr um solche Blitzheilung zu bitten wage? Liegt es daran, dass ich immer noch mit den Möglichkeit der Medizin und der Ärzte rechne und deshalb nicht darauf komme: Jetzt hilft nur noch Beten?

Θλω  – ich will. Wir lernen im Lesen des Evangeliums, dass Jesus nichts will als den Willen des Vaters. Dass er sich leiten lässt vom Gebot. Dass er sich leiten lässt vom Geist. Das er am Ende ringt: nicht wie ich will, sondern wie du willst. Aber nie wird aus Jesus ein willenloser Befehlsempfänger. Nie einer, der keine andere Möglichkeit hätte. Jesus sagt: Ich will. Müssen wir als Christ*innen auch lernen, wenigstens von Zeit zu Zeit zu sagen: Ich will – wir, die wir sonntäglich beten: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.“(6,10) Ich will, dass der Wille Gottes geschieht. Wir sind nicht gerufen, willenlose Befehlsempfänger zu sein.

 

Jesus, nach Dir rufen, sich Dir hinhalten, Dich berühren mit unserem Schreien, unserer Not, unserem Leben. Das lerne ich von diesem Mann.

Du bist der Herr. Dir vertraue ich, Dich suche ich mit allem, was mich belastet, was mich von anderen fernhält, isoliert, zum Schweigen bringt.

Dich brauche ich, damit Du mir hilfst und mich heil werden lässt. Meine Seele. Mich. Amen