Auf festem Grund

Matthäus 7, 24 – 29

24 Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. 25 Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet.

 Jesus bleibt bei seinem Thema. Er drängt aufs Tun. Reden allein macht nicht selig. Hören allein auch nicht. Es kommt alles darauf an, dass wir das Gehörte in Lebenspraxis umsetzen. In kleinen Schritten. Unspektakulär,. Alltäglich. Aber eben: Umsetzen.

Es ist die Stärke der Gewohnheit, die hier verdeckt zur Sprache kommt. Die Stärke auch des Einübens. Es gibt eine Stabilität, die aus der Beständigkeit entsteht. Wer sich den Gehorsam gegenüber den Worten Jesu angewöhnt hat, wer sie immer neu zu üben sucht, der gewinnt durch sie einen inneren Kompass für das eigene Tun, innere Stabilität, die den Stürmen standhalten lässt.

„Ach bleib mit deiner Treue bei uns, mein Herr und Gott;
Beständigkeit verleihe, hilf uns aus aller Not.“       J. Stegemann 1627, EG 347

Geschrieben in den Turbulenzen des 30-jährigen Krieges, in einer Zeit, in der nichts beständig zu sein schien außer der Angst vor Gewalt.

Es gibt die Klage, dass es im Christentum so wenig praktische Anleitung gebe, wie das mit dem Glauben geht. Hier habe ich so eine Anleitung vor Augen: Die Worte der Bergpredigt hören und sie tun. Sie als Verhaltensmuster einüben. In oft winzig kleinen Schritten. Immer wieder.

Wie das als Übungsweg aussehen kann, lese ich in einem Buch: „Nehmen wir mal an, ein Mann hat Angst vor der Dunkelheit. Er ist dahinter gekommen, dass diese Angst aus seinen Kindheitserfahrungen rührt, als man ihn allein in einem dunklen Zimmer zurück ließ und seine Eltern außer Hörweite waren. Natürlich wird es ihm helfen, wenn er weiß, woher sein Problem kommt, doch die Heilung kann erst erfolgen, wenn er sich bemüht, seine Ängste zu überwinden. Und so kann er anfangs nur einen ganz kurzen Moment im Dunkeln bleiben und sich bewusst machen, dass er heute keinerlei Gefahr ausgesetzt ist. Dann bleibt er jedes Mal ein paar Minuten länger im Dunkeln, bis ihm seine Ängste so unbegreiflich erscheinen dass er darüber lachen kann. Dann ist er frei davon. Auf diese Weise muss man einen positiven Akt nach dem anderen setzen, bis man sich endlich selbst transformiert hat.“ (F.Lenoir, Die Seele der Welt. Von der Weisheit der Religionen, München 2014, S 78f)

 Ich teile den Optimismus dieses Autors nicht, dass man sich so „selbst transformieren“ kann. Aber in seinem Beispiel wird ein Übungsweg sichtbar. Es geht nur Schritt um Schritt. immer wieder. So eben auch mit diesen Worten der Bergpredigt. Sie zu Herzen nehmen und sie in kleinen Schritten beherzigen. Daraus wird Stabilität. Weil Gott diesen Weg bestätigt. Zum Wachstumsweg werden lässt.     

             Die Bergpredigt zielt nicht auf gelegentliche Anwendung in Extrem-Situationen. Sie zielt auch nicht darauf, ein Diskussionsbeitrag in Sachen Ethik zu sein. Sie zielt auf alltägliche Einübung – hören und tun. Wer sich so verhalt, immer wieder, dem geht dieses Verhalten – vielleicht  – irgendwann in Fleisch und Blut über. Er/sie merkt es gar nicht mehr. Er/sie lebt einfach in dieser Spur.

26 Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. 27 Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war groß.

 Es fällt auf: diese Bildrede vom Haus,  das auf Felsen oder Sand gebaut ist, ist eine Ausnahme bei Jesus: Die Bilder aus dem Baugewerbe sind sonst kaum gebräuchlich bei ihm. Er gebraucht Wachstumsbilder oder Situationen aus dem Leben. Das ist umso auffallender als er doch ein Zimmermanns-Sohn ist. Wir würden heute sagen: aus dem Bauschreiner-Fach kommt.

Die Gegenüberstellung aber ist klar: Hier das Haus, das auf festem Fundament errichtet wird. Dort der Bau, der kein solides Fundament hat. Eben auf Sand gebaut, der weggespült wird, wenn der Sturm oder die Flut kommt.

Jesus schöpft mit solchen Worten aus der Gedankenwelt der Psalmen.

Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen                                                            noch tritt auf den Weg der Sünder noch sitzt, wo die Spötter sitzen,                         sondern hat Lust am Gesetz des HERRN                                                                            und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!                                                                  Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen,                                                 der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht.                   Und was er macht, das gerät wohl.                                                                                           Aber so sind die Gottlosen nicht,                                                                                         sondern wie Spreu, die der Wind verstreut.                                                                      Darum bestehen die Gottlosen nicht im Gericht                                                               noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten.                                                          Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten,                                                                 aber der Gottlosen Weg vergeht.                                  Psalm 1

Auch hier geht es nicht nur um ein sich Versenken in die Worte, in das Gesetz. Sondern es geht darum, dass aus dem Meditieren des Gesetzes, aus dem wiederholenden Lesen Tun wird, Handlungen. Ein Leben, das durch den Gehorsam gegen das Gesetz geprägt wird. Tun, „ποιέω ist seit 7,12 Leitwort und darum gegenüber den Hören besonders betont.“ (U. Luz, aaO. S.413)

 Man könnte  mit dem berühmten Satz von Erich Kästner den Punkt gut treffen, auf den es hinaus läuft: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“- „Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein; sonst betrügt ihr euch selbst.“( Jakobus 1,22) – „Meine Kinder, lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit.“(1. Johannes 3, 18) Wie ein steter Kehrreim zieht sich diese Ermahnung und Ermutigung zum Tun durch die Schriften des Neuen Testamentes. Das Neue Testament, Matthäus mit an vorderster Stelle, lehrt keine Gesinnungsethik, sondern ein Tun, das aus dem gehörten Wort erwächst.  

             Der Sturm, der Platzregen – βροχ – , in Verbindung mit dem Ansteigen der Wasser –  ποταμο – ist im Lebensumfeld des Matthäus, in Syrien, in Palästina, kein Alltagsereignis. Nichts, womit man jährlich zu rechnen hat. Darum ist diese Kombination Platzregen – Flutwelle, von der hier die Rede ist, auch kein landesüblicher Sturm.  Die Worte sind nicht nur Hinweis auf drohende Gewitter. Sondern es geht wohl um eine versteckte Andeutung in Richtung auf das Jüngste Gericht. Da wird es herauskommen, wie tragfähig das Fundament eines Lebens ist. Ob es standhält.

Jesus ist ein Lehrer, der die Weisungen Gottes als Weg des Lebens auslegt. Als praktizierbare Wegweisung. Wo jemand das erfasst, da ist er auf dem Weg des Lebens. „Zu tun, was Jesus gebietet, ist aktiv gelebtes Vertrauen, in dem sich unser Leben auf den Fels der Liebe Gottes gründet.“  (W. Klaiber, aaO.  S.152) Leben aus meinen Worten, dazu ruft Jesus. Das reicht zum Leben und reicht für die Ewigkeit.

28 Und es begab sich, als Jesus diese Rede vollendet hatte, dass sich das Volk entsetzte über seine Lehre; 29 denn er lehrte sie mit Vollmacht und nicht wie ihre Schriftgelehrten.

             Die Bergpredigt ist zu Ende. Der Evangelist stellt die Reaktionen des Volkes in den Vordergrund. Es entsetzte sich. Ein Blick in andere Übersetzungen hilft, die Bandbreite der Reaktionen zu sehen: „Sie waren sehr betroffen.“(Einheitsübersetzung); „Sie waren tief beeindruckt“ (Hoffnung für alle; Neue Genfer Übersetzung); „Die Volksmengen erstaunten sehr.“ (Elberfelder) Jedenfalls: Keine Reaktion, die einfach zur Tagesordnung übergehen lässt. Wie die Jüngerv reagiert haben, lässt Matthäus offen. Immerhin – sie werden mit Jesus auf dem Weg bleiben.

So ist es bis heute. Die Bergpredigt löst heftige Reaktionen aus. Widerspruch. Bestürzung. Bezauberung auch. Es ist eine ästhetische Schönheit, die in ihren Bann zieht. Aber darüber hinaus: Bezwingende Worte. In denen Kraft zu spüren ist. ξουσα. Vollmacht. „Von Gott“ ergänzen manche Übersetzungen. “He was teaching them as one who had authority”(English Standard Version) Keine heilige Sprache, keine Kirchensprache, kein pastoraler Tonfall. Wohl aber ein Reden, das transparent ist auf Gott, Gott gegenwärtig sein lässt. Wie anders könnte man auf solche unmittelbare Erfahrung der Gegenwart Gottes in einem Sprechenden antworten als mit Staunen und Entsetzen.

Bleibt nur noch die Feststellung: „Die Bergpredigt ist Jesuspredigt. In ihr spricht Jesus, der Immanuel und Gottessohn, durch den Gott die Wahrheit seines Anspruchs verbürgt und in dessen Gestalt er seine Jüngergemeinde begleitet.“(U. Luz, aaO.  S.542) Sie ist nie nur allgemein wahr, einleuchtend, vernünftig, eine alternative Weise mit der Welt umzugehen. Sie ist in keinem einzigen Satz ablösbar von ihm, Jesus, der diese Worte sagt Sie ist wahr und tragfähig nur von ihm her. Von Jesus.

Was mich beschäftigt.

Die letzten Worte der Bergpredigt haben es bis in die Liedverse gebracht.

“Don’t build your house on a sandyland, don’t build it too near the shore
Well it might look kind of nice but you have to build it twice.                                          So you have to build your house once more

You better build your house apoun a rock
Make a good fondation on a solid spot
And the storms may came and go but the peace of god you will know”                                                        K.
Lafferty 1981

Schön daran finde ich: im Lied gibt es eine zweite Chance. Weil hier das Lebenshaus in der Zeit im Blick ist, noch nicht das Urteil am Ende der Zeiten. Man kann das Haus noch einmal zu bauen eginnen. Neustart, wenn auch müghselig. Darin  ist das Evangelium gut verstanden: auch nach dem Zusammenbruch des Lebenshauses gibt es noch einmal eine zweite Chance.

Was mir früher so nicht aufgefallen ist: Das Bild vom Haus bietet ein zweite Verstehensmöglichkeit für Glauben: Das Lebenshaus auf sicherem Fundament errichten. Dieses Bild tritt neben das andere Bild des Weges, auf dem ich Jesus nachfolge, der Spur, die er legt und in die ich mich hinein rufen lasse. Für viele Christen, schon damals in den Gemeinden, für die Matthäus sein Evangelium schreibt, mag dieses Bild vom ortsfesten Lebenshaus ihren eigenen Lebensumständen näher stehen als das Bild von der Nachfolge. Diese beiden Bilder machen sich nicht Konkurrenz, stehen auch nicht gegeneinander, sondern sie ergänzen einander.

 

Jesus, Dein Wort berührt mein Herz, gibt mir Mut, Zuversicht, Hoffnung. Dein Wort will meine Hände anrühren, meine Füße auf den Weg bringen, mein Herz beanspruchen für andere in Not, für den Weg der Gerechtigkeit, für ein Handeln, das sich an Dir ausrichtet.

Jesus, hilf Du doch, dass der Weg vom Hören zum Handeln führt, dass andere etwas von meinem Glauben haben. Und dann lass mich immer neu den Weg finden aus dem Handeln in die Stille vor Dir, damit ich mich berge in Dir mit meinem Wollen, meinem Tun, mit meiner Sehnsucht nach Leben

Danke, dass Du mich suchst, mein Wollen und Tun, mein Beten und meine Sehnsucht nach Geborgensein in Dir. Amen