Schmal und breit

Matthäus 7, 12 – 23

12 Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.

             Es ist zum Verstehen vielleicht hilfreich: unsere Kapitel-Einteilungen in der Bibel sind nicht Teil der alten Texte. Im griechischen Text ist es so, dass die jetzt folgenden Worte unmittelbar anknüpfen an die Ermutigung zum Beten. An die Ermutigung zu einem Umgehen, das Maß nimmt an der Güte des „Vaters im Himmel“. (6,25;7,10) 

 Goldene Regel. Jesus ist nicht weltfremd. Er schöpft auch aus dem Wissen und der Weisheit der Zeit und der Umwelt.  Aus den Büchern Israels. „Sorge für einen Nächsten wie für dich selbst und denk an all das, was auch dir zuwider ist.“ (Jesus Sirach 31,15) Negativ formuliert: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ Unzählige Mal zitiert und von Eltern an Kinder weiter gegeben. Das eigene Handeln am Anderen so ausrichten, dass es ihm gerecht wird, dass es einem selbst gut tun würde, wenn einer so mit einem selbst umgeht. Eine Ethik der Gegenseitigkeit. Die Behauptung ist: Nichts anderes will das ganze Gesetz samt den Propheten.

 „Von Hillel, einem Rabbi, der um 20 v. Chr. Gewirkt hat, wird erzählt, ein Heide habe zu ihm gesagt, wenn er ihm die Tora erklären würde, solange er auf einem Bein stehen könne, würde er Jude werden. Darauf soll Hillel gesagt haben. `Was dir unlieb ist, tue keinem andere; das ist die ganze Tora, und das Übrige ist Erläuterung; geh und lerne!´“ (W. Klaiber, aaO.  S.145) Es ist eine Regel, die die Nächstenliebe ins Zentrum setzt. Nicht in der Erwartung der Gegenseitigkeit, sondern als frei zugewendetes Verhalten, das sich aber ganz an dem Anderen orientiert. Nachahmung der Güte Gottes.

„Die Frage ist nur, woher uns die Kraft zukommt, so zu handeln.“ (E. Schweizer, aaO. S.112) Eine Antwort mag sein: aus dem Beten. Eine andere: Aus der Nähe zu Jesus. Er macht es ja vor. Es gilt nur, bei ihm zu bleiben und nachzumachen, was er vormacht.

 13 Geht hinein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und viele sind’s, die auf ihm hineingehen. 14 Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind’s, die ihn finden!

             Diese Worte sind zum Bild geworden. Früher aufgehängt im manchen Wohnzimmern, besonders von frommen Leuten. Vor allem als Warnung vor den Verlockungen der sündigen Welt. Ich werde es nie vergessen: Bei einer Kollegin am Studienseminar, Mitglied der damals verbotenen KPD hing dieses Bild – aber nun unter die Stichworte gestellt: Der breite Weg des Kapitalismus und der schmale Weg der kommunistischen Wahrheit.

             Das Bild ist klar. „Es geht um eine Grundentscheidung angesichts der Botschaft Jesu: Wer seinem Ruf folgt und Liebesgebot und Goldene Regel zur Richtschnur seines Lebens macht, wählt den unbequemeren Weg.“(W. Klaiber, aaO.  S.147) Aber auch so könnte man lesen: Jesus hat seine Jünger (und Jüngerinnen) aus einem sicheren und gesicherten Leben herausgerufen, auf die Wanderschaft mit ihm. Und die ersten Christen, die diese Worte lesen, Glieder der Gemeinde, für die Matthäus schreibt, haben mit ihrem Übertritt zum christlichen Glauben auch viele Sicherheiten aufgegeben. Ihr Leben ist durch ihr Christsein eher unbequem geworden, misstrauisch beobachtet, eingeengt. Ihnen sagt dieses Wort: Es ist trotz allem ein guter Weg, den ihr geht. Nicht das Urteil über die anderen steht im Vordergrund, sondern die Ermutigung, auf diesem Weg des Glaubens zu bleiben.

 15 Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. 16 An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man denn Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln? 17 So bringt jeder gute Baum gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt schlechte Früchte. 18 Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen. 19 Jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. 20 Darum: an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.

             Manchmal versteht man besser von hinten her: an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Die Früchte, die ein Baum hervorbringt, sprechen für sich. Nicht, ob er schön anzusehen ist, ob er eine Augenweide ist. Sondern: Ob seine Früchte stimmen. Früchte – das sind die „Folgen von Taten, aber auch  die Tat selbst (als Frucht von Menschen).“ (U. Luz, aaO.  S.404) Worte sind eines, aber was als Tun sichtbar wird, spricht mindestens so laut wie das was einer, eine sagt.

 Diese ganze Passage zielt wohl auf  eine Auseinandersetzung mit Leuten, die in den ersten Gemeinden mit dem Anspruch auftreten, Propheten zu sein. Wegweiser im Auftrag Gottes. Es gilt an dieser Stelle sorgfältig zu prüfen. Προσχετε.Sich hüten“ (Gemoll, aaO. s. 644) Es fällt schon auf, dass es nur wenig früher geheißen hatte: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“(7,1) Die Aufforderung, sich zu hüten schließt doch mit ein, dass man sich ein Urteil über Worte und Taten anderer bildet, dass man nicht einfach alles gleich gelten lässt. Es muss demnach Kriterien geben, an denen es sich erkennen lässt, ob eine*r ein falscher Prophet ist.  Dass diese Kriterien hier nicht mit benannt werden, erklärt sich wohl nur so, dass sie in der Gemeinde, für die Matthäus schreibt, unstrittig klar sind.

Das Urteil über die falschen Propheten ist erschreckend hart: reißende Wölfe. Wer sich mit ihnen einlässt, gerät in tödliche Gefahr. Sie gefährden „durch ihr Wirken Leben und Heil der Gemeinde.“ (W. Klaiber, aaO.  S.149) Wichtig ist: Sie werden an ihren Taten, ihren Früchten erkannt, nicht an ihrer Lehre.

21 Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel. 22 Es werden viele zu mir sagen an jenem Tage: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt? Haben wir nicht in deinem Namen böse Geister ausgetrieben? Haben wir nicht in deinem Namen viele Wunder getan? 23 Dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe euch noch nie gekannt; weicht von mir, ihr Übeltäter!

Die Auseinandersetzung wird weiter getrieben. Entschieden freilich wird sie nicht durch Menschen. Auch nicht durch den Anspruch, mit dem Menschen auftreten. Auch nicht durch ihre Selbstzuschreibung: Wir handeln im Namen Jesu.

Im Namen Jesu, unter dem Zeichen des Kreuzes sind Menschen zwangsmissioniert worden, ganze Kontinente unter die allerchristlichsten Könige unterworfen worden, wurden Hexen verbrannt und Kreuzzüge durchgeführt. Mit allzu oft barbarischer Gewalt und Zügellosigkeit. Die Berufung: alles im Namen Jesu macht es nicht.

Es ist wie eine Erinnerung an diese Worte Jesu, wenn in manchen Filmen – Der Pate, Allein gegen die Mafia – während der Eucharistie-Feier, während der Taufe, während der Hochzeit, am besten noch zeitgleich mit den Worten „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ – gemordet wird, Feinde umgebracht werden, Gewalt ausgeübt – veranlasst von denen, die gerade „friedlich“ und „fromm“ in einer Kirche stehen.

Es ist gut: das Urteil über solche Verlogenheit liegt nicht in den Händen von Menschen. Wir sehen so oft nur, was vor Augen ist. Auch das Kriterium ist uns nicht überlassen. Das Kriterium des Gerichtes ist, ob das Tun  dem Willen meines Vaters im Himmel  entsprochen hat. Und der, der das Urteil spricht, ist Jesus. Der hier, auch in diesen Worten zum Glauben ruft. Zu einem Glauben, der sich auf den Weg des Vaters weisen lässt, der seinen Willen sucht, der seiner Stimme folgt.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

 Es hat viele bittere Auseinandersetzungen in der Christenheit gegeben, wo es immer wieder um richtige und falsche Lehre ging, um Orthodoxie und Häresie. Das Ringen um die richtige Praxis christlichen Lebens ist dabei oft in den Hintergrund, gar in Vergessenheit geraten. Es gab und gibt „Rechtgläubigkeit“, die sich mit einer Lebenspraxis verbindet, die weit entfernt ist von der Güte Jesu, von seiner Menschenfreundlichkeit, von seiner Barmherzigkeit. Folge ich den Worten Jesu, so ist diese Art der Rechtgläubigkeit die Eigenart der falschen Propheten, die wie reißende Wölfe sind. Darum ist es die Herausforderung an die Christenheit heute, Rechtgläubigkeit in der Lehre mit der Orthopraxie, gutem, richtigem Handeln zu verbinden. Sich herausfordern zu lassen von den Nöten der Zeit.

 Mich beschäftigt die Frage, ob der schmale und der breite Weg aus dem Zusammenhang nicht auch so zu begreifen sind: Der schmale Weg, die enge Pforte, das ist der Überschritt aus dem schönen Reich einer erträumten Welt und ihrer Taten in die nüchterne Realität. Es ist einfach, mit Gandalf und Frodo Mittelerde zu retten. Es ist ungleich weniger glanzvoll, die Welt um mich herum einfach nur zu bewältigen, sie durch mein Tun in kleinen Schritten vielleicht ein wenig lebensfreundlicher zu machen. Nicht meine erträumten Groß-Taten, sondern mein wirkliches Handeln ist gefragt und gefordert.

Im Umgang mit diesem Abschnitt ist Vorsicht geboten. Weil er allzu leicht missbraucht werden kann, um andere zu beurteilen und dann auch zu verurteilen: Sie glauben nicht richtig. Sie leben nicht richtig. Sie handeln nicht richtig. Aber dieser Abschnitt liefert „primär ein Handlungskriterium, nicht ein Urteilskriterium….  Es geht darum selbst zu handeln.“ (U. Luz, aaO. S.410) Nicht andere beurteilen, das ist die Sache des Herrn. Sondern sich selbst in die Pflicht nehmen. Gute Früchte hervorbringen aus einem Leben, das seine Wurzeln im Gottvertrauen findet und seine Kraft aus dem Hören auf ihn schöpft. Auf Jesus. Auf sein Lehren. Und im Sehen auf sein Leben.       

 

Mein Gott, manchmal habe ich Angst, dass mein Leben weit hinter meinen Worten zurück bleibt, dass ich Richtiges sage, aber nicht richtig lebe, dass ich Gutes rede, aber nicht Gutes tue.

Manchmal leide ich an diesem Zwiespalt, den ich spüre zwischen den Worten und dem Handeln. Ich fühle mich hilflos vor der Frage, wie ich da herausfinden soll, wie Reden und Tun besser deckungsgleich werden

Gib Du mir, dass ich Dich nicht nur Herr nenne, sondern so zu leben übe, dass es Dir entspricht. Amen