Gefährlicher Leerstand

Matthäus 12, 43 – 45

43 Wenn der unreine Geist von einem Menschen ausgefahren ist, so durchstreift er dürre Stätten, sucht Ruhe und findet sie nicht. 44 Dann spricht er: Ich will wieder zurückkehren in mein Haus, aus dem ich fortgegangen bin. Und wenn er kommt, so findet er’s leer, gekehrt und geschmückt.

    Manchmal ist es gut zu fragen: Für wen wird etwas erzählt, gesagt, aufgeschrieben? So auch hier. In der erzählten Situation des Disputes mit den Schriftgehrten und Pharisäern wirken diese Worte seltsam deplatziert. Sie sind auch deutlich ein Bruch in dem Gesprächsgang. Sie haben im Grunde nichts mit dem zu tun, was zuvor verhandelt worden ist, mit der Frage nach Zeichen. such nichts mit den Gesprächspartnern Jesu – Schriftgelehrten und Pharisäern.

Aber denoch sind die Worte Jesu nicht völlig aus der Luft gegriffen. Siie greifen zurück auf den Anlass der Diskussionen. Auf die Befreiung eines Besessenen: Da wurde ein Besessener zu Jesus gebracht, der war blind und stumm; und er heilte ihn, sodass der Stumme redete und sah.(12,22) Jesus hat das nicht vergessen – dieses Tun hat alle Gespräche danach ausgelöst.

Hier allerdings sind sie wohl in erster Linie Warnung an die Christinnen und Christen, die in die Freiheit des Glaubens getreten sind. Sie sind eine Warnung davor, rückfällig zu werden. Sich von den Geistern der Vergangenheit neu einfangen zu lassen. Ihnen die Türen wieder zu öffnen. Es kann eine schlimme Täuschung sein, den guten Anfang schon für das Ziel des ganzen Weges zu halten. Sich in falscher Sicherheit zu wiegen: Es wird alles gut, weil wir doch den richtigen Schritt schon gemacht haben. Den Schritt zum Glauben. Der erste Schritt ist aber nur ein Schritt und noch nicht der ganze Weg.

Menschen sind wie Bäume. So hat Jesus zuvor gesagt. Menschen sind wie Häuser. Bei Häusern ist die Kernfrage: Wer wohnt in diesem Haus? Wer in einem Haus wohnt, der bestimmt die Atmosphäre des Hauses . Der entscheidet darüber, ob es eine offene Tür hat, ob es in diesem Haus ordentlich zugeht oder chaotisch. Ob Streit oder Frieden herrschen.

Beim Besitzerwechsel kann sich auch die Geschichte eines Hauses verändern. Es kehrt ein neuer Geist ein. Ein guter Geist. Die alten Geschichten werden umgeschrieben. Unser Haus in unserem Dorf hatte den Namen „Scheidungshaus“, weil sowohl das Erbauer-Paar als auch das nachfolgende Paar sich scheiden ließen. Der Name hat uns seinerzeit nicht geschreckt- wir wohnen gerne in unserem Haus. Und haben das Gefühl: der alte Geist ist vertrieben.

Nur leerstehen darf so ein Haus auch nicht. Dann nisten sich womöglich andere Geister ein. Es kann noch so schön geschmückt sein – es ist ein dankbares Objekt für eine Hausbesetzung.   Davon redet Jesus – es gibt Häuser, die werden zu Opfern von Hausbesetzern und es gibt Menschen, die werden zu Opfern von unreinen Geistern, die sie besetzen.      

Leerstand ist irgendwie nicht vorgesehen. Der neutrale Ort, wo man nach allen Seiten offen sein kann, existiert in der Sicht Jesu nicht. Entweder Gottes Geist oder der unreine Geist residiert im Menschenhaus. „Der Wille hat nicht die Entscheidungsfreiheit, zu einem Reiter zu laufen oder ihn zu suchen, sondern die Reiter selbst streiten darum, ihn festzuhalten und zu besitzen“, zitiert Jung den Reformator. Wer oder was der Satan ist, wäre ein eigenes, abendfüllendes Thema. Wichtig ist Jung etwas anderes: Der Mensch sei für Luther fremdbestimmt, „aber die ,Qualität‘ dieser Fremdbestimmung ist entscheidend“. Die durch Satan führe in Abhängigkeit, die durch Gott, „der in sich Freiheit ist“, in Freiheit und ewiges Heil.“(Von wegen freier Wille. Wie Volker Jung 220 Schülern Martin Luther nahebringt FAZ 09.02.2013, Nr. 34, S. 43) So geht es auch heute noch zu.

 “But you’re gonna have to serve somebody, yes
Indeed you’re gonna have to serve somebody
Well, it may be the devil or it may be the Lord
But you’re gonna have to serve somebody.”    B. Dylan Slow Train Coming

             Niemand läsṣt sich gerne seine Einflussmöglichkeiten nehmen. damals nicht, heute nicht.

  45 Dann geht er hin und nimmt mit sich sieben andre Geister, die böser sind als er selbst; und wenn sie hineinkommen, wohnen sie darin; und es wird mit diesem Menschen hernach ärger, als es vorher war. So wird’s auch diesem bösen Geschlecht ergehen.

Das ist schlichte Lebenserfahrung: Schlechte Gewohnheiten sind nie ein für alle Mal abgelegt. Der trockene Alkoholiker bleibt ein Leben lang Alkoholiker. Der Burnout-Geheilte bleibt wohl ein Leben lang dennoch gefährdet. Und auch Christ*innen können rückfällig werden, ihr Lebensvertrauen erneut auf das setzen, was sie einmal als Besessenheit erkannt hatten: Geld, Macht, Ansehen, Einfluss, Sex. Wo das passiert, so die Erfahrung, die Jesus anspricht, wird es schlimmer als zuvor. Rückfälle sind oftmals schlimmer als alles, was vorher war.

Herausforderungen an unser Denken und Glauben

Es ist eine Binsenweishet: Nur wer die Tür seines Hauses zumacht und sie geschlossen hält, ist einigermaßen sicher vor dem Eindringen ungebetener Besucher. Das gilt auch für das Lebenshaus. Wenn eine*r von Gefangenschaften befreit worden ist, frei geworden ist, dann gilt es, diese Freiheit auch wirklich zu glauben und in ihr zu leben. Die Freiheit wird gefährdet, wenn man ständig auf die alten Bindungen zurückschaut. So wie Wunden nicht zuheilen können, wenn sie ständig neu aufgekratzt werden. Wer seine alten Bindungen wieder und wieder anschaut mit der bangen Fragen: Sind sie auch wirklich Vergangenheit, der bleibt, allem Freispruch zum Trotz, unter ihrer Macht.

Es ist der „Psychologe“ Jesus,  der weiß: Ein Befreiter muss seine Befreiung auch wirklich wollen, aus ihr leben wollen. Es gibt in der Abendmahls-Liturgie nach der Absolution den Satz: „Euch geschehe, wie ihr glaubt.“ Wer die zugesprochene Vergehung glaut, der setzt sie bei sich selbst in Kraft. Sie lässt einen dann auch frei sein. Wer sie aber nicht glaubt, der begibt sich „freiwillig“ unter die alte Gefangenschaft. Es ist die Aufgabe unseres Vertrauens, dem gehörten Wort Raum zu schaffen in der eigenen Seele und dem eigenen Leben. Diese „Mitwirkung“ nimmt uns das Geschenk der Vergebung und Befreiung nicht ab.

  Es ist eine Warnung, sich nichts vorzumachen: wir sind nicht so frei, wie wir es gerne wären. Nicht so unangreifbar, wie wir es uns wünschen. Nicht so sicher in unserem Glauben,  dass uns nichts mehr passieren kann. Uns doch nicht. „Den Teufel spürt das Völkchen nie, Und wenn er sie beim Kragen hätte.“(J. W. v. Goethe, Faust, Szene in Auerbachs Keller) Der Bibel- und kapitelfeste Frankfurt Dichter ist in Sachen dieser Freiheit eher skeptisch. Weil er ahnt, dass die Freiheit immer stark gefährdet ist.

Das gilt für einzelne Menschen. Manchmal denke ich: es gilt auch für Völker. Wo man geglaubt hatte, den Rassismus als menschenverachtende Einstellung ein für alle Mal überwunden zu haben, lernt man bestürzt; er feiert fröhliche Urstände. Wo man geglaubt hatte, es sei in Stein gemeißelt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ (GG § 1), da erfährt man heute bestürzt: Sie ist antastbarer denn je. „Die im Internet üblichen Beschimpfungen, Beleidigungen, Todeswünsche, Drohungen, was der Mensch halt so ausstößt, wenn er sich an seiner Tastatur unbeobachtet fühlt, habe ich wie immer staunend beobachtet. Wo erfährt man so ungeschminkt, wie er ist, der Mensch? (…) Der Shitstorm ist die Hexenverbrennung des 21. Jahrhunderts, Gott sei Dank bei angenehmen Temperaturen, ‘nur’ sozial, nicht physisch vernichtend.” (www.anstoß-gw.de vom 19.7.15) 

Es ist gut, sich keine Illusionen zu machen über dieses böse und ehebrecherische Geschlecht.(12, 39) Aber auch, es nicht vorschnell identifizieren zu  wollen: die Gottlosen, die da draußen, die anderen. Was, wenn wir selbst zu diesem Geschlecht gehörten? Wir können uns doch nicht selbst schützen. Wir sind schutzbedürftig gegen die bösen Geister, die draußen und die drinnen.

 

Jesus, Du weißt, wie viel auf uns einströmt. Worte dringen an unser Ohr, ob wir sie wollen oder nicht. Bilder greifen nach unserem Sehen und wir können die Augen nicht verschließen. Wir sind unter dem stetigen Einfluss unserer Zeit.

Verleihe Du uns,  mir, dass die Bilder keine Macht über uns gewinnen, die unsere Seele verwunden, dass die Worte kein Gehör in uns finden, die uns Hass und Neid und blinde Wut lehren wollen.

Gib Du, dass uns Dein Wort fest macht, immun gegen die Botschaften, die uns wegziehen wollen von Dir, die uns Deine Freiheit nehmen wollen. Gib uns Deinen Geist. Tag um Tag neu. Amen

Das eine Zeichen

Matthäus 12, 38 -42

38 Da fingen einige von den Schriftgelehrten und Pharisäern an und sprachen zu ihm: Meister, wir möchten gern ein Zeichen von dir sehen.

             Seltsam: trotz der heftigen Worte Jesu ist das Gespräch nicht zu Ende. Es ist, als würden die so hart Angegriffenen immer noch nach einer Verstehensmöglichkeit suchen, nach einem Weg, wie sie begreifen können, mit wem sie es in Jesus zu tun haben. Zumindest einige sind mit diesem „ausfällig gewordenen“ Jesus noch nicht fertig. Zu den Pharisäern gesellen sich jetzt Schriftgelehrte. „Für Matthäus sind sie Repräsentanten des Judentums seiner Zeit“ (W. Klaiber, aaO.  S.256),  In seiner Sicht gehören beide Gruppen wohl zusammen, sind fast identisch. In der Folge des Evangeliums werden sie darum oft in einem Atemzug genannt werden.

ΔιδσκαλεMeister nennen sie Jesus. Das ist Anerkennung und Distanz in einem. Anerkennung dessen, der eine gewichtige Stimme im innerjüdischen Gespräch ist, einer, der durchaus zu Recht beansprucht, ein Lehrer zu sein. Aber zugleich sagen sie mit dieser Anrede auch: Davids Sohn (12,23) bist Du nicht!

Ist es eine Forderung oder eine Bitte, die sie vorbringen? Wir möchten gern ein Zeichen von dir sehen. Wollen sie eine Demonstration, ihn gar aufs Glatteis führen: das kannst du ja doch nicht. Übernehmen sie, unbewusst, mit ihren Worten die Rolle des Versuchers? Er hatte ja Jesus auch ein Zeichen nahegelegt:  „Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben : »Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.« (4,5-6)

             Ein Zeichen, σημεον, wollen sie. „Etwas Sichtbares, wodurch man eine Sache eindeutig identifizieren kann.“(U. Luz,aaO. S. 275) Einen unumstößlichen Beweis. Es scheint als würden sie es nicht merken: sie wollen den Glauben ersetzen durch ihre objektive Urteilsbildung. Wer Beweise hat, muss nicht mehr glauben. Mit ihrer Forderung, ihnen objektive Kriterien zum eigenen Urteil zu liefern, finden  die Schriftgelehrten und Pharisäer bis in unsere Zeit viele Nachfolger.

Aber: unverschämt ist das alles nicht. Ungehörig auch nicht. Man macht es sich zu einfach, wenn man diese Bitte gleich als übles Spiel betrachtet. Sie kennen ihre Bibel und wissen, dass es durchaus im Rahmen des erlaubten Umgangs mit Gott liegt, Zeichen zu erbitten. Es gibt schließlich die Gideons-Erzählung, in der das Erbitten von Zeichen legitimiert wird, weil der HERR sich darauf einlässt (Richter 6) Der Glaube ist nicht immer so stark, dass er auf alle äußeren Zeichen Verzicht leisten könnte.

 39 Und er antwortete und sprach zu ihnen: Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden, es sei denn das Zeichen des Propheten Jona. 40 Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein.

            Es ist der Anfang der Antwort Jesu, der die Bitte in ein dunkles Licht rückt. Seine Wertung: Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen. Jesus, so scheint es, hört hier keine Bitte, sondern eine Forderung. Wieder plädiere ich für behutsames Lesen: Das können Worte sein, die diese Bittenden abstempeln: so Leute seid ihr. Das kann aber auch die Charakterisierung der Zeit sein: In solchen Zeiten leben wir, in denen die Gottesgewissheit geschwunden ist, das Gottvertrauen gegen Null geht.

Gerne heute formuliert: Der „geistliche Grundwasser-Pegelstand“ – was immer das für eine Messgröße sein soll – ist in Deutschland stark fallend. Wegen der Kirchenaustritte. Wegen der Scheidungsraten. Wegen der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. Wegen der modernen Theologie. Und es sind nicht so ganz wenige, vorzugsweise Fromme und Konservative oder fromme Konservative, die diese Charakterisierung ein böses und abtrünniges Geschlecht – Γενε πονηρ κα μοιχαλς –  nahtlos auf die BRD  und die Kirchen in unserem Land übertragen würden.

Trotz dieser Wertung: Jesus sagt ein Zeichen zu! Das wird durch die sprachliche Wendung gerne überlesen. Ja, es wird ein Zeichen geben. Das Zeichen des Jona. Das ist eindeutig für die Zuhörerinnen und Zuhörer Jesus damals: Es kann nur um die Rettung des Jona nach drei Tagen und Nächten aus dem Bauch des Fisches gehen.

Dennoch. Für die Gesprächspartner Jesu ist das erst einmal ein Rätselwort: Was ist gemeint mit dem Schoß der Erde? Und wer ist der Menschensohn? Redet Jesus von sich? Von einem Aufenthalt in den Tiefen der Erde? Wir übersehen es leicht: Weil wir das Evangelium von der Auferstehung Jesu kennen, nach drei Tagen, ist für uns die Antwort offensichtlich. Für die Leser und Leserinnen des Matthäus wohl auch. Für die Gesprächspartner Jesu dagegen ist es ein dunkles Rätselwort.

Für den Evangelisten Matthäus ist das Schriftauslegung, wie er sie gelernt hat und ständig übt: Er sieht im Geschick des Prophet Jona, in seinem Verschlungen- und Gerettet-werden den Weg Jesu vorabgebildet. Hier wird etwas sichtbar von der Leseweise der Hebräischen Bibel durch Matthäus: er liest die Schriften auf Jesus hin und von Jesus her. Das macht in den Augen des Matthäus – und wohl auch seiner Gemeinde, für die er schreibt – ihre Autorität aus, dass sie uraltes Zeugnis auf Jesus hin sind.

Ob ich so weit gehen darf: diese Art der Schriftauslegung ist auch ein Angebot an seine jüdischen Zeitgenossen, so über das Lesen ihrer eigenen Schrift zur Christus-Erkenntnis zu gelangen?

 41 Die Leute von Ninive werden auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. Und siehe, hier ist mehr als Jona. 42 Die Königin vom Süden wird auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und wird es verdammen; denn sie kam vom Ende der Erde, um Salomos Weisheit zu hören. Und siehe, hier ist mehr als Salomo.

Die Überlegungen gehen weiter: In Ninive hörten sie auf Jona. Die Königin von Saba sucht die Weisheit Salomos. Und dann beide Male: Hier ist mehr als Jona. Hier ist mehr als Salomo. Das ist die Zuspitzung: es geht weder um das Wunder der Rettung aus dem Fischbauch, noch um das Weisheitswunder. Es geht eher um den predigenden Jona in Ninive als ein Zeichen des unermüdlich die Umkehr suchenden Gottes. Und um die Weisheit des Salomo als ein Zeichen der unerschöpflichen Weisheit Gottes.

Wenn diese Überlegung zutrifft, dann gilt: Es geht um ihn, um den Menschensohn. Er selbst ist das Zeichen. Er selbst und nicht nur, was er tut oder was an ihm geschieht. „Dieser Generation bleibt nur noch der Weltenrichter selbst als das Zeichen.“(U. Luz, ebda., S.279) Es ist, als würde zwischen den Zeilen von Jesus unausgesprochen dennoch wiederholt: „Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“ (11,6)

 Es ist gut, sich keine Illusionen zu machen über dieses böse und ehebrecherische Geschlecht. Aber auch, es nicht vorschnell identifizieren zu  wollen: die Gottlosen, die da draußen, die anderen. Was, wenn wir selbst zu diesem Geschlecht gehörten? Wir haben doch wirklich kein anderes Zeichen.

Gegen die Angst, wenn sie über alle Ufer steigt                                                              Gegen die Angst wenn der schwache Glaube kleinlaut schweigt                               Gegen die Angst, zu zerbrechen an dem Urteil dieser Welt                                       Gegen die Angst ist ein Zeichen aufgestellt.                                                                                          I.  Olsson in:  CD Jan Vering, leisestärke 1992

Zum Weiterdenken

             Darf man das Wort Zeichen durch das Wort Erfahrungen ersetzen? Was ist mit unserem Glauben, wenn wir keine Gotteserfahrungen machen, die in unseren Alltag hineinreichen?  Nicht jeden Tag, aber doch im Laufe des Lebens hier und da. Ich bin mir nicht sicher, ob ich (noch) glauben würde, wenn es nicht diese Erfahrungen, Zeichen immer wieder einmal gegeben hätte – Berührungen Gottes in mein Leben hinein. Die Erfahrung, dass Gott nicht jenseits ist, sondern in unsere Wirklichkeit hinein spricht, handelt, sich finden lässt im Staub der Straße, in den Niederlagen, in den Schmerzen, in den Siegen. In dieser so verrückten und verkehrten Welt.

Solche Erfahrungen allerdings sind nur deshalb tragfähig, wesentlich, aussgekräftig, weil es das eine große Zeichen gibt – Kreuz und Auferstehung. Das ist Gottes Zeichen, an dem ich hänge: Ich, Gott, gebe dem Weg Jesu durch die Welt Recht. Es ist mein Weg. Ich, Gott, bestätige seine Worte als mein Wort, seine Wahrheit als meine Wahrheit, sein Erbarmen als meine grundlose Barmherzigkeit, sein Vergeben als meine für Zeit und Ewigkeit gültige Vergebung. Das hilft mir, auch quälende Zeiten der Furcht auszuhalten, ihnen standzuhalten. Weil dieses Zeichen unverrückt in der Welt ist.

 

Jesus, Du bist mir das eine Zeichen, das in allen Ängsten Zuflucht ist, das ich gegen alle Schmerzen suche, das mir das Hoffnungszeichen ist, wo alle Hoffnung schwindet, an das ich mich halte weil Du mich hältst.

Du und Deine zerbrechliche Liebe, die keine loslässt, keinen fallen lässt, die immer noch einmal vergibt gegen alle Vernunft grenzenlos in ihrem Erbarmen. Du bist mir das Zeichen, dass der Vater im Himmel uns gut ist. Amen

Gute Bäume gute Worte

Matthäus 12, 33 – 37

 33 Nehmt an, ein Baum ist gut, so wird auch seine Frucht gut sein; oder nehmt an, ein Baum ist faul, so wird auch seine Frucht faul sein. Denn an der Frucht erkennt man den Baum.

             Wieder einmal holt Jesus seine Gesprächspartner bei ihrer Alltagserfahrung ab. Jeder kennt das Unterscheidungsmerkmal für gute und faule Bäume. Es sind die Früchte. An dem, was sie hervorbringen, zeigt es sich, wie es um Bäume steht. Sie können nicht anders, ihr Zustand wird an ihren Früchten anschaulich.

 34 Ihr Otterngezücht, wie könnt ihr Gutes reden, die ihr böse seid? Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.

             Es ist erschreckend: γενν­ματα χιδνν – ihr Otterngezücht , Frucht von Nattern, Schlangenbrut, ihr mit euren Schlangencharkter( alles nach Gemoll, aaO. S 169 möglich) – so redet Jesus mit denen, die um ihn stehen. Es wird nicht besser dadurch, dass schon der Täufer Ähnliches gesagt hatte und Jesus nur seine Worte aufgreift. Hier wird ein Bild Jesu sichtbar, das zutiefst irritiert: er greift Menschen frontal an. Er verurteilt sie, schon durch seine Anrede und unterstellt: Das, was ihr sagt, man muss wohl lesen: gegen mich sagt, das zeigt etwas vom Zustand eures Herzens. Ihr seid voller Bosheit.  Das ist seine Antwort auf ihre Deutung: „Dieser treibt die Dämonen nicht anders aus als durch Beelzebul, den Obersten der Dämonen.“12,24)

Wahr ist: der Herzenskenner Jesus liest die Gedanken des Herzens. Nicht nur, was sich Menschen so denken. Und hier wird sein Kennen zur Anklage, und darüber hinaus gehend, zum Urteil. Wobei, hier musste er nicht Gedanken lesen. Es reichte, die Worte der Pharisäer einfach zu behalten. „Gute Bäume gute Worte“ weiterlesen

Es geht um Klarheit

Matthäus 12, 22 – 32

 22 Da wurde ein Besessener zu Jesus gebracht, der war blind und stumm; und er heilte ihn, sodass der Stumme redete und sah. 23 Und alles Volk entsetzte sich und fragte: Ist dieser nicht Davids Sohn?

             Wieder, fast im Vorübergehen erzählt, eine Heilung. Fundamental. Einer der unter die Gefangenschaft der Dämonen geraten ist ,kann reden und sehen, einer,  der vorher stumm und blind war. Ausgeschlossen von allem. Er wird geheilt. Seine Heilung löst beim Volk Entsetzen und Fragen aus. Tief beeindruckt tasten sie nach dem Verstehen Jesu: Haben wir es hier mit dem Davids Sohn zu tun?  Dem, der verheißen ist seit uralten Zeiten? „Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.“(Jesaja 11,1) Es mag mitschwingen in ihrem Fragen: ist es jetzt endlich soweit mit der großen Wende?

 24 Aber als die Pharisäer das hörten, sprachen sie: Dieser treibt die Dämonen nicht anders aus als durch Beelzebul, den Obersten der Dämonen.

Die Heilung ist einmal mehr Auftakt einer harten Auseinandersetzung.  Auftakt zu einer Debatte. Die Pharisäer sind jetzt erneut als Gegner Jesu auf dem Plan. Sie bestreiten nicht die Heilung. Wohl aber stellen sie die Kraft, aus der sie kommt massiv in Frage. Es ist die Macht von unten, die Kraft des Bösen, im Klartext: des Teufels. Nebenbei: auch im Reich der Dämonen gibt es also nach damaliger Anschauung eine Hierarchie, Oberste und Untergebene.   

  25 Jesus erkannte aber ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet; und jede Stadt oder jedes Haus, das mit sich selbst uneins ist, kann nicht bestehen. 26 Wenn nun der Satan den Satan austreibt, so muss er mit sich selbst uneins sein; wie kann dann sein Reich bestehen?

             Jesus – Herzenskenner. Gedankenleser. Er erkennt – hellsichtig – den Widerspruch, der sich in ihren Gedanken formiert. Vielleicht erkennt er diese Gedanken auch deshalb, weil sie ja schon früher einmal formuliert worden waren: „Aber die Pharisäer sprachen: durch den Obersten der Dämonen treibt er die Dämonen aus.“(9,34) Sie wiederholen sich in ihren Gedanken. Er lässt sich darauf ein, mit den Pharisäern zu reden, zu diskutieren.

Das ist kein Widerspruch zu dem voraus gegangenen Jesaja-Zitat! Es geht ja doch darum, die Gedanken zu klären, die Hindernisse abzubauen. Ich lese also diese Diskussion, die hier anfängt, nicht als eine Debatte ums Rechthaben. Es ist ein Versuch, den Pharisäern eine Brücke zu bauen – auch durch Dagegenhalten, auch durch das Aufzeigen von inneren Widersprüchen. Das aber wird man mit aller Vorsicht festzustellen haben: der Ton der Debatte wird schärfer, auf Seiten der Pharisäer, aber auch auf Seiten Jesu. Früher im Evangelium hat er Reaktionen der Pharisäer kaum kommentiert hingenommen. Jetzt nicht mehr.

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Der Knecht Gottes

Matthäus 12, 15 – 21

15 Da aber Jesus das erkannte, entwich er von dort.

             Kein Leiden um jeden Preis. Kein selbstgewähltes Martyrium. Kein Opfergang aus eigenem Bestimmen. Die Zeit ist noch nicht da. Der Weg ist noch nicht zu Ende gegangen. Man kann fragen: Wie hat Jesus von diesem Beschluss, ihn zu töten, erfahren? Wie hat er ihn erkennen können, Kenntnis – so wörtlich  γνούς –   von ihm erhalten können  ? Es interessiert Matthäus nicht, uns an dieser Stelle Auskünfte zu geben. Über Informanten aus dem Kreis der Pharisäer. Über Sympathisanten, die ihn gewarnt haben könnten. Nur das: er weicht aus. Es ist noch Zeit für ihn zu leben.

 Und eine große Menge folgte ihm, und er heilte sie alle

             In seinem Ausweichen aber ist er nicht allein. Er hat viele, so wörtlich, die ihm nachfolgen. Nachlaufen, würden die Gegner Jesu wohl sagen. Es ist schon bemerkenswert, dass auch hier wieder das so hoch besetzte Wort κολουθεν für dieses Nachgehen der vielen hinter Jesus gebraucht wird. Offensichtlich hat Matthäus noch kein Interesse daran, das Wort zu überhöhen. Oder anders gesagt: der geistliche Weg der Nachfolge fängt damit an, dass eine/einer äußerlich hinter Jesus her zu gehen beginnt.

Alle erfahren sie bei Jesus Heilung. Wieder: Kein statistischer Befund, sondern eine Aussage über die Zuwendung Jesu: die, denen er sich zuwendet, werden heil.  Weil er  sich ihnen zuwendet. Weil sie ihm nachlaufen.

 16 und gebot ihnen, dass sie ihn nicht offenbar machten, 17 damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht (Jesaja 42,1-4):

 Jesus aber unterbindet, dass davon erzählt wird. Dass sie für ihn Propaganda machen. Dass sie ihn offenbaren. Enthüllen. Öffentlich machen. Mit φανερόν steht hier ein Wort, das später für das Erscheinen des Auferstandenen gebraucht werden wird. Dabei wird es kaum um seinen Aufenthaltsort gehen, der nicht publik werden soll. Sondern eher um das, was er tut. Das ist durch die Möglichkeit von Missverständnissen bedroht. Wenn sie von ihm als Heiler erzählen, wird er darauf reduziert werden. So wie manche bis heute Jesus auf den Wundermann reduzieren. Auf eine Art „Mirakulix“.

Auch das mag mitschwingen: es ist nicht die Aufgabe von Menschen, auch nicht von gutmeinenden Menschen zu enthüllen, wer Jesus ist. Es ist einzig und allein er selbst, der zu erkennen gibt, offenbart, enthüllt, wer er ist. Wenn es an der Zeit ist. „Der Knecht Gottes“ weiterlesen

Der Herrr des Sabbat

Matthäus 12, 1 – 14

 1 Zu der Zeit ging Jesus durch ein Kornfeld am Sabbat; und seine Jünger waren hungrig und fingen an, Ähren auszuraufen und zu essen.

             Es wirkt unbestimmt – so, als würde eine Situation aufgegriffen, die weder von ihren Umständen noch vom Ort noch von der Zeit her genau zu bestimmen ist: Zu der Zeit. So wirkt es vordergründig. Hintergründig aber ist es anders. Zum zweiten Mal: Ἐν ἐκείνῳ τῷ καιρῷ. Es ist eben doch eine ganz bestimmte Zeit. Eine Zeit aus Gottes Regie. Das aber ist nicht wie von selbst sichtbar. Jetzt, so wird man lesen müssen, kommen, salopp gesprochen, die Karten auf den Tisch, reifen die Entscheidungen.

Die ganze Geschichte spielt sich am Sabbat ab. Es ist das erste Mal, dass das Thema „Sabbat“ im Matthäus-Evangelium auftaucht. Relativ spät im Vergleich zu den anderen Evangelien. Man könnte auf die Idee kommen: Der Umgang mit dem Sabbat spielt für die Leserinnen und Leser des Matthäus keine entscheidende Rolle mehr. Es ist nur noch historische Erinnerung an damals.

Matthäus formuliert wie Markus und Lukas. Manchmal erzählen diese drei Evangelisten im Gleichklang. Voneinander abhängig und aus den gleichen Quellen schöpfend.  Was Matthäus zusätzlich notiert: Die Jünger sind hungrig. Bedürftig. Sie gehören zu denen, die angewiesen sind. Sie stehen wohl für die νηπίοι, die Unmündigen, wie Jesus sie zuvor (11,25) genannt hatte.

 2 Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu ihm: Siehe, deine Jünger tun, was am Sabbat nicht erlaubt ist.

             Jetzt treten die Pharisäer auf, als die, die das Wissen haben, das Gesetz kennen und alle daran messen, wie sie damit umgehen. Als die auch, die den Weg Jesu mit seinen Jüngern in Frage stellen. Bis hierher ist im Matthäus-Evangelium der Weg Jesu nicht wirklich auf Widerstand gestoßen. Auf Verwunderung und Entsetzen, auf Nachfragen. Aber nicht wirklich auf Widerspruch. Der fängt jetzt an. Er hat seinen Aufhänger in der Frage nach dem Sabbat, weiter gefasst: in der Frage nach der Stellung zum Gesetz.

Es ist ein indirekter Widerspruch gegen Jesus. Zur Debatte gestellt wird ja das Verhalten der Jünger. Sie tun, was nicht erlaubt ist. Es ist die christliche Gemeinde in ihrem Verhalten, die die Frage nach der Autorität und Glaubwürdigkeit Jesu auslöst. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

  3 Er aber sprach zu ihnen: Habt ihr nicht gelesen, was David tat, als ihn und die bei ihm waren hungerte? 4 Wie er in das Gotteshaus ging und aß die Schaubrote, die doch weder er noch die bei ihm waren essen durften, sondern allein die Priester? 5 Oder habt ihr nicht gelesen im Gesetz, wie die Priester am Sabbat im Tempel den Sabbat brechen und sind doch ohne Schuld? 6 Ich sage euch aber: Hier ist Größeres als der Tempel.

             Jesus reagiert „schriftgelehrt“. Als einer, der die alten Schriften kennt und achtet und aus ihnen seine Legitimation gewinnt. „Not kennt kein Gebot“ sagt der Volksmund – und Jesus bedient sich genau dieses Arguments: David war mit seinen Leuten in Not, verfolgt, gejagt, hungrig. Da gab ihm der Priester von dem heiligen Brot, weil kein anderes da war als die Schaubrote, die man vor dem HERRN nur hinwegnimmt, um frisches Brot aufzulegen an dem Tage, an dem man das andere wegnimmt.“ (1. Samuel 21,7)Unausgesprochen argumentiert Jesus, der „Davids-Sohn“ (9,27): Wenn schon David das mit priesterlicher Erlaubnis durfte…

Und schiebt sofort das nächste Argument nach: In der Praxis des priesterlichen Dienstes tritt die Beachtung des Sabbat zurück hinter der Pflicht des täglichen Opfers. Das wird auch am Sabbat nicht ausgesetzt. So töten die Priester  Opfertiere am Sabbat – sie „arbeiten“ also. Weil der „Betrieb“ am Tempel wichtiger ist als das Sabbat-Gebot, das allen gilt.

Es gibt also höhere Verpflichtungen als den Sabbat. Und es ist die Aufgabe, die jedem Juden und jedem Gläubigen gestellt ist, diese Verpflichtungen abzuwägen. Als ob es nicht genug damit wäre, fügt Jesus an: Ich sage euch aber – wer hört da nicht seine Worte aus der Bergpredigt sofort mit: Ich aber sage euch.

In der Umschreibung „Größeres als der Tempel“ kündigt sich schon der Anspruch Jesu an. Und der Konflikt, der am Ende eskalieren wird. Es ist der Vorwurf, der im Prozess Jesu eine Rolle spielen wird, dass er sich über den Tempel gesetzt habe: „Er hat gesagt: Ich kann den Tempel Gottes abbrechen und in drei Tagen aufbauen.“(26,61)

Wohl wahr: Jesus sagt nicht: Hier ist einer, der größer ist als der Tempel. Er redet von etwas, das größer ist als der Tempel. Aber der spätere Konflikt ist doch auch in der so vorsichtigen Formulierung schon zum Greifen nah.

7 Wenn ihr aber wüsstet, was das heißt (Hosea 6,6): »Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer«, dann hättet ihr die Unschuldigen nicht verdammt.

             Was ist das Größere? Barmherzigkeit. Der Tempel soll nach dem Willen Gottes sachlich nicht zuerst ein Opfer-Ort sein, sondern der Ort, an dem Verschonung erfahren wird, an dem das Leben bewahrt wird, an dem Versöhnung stattfindet. Die Opfer sind nur Mittel, nicht Ziel des Tempels. Da ist im Lauf der Jahrhunderte etwas durcheinander geraten, das Jesus gewillt ist, wieder in die richtige Ordnung zu bringen: Leben, Versöhnung, Vergebung zuerst. „Das, was größer ist als der Tempel, ist also die Barmherzigkeit, die in Jesu Auslegung des Willens Gottes das Größte geworden ist.“(U. Luz, aaO.  S.231)

Es ist der Anspruch Jesu, den er der Tradition entgegenhält: Es geht am Tempel und mit dem Tempel um die Barmherzigkeit Gottes und nicht um die Opfer. Oder anders gesagt: um das, was Gott schenken will und nicht um das, was Menschen ihm zu bieten haben. Oder noch einmal anders: Gottesdienst heißt zuerst und zuletzt: Gott dient: Und nicht: wir Menschen leisten Gottesdienst.

8 Der Menschensohn ist ein Herr über den Sabbat.

Um auch die letzten Missverständnisse auszuräumen, wird Jesus überdeutlich: Der Menschensohn ist ein Herr über den Sabbat. Auf dieser Autorität ruht seine Auslegung. Auf diese Autorität, seine Autorität, sein Herr-Sein, dürfen sich die Jünger verlassen, wenn sie wie die Unmündigen am Sabbat zugreifen, ernten und essen. Wenn sie als Gesetzesunkundige tun, was das Gesetz will – Leben aus der Barmherzigkeit. Oder anders gesagt. Im Mund dieses Menschensohnes „wird das biblische Gebot der Barmherzigkeit das größte Gebot, größer als der Tempel.“ (U. Luz, aaO.  S.233)

Mit diesen Worten wird der Konflikt unausweichlich. Weil der Anspruch Jesu weit über das hinausgeht, was möglich ist: Eine Stimme unter den vielen zu sein, die um das richtige Verstehen der Sabbat-Ordnung zu ringen. Er ist die eine Stimme, die es zu hören gilt.

Jesus stellt sich vor seine Jünger. Er geht,nicht auf Distanz zu ihnen, entschuldigt  nicht: sie wissen nicht, was sie tun. Sondern er tritt vor sie, tritt für sie ein, deutet ihr Verhalten positiv als Freiheit, wie sie den Kindern Gottes zusteht. Als ein Verstehen dessen, was Gott mit dem Sabbat gegeben hat, ein Zeichen der Barmherzigkeit.

9 Und er ging von dort weiter und kam in ihre Synagoge. 10 Und siehe, da war ein Mensch, der hatte eine verdorrte Hand. Und sie fragten ihn und sprachen: Ist’s erlaubt, am Sabbat zu heilen?, damit sie ihn verklagen könnten.

     Vom Kornfeld in die Synagoge. Ihre Synagoge – ein winziger Hinweis auf Distanz, die Matthäus inzwischen für sich und die Gemeinde, für die er schreibt, gegenüber der Synagoge empfindet. Dort, in der Synagoge, wird Jesus gestellt. Unterstrichen durch das Ausrufezeichen: Und siehe! κα δο Dort ist einer, der Hilfe braucht mit seiner verkümmerten Hand. Ein Mensch. νθρωπος. Kein Fall, sondern ein Mensch. Sie, allerdings, die fragen: Ist da am Sabbat Hilfe erlaubt? Heilung? Sie machen aus dem Menschen nun doch einen Fall, eine Falle. Das schwingt ja in der Frage mit: Wie hältst du es denn jetzt, angesichts dieses Menschen mit der Barmherzigkeit als dem größeren Gebot? Heute, am Sabbat? So rasch holen Jesus seine Worte ein.

Es scheint keine Frage zu sein: Dass er heilen könnte, steht nicht zur Debatte. Nur darum geht es, ob er es heute tun wird und tun darf. Setzt er sich mit seiner Kraft zu helfen und zu heilen über das Gebot hinweg?

 11 Aber er sprach zu ihnen: Wer ist unter euch, der sein einziges Schaf, wenn es ihm am Sabbat in eine Grube fällt, nicht ergreift und ihm heraushilft? 12 Wie viel mehr ist nun ein Mensch als ein Schaf! Darum darf man am Sabbat Gutes tun.

             Es ist ein Diskussions-Beitrag Jesu, der in der Luft liegt. So wird zu seiner Zeit tatsächlich diskutiert. Darf man ein Schaf am Sabbat aus der Grube ziehen? „Wenn ein Stück Vieh am Sabbat in einen Wassergraben gefallen ist, so bringt man Decken und Polster und legt sie ihm unter. Kommt es herauf, so kommt es herauf.“(Strack/Billerbeck, Kommentar zum NT, Bd. 1,  München 1982, S. 629) Mag sein, es mutet uns seltsam an. Aber in einem Umfeld, in dem die Achtung des Gesetzes ein Höchstwert ist, weil nur so Gott geachtet und geehrt wird, kommen solche Debatten auf. Weil es darum geht, auch die Achtung des Gesetzes irgendwie lebensdienlich zu begreifen.

Erst recht ringt man um den richtigen Umgang mit dem Sabbat in einem Umfeld, in dem die Achtung des Sabbat so etwas wie ein Markenzeichen ist, seit dem Exil eines „der wichtigsten Identitätsmerkmale für das Judentum“(W. Klaiber, aaO.  S.245) geworden. Mit dem sich große Erwartungen verbinden:  Wenn Israel einmal den Sabbat hält, wird das Reich Gottes da sein.

Jesus verschärft: das einzige Schaf. Er bezieht Partei: nicht nur Polster und Decken, sondern retten. Herausholen. Barmherzigkeit geht weiter. Einmal mehr das Schlussverfahren: vom Kleineren zum Größeren, vom Niedrigwertigeren zum Höherwertigen. Der Mensch – mehr als ein Schaf. Jesus sieht jeden Menschen, ob prominent oder unbekannt, bedeutend oder übersehen, als einen, dessen „Wert“ höher ist – natürlich höher als der Wert eines Schafes, höher auch als der Wert des Sabbat. „So kann man den Menschen nur sehen, wenn man vom Glauben an den Schöpfer herkommt.“(E. Schweizer , aaO. S.182 ) 

Daraus folgt – für Jesus – eine Grundregel für den Sabbat: Darum darf man am Sabbat Gutes tun. Weil der Sabbat ein Geschenk der Barmherzigkeit Gottes ist, ein Geschenk der Güte Gottes. Weil er nicht Vorschrift, sondern Gabe ist. Für den Menschen gegeben. Darum bilden Taten der Barmherzigkeit am Sabbat Gott selbst ab. Nicht der Sabbat, sondern das Erbarmen und die Liebe rücken so in die Mitte. Das sind die „Höchst-Werte“, wenn es um Gott geht.

13 Da sprach er zu dem Menschen: Strecke deine Hand aus! Und er streckte sie aus; und sie wurde ihm wieder gesund wie die andere.

             Den Worten folgt die Tat. Kurz und knapp erzählt. Als käme es gar nicht auf den Mann an. Er ist „nur ein Streitobjekt“. Ist er auch für Jesus nicht mehr? Nur einer, an dem er seine Macht demonstriert, seine Konsequenz? Wenn er geheilt wird, tatsächlich gesund, dann doch nur so, dass er als Mensch ganz ernst genommen ist und eben nicht nur Mittel zum Zweck, nicht nur Objekt, auch nicht nur Objekt für das Gute, das Jesus tun will. Eben nicht: „Modellfall für die Liebe“, Beispiel dafür, was es heißt, Gutes zu tun.“ (W. Klaiber, ebda.; S.245) Sondern ein Mensch, dem sich Jesus liebend zuwendet.

  14 Da gingen die Pharisäer hinaus und hielten Rat über ihn, wie sie ihn umbrächten.

Die Würfel sind gefallen. Nicht mit dieser Heilung, sondern mit den Worten Jesus. Über den Sabbat. Über die Liebe und Barmherzigkeit als das, was Gott zuerst und zuletzt gibt und von uns will. Es ist für die Pharisäer am Tage: hier stehen sich unterschiedliche Sichtweisen auf Gott gegenüber. So unterschiedlich, dass sie nicht mehr vereinbar sind. Keine Ko-Existenz mit dem, der so von Gott redet. Jetzt erst werden sie zu Gegnern Jesu, die vorher Gesprächspartner, aufmerksame Beobachter waren, vielleicht sogar bereit, ihn als Lehrer zu achten. Jetzt ist das Maß voll.

συμβολιον λαμβάνειν – einen Rat halten, genauer: „einen Beschluss fassen,“ oder noch enger: den Willen zusammenwerfen, übereinkommen. Sie verständigen sich angesichts der Botschaft von der Liebe und dem Erbarmen Gottes darüber, dass sie den Boten dieser Botschaft umbringen wollen. Mundtot machen.

Zum Weiterdenken

Es ist kein Zufall, dieser Sabbat nicht und das Geschehen an diesem Sabbat nicht. Es ist so weit, es ist an der Zeit, darum καιρός, Kairos, dass Klarheit wird. Dass er sich zu erkennen gibt: Der Menschensohn ist Herr über den Sabbat. Es ist das Ende der Dreh- und Angelpunkte jüdischen Denkens und Glaubens. Tempel und Sabbat sind nur relative Größen gegenüber ihm, der aus der Ewigkeit ist. κριος. Der der Herr ist. Wenn ich dabei gewesen wäre, damals, als Jünger, als Jude, als Pharisäer – mir hätte das Herz ausgesetzt. Wir heute haben kaum noch ein Gespür für die Aufregung, die Erschütterung, die die Worte Jesu und sein Tun ausgelöst haben müssen. Hier wird eine ganze Weltordnung umgestürzt. Darauf reagieren die Pharisäer.

 

Herr Jesus, Du stellst auch uns vor die Frage: Was ist dein höchstes Gut? Was ist dir heilig, so heilig, dass du ihm alles unterordnest?

Du hast Deine Antwort eindeutig gegeben, gelebt in Wort und Tat. Nichts ist wichtiger als Barmherzigkeit zu üben, Leben zu bewahren, die Liebe zu bewähren.

Hilf Du mir doch,  dass ich auch so klar bin, in meinem Reden, meinem Handeln, meinem Leben. Amen

 

Alle!

Matthäus 11, 25 -30

25 Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart. 26 Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen.

Diesmal nicht das Allerweltswort Τότε. Sondern ganz bewusst im Griechischen anders betont: Ἐν ἐκείνῳ τῷ καιρῷ. Es ist ein ganz besonderer Zeitpunkt, einer, der aus Gottes Zeit genommen ist. Was für ein Kontrast: Eben noch Wehe-Rufe, und jetzt: Ich preise dich. ξομολογομα σοι Jesus bleibt nicht stehen bei dem Wehe. Das ist nicht sein Ziel. Sondern das ist sein Ziel: das Lob des Vaters im Himmel. πτερ, Vater – das ist die Anrede Jesu an Gott. Das kennzeichnet seinen Umgang mit dem Herrn des Himmels und der Erde, dem Schöpfer, dass er ihn Vater nennt. Es ist kein Gegensatz, sondern es gehört für Jesus zusammen – Vater und Herr des Himmels und der Erde – die bergende Nähe und die Majestät des Schöpfers. Es ist ein Schritt über die Tradition hinaus, in der Jesus aufgewachsen ist. Israel redet Gott als Vater an, aber nicht der einzelne Israelit.

Mit den Worten, die Jesus hier gebraucht, fangen auch Dank- und Lobpsalmen an, wie wir sie im Psalter finden. Aber auch die Gemeinschaft im Qumran betet so zu Gott. Es gibt ein tief eingeprägtes Wissen: Wir sind Gott das Lob, die Anbetung, den Lobpreis schuldig. ein Beispiel für ungezählte andere: „Dein, HERR, ist die Majestät und Gewalt, Herrlichkeit, Sieg und Hoheit. Denn alles, was im Himmel und auf Erden ist, das ist dein. Dein, HERR, ist das Reich, und du bist erhöht zum Haupt über alles. Reichtum und Ehre kommt von dir, du herrschst über alles. In deiner Hand steht Kraft und Macht, in deiner Hand steht es, jedermann groß und stark zu machen (1. Chronik 29, 11- 12)

Der Grund für den Lobpreis Jesu: Gott hat sich denen zu erkennen gegeben, die einfache, normale Leute sind. Unmündige: νηποι. Wörtlich: Kinder, Säuglinge. Aus dem Wissen der Gelehrten wird Allgemeingut. Aus der Weisheit der Weisen wird die Weisheit der Törichten.

Es liegen so viele Bezüge nahe: „Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge hast du eine Macht zugerichtet.“ (Psalm 8,3)  Oder: „Das Zeugnis des HERRN ist gewiss und macht die Unverständigen weise.“(Psalm 19,8) Oder: „Denn ich will Wasser gießen auf das Durstige und Ströme auf das Dürre: ich will meinen Geist auf deine Kinder gießen und meinen Segen auf deine Nachkommen.“(Jesaja 44,3) Oder: „Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?“(1.Korinther 1, 20)

Immer geht es in der Welt um Herrschaftswissen. Wissen ist Macht. Und alleine wissen ist noch einmal potenzierte Macht. „Ach wie gut, dass keiner weiß….“ Es geht um den Vorsprung der Weisen und Klugen gegenüber dem amhaaretz, dem „Volk des Landes“, den Armen, dem armen, ungelehrten, gesetzesunkundigen Volk. Diese Gegenüberstellung stellt Jesus auf den Kopf! Die Unmündigen sind der Offenbarung Gottes gewürdigt. Weil sie Jesu Worte hören.

An die Stelle des Herrschaftswissens der Wenigen tritt das Wissen aller. „Die „Weisen“ sind jüdisch je nach Kontext und Situation verschiedene Gruppen: die Weisheitslehrer Israels, die „Schüler“ der Weisheit, die Anhänger apokalyptischer Gruppen, die Sektenmitglieder und neben ihnen der besondere Stand der Weisen in Qumran und vor allem die Schriftgelehrten“ (U. Luz, aaO.  S.205) Oft genug ist es eine Selbstbezeichnung, die auch nach Arroganz schmeckt. Das alles wird hier von Jesus zertrümmert. Der Glauben derer, die die Worte Jesu hören, genügt. „Alle!“ weiterlesen

Es ist ernst gemeint

Matthäus 11, 20 – 24

20 Da fing er an, die Städte zu schelten, in denen die meisten seiner Taten geschehen waren; denn sie hatten nicht Buße getan:

Ττε – eine Allerweltswort. Da. „Damals“ (Gemoll, aaO. S. 745) Was ist das, was sich hier zu Wort meldet? Emotion Jesu? Ist er gar beleidigt? Weil er spürt: Alles vergebliche Liebesmühe. Wir fremdeln mit diesem Schelten. νειδζειν„schmähen, schelten, Vorwürfe machen.“(Gemoll, aaO. S. 544) Ein scheltender Jesus ist eine schwierige Vorstellung, so wie wir es auch schwer haben mit dem zornigen Jesus. Weil wir so auf den liebenden Jesus fixiert sind, können wir diese andere Seite an ihm kaum wahrnehmen. Wir halten sie nicht wirklich gut aus.

Hinter diesem Satz wird eine Erwartung erkennbar: Die Machttaten Jesu sollen seiner Umkehrpredigt dienen. Sie unterstreichen, was er sagt. Mit dem Wort Μετανοετε.Kehrt um. Tut Buße!“ (4,17) hat Jesus seine öffentliche Wirksamkeit begonnen. Alles, was er im Folgenden tut, steht auch unter diesem Leitwort. Auch seine Taten sind ein Ruf zur Umkehr, zur Hinkehr zu Gott.

Es ist die Erwartung, dass Wort und Werk die Herzen von Menschen erreichen und zur Umkehr führen. Eine Erwartung, die dem Prophetenwort entspricht: Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“(Jesaja 55, 10 – 11)Hat sich Jesus also etwas vorgemacht über die Kraft seiner Worte?

Oder hat er, der Kenner der Herzen, der Gedankenleser sich etwas vorgemacht über die Herzen derer, die ihn hören und seine Werke sehen? Es ist ein Psalmwort über die Götzen, es könnte aber genauso gut ein Wort über Menschen sein:

 „Sie haben einen Mund und reden nicht,                                                                              sie haben Augen und sehen nicht,                                                                                                     sie haben Ohren und hören nicht,                                                                                           sie haben Nasen und riechen nicht,                                                                              sie haben Hände und greifen nicht,                                                                                       Füße haben sie und gehen nicht,                                                                                            und kein Laut kommt aus ihrer Kehle.“        Psalm 115, 5 -7

Ist es das, dass Jesus sich eingestehen muss: Ich habe die Situation falsch eingeschätzt? Es ist eben nicht so, dass eine Bergpredigt wie von selbst Menschenherzen verändert und Menschen auf eine neue Spur setzt. Lässt ihn der Frust über sich selbst so hart reden? Das wäre menschlich nur zu verständlich – und bringt ihn uns ein wenig näher, weil der Goldglanz der frommen Bilder eingetrübt wird.

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Fragen über Fragen

Matthäus 11, 1 – 19

1 Und es begab sich, als Jesus diese Gebote an seine zwölf Jünger beendet hatte, dass er von dort weiterging, um in ihren Städten zu lehren und zu predigen.

            Die Aussendungsrede ist zu Ende. Eine Rede nur an Jesu Jünger. Nicht auch an das Volk. Sie wissen nun, was sie zu tun haben. Er hat ihnen seine Gebote gegeben. Mir fällt auf, dass hier weder Nomos, νόμος, noch Entole, ντολή als Wort verwendet wird, Worte, die für Paulus beide großes Gewicht haben, sondern διατσσων. Es sind Befehle Jesu. Keine unverbindlichen Ratschläge. Sondern sie sind Einweisung in eine Lebensgestalt, die Jesus entspricht. Einer Lebenspraxis, die ihn abbildet, sich ihm nachbildet. Oder anders ausgedrückt: „Die Kirche übernimmt Jesu Lebensgestalt.“ (U. Luz, aaO.  S. 155)

            Es fällt  auf: die Aussendungsrede endet nicht mit einer Aussendung. Sondern jetzt wird weiter erzählt, dass Jesus weiterzieht und predigt und lehrt. Das in ihren Städten hört sich schon nach Distanz an. Es sind nicht mehr seine Städte. Da ist ein Bruch.

  2 Als aber Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger 3 und ließ ihn fragen: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?

             Vom Täufer Johannes war lange nicht mehr die Rede. Die letzte Notiz verwies auf seine Gefangennahme (4,12), die Jesus dazu bringt, nach Galiläa zu gehen. Auf Abstand, könnte man vermuten: Jetzt also hört Johannes von den Werken Christi. Das fällt auf: nicht von den Werken Jesu, sondern von den Werken Christi. Von Werken, die er mit seiner Messias-Erwartung, seiner Christus-Hoffnung zusammen zu bringen sucht. Er kommt durch das, was er von Jesus hört zu seiner Frage: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?

             Wen, was hören wir in dieser Frage? Einen Zweifler Johannes? Einen, der irre wird an Jesus, weil er seine Erwartungen nicht erfüllt? Aber es könnte doch auch genau anders herum sein: Was Johannes hört, lässt ihn in dem, den er am Jordan getauft hat, den Kommenden, den so lange schon Angekündigten, den Messias vermuten. Vielleicht sogar erhoffen! Und darum fragen: Bist Du es wirklich?

Wenn ich die Frage so als offene Frage annehme und nicht als die Frage eines Zweifelnden, der in seiner Gefängniszelle ins Sinnieren geraten ist, dann stellt Johannes stellvertretend für alle Suchenden die Frage, auf die wir Antwort brauchen. Die wir uns nicht selbst beantworten können. „So offen, wie Johannes (und seine Jünger!) Jesus fragen, soll man an Jesus herantreten, damit er sein Wirken erschließt?“ (U. Luz, ebda, S.168) Es ist befreiend, dass Johannes so fragen darf. Befreiend für das eigene Fragen, Suchen, Tasten. Es hat seinen Platz vor Jesus. „Fragen über Fragen“ weiterlesen

Unbequemer Jesus

Matthäus 10, 34 – 42

34 Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.

             Das ist das Sendungsbewusstsein Jesu. Eine harte Herausforderung für alle, die aus ihm einen soften Mann machen wollen. Jesus will nicht den Frieden um jeden Preis, um den Preis auch, dass Konflikte zugekleistert werden und alles gleichgültig ist und damit gleich gültig. Zugleich muss auch festgehalten werden: dieses Wort ist keine Aufforderung oder Rechtfertigung von Gewalt. Auch dieses Wort macht aus Jesus noch keinen Revolutionär oder Freiheitskämpfer.

Es gibt eine Fülle alttestamentlicher Worte, die den Messias als den Friedensfürsten ansagen. Worte, die wir Christen auf Jesus hin lesen: „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit.“(Jesaja 9,5-6) Mit seinem Kommen wird Frieden verbunden, der bis in die Naturverhältnisse hinein reicht: „Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter.“(Jesaja 11, 6-8)

Bilder unserer Sehnsucht. Bilder auch einer menschenfreundlichen Religiosität, wie sie heute noch Akzeptanz finden kann. Und dann dies: Die Realisierung dieser Worte- Frieden jetzt – sieht Jesus nicht als seinen Weg! Er ist nicht der Peacemaker in der Pax Romana und der unruhigen Provinz Syrien.

Nicht Frieden, sondern das Schwert. Auch darüber kann man stolpern: diese Worte beißen sich mit dem Auftrag an seine Jünger, Frieden in die Häuser zu bringen: Wenn ihr aber in ein Haus geht, so grüßt es; und wenn es das Haus wert ist, wird euer Friede auf sie kommen.“ (10,12-13) Fast möchte man fragen: Was gilt denn nun? Meine Antwort: Die Sendung Jesu bringt mit sich, dass Differenzen sichtbar werden, Konflikte auftreten, weil sich Menschen unterschiedlich zu ihm verhalten. Es kommt zu Spaltungen in den Familien. „Unbequemer Jesus“ weiterlesen