Gefährlicher Leerstand

Matthäus 12, 43 – 45

43 Wenn der unreine Geist von einem Menschen ausgefahren ist, so durchstreift er dürre Stätten, sucht Ruhe und findet sie nicht. 44 Dann spricht er: Ich will wieder zurückkehren in mein Haus, aus dem ich fortgegangen bin. Und wenn er kommt, so findet er’s leer, gekehrt und geschmückt.

    Manchmal ist es gut zu fragen: Für wen wird etwas erzählt, gesagt, aufgeschrieben? So auch hier. In der erzählten Situation des Disputes mit den Schriftgehrten und Pharisäern wirken diese Worte seltsam deplatziert. Sie sind auch deutlich ein Bruch in dem Gesprächsgang. Sie haben im Grunde nichts mit dem zu tun, was zuvor verhandelt worden ist, mit der Frage nach Zeichen. such nichts mit den Gesprächspartnern Jesu – Schriftgelehrten und Pharisäern.

Aber denoch sind die Worte Jesu nicht völlig aus der Luft gegriffen. Siie greifen zurück auf den Anlass der Diskussionen. Auf die Befreiung eines Besessenen: Da wurde ein Besessener zu Jesus gebracht, der war blind und stumm; und er heilte ihn, sodass der Stumme redete und sah.(12,22) Jesus hat das nicht vergessen – dieses Tun hat alle Gespräche danach ausgelöst.

Hier allerdings sind sie wohl in erster Linie Warnung an die Christinnen und Christen, die in die Freiheit des Glaubens getreten sind. Sie sind eine Warnung davor, rückfällig zu werden. Sich von den Geistern der Vergangenheit neu einfangen zu lassen. Ihnen die Türen wieder zu öffnen. Es kann eine schlimme Täuschung sein, den guten Anfang schon für das Ziel des ganzen Weges zu halten. Sich in falscher Sicherheit zu wiegen: Es wird alles gut, weil wir doch den richtigen Schritt schon gemacht haben. Den Schritt zum Glauben. Der erste Schritt ist aber nur ein Schritt und noch nicht der ganze Weg.

Menschen sind wie Bäume. So hat Jesus zuvor gesagt. Menschen sind wie Häuser. Bei Häusern ist die Kernfrage: Wer wohnt in diesem Haus? Wer in einem Haus wohnt, der bestimmt die Atmosphäre des Hauses . Der entscheidet darüber, ob es eine offene Tür hat, ob es in diesem Haus ordentlich zugeht oder chaotisch. Ob Streit oder Frieden herrschen.

Beim Besitzerwechsel kann sich auch die Geschichte eines Hauses verändern. Es kehrt ein neuer Geist ein. Ein guter Geist. Die alten Geschichten werden umgeschrieben. Unser Haus in unserem Dorf hatte den Namen „Scheidungshaus“, weil sowohl das Erbauer-Paar als auch das nachfolgende Paar sich scheiden ließen. Der Name hat uns seinerzeit nicht geschreckt- wir wohnen gerne in unserem Haus. Und haben das Gefühl: der alte Geist ist vertrieben.

Nur leerstehen darf so ein Haus auch nicht. Dann nisten sich womöglich andere Geister ein. Es kann noch so schön geschmückt sein – es ist ein dankbares Objekt für eine Hausbesetzung.   Davon redet Jesus – es gibt Häuser, die werden zu Opfern von Hausbesetzern und es gibt Menschen, die werden zu Opfern von unreinen Geistern, die sie besetzen.      

Leerstand ist irgendwie nicht vorgesehen. Der neutrale Ort, wo man nach allen Seiten offen sein kann, existiert in der Sicht Jesu nicht. Entweder Gottes Geist oder der unreine Geist residiert im Menschenhaus. „Der Wille hat nicht die Entscheidungsfreiheit, zu einem Reiter zu laufen oder ihn zu suchen, sondern die Reiter selbst streiten darum, ihn festzuhalten und zu besitzen“, zitiert Jung den Reformator. Wer oder was der Satan ist, wäre ein eigenes, abendfüllendes Thema. Wichtig ist Jung etwas anderes: Der Mensch sei für Luther fremdbestimmt, „aber die ,Qualität‘ dieser Fremdbestimmung ist entscheidend“. Die durch Satan führe in Abhängigkeit, die durch Gott, „der in sich Freiheit ist“, in Freiheit und ewiges Heil.“(Von wegen freier Wille. Wie Volker Jung 220 Schülern Martin Luther nahebringt FAZ 09.02.2013, Nr. 34, S. 43) So geht es auch heute noch zu.

 “But you’re gonna have to serve somebody, yes
Indeed you’re gonna have to serve somebody
Well, it may be the devil or it may be the Lord
But you’re gonna have to serve somebody.”    B. Dylan Slow Train Coming

             Niemand läsṣt sich gerne seine Einflussmöglichkeiten nehmen. damals nicht, heute nicht.

  45 Dann geht er hin und nimmt mit sich sieben andre Geister, die böser sind als er selbst; und wenn sie hineinkommen, wohnen sie darin; und es wird mit diesem Menschen hernach ärger, als es vorher war. So wird’s auch diesem bösen Geschlecht ergehen.

Das ist schlichte Lebenserfahrung: Schlechte Gewohnheiten sind nie ein für alle Mal abgelegt. Der trockene Alkoholiker bleibt ein Leben lang Alkoholiker. Der Burnout-Geheilte bleibt wohl ein Leben lang dennoch gefährdet. Und auch Christ*innen können rückfällig werden, ihr Lebensvertrauen erneut auf das setzen, was sie einmal als Besessenheit erkannt hatten: Geld, Macht, Ansehen, Einfluss, Sex. Wo das passiert, so die Erfahrung, die Jesus anspricht, wird es schlimmer als zuvor. Rückfälle sind oftmals schlimmer als alles, was vorher war.

Herausforderungen an unser Denken und Glauben

Es ist eine Binsenweishet: Nur wer die Tür seines Hauses zumacht und sie geschlossen hält, ist einigermaßen sicher vor dem Eindringen ungebetener Besucher. Das gilt auch für das Lebenshaus. Wenn eine*r von Gefangenschaften befreit worden ist, frei geworden ist, dann gilt es, diese Freiheit auch wirklich zu glauben und in ihr zu leben. Die Freiheit wird gefährdet, wenn man ständig auf die alten Bindungen zurückschaut. So wie Wunden nicht zuheilen können, wenn sie ständig neu aufgekratzt werden. Wer seine alten Bindungen wieder und wieder anschaut mit der bangen Fragen: Sind sie auch wirklich Vergangenheit, der bleibt, allem Freispruch zum Trotz, unter ihrer Macht.

Es ist der „Psychologe“ Jesus,  der weiß: Ein Befreiter muss seine Befreiung auch wirklich wollen, aus ihr leben wollen. Es gibt in der Abendmahls-Liturgie nach der Absolution den Satz: „Euch geschehe, wie ihr glaubt.“ Wer die zugesprochene Vergehung glaut, der setzt sie bei sich selbst in Kraft. Sie lässt einen dann auch frei sein. Wer sie aber nicht glaubt, der begibt sich „freiwillig“ unter die alte Gefangenschaft. Es ist die Aufgabe unseres Vertrauens, dem gehörten Wort Raum zu schaffen in der eigenen Seele und dem eigenen Leben. Diese „Mitwirkung“ nimmt uns das Geschenk der Vergebung und Befreiung nicht ab.

  Es ist eine Warnung, sich nichts vorzumachen: wir sind nicht so frei, wie wir es gerne wären. Nicht so unangreifbar, wie wir es uns wünschen. Nicht so sicher in unserem Glauben,  dass uns nichts mehr passieren kann. Uns doch nicht. „Den Teufel spürt das Völkchen nie, Und wenn er sie beim Kragen hätte.“(J. W. v. Goethe, Faust, Szene in Auerbachs Keller) Der Bibel- und kapitelfeste Frankfurt Dichter ist in Sachen dieser Freiheit eher skeptisch. Weil er ahnt, dass die Freiheit immer stark gefährdet ist.

Das gilt für einzelne Menschen. Manchmal denke ich: es gilt auch für Völker. Wo man geglaubt hatte, den Rassismus als menschenverachtende Einstellung ein für alle Mal überwunden zu haben, lernt man bestürzt; er feiert fröhliche Urstände. Wo man geglaubt hatte, es sei in Stein gemeißelt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ (GG § 1), da erfährt man heute bestürzt: Sie ist antastbarer denn je. „Die im Internet üblichen Beschimpfungen, Beleidigungen, Todeswünsche, Drohungen, was der Mensch halt so ausstößt, wenn er sich an seiner Tastatur unbeobachtet fühlt, habe ich wie immer staunend beobachtet. Wo erfährt man so ungeschminkt, wie er ist, der Mensch? (…) Der Shitstorm ist die Hexenverbrennung des 21. Jahrhunderts, Gott sei Dank bei angenehmen Temperaturen, ‘nur’ sozial, nicht physisch vernichtend.” (www.anstoß-gw.de vom 19.7.15) 

Es ist gut, sich keine Illusionen zu machen über dieses böse und ehebrecherische Geschlecht.(12, 39) Aber auch, es nicht vorschnell identifizieren zu  wollen: die Gottlosen, die da draußen, die anderen. Was, wenn wir selbst zu diesem Geschlecht gehörten? Wir können uns doch nicht selbst schützen. Wir sind schutzbedürftig gegen die bösen Geister, die draußen und die drinnen.

 

Jesus, Du weißt, wie viel auf uns einströmt. Worte dringen an unser Ohr, ob wir sie wollen oder nicht. Bilder greifen nach unserem Sehen und wir können die Augen nicht verschließen. Wir sind unter dem stetigen Einfluss unserer Zeit.

Verleihe Du uns,  mir, dass die Bilder keine Macht über uns gewinnen, die unsere Seele verwunden, dass die Worte kein Gehör in uns finden, die uns Hass und Neid und blinde Wut lehren wollen.

Gib Du, dass uns Dein Wort fest macht, immun gegen die Botschaften, die uns wegziehen wollen von Dir, die uns Deine Freiheit nehmen wollen. Gib uns Deinen Geist. Tag um Tag neu. Amen

Das eine Zeichen

Matthäus 12, 38 -42

38 Da fingen einige von den Schriftgelehrten und Pharisäern an und sprachen zu ihm: Meister, wir möchten gern ein Zeichen von dir sehen.

             Seltsam: trotz der heftigen Worte Jesu ist das Gespräch nicht zu Ende. Es ist, als würden die so hart Angegriffenen immer noch nach einer Verstehensmöglichkeit suchen, nach einem Weg, wie sie begreifen können, mit wem sie es in Jesus zu tun haben. Zumindest einige sind mit diesem „ausfällig gewordenen“ Jesus noch nicht fertig. Zu den Pharisäern gesellen sich jetzt Schriftgelehrte. „Für Matthäus sind sie Repräsentanten des Judentums seiner Zeit“ (W. Klaiber, aaO.  S.256),  In seiner Sicht gehören beide Gruppen wohl zusammen, sind fast identisch. In der Folge des Evangeliums werden sie darum oft in einem Atemzug genannt werden.

ΔιδσκαλεMeister nennen sie Jesus. Das ist Anerkennung und Distanz in einem. Anerkennung dessen, der eine gewichtige Stimme im innerjüdischen Gespräch ist, einer, der durchaus zu Recht beansprucht, ein Lehrer zu sein. Aber zugleich sagen sie mit dieser Anrede auch: Davids Sohn (12,23) bist Du nicht!

Ist es eine Forderung oder eine Bitte, die sie vorbringen? Wir möchten gern ein Zeichen von dir sehen. Wollen sie eine Demonstration, ihn gar aufs Glatteis führen: das kannst du ja doch nicht. Übernehmen sie, unbewusst, mit ihren Worten die Rolle des Versuchers? Er hatte ja Jesus auch ein Zeichen nahegelegt:  „Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben : »Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.« (4,5-6)

             Ein Zeichen, σημεον, wollen sie. „Etwas Sichtbares, wodurch man eine Sache eindeutig identifizieren kann.“(U. Luz,aaO. S. 275) Einen unumstößlichen Beweis. Es scheint als würden sie es nicht merken: sie wollen den Glauben ersetzen durch ihre objektive Urteilsbildung. Wer Beweise hat, muss nicht mehr glauben. Mit ihrer Forderung, ihnen objektive Kriterien zum eigenen Urteil zu liefern, finden  die Schriftgelehrten und Pharisäer bis in unsere Zeit viele Nachfolger.

Aber: unverschämt ist das alles nicht. Ungehörig auch nicht. Man macht es sich zu einfach, wenn man diese Bitte gleich als übles Spiel betrachtet. Sie kennen ihre Bibel und wissen, dass es durchaus im Rahmen des erlaubten Umgangs mit Gott liegt, Zeichen zu erbitten. Es gibt schließlich die Gideons-Erzählung, in der das Erbitten von Zeichen legitimiert wird, weil der HERR sich darauf einlässt (Richter 6) Der Glaube ist nicht immer so stark, dass er auf alle äußeren Zeichen Verzicht leisten könnte.

 39 Und er antwortete und sprach zu ihnen: Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden, es sei denn das Zeichen des Propheten Jona. 40 Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein.

            Es ist der Anfang der Antwort Jesu, der die Bitte in ein dunkles Licht rückt. Seine Wertung: Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen. Jesus, so scheint es, hört hier keine Bitte, sondern eine Forderung. Wieder plädiere ich für behutsames Lesen: Das können Worte sein, die diese Bittenden abstempeln: so Leute seid ihr. Das kann aber auch die Charakterisierung der Zeit sein: In solchen Zeiten leben wir, in denen die Gottesgewissheit geschwunden ist, das Gottvertrauen gegen Null geht.

Gerne heute formuliert: Der „geistliche Grundwasser-Pegelstand“ – was immer das für eine Messgröße sein soll – ist in Deutschland stark fallend. Wegen der Kirchenaustritte. Wegen der Scheidungsraten. Wegen der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. Wegen der modernen Theologie. Und es sind nicht so ganz wenige, vorzugsweise Fromme und Konservative oder fromme Konservative, die diese Charakterisierung ein böses und abtrünniges Geschlecht – Γενε πονηρ κα μοιχαλς –  nahtlos auf die BRD  und die Kirchen in unserem Land übertragen würden.

Trotz dieser Wertung: Jesus sagt ein Zeichen zu! Das wird durch die sprachliche Wendung gerne überlesen. Ja, es wird ein Zeichen geben. Das Zeichen des Jona. Das ist eindeutig für die Zuhörerinnen und Zuhörer Jesus damals: Es kann nur um die Rettung des Jona nach drei Tagen und Nächten aus dem Bauch des Fisches gehen.

Dennoch. Für die Gesprächspartner Jesu ist das erst einmal ein Rätselwort: Was ist gemeint mit dem Schoß der Erde? Und wer ist der Menschensohn? Redet Jesus von sich? Von einem Aufenthalt in den Tiefen der Erde? Wir übersehen es leicht: Weil wir das Evangelium von der Auferstehung Jesu kennen, nach drei Tagen, ist für uns die Antwort offensichtlich. Für die Leser und Leserinnen des Matthäus wohl auch. Für die Gesprächspartner Jesu dagegen ist es ein dunkles Rätselwort.

Für den Evangelisten Matthäus ist das Schriftauslegung, wie er sie gelernt hat und ständig übt: Er sieht im Geschick des Prophet Jona, in seinem Verschlungen- und Gerettet-werden den Weg Jesu vorabgebildet. Hier wird etwas sichtbar von der Leseweise der Hebräischen Bibel durch Matthäus: er liest die Schriften auf Jesus hin und von Jesus her. Das macht in den Augen des Matthäus – und wohl auch seiner Gemeinde, für die er schreibt – ihre Autorität aus, dass sie uraltes Zeugnis auf Jesus hin sind.

Ob ich so weit gehen darf: diese Art der Schriftauslegung ist auch ein Angebot an seine jüdischen Zeitgenossen, so über das Lesen ihrer eigenen Schrift zur Christus-Erkenntnis zu gelangen?

 41 Die Leute von Ninive werden auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. Und siehe, hier ist mehr als Jona. 42 Die Königin vom Süden wird auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und wird es verdammen; denn sie kam vom Ende der Erde, um Salomos Weisheit zu hören. Und siehe, hier ist mehr als Salomo.

Die Überlegungen gehen weiter: In Ninive hörten sie auf Jona. Die Königin von Saba sucht die Weisheit Salomos. Und dann beide Male: Hier ist mehr als Jona. Hier ist mehr als Salomo. Das ist die Zuspitzung: es geht weder um das Wunder der Rettung aus dem Fischbauch, noch um das Weisheitswunder. Es geht eher um den predigenden Jona in Ninive als ein Zeichen des unermüdlich die Umkehr suchenden Gottes. Und um die Weisheit des Salomo als ein Zeichen der unerschöpflichen Weisheit Gottes.

Wenn diese Überlegung zutrifft, dann gilt: Es geht um ihn, um den Menschensohn. Er selbst ist das Zeichen. Er selbst und nicht nur, was er tut oder was an ihm geschieht. „Dieser Generation bleibt nur noch der Weltenrichter selbst als das Zeichen.“(U. Luz, ebda., S.279) Es ist, als würde zwischen den Zeilen von Jesus unausgesprochen dennoch wiederholt: „Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“ (11,6)

 Es ist gut, sich keine Illusionen zu machen über dieses böse und ehebrecherische Geschlecht. Aber auch, es nicht vorschnell identifizieren zu  wollen: die Gottlosen, die da draußen, die anderen. Was, wenn wir selbst zu diesem Geschlecht gehörten? Wir haben doch wirklich kein anderes Zeichen.

Gegen die Angst, wenn sie über alle Ufer steigt                                                              Gegen die Angst wenn der schwache Glaube kleinlaut schweigt                               Gegen die Angst, zu zerbrechen an dem Urteil dieser Welt                                       Gegen die Angst ist ein Zeichen aufgestellt.                                                                                          I.  Olsson in:  CD Jan Vering, leisestärke 1992

Zum Weiterdenken

             Darf man das Wort Zeichen durch das Wort Erfahrungen ersetzen? Was ist mit unserem Glauben, wenn wir keine Gotteserfahrungen machen, die in unseren Alltag hineinreichen?  Nicht jeden Tag, aber doch im Laufe des Lebens hier und da. Ich bin mir nicht sicher, ob ich (noch) glauben würde, wenn es nicht diese Erfahrungen, Zeichen immer wieder einmal gegeben hätte – Berührungen Gottes in mein Leben hinein. Die Erfahrung, dass Gott nicht jenseits ist, sondern in unsere Wirklichkeit hinein spricht, handelt, sich finden lässt im Staub der Straße, in den Niederlagen, in den Schmerzen, in den Siegen. In dieser so verrückten und verkehrten Welt.

Solche Erfahrungen allerdings sind nur deshalb tragfähig, wesentlich, aussgekräftig, weil es das eine große Zeichen gibt – Kreuz und Auferstehung. Das ist Gottes Zeichen, an dem ich hänge: Ich, Gott, gebe dem Weg Jesu durch die Welt Recht. Es ist mein Weg. Ich, Gott, bestätige seine Worte als mein Wort, seine Wahrheit als meine Wahrheit, sein Erbarmen als meine grundlose Barmherzigkeit, sein Vergeben als meine für Zeit und Ewigkeit gültige Vergebung. Das hilft mir, auch quälende Zeiten der Furcht auszuhalten, ihnen standzuhalten. Weil dieses Zeichen unverrückt in der Welt ist.

 

Jesus, Du bist mir das eine Zeichen, das in allen Ängsten Zuflucht ist, das ich gegen alle Schmerzen suche, das mir das Hoffnungszeichen ist, wo alle Hoffnung schwindet, an das ich mich halte weil Du mich hältst.

Du und Deine zerbrechliche Liebe, die keine loslässt, keinen fallen lässt, die immer noch einmal vergibt gegen alle Vernunft grenzenlos in ihrem Erbarmen. Du bist mir das Zeichen, dass der Vater im Himmel uns gut ist. Amen

Gute Bäume gute Worte

Matthäus 12, 33 – 37

 33 Nehmt an, ein Baum ist gut, so wird auch seine Frucht gut sein; oder nehmt an, ein Baum ist faul, so wird auch seine Frucht faul sein. Denn an der Frucht erkennt man den Baum.

             Wieder einmal holt Jesus seine Gesprächspartner bei ihrer Alltagserfahrung ab. Jeder kennt das Unterscheidungsmerkmal für gute und faule Bäume. Es sind die Früchte. An dem, was sie hervorbringen, zeigt es sich, wie es um Bäume steht. Sie können nicht anders, ihr Zustand wird an ihren Früchten anschaulich.

 34 Ihr Otterngezücht, wie könnt ihr Gutes reden, die ihr böse seid? Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.

             Es ist erschreckend: γενν­ματα χιδνν – ihr Otterngezücht , Frucht von Nattern, Schlangenbrut, ihr mit euren Schlangencharkter( alles nach Gemoll, aaO. S 169 möglich) – so redet Jesus mit denen, die um ihn stehen. Es wird nicht besser dadurch, dass schon der Täufer Ähnliches gesagt hatte und Jesus nur seine Worte aufgreift. Hier wird ein Bild Jesu sichtbar, das zutiefst irritiert: er greift Menschen frontal an. Er verurteilt sie, schon durch seine Anrede und unterstellt: Das, was ihr sagt, man muss wohl lesen: gegen mich sagt, das zeigt etwas vom Zustand eures Herzens. Ihr seid voller Bosheit.  Das ist seine Antwort auf ihre Deutung: „Dieser treibt die Dämonen nicht anders aus als durch Beelzebul, den Obersten der Dämonen.“12,24)

Wahr ist: der Herzenskenner Jesus liest die Gedanken des Herzens. Nicht nur, was sich Menschen so denken. Und hier wird sein Kennen zur Anklage, und darüber hinaus gehend, zum Urteil. Wobei, hier musste er nicht Gedanken lesen. Es reichte, die Worte der Pharisäer einfach zu behalten. „Gute Bäume gute Worte“ weiterlesen

Es geht um Klarheit

Matthäus 12, 22 – 32

 22 Da wurde ein Besessener zu Jesus gebracht, der war blind und stumm; und er heilte ihn, sodass der Stumme redete und sah. 23 Und alles Volk entsetzte sich und fragte: Ist dieser nicht Davids Sohn?

             Wieder, fast im Vorübergehen erzählt, eine Heilung. Fundamental. Einer der unter die Gefangenschaft der Dämonen geraten ist ,kann reden und sehen, einer,  der vorher stumm und blind war. Ausgeschlossen von allem. Er wird geheilt. Seine Heilung löst beim Volk Entsetzen und Fragen aus. Tief beeindruckt tasten sie nach dem Verstehen Jesu: Haben wir es hier mit dem Davids Sohn zu tun?  Dem, der verheißen ist seit uralten Zeiten? „Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.“(Jesaja 11,1) Es mag mitschwingen in ihrem Fragen: ist es jetzt endlich soweit mit der großen Wende?

 24 Aber als die Pharisäer das hörten, sprachen sie: Dieser treibt die Dämonen nicht anders aus als durch Beelzebul, den Obersten der Dämonen.

Die Heilung ist einmal mehr Auftakt einer harten Auseinandersetzung.  Auftakt zu einer Debatte. Die Pharisäer sind jetzt erneut als Gegner Jesu auf dem Plan. Sie bestreiten nicht die Heilung. Wohl aber stellen sie die Kraft, aus der sie kommt massiv in Frage. Es ist die Macht von unten, die Kraft des Bösen, im Klartext: des Teufels. Nebenbei: auch im Reich der Dämonen gibt es also nach damaliger Anschauung eine Hierarchie, Oberste und Untergebene.   

  25 Jesus erkannte aber ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet; und jede Stadt oder jedes Haus, das mit sich selbst uneins ist, kann nicht bestehen. 26 Wenn nun der Satan den Satan austreibt, so muss er mit sich selbst uneins sein; wie kann dann sein Reich bestehen?

             Jesus – Herzenskenner. Gedankenleser. Er erkennt – hellsichtig – den Widerspruch, der sich in ihren Gedanken formiert. Vielleicht erkennt er diese Gedanken auch deshalb, weil sie ja schon früher einmal formuliert worden waren: „Aber die Pharisäer sprachen: durch den Obersten der Dämonen treibt er die Dämonen aus.“(9,34) Sie wiederholen sich in ihren Gedanken. Er lässt sich darauf ein, mit den Pharisäern zu reden, zu diskutieren.

Das ist kein Widerspruch zu dem voraus gegangenen Jesaja-Zitat! Es geht ja doch darum, die Gedanken zu klären, die Hindernisse abzubauen. Ich lese also diese Diskussion, die hier anfängt, nicht als eine Debatte ums Rechthaben. Es ist ein Versuch, den Pharisäern eine Brücke zu bauen – auch durch Dagegenhalten, auch durch das Aufzeigen von inneren Widersprüchen. Das aber wird man mit aller Vorsicht festzustellen haben: der Ton der Debatte wird schärfer, auf Seiten der Pharisäer, aber auch auf Seiten Jesu. Früher im Evangelium hat er Reaktionen der Pharisäer kaum kommentiert hingenommen. Jetzt nicht mehr.

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Der Knecht Gottes

Matthäus 12, 15 – 21

15 Da aber Jesus das erkannte, entwich er von dort.

             Kein Leiden um jeden Preis. Kein selbstgewähltes Martyrium. Kein Opfergang aus eigenem Bestimmen. Die Zeit ist noch nicht da. Der Weg ist noch nicht zu Ende gegangen. Man kann fragen: Wie hat Jesus von diesem Beschluss, ihn zu töten, erfahren? Wie hat er ihn erkennen können, Kenntnis – so wörtlich  γνούς –   von ihm erhalten können  ? Es interessiert Matthäus nicht, uns an dieser Stelle Auskünfte zu geben. Über Informanten aus dem Kreis der Pharisäer. Über Sympathisanten, die ihn gewarnt haben könnten. Nur das: er weicht aus. Es ist noch Zeit für ihn zu leben.

 Und eine große Menge folgte ihm, und er heilte sie alle

             In seinem Ausweichen aber ist er nicht allein. Er hat viele, so wörtlich, die ihm nachfolgen. Nachlaufen, würden die Gegner Jesu wohl sagen. Es ist schon bemerkenswert, dass auch hier wieder das so hoch besetzte Wort κολουθεν für dieses Nachgehen der vielen hinter Jesus gebraucht wird. Offensichtlich hat Matthäus noch kein Interesse daran, das Wort zu überhöhen. Oder anders gesagt: der geistliche Weg der Nachfolge fängt damit an, dass eine/einer äußerlich hinter Jesus her zu gehen beginnt.

Alle erfahren sie bei Jesus Heilung. Wieder: Kein statistischer Befund, sondern eine Aussage über die Zuwendung Jesu: die, denen er sich zuwendet, werden heil.  Weil er  sich ihnen zuwendet. Weil sie ihm nachlaufen.

 16 und gebot ihnen, dass sie ihn nicht offenbar machten, 17 damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht (Jesaja 42,1-4):

 Jesus aber unterbindet, dass davon erzählt wird. Dass sie für ihn Propaganda machen. Dass sie ihn offenbaren. Enthüllen. Öffentlich machen. Mit φανερόν steht hier ein Wort, das später für das Erscheinen des Auferstandenen gebraucht werden wird. Dabei wird es kaum um seinen Aufenthaltsort gehen, der nicht publik werden soll. Sondern eher um das, was er tut. Das ist durch die Möglichkeit von Missverständnissen bedroht. Wenn sie von ihm als Heiler erzählen, wird er darauf reduziert werden. So wie manche bis heute Jesus auf den Wundermann reduzieren. Auf eine Art „Mirakulix“.

Auch das mag mitschwingen: es ist nicht die Aufgabe von Menschen, auch nicht von gutmeinenden Menschen zu enthüllen, wer Jesus ist. Es ist einzig und allein er selbst, der zu erkennen gibt, offenbart, enthüllt, wer er ist. Wenn es an der Zeit ist. „Der Knecht Gottes“ weiterlesen