Nicht allein bleiben

Matthäus 7, 7 – 11

 7 Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. 8 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.

             Was für eine Weite! Was für ein Vertrauen! Was für eine Zumutung! Die Worte hören und sich davon angezogen fühlen ist eins. Aber auch das passiert sozusagen automatisch, dass der Zweifel sich meldet, Die Erfahrung. Das wissen wir doch: Bitten laufen ins Leere, finden keinen Echo, keine Antwort. Gebete bleiben unerhört.  Nicht alle, aber doch mehr als wir gut aushalten. „Nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott.“(D. Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, DBW Band 8, S.569) Das klingt wie eine notwendige Eingrenzung dieses so unglaublich weiten Jesus-Wortes.

Es ist vielleicht so, dass die Worte Jesu anknüpfen an eine Verheißung, die dem unter die Völker zerstreuten Israel gilt: „Ihr werdet dort den HERRN, deinen Gott, suchen, und du wirst ihn finden, so du ihn von ganzem Herzen und von ganzer Seele suchen wirst.“(5. Mose 4, 29) Jesus ist in seinem Reden nicht so, dass er seine Worte aus der Luft greift. Er greift die Worte seines Vaters im Himmel auf und hält sie denen hin, die er ansieht als die zerstreuten Schafe Israels(9,36).

Unsere Einwände gehen weiter, immer weiter: Es gibt vergebliches Suchen, nicht nur nach verlegten Gegenständen. Vergebliches Suchen nach Lösungen, nach Weggefährten für das eigene Leben. Nach Liebe. Nach Gerechtigkeit. Nicht alle Türen gehen auf. Nach der fünfzigsten  vergeblichen Bewerbung werfen manche das Handtuch: Für mich geht keine Tür mehr auf.

„Weiß Jesus nichts von nicht erhörten Gebeten?“(W. Klaiber, aaO. S. 143) Er, der beten wird: „Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!“(26,39)Es könnte sein – es ist gerade umgekehrt: Weil Jesus weiß, wie bedroht das Beten ist, wie rasch einer/eine sagt: Es ändert ja doch nichts. Der Himmel bleibt verschlossen, es ist keiner da, der hört, darum sagt er diese Worte. Weil die Ermutigung zum Suchen, Bitten, Anklopfen nötig ist wie das  tägliche Brot.  

Hinter den Worten Jesu steht sein Vertrauen auf den himmlischen Vater. Sein Vertrauen, dass er allen mitteilen möchte, mit allen teilen möchte, die sich um ihn sammeln. Die ihn hören. Es ist das Rufen in ein Beten über die eigenen Grenzen hinaus. In ein Vertrauen, dass sich nicht von vornherein durch Einwände, Erfahrungen und Zweifel ausbremst. Das sich nicht mehr traut, die eigenen Hoffnungen zu denken, zuzulassen und auch vor Gott zu sagen, allen inneren Stimmen zum Trotz.

In meinen Ohren hört es sich ein bisschen mühsam, wenn auch theologisch korrekt an: „Man kann diesen Satz nicht in eine Anweisung zu unfehlbar wirkendem Zauberritus umprägen.“ (E. Schweizer, aaO.  S. 110) Das ist wohl wahr. Aber wahr ist auch, dass Jesus mit seiner bedingungslosen Einladung zum Beten, Suchen, Anklopfen eben doch eine unerhört weite Einladung ausspricht: So darfst du mit Gott rechnen.

Ein weiterer Versuch, diese Weite einzuschränken, mit unseren Erfahrungen in Einklang zu bringen, besteht darin, sie einzugrenzen: Es geht um Bitten um den Glauben, das Anklopfen bei Gott, um das Suchen nach der Tür des Glaubens. Nicht um Bitten, Suchen, Anklopfen in einer Alltäglichkeit.

Ich glaube nicht, dass man so einengen darf. Dieses Wort Jesu berührt doch die ganze Wirklichkeit menschlichen Lebens, nicht nur einen frommen, geistlichen Bereich: Menschen, „die in Not sind, bitten um Hilfe, suchen nach Lösungen, klopfen an die Türen in der Hoffnung, dass sie sich auftun und einen Weg in die Zukunft eröffnen.“(W. Klaiber, aaO. S.143) Sie tun das, indem sie sich in hoffnungslos überfüllten Schiffen auf den Weg über das Mittelmeer machen. Indem sie zum Arzt gehen voller Bangen und mit Ängsten, die die letzten Kräfte rauben wollen. Indem sie sich anderen anvertrauen mit dem, was sie allein nicht bewältigen können an vermurkster und verkorkster Vergangenheit.

Das macht Jesu Wort so schön, so anziehend: dass es bedingungslos ist. Nichts voraussetzt, keine Gläubigkeit, keine Kenntnis von Beschwörungsformeln, keine heiligen Texte. Nichts. Das mancht es schön. dass es grenzenlos ist. Nichts ausklammert. Nichts für unmöglich erklärt. Und dass es von überall her den Weg offen sieht.     

 9 Wer ist unter euch Menschen, der seinem Sohn, wenn er ihn bittet um Brot, einen Stein biete? 10 Oder, wenn er ihn bittet um einen Fisch, eine Schlange biete? 11 Wenn nun ihr, die ihr doch böse seid, dennoch euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel Gutes geben denen, die ihn bitten!

Einmal mehr bedient sich Jesus der Logik, wie sie im Judentum gelehrt wird – der Schlussfolgerung vom Kleineren zum Größeren. Wenn schon Menschen sich den Bitten nicht verweigern, die an sie gerichtet werden, sie nicht durch ihre Antworten konterkarieren, wie viel mehr wird Gott das Bitten hören, das ihn sucht. In seinem Hören und Geben erweist er sich doch als  euer Vater im Himmel. Daran liegt Jesus: „Die Liebe Gottes ist noch viel gewisser als die Liebe des irdischen Vaters.“ (U. Luz, aaO. S.384)  

             Das ist das geheime Zentrum dieser Einladung zum Bitten, Suchen, Anklopfen. Es richtet sich an den Vater im Himmel. Nicht an den unfassbaren, unnahbaren, unbegreiflichen, schweigenden Gott jenseits der Welt. Irgendwo da draußen. Diesen Gott lerne ich gerade kennen im Aushalten der Schmerzen um Menschen, die mir nahe sind. Denen ich nie genug Nähe geschenkt habe.

Noch einmal – auch diese Worte Jesu sind nicht einfach „frei erfunden“. Sie haben ihre Vorläuferworten in den Verheißungen an Israel: „Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen.“(Jeremia 29,11-14)Es ist die Leidenschaft Gottes, gerade denen entgegen zu laufen, entgegen zu kommen, die sich nur noch zaghaft auf die Suche machen. Mehr noch: ihnen die Suche abzunehmen in seinem Suchen und Entgegenkommen.

Jesu Worte rufen uns, mich, alle Leserinnen und Leser zu dem Vater im Himmel. Weil er ihm vertraut, ihn kennt, darum sagt er diese so weiten Sätze: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. In dieses Vertrauen Jesu schlüpfe ich mit hinein mit meinem Bitten, Suchen, Anklopfen. Das kann ich, ihm vertrauen, weil ich ihn vor mir sehe, Jesus, mit weit ausgebreiteten Armen, gezeichnet an den Händen von den Nägelmalen, der Wirklichkeit der Welt.  Und er ruft, so wie ich es so oft bei unseren Kindern getan habe und bei den Enkeln wieder tue: Komm in meine Arme!

             Es ist gerade nicht so, dass Jesus ableitet: Weil Väter liebevoll sind, muss  auch der Vater im Himmel so gedacht werden. „Zum Begreifen Gottes kommt es nicht einfach so, dass eine menschliche Liebeserfahrung mit irdischen Vätern auf Gott projiziert wird.“ (U. Luz, aaO. S.385) Sondern es ist umgekehrt: Weil Jesus den Vater im Himmel kennt, seine Liebe glaubt, seiner Fürsorge traut, deshalb kann er bei irdischen Vätern – und Müttern! – Hinweise auf diesen Vater im Himmel entdecken. Gebrochen, weil wir so gut nicht sind, wie wir uns das gerne wünschen, aber dennoch Hinweise. In der irdischen unvollkommenen, gefährdeten Liebe spiegelt sich die himmlische Liebe.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben.

Manchmal hilft ja die Umkehrung eines Satzes, um besser zu verstehen. Wer nicht bittet, dem hilft keiner. Wer nicht sucht, wird nichts finden. Wer nicht anklopft, wird vor verschlossenen Türen bleiben. Das versteht jeder, weil es unere Erfahrung spiegelt. Der Verzicht auf Bitten, Suchen, Anklopfen führt dazu, dass man auf sich allein zurückgeworfen bleibt. Es ist der Anfang einer Einsamkeit, in die man sich selbst hinein manövriert. Es geht Jesus um das Aufbrechen aus einer selbstverschuldeten Einsamkeit – Gott hat sich uns so nicht gedacht. Er will uns als Gegenüber – bittend, suchend, anklopfend. So kommt er in Jesus auf uns zu, so düürfen wir durch Jesus auf ihn zukommen

 

Jesus, Du willst Mut machen, mir und allen anderen, uns mit allem Gott hinzuhalten, nach ihm zu rufen – mit dem Schönen, das wir erfahren und mit dem Schweren, das uns zu schaffen macht.

Du willst uns Mut machen, uns mit allem, was wir erfahren, an Menschen zu wenden, ihre Nähe zu suchen, einen Weg zu ihrem Herzen, mit unserer Freude und unserem Schmerz.

Du lehrst uns beten, bitten und suchen und anklopfen bei Gott und bei Menschen, nicht verschlossen in uns selbst zu bleiben, sondern uns zu öffnen. Wir müssen nicht allein bleiben. Dass Du uns dieses Vertrauen stärkst, dafür danke ich Dir. Amen