Grenzfall Normenkontrolle

 Matthäus 7, 1 – 6

1 Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. 2 Denn nach welchem Recht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden.

Sind das immer noch die gleichen Leute, die hier angesprochen sind? Die zuvor in die Freiheit vom Sorgen gerufen worden sind, in ein Leben im Heute. Es scheint eine Brücke zu geben von den Sorgen um das eigene Leben und Auskommen zu dem Urteilen über andere. Eine Brücke, über die es sich immer wieder leicht geht, weil die Urteile über die anderen auch ablenken von den eigenen Ängsten und Sorgen.

Der Ruf in die Sorglosigkeit verbindet sich in den Worten Jesu mit der Aufforderung, auf Urteilen und Richten zu verzichten. Das Bewerten. „Das kann man gelten lassen.“ höre ich.  „Gerade noch so.“ spüre ich. Wer will, dass eine Gemeinschaft, eine Gruppe zerbricht, der hat eine todsichere Möglichkeit: mann/frau muss nur laut und deutlich alle negativen Urteile von sich geben, die er/sie über andere in sich trägt oder die ihm zugetragen worden sind. Danach ist er/sie mit größter Sicherheit allein.

Es liegt eine zerstörerische Kraft in solchen Urteilen. Darum durchzieht die Schriften des Neuen Testamentes auch die Aufforderung zum Verzicht auf dieses Richten und Urteilen. Bei Paulus: „Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.“ (Römer 14,10) Bei Jakobus: „Einer ist der Gesetzgeber und Richter, der selig machen und verdammen kann. Wer aber bist du, dass du den Nächsten verurteilst?“(Jakobus 4,12) Es ist das Wissen, dass alle menschlichen Urteile vorläufig sind. Häufig nur ein Kampf mit den eigenen, nicht angenommenen Schattenseiten. Nur einem steht es wirklich zu, über uns zu urteilen: Gott selbst.

Das ist auch der letzte Grund für diese Worte Jesu: wer über andere urteilt, sie gar verurteilt, der maßt sich Gottesrechte an. Erst recht, wenn es ein Urteilen ist, gegen das es keine Instanz mehr geben soll. „Der ist nicht gläubig“. – „Der ist ein hoffnungsloser Fall.“ – „Da ist Hopfen und Malz verloren“. Es gibt eine Neigung, Gottes Urteile vorwegzunehmen. Sie sitzt tief und sie hat mit der angemaßten Gottgleichheit zu tun „Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“(1. Mose 3,5) Urteilsfähig in allem, auch im Letzten.

Nein, sagt Jesus. Das steht euch nicht zu. Ihr kennt die Maßstäbe Gottes nicht. Darum werdet ihr Maßstäbe anlegen, die euch selbst zum Verhängnis werden. Wenn ihr daran gemessen werdet.

 3 Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge? 4 Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen?, und siehe, ein Balken ist in deinem Auge. 5 Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst.

             Hinter diesen Urteilen wird etwas anderes sichtbar: Die Neigung, sich durch Vergleichen in ein besseres Licht zu  rücken. Es ist, wie es öfters bei Jesus ist: er überzeichnet, um etwas nun wirklich eindringlich deutlich zu machen. Balken im eigenen Auge – das könnte keiner übersehen. Und doch gibt es das, dass wir bei einem anderen unnachsichtig gerade das sehen, was wir selbst als Unart an uns tragen. Viele wissen das: Mich regt bei anderen gerade das besonders auf, was ich an mir selbst nicht ausstehen kann oder was ich gewaltsam zu unterdrücken versuche.

Darf man also nichts Kritisches mehr sagen? Als Lehrer keine Noten geben? Keine Urteile über Eignung oder Nicht-Eignung fällen, wenn man eine Stelle zu besetzen hat? Das alles wird hier nicht verhandelt. Es ist kein Urteil, dem Jesus das Recht abspricht, wenn schlechte Arbeit schlecht genannt wird, Schlamperei Schlamperei, eine dürftige Predigt dürftig. Aber da, wo wir Urteile über den Stand eines Menschen vor Gott fällen, da widersteht uns Jesus mit diesen Worten. Das steht dir nicht zu.

So, wie es Paulus gleichfalls, in der Spur dieses Jesus-Wortes sagt: „Wer bist du, dass du einen fremden Knecht richtest? Er steht oder fällt seinem Herrn. Er wird aber stehen bleiben; denn der Herr kann ihn aufrecht halten.“(Römer 12,4)

  6 Ihr sollt das Heilige nicht den Hunden geben und eure Perlen sollt ihr nicht vor die Säue werfen, damit die sie nicht zertreten mit ihren Füßen und sich umwenden und euch zerreißen.

Dieses Wort zeigt schon: Jesus redet hier nicht einer unterscheidungslosen Haltung das Wort. Sondern er unterscheidet, urteilt – das meint im Wortsinn ja dieses Wort richten: κρίνειν, von dem unser Wort Krise herkommt. Es gibt das Heilige. Es gibt Perlen. Es geht in diesen harten Worten um Urteilsfähigkeit: Sind andere in der Lage zu hören, was ich ihnen anbiete, auch als gute Botschaft, als Evangelium? Das also ist schoin gefordert von dneZeugen Jesu: sie müssen Situatiuoinen einschätzen können. Sie müssen auch ihr Gegenüber einschätzen können. Alle Worte haben ihre Zeit.

Wir stören uns wohl an den harten Worten: Hunde, Säue. So möchten wir nicht von Menschen geredet hören. Zu  Recht. Woher kommen diese erschreckenden Bilder? Eine Vermutung: „Das unreine Schwein, das in rabbinischen Texten als unnennbar umschrieben wird, ist Inbegriff des Verabscheuten; in manchen Texten erscheint „Schwein“ als Metapher für „Heiden“ oder „Rom.“… Der Vers könnte fast sprichwörtlich eine Warnung ausdrücken: Worte von Weisen sind nichts für Dummköpfe“(U. Luz, aaO.  S.381) Dennoch bleibt Unbehagen.

Aber es ist gleichzeitig wahr: Es gibt Situationen, da verbietet es sich, von dem zu reden, was einem selbst heilig ist. Weil es nur Missverständnisse geben wird, weil man vielleicht der Lächerlichkeit preisgegeben wird, weil einem jedes Wort im Mund umgedreht werden wird, weil alles, was man sagt, in der Luft zerrissen wird. Da können sich gesittete Menschen schon ausgesprochen seltsam aufführen.

Darum: Manchmal ist Schweigen angesagt, wenn es um das Heilige geht, auch um Gott, um den Glauben. Alles hat seine Zeit (Prediger 3,1), auch das Gespräch über den Glauben. Oder das Schweigen über den Glauben, wenn die Situation nicht danach ist oder die Menschen nicht wirklich auf der Suche und am Fragen sind.

Was mich beschäftigt:

Es ist nicht meine Geschichte, sondern die eines langjährigen Weggefährten. Nach dem Gemeindefest ist spät am Abend aufräumen angesagt. Eine Frau taucht auf und beginnt zu helfen. Gleichzeitig beginnt sie ein Gespräch über den Glauben. Sie ist spürbar angetrunken, nicht nur ein bisschen. Als der Freund merkt, was da los ist, sagt er zu ihr: Ich rede gerne mit Ihnen über den Glauben. Aber nicht jetzt. Morgen, wenn Sie wieder nüchtern sind. Kommen Sie um 10 Uhr.  Sie ist sauer, beleidigt, fühlt sich zurückgestoßen.  Aber am nächsten Tag kommt sie und es wird der Anfang einer intensiven Mitarbeit in der Gemeinde.

 

Mein Gott, wie oft sind Gruppen am Gerede zerbrochen, dass man einander schlecht gemacht hat, sich benotet hat, eingruppiert in Gute und Schlechte, Gewinner und Verlierer, Gläubige und Zweifler.

Wie oft gibt es Maßstäbe, an denen andere gemessen werden, an denen sie zerbrechen. Normen sind gut für die, die sie erfüllen. Aber sie werden schlecht, wenn sie Menschen zerbrechen, wenn sie unten und oben entstehen lassen.

Du, mein Gott, willst nicht, dass wir uns an Normen messen. Du willst, dass wir einander im Erbarmen auf die Beine helfen. Amen