Sorgt nicht – seid frei

Matthäus 6, 25 – 34

25 Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?

             Jetzt argumentiert Jesus. Mit bestechend schönen Bildern. Wie ein Lehrer der Weisheit. Es ist der Schluss „vom Größeren auf das Kleinere“(E. Schweizer, aaO. S. 104) Der das Leben – und das ist doch unzweifelhaft die größte Gabe – gegeben hat, wird der nicht auch für Nahrung und Kleidung sorgen? Das ist eine Voraussetzung, die viele heute nicht mehr so teilen, „dass Leib und Leben uns vom Schöpfer gegeben sind.“(E. Schweizer, ebda.) Eine Überzeugung, von der Jesus hingegen ausgehen kann, dass seine Hörer, immer noch die Jünger und das Volk, sie mit ihm teilen.

             Wir heute müssen für diese Grundüberzeugung als Kirchen neu werben. Sie der Sicht entgegenstellen, die den Menschen als Produkt seiner selbst sieht. Als Ergebnis einer Liebesnacht, wenn es gut geht. Als Zufalls-Produkt einer flüchtigen Begegnung. Als Ergebnis ärztlicher Kunst in der künstlichen Befruchtung. Aber als Geschenk aus dem Himmel? Wer will das denn heute noch zu sagen wagen? Von sich selbst oder von seinen Kindern?

26 Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie? 27 Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt? 28 Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. 29 Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. 30 Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?

Es geht im gleichen Stil weiter. Wieder mit unübertrefflich schönen Worten. Einer Bildsprache, die unmittelbar zu Herzen geht. Anrührt. Diesmal geht das Schlussverfahren den umgekehrten Weg – vom Kleineren zum Größeren. Wenn Gott schon die Sorglosigkeit der Vögel nicht ins Leere laufen lässt, wie sollte er dann die, die um Jesus herumstehen, Männer Frauen, Junge, Alte, Kinder, Greise, leer laufen lassen mit ihren Bedürfnissen?

Wenn er die Lilien ausstaffiert mit unaussprechlicher Schönheit, wenn er das Gras so üppig überschüttet mit Glanz, das doch morgen schon bloßes Heu ist  – wie viel mehr wird er Gutes tun an seinen Menschen. An euch, ihr Kleingläubigen? So direkt wird Jesus jetzt. Mancher Hörer oder Hörerin auf dem Berg mag sich nicht nur angeschaut fühlen, sondern durchschaut bis in die Tiefen des Herzens.

Die  Argumentation Jesu zielt  nicht auf naive Sorglosigkeit. Das weiß er wohl, dass wir die Sorge tief in uns tragen. Dass sie zu unserem Sein gehört. Auch das weiß er, dass der Tisch für das Essen sich nicht von selbst deckt, das Haus als Heimat sich nicht von selbst baut. Die Argumentation Jesu zielt auf ein Vertrauen, dass die Sorge umschließt, einhüllt, aufhebt, so dass sie aufgehoben ist, gehalten. Es ist auch „Hinweis auf die Sinnlosigkeit des Sorgens.“(E. Schweizer, ebda.) Nichts wird besser, nichts ändert sich, kein Problem löst sich dadurch auf, dass ich mir Sorgen mache und in ihnen versinke.

Mir ist es wichtig: das alles sagt Jesus nicht von „Gott“, nicht von einer „Gottheit“, nicht von einem „letzten Grund des Seins“. Auch nicht von einer wie auch immer gearteten göttlichen Macht. Er kommt in seinem Denken und Sagen her von seinem Vertrauen, dass euer himmlischer Vater sorgt, trägt, schützt, behütet. Es ist sein Glauben an den väterlichen Gott – wir heute mögen getrost ergänzen: auch an den mütterlichen Gott -, der ihn das alles sagen lässt.

Was wir nicht vermögen, dem Leben Zeit zu gewähren – der Vater im Himmel will es und tut es. Was uns unmöglich erscheint, dass Fülle einfach geschenkt wird, Schönheit eine Gabe ist – aus den Händen des Vaters im Himmel kommen alle Fülle und alle Schönheit.   

31 Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? 32 Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. 33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. 34 Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.

             Wenn das aber alles so ist, wie es Jesus gesagt hat, dann gilt wirklich: Darum. ον – „demnach, demzufolge“(Gemoll, aaO. So 557)So sagt Jesus zu den Hungerleidern, die um ihn stehen, zu den Armen, die er vor Augen hat, zu den Besitzlosen, die sich um ihn gesammelt haben: Ihr sollt nicht sorgen. Ihr müsst euch nicht ängstigen. Essen, Kleidung, ein neuer Tag – das alles kommt euch zu, weil euer himmlische Vater es doch weiß: das habt ihr nötig.  Und er wird euch versorgen.

Wenn Jesus eine Bibel-Arbeit hätte halten wollen, hätte er hinweisen können: Denkt an das Manna in der Wüste. Denkt an die Wachteln in der Wüste. Denkt an die Raben,  die zu Elia kamen, am Bach Krit. Denkt an den Engel, der Elia Wasser und Brot gab in der Wüste. Auf das alles verzichtet Jesus. Ihm reicht zu sagen: Vertraut euch Gott an, dem Vater im Himmel. Streckt euch aus nach dem Reich, das von Gott her auf euch zukommt, nach der Gerechtigkeit, die lauter Erbarmen ist.  „Das ist im Evangelium so: Wenn man den Geber hat, bekommt man die Gaben, die man zum Leben braucht, seltsamerweise hinterhergeschmissen.“ (K. Vollmer, Römerbrief, Mitte des Neuen Testamentes. Niederschrift Finnland 1973, Münstedt 2012, S. 107)

Und dann eben, wie zum Auswendiglernen, zum täglichen Sich-vorsagen: Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat. Das kann ich mir gar nicht oft genug vorsagen. Denn ein Blick in die Welt, in meine kleine Welt, genügt, um mich zu belehren: Es gibt jeden Tag mehr Grund zur Sorge, als ich bewältigen kann. Genau deshalb  aber ist dieses Wort ein Ruf in die Freiheit, ein Plädoyer für Gegenwärtigkeit: Lebe heute. Sorge nicht für das, wofür du nicht sorgen kannst, weil es ja doch deinem Zugriff entzogen ist. Tue, was vor deinen Füßen liegt. Heute. Morgen ist ein neuer Tag. Und vertraue darauf: Gott weiß, was nötig ist. Er  ist es, der in der Zukunft auf dich zukommt. Es ist seine Zukunft, der dein Heute entgegen geht und dein Morgen auch. In ihm ist auch deine Zukunft gut aufgehoben.

Zum Weiterdenken:

Was hier zu lesen ist, ist nicht das Manifest eines Aussteigers, der sich von der Welt verabschiedet hat. Es ist das Manifest einer anderen Welt, eines anderen Denkens über die Welt, über das Leben, über das Sein. Es ist eine Weltsicht, die davon ausgeht: Gott ist der Grund und das Ziel allen Lebens. Und er will, dass wir leben. Im anderen Evangelium hört sich das aus dem Mund Jesu so an: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und volle Genüge.“(Johannes 10,10) und wenig später: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“(Johannes 14,19)

Also nicht schöne Poesie, sondern Klarheit. Die Worte sind auch eine Kampfansage gegen alle Sicherungsversuche  durch Vorsorge-Maßnahmen. „Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein.“ Das ist der Versuch des Menschen, sich als den alleinigen Akteur der Welt zu begreifen. Die Folge: Gesetz über Gesetz, Fünfjahresplan nach Fünfjahresplan. Diese Denke ist nicht mit der DDR untergegangen.

Wenn ich ehrlich bin – sie sitzt tief in mir. Wir haben die Sätze gelernt, geübt: „Wo ein Wille ist, da wird sich auch ein Weg finden lassen.“ Sätze für die Schule, die aber Sätze einer Lebenshaltung geworden sind. Meine Generation hat es nicht mehr gelernt, Gegebenheiten einfach als Gegebenheit hinzunehmen. Man muss nicht Revolutionär sein, um an die Veränderbarkeit der Dinge zu glauben. Das fällt uns dann auch als schmerzhafte Ohnmachts-Erfahrung und als Überforderung auf die Füße, wenn sich trotz guten Willens nicht alles zum Besten kehren lässt. Du müsstest doch…  Eigentlich…

Es ist hart und schwer zu lernen: Nein, ich muss nicht.  Ich muss nicht alle Probleme der Welt lösen und alle Lastendes Lebens tragen. Es sind kritische Sätze meines Vaters in den späten 50-er, frühen 60-er Jahren nach der Teilnahme an einer Konferenz mit Pfarrern  -damals alle männlich: „Sie sehen aus und gehen gebeugt, als müssten sie alle Lasten der Welt tragen. Als hätten sie es nicht mitbekommen, dass ein anderer die Welt trägt und erhält.“

Jesus Worte dagegen atmen Freiheit. Lebenslust. Zuversicht. Er will uns frei. Nicht sorglos, aber frei. Diese Freiheit gibt es nur so, dass die Prioritäten des Lebens geordnet werden: Erst der Geber, dann die Gaben. Erst das Himmelreich, dann die Aufgaben in der Zeit. Es ist wahr: Es gibt keine Vorsorge gegen den demographischen Wandel. Genauso wahr ist: Es braucht keine Vorsorge gegen den Verlust kirchlicher Privilegien. Was es wirklich braucht, in der Kirche und angesichts der vielen Herausforderungen weltweit: Gottvertrauen, das zum Handeln befreit. Zum Drehen der kleinen Stellschrauben in Reichweite. Am Tag heute. Was daraus werden wird und ob wir die richtigen Schrauben gedreht haben – Gott weiß es. Wir dürfen es ihm überlassen.

 

Jesus, Du stehst mit Deinen Worten vor mir, triffst meine Sehnsucht und weckst doch zugleich meine Angst. Wie soll ich das können, meine Sorgen loslassen, ihrer Übermacht wehren? Manchmal umstellen sie mich wie eine Herde brüllender Löwen, wie wilde Stiere stoßen sie nach mir.

Ich möchte gerne tauschen. Mein kleines Vertrauen gegen meine großen Sorgen. Meinen schwachen Glauben gegen Dein Festhalten. Mein Zagen gegen Deine Treue.

Jesus, wenn ich falle und meine Sorgen über mich stürzen – halte Du mich fest. Heute. Was morgen ist, wird sich morgen zeigen. Wenn Du mich heute hältst, so genügt das. Mir. Amen