Wo ist mein Schatz?

Matthäus 6, 19 – 24

19 Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen. 20 Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen. 21 Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.

             Der innere Einwand der Zuhörer*innen auf dem Berg ist förmlich zu hören: Er hat leicht reden, dieser Wanderprediger in Galiläa. Er hat ja nur, was er auf dem Leib trägt. Aber wie soll diese Worte der hören, der ein Haus hat, der Schätze hat, der umgeben ist von Gütern und Gaben, Insignien seines erfolgreichen Lebens, der Diebstahl-Sicherungen eingebaut hat? Das ist doch die Angst, die Besitzende haben: dass einer kommt und stiehlt oder dass plötzlich alles wertlos ist, von Motten zerfressen, vom Zahn der Zeit zernagt.

Es singt sich leicht, als Lied auf der Wanderschaft, auf der Wallfahrt:

„Wenn der HERR nicht das Haus baut,  so arbeiten umsonst, die daran bauen.             Wenn der HERR nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst.     Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzet                                und esset euer Brot mit Sorgen;  denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf.“                       Psalm 127, 1 – 2

             Wenn aber einer ein Haus hat oder ein Haus zu bauen unternimmt, dann fühlt er sich nicht ernst genommen mit diesem Lied. Wenn einer täglich rechnen muss, damit mit dem Einkommen auszukommen ist, dann  ist er mit solchen Gesängen vielleicht sogar provoziert. Und wenn er, Jesus, der nichts hat davon redet, dass alle Schätze r Welt nichts sind, Mottenfraß, dann klingt das auch nach Provokation.

Klar ist: Dem Habenwollen wird mit diesen Worten Jesu nicht das Wort geredet. Der menschlichen Gier, die „Grundkapital des Kapitalismus“, ein „Baustein der menschlichen Natur“ ist (Olaf Henkel vor Jahren in einer TV-Sendung), wird hier nicht das Wort geredet. Irgendwie wird all das, womit man auftrumpfen könnte und nicht nur in der Werbung heutzutage auftrumpft: „Mein Haus, mein Auto, mein… alles mein“ –eher nebensächlich, wenn nicht gar als hinderlich angesehen. Jesus scheint nicht wirklich viel Respekt zu haben vor den Reichtümern, die wir so ansammeln im Lauf des Lebens.

Stattdessen: Sammelt euch aber Schätze im Himmel. Sofort ist die Frage da: Wie macht man das? Gute Taten? Jeden Tag eine gute Tat? Fasten, Beten, Almosen geben? Oder: Ein engagiertes Leben im Einsatz für die Armen? Rettungseinsätze in Nepal, Flüchtlinge im Mittelmeer, Obdachlose in Frankfurt. „Nur noch kurz die Welt retten“ (T. Bendzko, CD Wenn Worte meine Sprache wären 2012) Ein rastloses Leben im Einsatz für andere, Nächste und Fernste. Ist das gemeint? Stimmt es also: „Damit wird völlig ungebrochen der Lohngedanke übernommen; gedacht ist an Almosen, Liebeswerke oder andere gute Taten.“(U. Luz, aaO.  S. 359) 

 Aber was ist dann mit dem Satz: Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. Der klingt nicht nach restlosem und rastlosem Einsatz. Sondern eher wie eine Erinnerung: Achte darauf, wem dein Herz gehört. Mir scheint, hier knüpft Jesus an dem Urbekenntnis Israels an, am Schema Israel: „Höre Israel. Der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller deiner Kraft.“(5. Mose 6,4)

Auf unserem Esstisch liegt seit Monaten ein Wort, das uns regelrecht zugelaufen ist, an dem wir herumbuchstabieren: „Wirf in den Staub dein Gold, so wird der Allmächtige dein Gold sein.“ (Hiob 22,24-25) Dieses Denken leitet wohl den Herrn Jesus in diesen Worten. Nicht, was wir tun, sammelt Schätze im Himmel. Schon gar nicht, was wir haben, als unsere Besitztümer. Er selbst, Gott, ist der Schatz über allen Schätzen. „Wenn ich nur dich habe, frage ich nichts nach Himmel und Erde“(Psalm 73,25)

  22 Das Auge ist das Licht des Leibes. Wenn dein Auge lauter ist, so wird dein ganzer Leib licht sein. 23 Wenn aber dein Auge böse ist, so wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein!

Beginnt ein neues Thema? Oder geht es doch mit dem alten Thema weiter? Man kann ja so lesen und denken:  „Das, was du siehst, prägt dich.“ So habe ich es gelernt und auch selbst oft genug weitergegeben. Es ist nicht alles gut, was wir sehen. Es gibt schlimme böse Bilder. Ich denke nicht, dass es Jesus um schlechte oder gute Augen geht, sondern um das, was Augen wahrnehmen, worauf sie sich richten. Um schöne und um schädliche Bilder. Was ich sehend aufnehme in mich und was aus dem Sehen erwächst.

Wer zu viele Gräuel gesehen hat, wahrnehmen musste, in der Wirklichkeit seines Lebens, nicht nur in der virtuellen Film und Internet-Welt, der wird diese Bilder nicht mehr los. Sie belasten, oft über Jahrzehnte hinweg. Unsere Fähigkeit, Schreckensbilder zu verkraften ist nicht grenzenlos, sondern begrenzt. Ein Grund mehr, manchmal einfach Hinsehen zu verweigern, weil es der Seele Gewalt antut.

Aber vielleicht darf ich auch so lesen: Wenn das Auge sich von den Schätzen und Besitztümern blenden lässt, dann wird es zum „bösen Auge“, zu einem Auge, das nur noch die Schätze sieht und das Gott aus den Augen verliert. Damit das Auge Licht ist und durch das Auge Licht in den Menschen kommt, darf es Gott nicht aus den Augen verlieren. Muss es über allen guten Gaben den im Blick behalten, der der Geber aller Gaben ist.

Es ist das harte Urteil Jesu: Wer kein Auge mehr für Gott hat, der gerät in eine ausweglose Finsternis. „Wenn das, was dein Leben erleuchten könnte und sollte, in deinem Leben keinen Raum bekommt, wie groß ist dann die Finsternis.“ (W. Klaiber, aaO. S. 134)

             Oder, um einen alten Sängerfreund zu zitieren:

Es geht ohne Gott in die Dunkelheit,                                                                                      aber mit ihm gehen wir ins Licht.                                                                                       Sind wir ohne Gott, macht die Angst sich breit,                                                                    aber mit Ihm fürchten wir uns nicht.                                                                                                                   M. Siebald, CD Das ungedüngte Feld, 1976

24 Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

             Merkwürdig: Manche Jesus-Worte sind geradezu sprichwörtlich geworden. So auch dieses Wort. Es ist ein Wort, wie es schärfer nicht sein kann: Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. Es ist nicht möglich, mit gegensätzlichen Loyalitäten zu leben. so scharf ist die Grenz-Ziehung Jesu, Weil der Reichtum, der Besitz, das Geld, die Macht haben zu binden, zu verführen, zu knechten. Da gibt es nur Entweder-oder, nie sowohl-als auch. Es ist ein Wort, das die heimliche Macht des Besitzes entlarvt: er hat die Tendenz zu versklaven. Abhängig zu machen. Zu Dienern. Vom eigenen Besitz besessen. Wer das nicht will, der muss Gott vorziehen und den Besitz an die zweite, dritte, viere Stelle setzen. Zurückstellen. Es ist möglich, so zu übersetzen: Μισέω und αγαπάω könnten auch abgeschwächt zurückstellen und vorziehen meinen.“(U. Luz, aaO.  S. 362

             „Das Geld ist mehr als ein handliches Zahlungsmittel. Es verselbständigt sich. Es bietet sich als Herrschaftsmittel an und verlangt, dass wir uns seinen Gesetzen unterordnen.“(G. Hartmann, aaO. S. 180)) Aber auch dann bleibt es beim Entweder-oder und bei der Herausforderung an die Hörer*innen Jesu, sich zu entscheiden. Modern gesprochen: Gott hat die absolute Priorität. Ist das bei euch so?

Warum das so sein muss? Jesus begründet seine scharfe Grenzziehung ja nur mit dem Unmöglich, zwei Herren zu dienen. Gibt es einen tieferen Grund, verankert im Wesen es Geldes? „Geld entfaltet eine eigene Macht, und zwar eine böse. Es verführt nicht nur zu Habgier und Unrecht. Es hat immer die Tendenz und oft die Macht, Dinge in käufliche Ware zu verwandeln, die nicht käuflich sein sollten: Liebe, Recht, Kunst, Wissenschaft, Politik,  Religion. Ob wir wollen oder nicht: Wo es hinkommt, regiert es auch als unrechtmäßiger Herrscher“(G. Hartmann, Schöngefärbt und schwarzgemalt? Leipzig 2003, S. 56) Die meisten Sportbegeisterten kennen den Satz: „Entweder geht es um die Ware Sport oder den wahren Sport.“ Mit solchen Gedanken ist nicht ausgeschlossen, dass man auch Gutes tun kann mit Geld. Viel Gutes sogar.

Es ist ein Teil der Unglaubwürdigkeit unserer Kirchen heutzutage in der Bundesrepublik, dass sie genau diesen Spagat versuchen: einerseits staatlich anerkannt und hofiert, im Mainstream der Gesellschaft zu Hause zu sein und andererseits dem Evangelium verpflichtet. Sie sind unterwegs im ausgewogenen sowohl-als auch. Das Entweder-oder Jesu scheint nicht die Option der Groß-Kirchen. Das überlassen sie lieber dem Einzelnen oder denen, die sie gerne auch einmal Sekten nennen. Oder evangelikal.

 Zum Weiterdenken:

              Augen zu und durch. Am besten nicht hinschauen. Wegsehen. Auswandern aus der Welt der Dinge, der Verlockungen. Die Wüstenväter in der Frühzeit des Christentums haben so gelebt – und sind in der Wüste den Dämonen begegnet. Weil es keinen Entrinnen gibt. Nicht mal, wenn einer blind und taub ist.

„Mein Schatz“ stammelt Smeagol im „Herrn der Ringe“(J.R.R. Tolkien)  und merkt es nicht: dieser Schatz hat ihn ausgezehrt und zu einer Jammergestalt gemacht. Er glaubt ihn zu besitzen und ist doch in Wahrheit nur von ihm besessen. Die Gier nach diesem Besitz hat ihn das Leben gekostet und wird ihn am Ende der Erzählung, am Schicksalsberg, das Leben kosten.

Es gibt eine jüdische Geschichte, die für mich hierher passt:

 „Zum Rabbi kommt ein Mann und klagt: „Rabbi, es ist entsetzlich. Wenn du zu einem Armen kommst, ist er freundlich zu dir und hilft dir, wenn er kann. Kommst du aber zu einem Reichen, dann beachtet er dich nicht einmal. Was ist nur mit dem Geld los?“ Da sagte der Rabbi: „Komm, schau aus dem Fenster! Was siehst du? “ – „Ich sehe eine Frau mit ihrem Kind an der Hand. Ich sehe einen Wagen, der zum Markt fährt.“ – „Gut. Nun schau hier in den Spiegel. Was siehst du jetzt?“ – “ Was werde ich sehen, Rabbi? Mich selber!“ – Darauf der Rabbi: „Genau so ist es. Doch sieh! Das Fenster ist aus Glas gemacht und der Spiegel ist aus Glas. Aber kaum legst du ein wenig Silber hinter das Glas, so wird daraus ein Spiegel und du siehst dich nur noch selber. So ist es mit dem Geld.“

 Man darf sich von der poetischen Schönheit dieser Worte Jesu in der Bergpredigt nicht täuschen lassen. Von ihrer Einfachheit. Sie sind eine Kampfansage in einer provozierenden Radikalität: Eine Kampfansage gegen die Rücksichtnahme auf die Bilanzen, auf die Steuereinnahmen, auf die Spenden. Alles aus einem Grund: Weil der Mammon, hier fast schon personhaft gedacht, die unheimliche Kraft hat zu versklaven. Einzelne, Gruppen, Kirchen. Eine Kirche, die sich dieser Rücksichtnahme verweigert, die den Kampf gegen die Herrschaft des Mammons aufnimmt, wird wohl rasch verarmen. Sie könnte aber im Gegenzug reich werden in Gott.

 

Jesus, Gib gesunde Augen, die was taugen, die sich nicht gefangen nehmen lassen von dem, was unmittelbar vor Augen ist, von den Schätzen und Besitztümern, auch nicht von den Schönheiten der Welt.

Hilf Du, dass wir hinter allem, was wir sehen, die gebende und schenkende Liebe nicht übersehen, nicht blind werden für Gott, weil uns blendet und verblendet, was er uns gibt.

Lehre uns staunen über alles Schöne, uns freuen an allem Guten, genießen, was wir haben – und hinter allem den freigiebigen Gott sehen, der uns aus seiner Fülle gibt, was wir brauchen, und manchmal mehr, als wir brauchen, damit es auch für andere noch reicht. Amen