Einladung zur Freiheit: Fasten

Matthäus 6, 16 – 18

16 Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauer dreinsehen wie die Heuchler; denn sie verstellen ihr Gesicht, um sich vor den Leuten zu zeigen mit ihrem Fasten. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.

                  Der Kreis schließt sich. Erst die Übung der Barmherzigkeit, dann die Übung des Gebets. Jetzt die Übung des Fastens. Wieder geht es um Verhalten, das in der Umwelt Jesu gebräuchlich ist, das wohl auch in der Gemeinde des Matthäus eher selbstverständlich geübt worden ist. Es gibt das Fasten am großen Versöhnungstag, das Fasten im Gedenken an die Zerstörung Jerusalems. Buße und Trauer bestimmen das Fasten. Als Jona seine Bußpredigt in Ninive ausrichtet, ordnet dort das Volk (!) ein Fasten an, als Zeichen der Umkehr:  „Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und ließen ein Fasten ausrufen und zogen alle, Groß und Klein, den Sack zur Buße an.“(Jona 3, 5)

Was so für die Gemeinschaft gängige Praxis ist, gibt es auch im Leben des Einzelnen: Fasten, um sich dem zu stellen, was das Leben belastet. Buß-Fasten. Trauer-Fasten. Kein Wunder, dass es nicht mit fröhlichem Gesicht ausgeübt wird. Auch kein Wunder, dass es das Angesicht entstellen kann, dass Gesichter unansehnlich werden. Kein Glanz, kein schöner Schein.

Nun ist wichtig: Jesus polemisiert hier nicht grundsätzlich gegen das Fasten. Sondern nur gegen ein Fasten, das zur Demonstration der eigenen Frömmigkeit entgleist.Wieder geht es gegen die Heuchlerποκριταί, Wieder gilt: Das muss nicht eine bestimmte Gruppe meinen. Wohl aber meint es ein Verhalten, eine Praxis, die nicht die Öffnung zu Gott hin im Zentrum hat, sondern die Sichtbarkeit für andere. Das gesehen werden will. Sein scharfes Urteil: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Das Einzige, was bei dieser Art Fasten herauskommt, ist die Anerkennung durch andere, aber eben kein himmlischer Lohn. Das Verhältnis zu Gott wird sich nicht ändern, schon gar nicht vertiefen.

 17 Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht, 18 damit du dich nicht vor den Leuten zeigst mit deinem Fasten, sondern vor deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.

             Dem stellt Jesus ein anderes Fasten gegenüber. Aber jetzt nicht in den Spuren des Jesaja, der Gerechtigkeit und Solidarität als das wahre, eigentliche Fasten heraus stellt. „Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat? Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“(Jesaja 58, 4-7) Jesus bleibt bei der „frommen Übung“. Aber er will sie radikal anders gestaltet sehen.

Äußerlich eine irgendwie alltägliche Vorbereitung auf ein Fest: „Das Waschen des Gesichts, der häufige, von den Rabbinen empfohlene Besuch der Bäder und das Einreiben mit Öl waren Bestandteil der täglichen Hygiene.“(U. Luz, aaO.  S.327) Vielleicht darf man so weit gehen und sagen: Jesus empfiehlt das Verbergen der Sehnsucht nach Gott, die ja hinter jedem wirklichen Fasten steht, in einer Alltagsgestalt. Zum zweiten Mal in kürzester Folge (vgl 6,6) wird Gott als Vater, der im Verborgenen ist; gekennzeichnet und darauf verwiesen: Er sieht in das Verborgene.

Auch wenn die eigene Frömmigkeit vor Menschen nicht zum Strahlen kommt – Gott sieht sie. Und Gott antwortet auch darauf. Er wird vergelten. Es lohnt sich, weil Gott die Sehnsucht nach ihm nicht ohne Antwort lässt. Das ist eine der unbefangenen Botschaften des Matthäus: Gott vergilt. Der Glaube lohnt. Frömmigkeit geht nicht als nutzlose Übung ins Leere. Sie frommt.

Darüber hinaus: vielleicht geht es bei dem Waschen und Salben, bei dem schönen Gesicht ja auch darum, dass Fasten hier eine Art Vorwegnahme wird, nämlich die Vorbereitung auf den Festjubel, wenn sich das Leben vollenden wird, wenn der Bräutigam kommen wird. Auch das sind ja Bilder, die dem Matthäus-Evangelium geläufig sind. Dann ist Fasten nach vorne ausgerichtet, darauf, dass einmal das Angesicht strahlen wird vor Freude.

„Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein.“                                           Psalm 126,2

             Ob man so weit gehen darf. Sich äußerlich schön zu machen in einer Fastenzeit hat es damit zu tun, das einer auch innerlich schön werden will. Dass einer sich vom Ballast seines Leibes und vom Ballast seinr Seele entleeren will. Dass einer empfangsbereit werden will für Gott. Fasten als Leerwerden vor und für Gott, damit er die innere Leere füllen kann.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

             Almosen – Beten – Fasten sind drei Elemente des frommen Lebens, das Jesus hier ordnet. Auch das Leben in der neuen Zeit, die mit Jesus angebrochen ist, geht nicht ohne Ordnungen, ohne Lebensmuster. Diese Verhaltensweisen stellt der Evangelist durch die Worte Jesu seinen Leserinnen und Lesern vor als gute Lebensmuster. Es lohnt sich, sich um sie zu mühen.

Wir haben es also mit einer Art jesuanischer Lebensordnung zu tun. Bei weitem nicht so wortreich wie kirchliche Lebensordnungen heutzutage. Diese fromme Ordnung des Lebens steht in der Mitte der Bergpredigt. Wohl kaum zufällig, sondern bewusst gestaltet. Weil die Frage nach dem gerechten Leben, nach der „besseren Gerechtigkeit“(5,20) eben nicht nur eine Frage nach dem sozialen Verhalten ist. In diesen Übungen lenkt Jesus die Aufmerksamkeit auf die Innenseite der Gerechtigkeit, um die es auch in den Anti-Thesen – ich aber sage euch – geht, auf die Grundausrichtung des Herzens.

 

Herr Jesus, Du willst uns Mut machen, dass wir uns austrecken nach Gott, nach Dir, dass wir unserer Sehnsucht Raum lassen, die Dich sucht. Geborgenheit über den Tag hinaus.

Manchmal müssen wir uns befreien von dem, was wir besitzen und was uns besitzt, damit wir uns ausstrecken können allein nach Dir. Manchmal müssen wir uns befreien von der Suche nach Anerkennung irgendwo, damit wir es verstehen und begreifen: Du hast uns längst erkannt und anerkannt

Hilf Du uns, dass wir Dein Ja über uns und zu uns glauben, damit wir frei werden. Amen