Beten – kinderleicht!

Matthäus 6, 5 – 15

5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.

 Es gehört in den Intim-Bereich, zumindest hier bei uns: Beten. Öffentlich zu beten gehört sich nicht in Deutschland. Das ist in anderen Gegenden der Welt, Kulturen und Religionen anders. Bei uns wird öffentlich nur von den berufenen Vertretern der Religionen gebetet.

Im Israel zur Zeit Jesu ist das anders. In der Synagoge, auf der Straße – überall gibt es betende Leute zu sehen. Es ist erlernte und geübte „jüdische Praxis, am Morgen, Mittag und Abend zu beten.“ (W. Klaiber, aaO.  S.121) Wo immer man auch gerade sein mag.

ποκριτα, Heuchler, hat Jesus im Blick. Deren Verhalten gilt es zu vermeiden. Man tut gut daran, sich nicht gleich innerlich darauf festzulegen, dass Jesus damit Pharisäer und Schriftgelehrte angreift. Es geht um die Haltung, nicht um eine spezifische Gruppe. Das griechische Wort findet sich auch im Deutschen: Hypokritiker. Es sind Leute, die alles kritisieren. sie haben ein ausgeprägtes Problem-Bewusstsein. Sie klagen öffentlich und vielbeachtet über Missstände. Sie sind gerne demonstrativ mit Forderungen unterwegs. Es ist nicht wirklich schwer, die Vertreter dieser Geisteshaltung heutzutage zu finden.

   Nicht das Beten als solches ist für Jesus problematisch – ist er doch selbst einer, der viel und nächtelang betet – sondern, dass es zur Demonstration werden kann. Zur öffentlichen Aktion und zur Selbstdarstellung: „Schaut her, so steht es zwischen mir und Gott.“

Ob damit wirklich ortsübliche und zeitübliche jüdische Praxis getroffen ist? „Das Gebet war vermutlich für die meisten Juden etwas zu Selbstverständliches, um als Mittel zu besonderer Selbstdarstellung geeignet zu sein.“(U. Luz, aaO.  S.325) Deshalb neige ich dazu, in diesen Worten stärker eine Warnung an die Leser und Leserinnen des Evangeliums  zu lesen und nicht Kritik an Juden und damals gängiger Praxis.

Da freilich haben diese Worte bis heute Sinn. Erinnern sie doch daran, dass uns beim Beten nicht irgendwelche außengeleiteten Motive bestimmen sollen – die Lust an der eigenen schönen Gebetsprache, die Demonstration der eigenen Frömmigkeit, die Anerkennung durch eine Gruppe, in der Beten „dazu gehört“. Das alles ist gefährlich – und es gehört zur Redlichkeit im eigenen Frommsein, diese Gefahren nicht zur Seite zu schieben. Sie bedrohen unser Beten, immer wieder.

6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.

             Ab in die Vorratskammer. Das ist nicht nur: Dorthin, „wo man von niemandem gesehen wird.“(E. Schweizer, aaO. S.90) Es geht nicht um Heimlichkeit, auch nicht um Intimität, auch nicht um Scham, sondern es geht einzig und allein darum: Es braucht keinen besonders heiligen Ort, auch keine besondere heilige Zeit. Und es braucht keine Demonstration. Salopp gesagt: Gott hört und sieht gut. Auch das, was im Verborgenen geschieht. In meiner Sprache: Gott hört auch den stummen Schrei.

Im Verborgenen – da steht im Griechischen: ν τ κρυπτ· Wir könnten lesen: „in der Krypta.“ Gott, der selbst im Verborgenen ist, der hat auch Zugang zu allem, was im Verborgenen geschieht. Das ist hier keine Drohung unter dem Motto: „Der liebe Gott sieht alles und hat dich längst entdeckt!“(H. Knef) Sondern es ist eine trostreiche Zusage: Du musst dich nicht um Audienz bemühen – nicht im Tempel, nicht in der Öffentlichkeit, nicht lautstark und wortreich, auch nicht durch mannigfaltige geistliche Übungen in der Stille. Gott hört und Gott sieht.

Gott ist im Verborgenen – mehr noch: dein Vater ist im Verborgenen. Dein Vater – das ist Intimität. So sieht Jesus die, zu denen erspricht. Sie sprechen, wenn sie beten, mit ihrem Vater.  Aber dass ihr Vater im Verborgenen ist, ist der Hinweis: wir begreifen Gott nie. Er ist der, der verhüllt ist, unsichtbar, unbegreiflich. Geheimnisvoll. Der, an dessen Schweigen einer wie Hiob zu zerbrechen droht. Und doch beten wir zu ihm, dürfen wir zu diesem Vater beten. Aber immer in dem Wissen, dass wir uns auch betend seiner nie bemächtigen können. Auch nicht durch Formeln wie „guter Gott“ oder „lieber Gott“.

Nicht einmal durch die Anrede „Unser Vater“. Oder, ein wenig neu-modisch: „Unser Vater und unsere Mutter.“ Es ist eine kluge Überlegung: „Wir müssten männliche Symbole durch weibliche ergänzen und uns an den `väterlichen und mütterlichen Gott ´wenden. Beide Möglichkeiten scheinen mir nur in begrenztem Maße geeignet zu sein, eine lebendige Gottesbeziehung zu stiften.“(G. Hartmann, aaO. S. 223) Weil solche Lösungen eher gedankenschwer als lebensnah sind?  Wie auch immer. Gott bleibt unserem Beten gegenüber der Freie. Unfassbar. Unbegreiflich und doch nah. Im Verborgenen und doch gegenwärtig.

 7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.

             Vielleicht darf ich es so spitz sagen: Hier wird jede Gebetspraxis, die auf feste Formen und Formeln setzt, relativiert. Liturgisch, spirituell, kontemplativ, meditativ, in freier Sprache – wann immer man glaubt: „Nur so ist es richtig“, wird alles schräg. Gleicht ihr den Heiden. Das Wort für plappern wird nur hier gebraucht – βατταλογσειν ist ein Aneinanderreihen von sinnlosen Wörtern. Gestotter. Es ist eben nicht die Form, die das Beten ausmacht, die den Erfolg von Gebeten garanitert, nicht die strenge, nicht die freie, nicht die innovative und nicht die bewährte Form. Nur darauf kommt es an: euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.

9 Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel!                                                  Dein Name werde geheiligt.                                                                                                    10 Dein Reich komme                                                                                                               Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.                                                           11 Unser tägliches Brot gib uns heute.                                                                                  12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.      13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.        [Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.]

             Der, der gerade das Beten von aller Pflicht und aller Vorgabe befreit hat, der gibt jetzt seinen Jüngern und allem Volk, das ihm zuhört, ein Gebet. Sein Gebet. Oder ist es „nur“ ein Gebetsformular? Eine Vorlage? Mir will scheinen: Es ist eine Einladung zu einem schlichten, einfachen Beten. Das Gott die Ehre gibt und das die eigenen Nöte beim Namen nennt. Es ist ein Beten, dass sich Gott anvertraut. Weil es ihn kennt. Weil es weiß, dass der Wille Gottes gut ist. Weil es weiß: in ihm ist alles, was uns begegnet, gut aufgehoben. Unser Schmerz, unsere Not, unsere Angst, unsere Schuld. Weil die Betenden wissen: Wir können uns nicht selbst schützen. Wir müssen uns auch nicht selbst schützen. Sogar vor den eigenen Abgründen ist Zuflucht bei dem Vater im Himmel, dem väterlich-mütterlichen Gott. Dem Vater Jesu Christi, der auch unser Vater ist.

Die Doxologie am Ende, der Lobpreis Gottes – Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.- fehlt in den meisten der ältesten Handschriften. Vielleicht deshalb, weil ihr Gebrauch eine so  feststehende Praxis der Zeit ist, im gottesdienstlichen wie im privaten Beten, dass es nicht nötig erschien, sie ausdrücklich aufzuschreiben. Vielleicht auch, weil sie leicht als eine Art Beschwörung verstanden werden konnte: Am Ende muss man noch einmal ganz groß von Gott reden, damit macht man sich bei ihm womöglich lieb Kind und stimmt ihn freundlich. Auch ohne die Doxologie könnte schon alles gesagt sein, weil Gott doch schon alles weiß.

14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. 15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

             Diese Worte werden durch die eingefügte Doxologie vom Vaterunser irgendwie abgetrennt. Dabei ist es so, dass sie eine Bitte des Gebets noch einmal besonders herausgreifen und in den Vordergrund stellen: Die Bitte und in ihr die Frage nach dem eigenen Vergeben. Das ist ganz offenkundig ein „Riesen-Problem“, dem man,  im Gegensatz zu den fast „anonymen“ Großgemeinden der Volks-Kirchen, im konkreten Zusammenleben kleiner Gemeinden nicht ausweichen kann. Da gibt es oft genug Verfehlungen, Verletzungen, Kränkungen. Unbedacht zumeist, aber manchmal vielleicht auch nicht ohne Bosheit. Weil ja auch Christen immer noch Menschen sind.

Darum zieht sich die Auseinandersetzung um das Vergeben wie ein roter Faden durch das Evangelium. Wie oft? Gibt es eine Grenze? Wann? Wie findet man wieder den Weg zueinander? Die Worte hier machen es deutlich: Es hat Lebenskonsequenzen für das eigene verhalten, zu beten. Erst recht, auch um Vergebung zu beten. Was ich mir für mich von Gott erbitte, verpflichtet mich dem Nächsten gegenüber. Wie Gott mir, so ich dir. Sich dieser Lebenskonsequenz zu verweigern heißt das eigene Beten irrelevant machen.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Mir scheint, es geht um mehr als „nur“ ums Beten. Das wird deutlich, wenn ich die Worte in das ganze Evangelium einordne. Die Verkündigung Jesu fängt mit dem Satz an: „Kehrt um, das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.“(4, 17) Und Jesus stellt seine Zuhörer*innen in ein neues Gottesverhältnis: „Unser Vater. Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden.“ Das ist viel mehr als nur eine vertiefte Religiosität. Es ist eine neue Zeit. Sie ist angebrochen im Kommen Jesu. Und Beten, so wie Jesus es sieht und lehrt ist ein sich Einstimmen in den neuen Weg Gottes, sich  einstimmen in die Zeitenwende. Darum: Dein Wille geschehe. Das ist eben nicht Resignation – nichts mehr zu machen, sondern kraftvolle Zustimmung: ich bin bereit, deinen Weg zu gehen. Auf Erden.

Es ist kein Mangel an Büchern über das Beten. An Büchern auch, die zum Beten ermutigen wollen. An Büchern, die über Erfahrungen mit dem Gebet berichten. Gebetet wird überall, wahrscheinlich sogar überall mehr als nur in den Kirchen. In Tempeln, auf der Straße, im Auto, in Schulklassen, in Krankenhäusern im Stadion. Stoßseufzer, Schreie aus tiefer Not, erleichtertes Aufatmen. Hoffnungsfetzen.

Es ist gut, sich freizumachen von allzu schematischen Vorstellungen: erst der Dank, dann die Bitten, und die Fürbitte nicht vergessen. Beten nach Gebetslisten, mit Gebetstagebüchern. In denen die Erhörungen notiert sind. Es ist gut ganz zu verzichten auf die Bewertung, wann ein Gebet ein Gebet ist. Alles, was bei Gott ankommt, wird in seinem Hören zum Gebet. Gott macht aus unseren Worten und unseren Taten sein Gebet. So zu denken, hilft mir, Freiheit zu gewinnen.   Ich muss nicht gut vor Gott dastehen, auch nicht im Gebet.

 

Heiliger Gott. Wenn Du mich bei meiner Schuld behaftest, dann ist es vorbei mit mir. Ich bin Dir alles schuldig geblieben – Liebe, Treue, Gehorsam, das Bekenntnis zu Dir, mich selbst.

Ich bin blind gewesen für die Not meiner Nächsten, taub für ihre Klagen, zu beschäftigt für ihre Fragen, unempfindlich für ihren Schmerz.

Wenn Du mich bei meiner  Schuld behaftest, dann ist es vorbei mit mir. Darum bitte ich Dich: Erbarme dich meiner. Sieh meine Schuld an und sage Dein Nein zu ihr. Aber dann sieh Deinen Sohn an und sage Dein Ja zu mir. Ich habe kein Recht so zu bitten, aber ich traue auf Jesus Christus, dass er so für mich bittet.

Und dann hilf mir Maß zu nehmen an Deinem Vergeben, an Deinem Erlassen, damit ich gebe, wie ich von Dir empfange – Deine Liebe und mich selbst. Amen