Achtung! Fromm!

Matthäus 6, 1 – 4

 1 Habt Acht auf eure Gerechtigkeit, dass ihr die nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden; ihr habt sonst keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel.

             Waren die Worte zuvor aus der Auseinandersetzung mit den Worten und Wegweisungen der Schrift erwachsen, so folgen jetzt Worte, die auf das Verhalten der Leserinnen und Leser des Evangeliums zielen. Denn sie stehen hinter den Jüngern und dem Volk, die erste Adressaten der Bergpredigt gesen sein mögen.

Habt acht. Προσχετε. Das ist ein sehr seltenes Wort. Es begegnet im Neuen Testament nur hier und einmal im Lukas-Evangelium. Auch dort in einer Warnung: Hütet euch vor den Schriftgelehrten.“ (Lukas 20,46) Das gemeinsame: es geht jedes Mal um ein Leben, das nicht mit dem Schein zufrieden ist, nicht auf den schönen Schein setzt. Sondern dass sich um wahrhaftiges Sein müht. Um das zu erreichen gilt: Seid wachsam! Selbstkritisch. Selbstkritik ist kein Privileg der tyrannischen KPdSU unter Stalin&Co. Es ist eine Haltung, die im Christentum eingeübt wird. Unter anderem in den geistlichen Übungen des Ignatius von Loyola, auch in der Beichte.

Die Übersetzung in der der Luther-Bibel 2017 des Wortes δικαιοσύνη mit Gerechtigkeit ist ein Fortschritt. Die alte Übersetzung mit  Frömmigkeit die Gedanken doch verengend in eine bestimmte Richtung lenkt: Frömmigkeit verbindet sich alltags-gedanklich mit Gottesdienstbesuch, Beten, Bibellesen, schön von Gott reden. Sie hat so mancher billigen Polemik gegen fromme Leute und frommes Getue Vorschub geleistet

Gerechtigkeit ist die Bedeutung, die dem gemein-griechischen Wortgebrauch am ehesten entspricht. Gemeint ist „das menschliche Handeln, wie es Gott, der himmlische Vater, will.“(U. Luz, aaO.  S. 328 ) Es ist also eine tatkräftige Angelegenheit, die auf der Erde gelebt wird, die anderen zugutekommt und die nicht demonstriert, dass man dabei ist, sich einen Platz im Himmel zu erdienen oder gar zu erdienern. So hat Luther das Wort „fromm“ ja ursprünglich gebraucht: fromm = nützlich. Deshalb konnte er von einem frommen Landsknecht reden, einem, der nicht zwingend das Gebetbuch auswendig konnte, sondern auf den im Kampf Verlass war.

Solche Gerechtigkeit ist nicht außengeleitet, nicht auf Imagegewinn vor den Leuten aus. Sie ist selbstvergessen und sucht nur nach dem, was den Anderen gut tut. Sie verschenkt sich. Sie erbarmt sich. Sie sucht nicht das Ihre. Sie wird nicht von dem Gedanken getrieben, dass es sich doch lohnen, doch rechnen muss. Sie schielt nicht auf Aufmerksamkeit und Anerkennung. Das wird nun in den folgenden Sätzen fortgeführt.

 2 Wenn du nun Almosen gibst, sollst du es nicht vor dir ausposaunen lassen, wie es die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen, damit sie von den Leuten gepriesen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.

             Nicht die Öffentlichkeit suchen. Schon gar nicht die Öffentlichkeit so suchen, dass man es vor sich her ausposaunen lässt: Seht, ich spende. Seht, ich tute Gutes. Seht, ich übe Barmherzigkeit. Wieder ist im Deutschen eine Engführung, die im Griechischen so nicht da steht. Wo wir Almosen lesen, steht ein Wort für Barmherzigkeit. Unser deutsches Wort Almosen verdankt sich allerdings diesem griechischen Wort λεημοσνη. Das ist aber anderes und mehr als 2€ für einen Bettler oder 20€ für Brot für die Welt oder 2 Milllionen € für den Wiederaufbau von Notre Dame.

Was in diesem Wort ἐλεημοσύνη, Barmherzigkeit, mitschwingt, wird in der Erzählung vom barmherzigen Samariter (Lukas 10, 25-37) überaus deutlich, in der genau dieses Wort Barmherzigkeit auch auftaucht. Es geht um ein Tun, das einen in die Not des anderen hineinzieht.Bei dem man sich womöglich die Hände schmutzig macht.

Es geht Jesus um ein Tun, das auf die Beine hilft, das sich über den erbarmt, der nicht weiter weiß oder weiter kann. Das den Rücken stärkt und zu neuen Schritten hilft. Die Verkürzung der Barmherzigkeit auf Geldspenden, am besten noch bei einer Spendengala mit durchlaufendem Namensband im Fernsehen oder mit zugesagter Spendenbescheinigung  ist die Karikatur dessen, was Barmherzigkeit im Sinn Jesu ist. Es ist wahr: diese Praxis hat ihren Lohn schon dahin.

Die Nacht bricht herein und Schloß Hohenhecke bietet ein friedliches Bild
Der Monsignore segnet die Strecke von leblosem, greisem Wild
Schon fast vergessen, will doch keiner essen
Die Veteranen – Die zähen Fasanen
Die Ente mit Rheuma, der Keiler mit Asthma
Die Jagd wird begossen und dann wird beschlossen
Der Krempel wird, weil man hier großzügig denkt
Dem nächsten Armenhaus geschenkt –
So wird auch den Ärmsten der Segen zuteil
Es lebe das Waidwerk, dreimal Waidmannsheil!                                                                                                    R.
Mey, Diplomatenjagd 1970

 3 Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, 4 damit dein Almosen verborgen bleibe; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.

Das wäre nach den Worten Jesu wirkliche Barmherzigkeit: Selbstvergessen handeln. So sehr, dass wir es selbst nicht wahrnehmen, uns nicht aufs Konto gutschreiben. „Was wir um Gottes willen für andere tun, sollte von uns weder als Kursgewinn für das eigene Ansehen noch als Plus für die persönliche Lebensbilanz verbucht werden.“(W. Klaiber, aaO.  S.120) Gemeint ist eine Lebenshaltung, wie sie auch in den späteren Worten Jesu sichtbar wird: „Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben, oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen, oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?“(25,37-39) Tun, was dran ist. Weil es nötig ist.

Es ist leicht, gegen eine außengeleitete Frömmigkeit zu polemisieren, die nur auf Lob und Anerkennung aus ist. Seht her, wie fromm ich bin. Aber es ist ausgesprochen gefährlich, die Worte Jesu dadurch zu entschärfen, dass man sie historisch belegt: Als Worte gegen eine Praxis, im Tempel Posaunen blasen zu lassen, wenn es Großspenden gibt oder öffentlich Hilfen zu versprechen, wenn viele es sehen. Das mag beruhigend sein, auch wenn es antijudaistisch ist: So sind die Juden.

Aber es geht nicht um die Juden, sondern um die Leserinnen und Leser des Evangeliums. Uns. Die Worte Jesu stellen vor die Aufgabe, sich selbst zu prüfen: Wie halte ich das, der ich doch auf Anerkennung und Zuspruch angewiesen bin? Der das doch auch braucht, gelobt  zu werden, gemocht zu werden? Wann wird diese natürliche Angewiesenheit zur Gefahr, weil sie die Motive zu helfen verdirbt?

Was mich beschäftigt:

Gab es früher eine demonstrative, auch nervige und aufgesetzte Frömmigkeit, so ist die heute Gefahr, dass Gerechtigkeit demonstrativ wird. Jede und jeder legt Wert darauf  „politisch korrekt zu sein“ – in der Sprache und im Handeln. das wirkt oft demonstrativ und krampfig. Und im Verborgen Gutes tun? Jede Aktion einer öffentlichen Figur – ob Besuch im Altenheim, im Krankenhaus, bei der Truppe, im Betrieb wird bemerkt, bewertet, zensiert. Die Empfehlung Jesu, auch ein Leben abseits der vielen Augen zu führen, passt nicht mehr in unsere Zeit. Heute darf es nichts mehr geben, was der Öffentlichkeit vorenthalten wird. Wir sind, was die öffentliche Aufmerksamkeit angeht, weiter, als es George Orwell für „1984“ fürchtete.

Die schönen Erzählungen vom Kalifen Harun al Rashid, der sich inkognito unter das Volk mischte, sind heute unmöglich: Skandalös. Er hat etwas zu vertuschen. Er will nur überwachen. Es ändert aber nichts: Wir sind darauf angewiesen, jede, jeder, dass es einen „heiligen Raum“ in unserem Leben gibt, zu dem niemand Zutritt hat. Keine Öffentlichkeit.  Auch darauf sind wir angewiesen, Gutes tun zu können ohne dass es alle Welt weiß und sieht. Das öffentliche Gute gefährdet uns, weil es eitel machen kann und die Motive verderben. Dann wird Güte zum Mittel für andere Zwecke und wird nicht mehr einfach so gelebt. Weil es dran ist, Gutes zu tun.

Die Art Gerechtigkeit, die Jesus hier einfordert, ist nahe dran an dem, wie der Apostel Paulus die Liebe beschreibt: „Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.“(1. Korinther 13, 4-7) Eine Frömmigkeit, die die Liebe vergisst, ist nichts. Hat Paulus also womöglich doch mündliche Überlieferungen von Sätzen gekannt, die wir  aus der Bergpredigt Jesu kennen?

 

Herr Jesus. Tun was dran ist. Einfach nur tun und nicht darauf schielen, ob es Beifall findet, ob es  mir Anerkennung einbringt oder ob Leute den Kopf über mich schütteln.

Du hast so gelebt. Du hast nur die gesehen, die Dich brauchen und nicht danach gefragt, was andere über Deine Barmherzigkeit denken.

Manchmal wünsche ich mir, auch so ausblenden zu können, was mein Tun wohl für ein Echo auslösen wird. Damit ich das lerne, muss ich ganz tief in Dir verankert sein. Dazu hilf mir durch Deinen guten Geist. Amen