Wirklich alle?

Matthäus 5, 38 -48

38 Ihr habt gehört, dass gesagt ist (2.Mose 21,24): »Auge um Auge, Zahn um Zahn.«

             Das kennt Israel als die Weisung Gottes seit altersher. Als strenges Gebot, das die Verhältnismäßigkeit fordert und der zügellosen Rache in den Arm fällt. Es ist ein Abschied von der Maßlosigkeit der Urzeiten:  „Und Lamech sprach zu seinen Frauen: Ada und Zilla, höret meine Rede, ihr Frauen Lamechs, merkt auf, was ich sage: Einen Mann erschlug ich für meine Wunde und einen Jüngling für meine Beule. Kain soll siebenmal gerächt werden, aber Lamech siebenundsiebzigmal.“(1. Mose 4, 23-24) Alles, was wir heute als fortschrittlich einschätzen, dass Strafe ein Maß finden muss an der Schwere der Tat, das ist hier vorgegeben. Die billige Polemik, dass es im Alten Testament oft genug um maßlose Rache gehe, wird diesem Rechtssatz nicht gerecht. Allerdings kann der Satz auch missbraucht werden „als Instrument der Durchsetzung eigener Ansprüche.“(E. Schweizer, aaO.  S.78) Aber das ist nicht seine ursprüngliche Intention.

 39 Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.

             Es kann durchaus sein, dass Jesus sich zunächst gegen diesen Missbrauch des Satz als Argumentation für das eigene Recht wendet. Aber er geht mit seinen Sätzen weit darüber hinaus. Ihr sollt dem Übel nicht widerstreben. Aber, so höre ich es als innere Stimme bei mir selbst: Wer dem Übel nicht widersteht, der fördert es, der lässt ihm freien Lauf. Und wir haben doch auch gelernt: Man muss dem Rad in die Speichen fallen, wenn das Rad dabei ist, jemand zu überrollen. Man kann schon fragen, ob die Schlussfolgerung stimmt: „Jesus ruft zum Verzicht auf jeden Widerstand auf.“(E. Schweizer, aaO. S.79)

Es scheint auf dieser Linie zu liegen, wenn er als Antwort auf eine Ohrfeige nicht das Zurückschlagen erlaubt, sondern im Gegenteil fordert, auch die andere Backe hinzuhalten. Sich nicht wehren, sondern dulden. Auch entehrende Schläge. Denn das ist der Schlag mit dem Handrücken – „eine ganz besonders starke Beleidigung“.(U. Luz, aaO.  S.294) Das kann doch nicht ernst gemeint sein .

 40 Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. 41 Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei.

             Es geht im gleichen Stil weiter: Im Pfändungsprozess gleich alles hergeben, sogar den kostbaren Mantel, Schutz vor der Hitze es Tages und der Kälte der Nacht. Und wenn ein Soldat, ein römischer Besatzer womöglich, Weggeleit und Materialtransport fordert, dann über die Forderung hinaus noch als Eigeninitiative weiter tragen. Das ist kein Maß, kein eigenes Recht. Da ist nur Dulden.

Schlimm genug. Aber noch härter: Es gibt nicht die Spur einer Begründung für diese Forderung Jesu. Auch keine Erklärung, dass das eine besondere Weise der Vernunft sei. Oder der Hinweis, dass man so die Feinde durch Liebe überwinden könnte. „Als kluge Ratschläge zur Praxis einer „Entfeindungsliebe“ sind Jesu Forderungen wenig einleuchtend.“ (U. Luz, aaO. S.294) Offensichtlich liegt Jesus allerdings auch nicht im Geringsten daran, seine Worte irgendwie als besonders vernünftig zu begründen.   

Es ist die gleiche unbedingte Absolutheit, in der er Petrus und Andreas, Jakobus und Johannes ruft. Ohne Begründung, ohne Erklärung, ohne das Versprechen: wenn ihr das tut, dann…. Es ist sein Ruf, der fordert, herausfordert, der aber zugleich Freiheit lässt. Was Jesus in der Bergpredigt sagt, hat in seiner Unbedingtheit seine Entsprechung in den Jünger-Berufungen.

Darauf laufen seine Worte hinus: Er stellt seine Hörer*innen – und Leser*innen  – mit seinen Worten vor die Frage, ob sie in der gewohnten Spirale von Gewalt und Gegengewalt verbleiben wollen oder ob sie das Risiko auf sich nehmen, durch den Verzicht auf Gewalt einen anderen Weg zu finden, vielleicht auch unter die Räder zu kommen, aber jedenfalls selbst nicht zur Gewalt zu greifen.

42 Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.

Hier gibt es einen kleinen Anhaltspunkt, dass Jesus ein Prophetenwort mit im Sinn haben könnte. Denn hier geht es um die Zuwendung in Not, darum, sich dem nicht zu verweigern, der Hilfe braucht. „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“ (Jesaja 58,7) Auf der Linie dieses Wortes lese ich die Forderung Jesu. Da ist er ganz im Einklang mit dem, was als Forderung von Solidarität jüdisches Erbe ist. Ein Grund mehr, das Stich-Wort „Anti-Thesen“ nur behutsam zu gebrauchen.

  43 Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« (3.Mose 19,18) und deinen Feind hassen.

Das ist nun wirklich ein Zentralwort – an die Alten, aber auch sonst im Mund Jesu: Du sollst deinen Nächsten lieben. Das größte Gebot wird er es nennen, zusammen mit der Gottesliebe. Der zweite Teil aber findet sich so an keiner Stelle im Alten Testament. Es gibt kein Gebot, die Feinde zu hassen. Es gibt Geschichten, die davon erzählen, wie der Hass Menschen verzehrt, brutal zuschlagen lässt, Leben kostet. Es gibt vielfältig Psalmen, in denen der Hass auf die Feinde sich Bahn bricht, manchmal erschreckend ungezügelt. Aber eben: Kein Gebot.

Es ist Lebenswirklichkeit. Es gibt den Hass und er vergiftet Beziehungen. Er isoliert. Er verstellt Wege zueinander. So hört es sich wie ein Zugeständnis an, wenn auch so übertragen und gedeutet wird: „Du sollst deinen Nächsten lieben, aber deinen Feind magst du hassen.“(W. Klaiber, aaO.  S.115)

             Vielleicht ist es eine Hilfe, das starke Wort hassen anders zu lesen, emotionsfrei: nicht wahrnehmen, nicht zur Kenntnis nehmen, ihm die Solidarität nicht schulden. Sich gleichgültig abwenden. Auf Abstand halten und auf Abstand bleiben. Die Liebe zum Nächsten begrenzen auf die eigenen Leute. Das eigene Volk., die Glaubensgenossen. Diese Tendenz freilich findet sich öfters, „das Liebesgebot auf Israel zu begrenzen und die Feinde Gottes, z.B. die Heiden, davon auszunehmen.“ (U. Luz aaO.  S,311) Aber nicht nur damals. Das ist bis heute so: „Das Boot ist voll.“ ist als Stammtisch-Spruch ein Beleg für solche Ein- und Ausgrenzung.

44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, 45 damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel.

             Dieser Lebenswirklichkeit aber stellt Jesus sein Wort entgegen. Seine Weisung. Ich übertrage: Lasst euch in Anspruch nehmen durch die, die euch fremd sind. Als Fremde Feind. Das Wort für Feind,  χθρς , gibt es nicht her, nur von persönlicher Feindschaft zu sprechen. Es ist ein Allerweltswort für Feind.

Aber hinter diesen Wort Jesu taucht die Erfahrung der Gemeinde auf, für  die Matthäus sein Evangelium schreibt. Sie erlebt Verfolgungen. Sie erlebt Feindseligkeiten. Sie erlebt Ausgrenzung. Es ist die Herausforderung an diese Gemeinde, Verfolgung und Feindschaft nicht durch Hass zu beantworten, sondern durch Liebe. Wobei es fürden Wortlaut Jesu zutrifft: „Der heimliche Hintergedanke, dass der Feind durch die Liebe zum Freund gemacht werden könnte, fehlt.“(U. Luz, aaO.  S.308 )

Das Ziel des Wortes Jesu ist nicht die Veränderung der äußeren Situation, sondern das Bleiben in dem, was die eigene Berufung ist: Kinder eures Vaters im Himmel sein. Darum geht es: In der Begegnung mit denen, die schaden können und oft genug schädigen, durchzuhalten, was Gottes Wesen ist: zu lieben, wo nichts Liebenswertes mehr zu sehen ist. Es geht nicht um irgendein christliches Prinzip, das zu beherzigen und zu erfüllen wäre, auch nicht um ein Ideal, dem es sich zu nähern gilt: Es geht um ein Tun, das Gott auf den Plan ruft, nicht gegen, sondern für die, mit denen man selbst es schwer hat.

 Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.

  Das ist die einzige und einzigartige Begründung, die Jesus für seine Worte liefert: Die Jünger und das Volk sollen in ihrem Tun dem Tun Gottes entsprechen. Sie sollen gewissermaßen ihn nachmachen. Sein Abbild werden. Ihn abbilden und sich ihm nachbilden. Imago dei sein und werden. So wie es im Schöpfungsbericht anklingt: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.“(1. Mose 1,27) Gott fragt doch auch nicht danach, in seinen Wohltaten – der Sonne und dem Regen, ob sie es verdient haben, über denen es regnet und die Sonne scheint, ob sie seiner würdig sind. Er schenkt. So gilt es, einander zu begegnen.

Das Seltsame an diesen Worten ist ja, dass sie nicht Gleichgültigkeit fordern und fördern, sondern im Gegenteil: Dass Gott so unterschiedslos handelt, fordert uns zu entschieden unterschiedenem Handeln auf – nicht wie es normal ist: Feind dem Feind, Freund dem Freund, Nahe dem Nahen und abgewandt von dem Fremden, sondern gerade umgekehrt; zugewandt, solidarisch, Brücken schlagen, Grenzen überwinden.

 46 Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? 47 Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden?

            Noch einmal wird erinnert: Was Jesus hier fordert, eröffnet keine Möglichkeit zur Rechnung auf Gegenseitigkeit. Es wird sich lohnen. So geht man ja manchmal miteinander um: Wie du in den Wald rufst, so schallt es heraus. Jede Einladung führt zur Gegen-Einladung, jedes Geschenk findet seine Antwort in einem erwidernden Geschenk. Das ist so eine Art Pflicht. So geht es in der Welt zu.

Das ist die Vernunft der Welt, die Logik, die bei uns herrscht. Jesus aber „hat seine Forderung vielmehr unter der ganz und gar unnatürlichen Voraussetzung gestellt, dass das Reich Gottes im Anbruch ist und dass der Mensch ihm entsprechen soll.“ (U. Luz aaO.  S.317)  Sie ist nicht vernünftig begründet, sondern sie gründet allein in seiner Sicht: „Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.“(4,17)   

Wieder kann man fragen: Hat Matthäus, der diese Worte Jesu überliefert, damit auch Praxis seiner Gemeinde im Blick? Sie stehen in der Gefahr, die Zuwendung zu begrenzen auf die eigenen Leute, auf die, die sich Gott zugewendet haben, die Brüder und Schwestern im Glauben sind. Mit auf dem gleichen Weg.

Gott aber wendet sich in Jesus gerade denen zu, die irgendwie weit weg sind, vom Glauben, von der Gesetzestreue, von einem anerkannten Leben. Manche mögen wohl auch innerlich weit weg sein von Gott. Aber er wendet sich ihnen zu. Es ist die gleiche Überzeugung, die sich auch bei Paulus findet: „Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, um wie viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, nachdem wir nun versöhnt sind.“(Römer 5,10) Weil Gott in Christus den Abstand zu uns überwunden hat, darum sollen auch wir nicht auf Abstand gehen. Auch nicht von Zöllnern und Heiden.

48 Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.

             Es ist ein Schritt auf dem Weg zum vollkommenen Leben, sich so zu anderen zu stellen. Über alle Grenzen hinweg. Alle Feindschaften hinweg. Alle Fremdheiten hinweg. Weil Gott genau so handelt – nicht zuletzt darin, dass er Mensch wird. Es führt von der Bergpredigte weg, aber es ist zugleich nahe liegender Gedanke: der Vater im Himmel ist gerade darin vollkommen, ungeteilt, dass er sich im Erbarmen und der rechtfertigenden Gnade allen zuwendet, Bösen und Guten, Gerechten und Ungerechten.

 Merkwürdig, das vollkommen, τέλειός, zu nennen. Und doch: Wo die Liebe alle und alles umgreift, da ist die Welt doch vollkommen, ans Ziel gekommen. Da ist „Gott alles in allem.“ (1. Korinther 15,28)

Zum Weiterdenken

Mir will es so scheinen, als würden diese Worte überfordert und auch missbraucht, wenn man aus ihnen eine allgemeine Friedensethik ableiten will. Jesus hat in der Bergpredigt nicht wirklich ein Interesse an zeitlos gültiger Allgemein-Ethik. Sondern er stellt seine Hörer*innen – und uns Leser*innen – mit diesen Worten vor Fragen, auf die wir in unseren konkreten Lebensbezügen Antwort finden müssen. Was kann ich leben? Kann ich so leben, mit diesem Verzicht auf  Recht und Macht und Gewalt? Nicht, weil es vernünftiger wäre, sondern weil er mich dazu herausfordert, er, Jesus, der Bergprediger.

Auch davor wird man sich hüten müssen: Vollkommen meint nicht perfekt. Meint auch nicht fehlerlos. Sondern es meint ein Verhalten, das dem zielbewussten Handeln Gottes entspricht. Er ist vollkommen las der, der in Treue an seiner Welt festhält. Der sie nicht fallen lässt. Der sie nicht aufgibt. Christ*innen sind keine fehlerfreien Menschen. Aber sie können darin Gott nahe sein, ihm entsprechen, dass sie die Solidarität durchhalten, gerade denen gegenüber, die manchmal selbst  wenig solidarisch sind. Die Worte Jesu sind ein Ruf, heraus dem Echo-Verhalten – wie du mir, so ich dir – in die Freiheit, die in der Liebe Gottes ihren Grund und ihr Muster hat.  So sind diese Worte Jesu vor allem eine Herausforderung an unser alltägliches Tun.

 

Jesus, Du hast nie auf Feindseligkeit mit Feindschaft geantwortet, nicht zurückgeschlagen, nicht Hass mit Hass vergolten. Du hast Dich nie in ein Verhalten zwingen lassen, das nur Echo ist.

Du hast so gelebt, weil Du den Vater an deiner Seite gewusst hast. Weil Du Dich geborgen hast in seine Gegenwart. Weil Du frei warst in allem, Du voller Gottvertrauen.

Gib Du es uns, mir, dass das Vertrauen auf den Vater so in die Freiheit führt, uns ungeteilt allen so begegnen lässt, dass wir in ihnen  die geliebten Menschen Gottes sehen. Amen