Ja und Nein genügt

Matthäus 5, 33 – 37

 33 Ihr habt weiter gehört, dass zu den Alten gesagt ist (3.Mose 19,12; 4.Mose 30,3): »Du sollst keinen falschen Eid schwören und sollst dem Herrn deinen Eid halten.«

                   Wenn es kein Vertrauen gibt, kommt das Leben zum Erliegen. Darum liegt es auf der Hand, was zu den Alten gesagt ist. Es geht in der Forderung, keinen Meineid zu schwören,  um die Verlässlichkeit der Worte. Erst recht, wenn es beim Schwur zu einer Berufung auf Gott kommen soll. „So wahr mir Gott helfe“. Das ist nicht einfach nur eine „religiöse Eidesformel“. Sondern es ist die Anrufung Gottes als Zeuge für das, was ich da einem anderen zusage oder was ich in der Öffentlichkeit als Selbstverpflichtung auf mich nehme: Coram Deo. Im Angesicht Gottes.

Daneben steht die andere Pflicht: Was man Gott versprochen hat, das muss man auch halten. Wunderschön sichtbar in der Jakobs-Erzählung. Als Jakob auswandert. legt er ein Versprechen ab. „Und Jakob tat ein Gelübde und sprach: Wird Gott mit mir sein und mich behüten auf dem Wege, den ich reise, und mir Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der HERR mein Gott sein.Und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Steinmal, soll ein Gotteshaus werden; und von allem, was du mir gibst, will ich dir den Zehnten geben.“(1. Mose 28, 20-22) Als er, zwanzig Jahre später, zu einem reichen Mann geworden und mit einer Schar von Frauen und Kindern gesegnet, zurückkehrt, wird erzählt: „So kam Jakob nach Lus im Lande Kanaan, das nun Bethel heißt, samt all dem Volk, das mit ihm war, und er baute dort einen Altar und nannte die Stätte El-Bethel, weil Gott sich ihm daselbst offenbart hatte, als er vor seinem Bruder floh.“(1. Mose 35,6-7) Die Versprechen Gott gegenüber sind zu halten.  pacta sunt servanda.

34 Ich aber sage euch, dass ihr überhaupt nicht schwören sollt, weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron; 35 noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße; noch bei Jerusalem, denn sie ist die Stadt des großen Königs. 36 Auch sollst du nicht bei deinem Haupt schwören; denn du vermagst nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen.

                   Die Worte Jesu, auch wenn sie beginnen: ich aber sage euch, sind kein Widerspruch. Aber sie sind hier wie schon bei den Worten zur Ehe weitergehend, eine Verschärfung. Ein Verbot jeglichen Eides. Nicht nur ein Verbot religiöser Eidesformeln. Hinter Himmel und Erde und Jerusalem in einer Eidesformel steckt vermutlich der Versuch, den Gottesnamen zu meiden. Das ist dem Juden sozusagen in Fleisch und Blut übergegangen: „Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.“(2. Mose 20,7) Weil man nicht schwören kann bei Gott, deshalb ruft man Himmel und Erde oder Jerusalem ersatzweise als Zeugen auf.

Es ist kennzeichnend für die Worte Jesu: sie decken auf, was verschleiert wird. Wer sich Himmel und Erde, Jerusalem und auch das eigene Haupt zu Eideshelfern erwählt, der beruft sich letztlich auf Gaben Gottes, man könnte auch sagen: auf das Eigentum Gottes oder seinen Machtbereich. Es ist immer Gott, der dahinter steht. Und damit wird Gott als „Garant einer Wahrheit missbraucht, für die jeder und jede selbst einstehen müsste.“(W. Klaiber, aaO. S. 110)

 37 Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.

      Einmal mehr ist es frappierend, wie schlicht Jesus redet. Er stellt dem Großaufgebot der Eide und Eidesformeln die einfache Forderung entgegen: Ja und nein. Klarheit. Verlässlich sollen Worte sein. Aus sich selbst und nicht, weil irgendeine heilige Instanz für sie eingefordert wird. Weil der, der spricht, einsteht für das, was er sagt. Nach bestem Wissen und Gewissen, nichts und niemand verpflichtet als allein der Wahrheit.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Die Radikalität des Eidverzichtes, die Jesus hier an den Tag legt, ist von der Christenheit nicht durchgehalten worden. Sind wir barmherziger als der Herr, wenn wir die menschliche Schwäche so in Rechnung stellen? Oder nur realistischer? Wahr ist: Der Staat fordert mancherlei Versicherungen an Eides Statt, Treue-Schwüre, Loyalitätsbekundungen. Wahr ist, dass wir in den Kirchen nicht sonderlich zurückhaltend sind mit dem Einfordern von Gelöbnissen, Versprechen. Wir nennen es nicht Schwur, sondern synodale Verpflichtung. Aber wir geben uns nicht mit dem einfachen Ja oder dem einfachen Nein zufrieden.

Einmal mehr hat mich Nachfragen auf eine Spur gebracht. Bei der Trauung gibt es vor der Einsegnung die Frage an den/die Ehewilligen: „N.N, willst du N., die Gott dir anvertraut, als deine Ehefrau lieben und ehren und die Ehe mit ihr nach Gottes Gebot und Verheißung führen in guten wie in schweren Tagen, bis der Tod euch scheidet, so antworte: Ja, mit Gottes Hilfe.“ Was ist das, wenn einer diese Frage beantwortet? Ein Schwur – sicher nicht. Nur ein Treue-Versprechen? Eines, das oft genug nicht durchgehalten werden kann.  Es ist das Ja, das dann in vielen Tagen eine Fortsetzung finden will. Umgemünzt in Alltagsschritte. Das steht wohl hinter den Worten Jesu: Das Leben muss dem Ja und Nein entsprechen. Wenn das nicht der Fall ist, sind die Worte Schall und Rauch, wie heftig sie auch beteuert sein mögen, im Schwur überhöht zu ewiger Gültigkeit.

Wahr ist auch: Wir blicken zurück auf eine lange und schreckliche Missbrauchsgeschichte von Eiden und Treueschwüren. Nibelungentreue. Treue gegen Kaiser und Reich. Treue gegen den Führer. Treue bis in Tod und Grab. Schwüre haben oft genug Menschen an Menschen gebunden und blind gemacht für das Recht.

Darum verstehe ich dieses Eidverbot Jesu auch als einen Ruf in die Freiheit: sich nie durch Eide an Menschen zu binden. „Wer sein Leben an Gottes Gerechtigkeit ausrichtet, der soll auch für die Wahrheit seines Redens und Handelns bürgen können.“(W. Klaiber, aaO.  S. 111) Ja und Nein genügen

 

Heiliger Gott. Auf Dein Wort kann ich trauen. Was Du versprichst, das hältst Du auch. Gib es mir doch, dass ich mich an Dein Wort halte, dass andere sich an meine Worte halten können. Gib es doch, dass meine Worte klar sind und eindeutig, dass mein Leben übereinstimmt mit dem, was ich sage.

Gib Du, dass ich dem Leben diene, dass ich dem Glauben den Weg bereite mit meinen Worten,  mit meinem Tun. Amen