Vom Schutzraum der Ehe

Matthäus 5, 27 – 32

27 Ihr habt gehört, dass gesagt ist (2.Mose 20,14): »Du sollst nicht ehebrechen.«

             Der Einstieg wiederholt sich: Ihr habt gehört. Darüber gibt es keinen Streit. Das ist gemeinsame Grundlage. Es ist offensichtlich, dass Jesus dies, was alle gehört, gelernt haben, nicht in Frage stellt. Gibt es eine Anti-These, so heißt sie nicht: Es ist Quatsch, Scheidung ist doch nicht so schlimm. Das bleibt unserer Zeit vorbehalten, dem biblischen Gebot unsere statistischen Zahlen entgegen zu stellen. Als ob sie eine tiefere Wahrheit für sich hätten als eben nur die nackte Zahl. Als ob durch die bloße Zahl auch nur eine einzige Scheidung auch nur im Ansatz gerechtfertigt wäre.

„Welcher falsche Ton wird richtig dadurch, dass ihn jeder pfeift?                                Und welcher saure Apfel wird süß dadurch, dass jeder nach ihm greift?             Welches schiefe Bild hängt gerade dadurch, dass es viele sehn?                                 Welcher tote Weg führt weiter dadurch, dass ihn viele gehn?                                   Wer hat denn gesagt, dass Unrecht kleiner wird durch Addition,                                und dass Gott uns wegen unsrer Solidarität verschont?

Ich fürchte fast, dass es nicht wichtig ist,                                                                            ob uns das passt, was bei Gott richtig ist,                                                                                und ob mit uns noch viele andere lieber tun, was ihm missfällt.                                Ich glaube nicht, dass die Menge zählt.                                                                                                              M.  Siebald, CD Ich gehe weiter 1974

28 Ich aber sage euch: Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen.

             Jesus stellt seinen folgenden Satz nicht dem Gebot als Einspruch entgegen, sondern er stellt ihn als ein Schauen in die Wurzeln des Ehebruchs neben das Gebot. Es ist nicht so, dass der Ehebruch erst im fremden Bett beginnt. Er beginnt früher – in der Begehrlichkeit, mit den Phantasien, in den Gedankenspielen. „Jesus verbindet das siebte Gebot mit dem zehnten Gebot: Du sollst nicht begehren.“(W. Klaiber, aaO. S. 105) Und: es geht nicht um das Sehen aller  Frauen, sondern um das begehrliche Sehen auf eine Ehefrau. γυνακα ist die Ehefrau, nicht die Frau.

             Damit ist schon ein Einwand relativiert: Niemand kann doch mit geschlossenen Augen durch die Welt laufen. Am Verkehr teilnehmen. Es ist doch unausweichlich, sagt die Alltagsvernunft: Ich werde Frauen sehen. Auch attraktive, schöne Frauen. Und, um der Geschlechtergerechtigkeit willen, gilt auch umgekehrt für Frauen: Ich werde Männer sehen, auch attraktive. Schöne Männer. Was ist daran schlimm?

Wer so denkt und redet, macht aus den Worten Jesu die Worte eines naiven Dummkopfes oder eines asexuellen Wesens. Beides aber ist Jesus nicht. Es muss also um Anderes gehen als um das Verbot, eine Frau anzusehen und innerlich zu sagen: sie ist schön. Oder auch laut zu ihr zu sagen: Du bist schön. Ich finde dich schön. Nichts davon ist schlimm. Nichts davon ist gefährlich.

 Um zu erkennen, wo die Gefahr lauert, kann Luthers Erklärung zum zehnten Gebot weiterhelfen: Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsers Nächsten Frau, Gehilfen oder Vieh nicht ausspannen, abwerben oder abspenstig machen, sondern dieselben anhalten, dass sie bleiben und tun, was sie schuldig sind.  Es geht ums Habenwollen, um Besitzgier – und die Sexualität ist nur die Spielwiese dieser Gier. hinter Luthers Worten steht ein altes Denken: Die Achtung vor dem Eigentum des Nächsten. Dazu gehört in der alten Welt, auch in Luthers Welt noch, die Frau. Aus diesem Denken sind wir heraus.

Aber nicht heraus sind wir offensichtlich aus einem Denken und Fühlen, das Frauen und Männer zu Sexual-Objekten macht, das sie nicht als Person sieht, sondern als „Sache“. „Einen anderen Menschen zu begehren und wie eine Sache haben zu wollen, beschädigt dessen Würde und zugleich die Schönheit dessen, was sexuelle Liebe sein soll.“(W. Klaiber, aaO. S. 106) Wenn ich diesen Satz ernst nehme, stellt sich bei mir die Frage ein: Ob dann nicht oft genug Ehebruch bereits in der Ehe stattfindet, nämlich immer dann, wenn der andere zum bloßen Sexual-Objekt erniedrigt wird? Das hört sich in einer Gesellschaft, die sich für freizügig hält und in Sachen Sexualität alles für erlaubt, solange es die beiden „freiwillig mit sich machen lassen“, seltsam an. Antiquiert wohl auch.

 29 Wenn dich aber dein rechtes Auge zum Abfall verführt, so reiß es aus und wirf’s von dir. Es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde. 30 Wenn dich deine rechte Hand zum Abfall verführt, so hau sie ab und wirf sie von dir. Es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle fahre.

             Damit wird die Radikalität von Jesus auf die Spitze getrieben. Eine Aufforderung zur Selbstverstümmelung, wenn man seiner Begehrlichkeiten nicht Herr wird. Schon die ersten Leser des Matthäus haben das vernünftigerweise als bildliche Rede und nicht als reale Aufforderung verstanden. Aber es bringt auf den Punkt, worum es geht: Nämlich der eigenen Triebhaftigkeit entgegen zu treten. Das ist ein innerer Kampf, der so ausgefochten wird. „Mit allen Mitteln soll verhindert werden, dass das, was wir mit unseren Augen aufnehmen und mit unseren Händen tun, andere erniedrigt und ihrer Würde beraubt.“(W. Klaiber, aaO.  S. 107) Wenn ich es sehr schlicht sage: hier wird der Andere, die Andere mit ihrer unverletzbaren Würde zum Maßstab für Verhalten gemacht und nicht die eigene Lust oder die eigene Befriedigung.

I

Es ist in der drastischen Sprache die nüchterne Einsicht, Es geht um Kampf, um einen Kampf, der Verletzungen mit sich bringen wird.  Im Griechischen steht für verführen das Verb σκανδαλζω ärgern, zu Fall bringen, ein Skandal machen. Dabei geht es nicht um verschämte schamlose Heimlichkeiten. sondern es geht um die falsche Erwartung. Das Ausleben aller Triebe endet nicht in der himmlischen Glückseligkeit, sondern der Tristesse. Das Fleisch ist tödlich – so hat es Ingmar Bergmann im Film „Das Schweigen“ gelehrt. „Die Versuchung ist die Fixierung auf Orgiastisches oder auf Askese, als seien sie unverzichtbar und führten geradewegs in den Himmel.“(G. Hartmann, Lebensdeutung, Göttingen 1993, S. 278) Dieser Versuchung gilt es zu widerstehen und das bedeutet harte Kämpfe mit sich selbst.

In die Richtung der Gedanken Jesu weisen Worte aus der Sprache unserer Zeit: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ (Art. 1 GG) Das gilt auch im Umgang der Geschlechter miteinander.

Vorgeprägt mag diese Argumentation Jesu durch Worte eines Leidenden sein:  „Ist mein Gang gewichen vom Wege und mein Herz meinen Augen nachgefolgt und blieb etwas hängen an meinen Händen, so will ich säen, aber ein anderer soll es essen, und meine Nachkommen sollen entwurzelt werden. Hat sich mein Herz betören lassen um einer Frau willen und hab ich an meines Nächsten Tür gelauert, so soll meine Frau einem andern mahlen, und andere sollen bei ihr liegen.“(Hiob 31,7-10) ) Es ist eine hochmoderne Debatte: Wer hat die Führung im Leben eines Menschen,  bei seinem Entscheiden – der Verstand oder das Gefühl, die Vernunft oder der Bauch? Die Behauptung, nicht nur in Teilen der Hirnforschung: wir sind nicht so frei, wie wir gerne sein möchten. Wir werden regiert von Reizen, von  Affekten, von  Gefühlen, die sich in uns breit machen. Das limbische System im Hirn ist stärker als die Bereiche, in denen die Vernunft wohnt.

Hiob aber widerspricht: Ich habe nie den Augen das Leiten überlassen, sondern immer dem Herzen absolute Priorität eingeräumt. Das Herz – lēb(āb) – aber ist für den Hebräer der Ort der Willensentscheide, der Vernunft, der notwendigen Klärungen. Hiob, ein Mensch, der seiner Vernunft folgt, die Regeln Gottes achtet, der sich nicht gefühlsgesteuert hat gehen lassen.  Und Jesus pflichtet Hiob bei und meint, wir müssten diesen Kampf mit den Trieben auf uns nehmen.  Weil wir Gottes Geschöpfe sind, mit Geist  – a– begabt und nicht unseren Trieben unterworfen.

31 Es ist auch gesagt (5. Mose 24,1): »Wer sich von seiner Frau scheidet, der soll ihr einen Scheidebrief geben.« 32 Ich aber sage euch: Wer sich von seiner Frau scheidet, es sei denn wegen Ehebruchs, der macht, dass sie die Ehe bricht; und wer eine Geschiedene heiratet, der bricht die Ehe.

             Hat Jesus bisher sozusagen Grundlagen-Klärung betrieben, so begibt er sich jetzt auf das Feld der praktischen Klärungen. Auf ein Feld, in dem die Meinungen und Positionen hart aufeinander prallen. Wann darf man sich scheiden lassen? ist die Frage und nicht: Darf man sich überhaupt scheiden lassen? Für manche wie Rabbi Hillel reichte schon ein angebranntes Essen als Scheidungsgrund. Heute lese ich: Seelische Grausamkeit. Oder: Wir haben uns nichts mehr zu sagen.

Jesus stellt sich in der Frage lax oder streng auf einen dritten Punkt: Gar nicht. Wer sich von seiner Frau scheidet, treibt sie in den Ehebruch. Und umgekehrt: Eine, die weggeschickt worden ist zu heiraten, ist Ehebruch. Es ist offensichtlich die Sicht Jesu: Der Wille Gottes ist die Ehe, die durchgehalten wird, gegen Widerstände und Widrigkeiten. „Darum haben sämtliche frühen christlichen Gemeinden aus dem Scheidungsverbot Jesu rechtliche Konsequenzen gezogen.“ (U. Luz, aaO. S.272)

Soweit der Befund, den der Text hergibt. Aber wie damit umgehen, in einer Welt, in der Ehen scheitern?  Man kann sich einfach auf den Standpunkt stellen: Jesus hat gesagt. Punktum. Man kann auch sagen: Was Jesus an dieser Stelle gesagt hat, trägt in sich schon „ein Moment potentieller Lieblosigkeit“(U. Luz, aaO.  S. 279) gegenüber denen, die an dieser Forderung scheitern. Und dann schweigen.

Was mich bewegt:

Ich lese diese Worte über die Ehe und gegen die Scheidung als Mutmach-Worte für alle, die sich gegen die zentrifugalen Kräfte stellen, die die Ehe als gute Ordnung aufgeben, den Kampf um das Miteinander für vergebliche Liebesmühe halten. Ich lese sie als jemand, der im unmittelbaren Umfeld schmerzhaft miterlebt, wie der Versuch der Ehe scheitert. An Unzulänglichkeiten, am harten Herzen, an der Unfähigkeit, den mühsamen Weg zueinander durchzuhalten.  Das sehen zu müssen, schmerzt.

Jesus stellt keine Maximal-Forderungen, die unerfüllbar sind. Wohl aber geht es ihm um Verteidigen eines Schutzraumes, der zum Leben hilft. Diesen Schutzraum zu verteidigen und ihn denen lieb zu machen, die nach einem tragfähigen Rahmen für ihr Miteinander zu suchen, ist eine der Aufgaben, die in meinem Augen Kirche heute hat und wahrnehmen muss. Um Gottes willen. Um der Menschen willen. Auch um der Gesellschaft willen. Die Ehe zwischen Frau und Mann ist und bleibt doch Gottes gute Ordnung, auch dann, wenn wir an ihr scheitern.

 

Herr Jesus, ich danke Dir  für das Geschenk der Ehe, für den Schutzraum, in dem wir als Mann und Frau unser Miteinander leben dürfen, in dem wir stark sein können und uns auch schwach zeigen dürfen.

Ich danke Dir, dass Du uns helfen willst, respektvoll miteinander umzugehen, einander zu achten und zu ehren, in der Liebe zueinander zu reifen durch die Lebenszeiten hindurch.

Ich bitte Dich für alle, die es in ihrer Ehe schwer haben oder die in ihrer Ehe gescheitert sind, weil es keinen Weg mehr zueinander gibt. Lass Du sie erfahren, wie Du auch und gerade an denen festhältst, die mit ihrem Wollen und Können ans Ende gekommen sind. Amen