Es sind nicht nur Worte

Matthäus  5, 21 – 26 

Es folgen Worte, mit denen wir es nicht so leicht haben. Sie werden gerne „Anti-Thesen“ genannt, abgeleitet von der Formel „ich aber sage euch…“ Sie sind allzulange als Beleg für die vermeintliche Überlegenheit der christlichen Wahrheit gegenüber Israel gelesen worden. Heute besteht dagegen die Gefahr, dass sie umgekehrt nur als ein innerjüdischer Diskussionsbeitrag gelesen und betrachtet werden. Diesem Diskussions-Beitrag gegenüber sind wir frei, unsere eigene Meinung und Position zu bilden. Ich für meine Person denke allerdings, dass sie unbedingte und grundsätzliche Anerkennung beanspruchen, beschreiben sie doch die bessere Gerechtigkeit, die sich am Willen Gottes bildet.

21 Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist (2.Mose 20,13; 21,12): »Du sollst nicht töten«; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein.

             Es beginnt mit einem Misch-Zitat aus der Schrift. Darin ist anders zitiert, als wir es für zulässig befinden. Zwei Stellen werden zusammen gezogen. Weil ihre innere Einheit voraus gesetzt ist. So zitiert nicht nur Jesus im Evangelium des Matthäus, so zitiert damals alle Schriftauslegung im Judentum. Jesu erweist sich in seinem Reden oft als einer, der jüdischen Mutterboden auch in seinem Denken und Reden, nicht nur in seiner Herkunft hat. Das Zitat lässt  keinen Raum für Zweifel – es ist höchste Autorität, die hier zitiert wird: Mose.

Ganz nebenbei geht der Redende davon aus, dass die, mit denen er redet, sich auskennen. Sie hören nicht zum ersten Mal. Sie kommen, wenn man so will, aus einem „Hör-Zusammenhang“. Die Worte,  die an die Alten gerichtet sind, sind ihnen allen vertraut. Es muss nicht im Einzelnen gesagt werden, wo und wann sie gehört haben. Es reicht, dass sie gehört haben. Darum sind sie darauf ansprechbar.

  22 Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz!, der ist des Hohen Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig.

             Jetzt folgt der eigentliche Aufreger: Ich aber sage euch. γ δ λγω – im Folgenden insgesamt fünfmal. Also keine zufällige Formulierung, sondern bewusst gesetzt. Das ist nicht nur: Ich verstehe das so oder: ich lege das so aus. Sondern hier beansprucht Jesus Autorität, die neben die Autorität des Mose´ tritt, die sie überbietet und weiter führt. Radikalisiert. Es ist kein Wort gegen Mose, wohl aber eines über Mose hinaus.

Aus dem Wissen: Mord und Totschlag fangen oft genug bei den Worten an. Erst wird jemand mit Worten entmenschlicht – wahlweise: Pinscher, Drecksau, Judenschwein, Bulle, Kaffer – und dann kann man diesen entmenschlichten Menschen, diesen Untermenschen ja auch töten. Ohne schlechtes Gewissen. Es ist ja Ungeziefer und kein Mensch mehr. Es sind „häufig gebrauchte, relativ harmlose, gebräuchliche griechische Schimpfworte“(U. Luz aaO.  S.252), die Jesus hier anführt. Mord und Totschlag stehen allemal am Ende einer verbalen Eskalations- und Enthemmungsstufe. Es fängt immer harmlos an, nur mit Worten. „Man wird doch noch sagen dürfen…“ Aber es endet zu oft blutig. In Schuld, die den Weg zu Gott versperrt.

Man könnte auf die Idee kommen: „Sage mir, was du hörst und auf wen und wie du hörst und ich sage dir, wie du dich verhalten wirst.“ Wer immer nur die Botschaften hört, die aus seiner „Blase“ kommen, der wird ihnen irgendwann folgen, auch wenn sie falsch sind, Fake News. Das unterstreicht die Verantwortung aller, die mit twitter, instagram, facebook unterwegs sind. Ihre „Follower“ werden tun, was ihnen lange genug vorgesagt worden ist. Mit dem besten Gewissen der Welt. Es gehört auch zur Erfahrung: die so verbale Brandstifter sind, ziehen sich gerne aus der Verantwortung zurück. Was können wir dafür, dass einer aus unseren Worten Handlungsanweisungen macht?

   23 Darum: wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, 24 so lass dort vor dem Altar deine Gabe und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und opfere deine Gabe.

Es ist leicht, den Wechsel in der Redeform zu überlesen. Aber er ist wichtig! Auf die Sätze, die allgemein und grundsätzlich klingen, folgt plötzlich direkte Anrede. Sie knüpft begründend an die Sätze zuvor an. Es geht um die Übertragung einer allgemeinen Einsicht in das eigenen Leben: Du. Jesus nimmt seine Zuhörer*innen jetzt in die Pflicht. Seine heutigen Leser*innen: Du. Es ist nicht damit getan, die Gesellschaft zu ordentlichen und sorgfältigen Worten zu rufen – Du bist gefragt. Ich bin gefragt.

Es ist so, dass Jesus mit seinen Worten unser gewohntes Denken auf den Kopf stellt. Ganze Heerscharen leben davon, dass Recht haben und Recht bekommen ein Spitzenwert auf der Skala der Werte ist. Jesus dagegen hat einen anderen Wert ganz oben. Versöhnung. Versöhnung aber geht nur von Angesicht zu Angesicht. Nicht virtuell. Sie geht nur per Du oder sie geht perdue.

Nur nebenbei: der Tempel in Jerusalem steht am Ort der Verschonung! an dem Ort, wo Gott seinem Recht in den Arm fällt. (2. Samuel 24, 18ff) Wer zum Altar geht ohne den Willen zur Versöhnung mit dem Nächsten, macht seinen Gang an diesen Ort zur Farce. Er glaubt, dass er auch vor Gott auf seinem Recht beharren kann. Aber der Weg zu Gott landet in einer Sackgasse, wenn er nicht zum Weg der Versöhnung wird.

              Das ist wirklich der Ausweg und auch nicht anders zu verstehen. Statt Mord und Totschlag – Versöhnung. Statt dem anderen das Leben nehmen und sich selbst den Weg zu Gott versperren, der Weg zum Altar und von dort aus der Umweg über die Versöhnung zum Altar zurück. Was auf den ersten Blick wie eine Zurückweisung wirkt, ist in Wahrheit der Umweg, der Hoffnung birgt. Über den Altar zum Nächsten und dann vom Nächsten zurück an den Altar und zu Gott. Erst auf diesem Umweg werden auch die Opfergaben akzeptabel und ehren sie wirklich Gott.

 25 Vertrage dich mit deinem Gegner sogleich, solange du noch mit ihm auf dem Weg bist, damit dich der Gegner nicht dem Richter überantworte und der Richter dem Gerichtsdiener und du ins Gefängnis geworfen werdest. 26 Wahrlich, ich sage dir: Du wirst nicht von dort herauskommen, bis du auch den letzten Pfennig bezahlt hast.

Aussöhnung, solange es noch Zeit ist. Es ist, so lese ich diese Worte, kein zwangsläufiger Automatismus, dass Konflikte in Mord und Totschlag enden. Solange es noch Zeit ist. Es ist, so lese ich diese Worte, kein zwangsläufiger Automatismus, dass Konflikte in Mord und Totschlag enden. Es gibt Ausstiegshilfen auf der schiefen Bahn. Eine solche Ausstiegshilfe ist der Ausgleich vor dem Altar, ist die mühsame Versöhnung auf dem Weg. Die Worte sind auch eine Warnung vor der fast zu jeder Zeit so populären Forderung: Irgendwann muss einmal Schluss sein. Irgendwann ist es Zeit für das letzte Wort.

Daran allerdings lassen die Worte keinen Zweifel: Wo dieser Ausstieg verweigert wird, aus Zorn, Wut, aus Überlegenheitsgefühlen heraus, da steht auf einmal Anklage gegen Anklage. Recht gegen Recht. Das ist menschlich-allzumenschliche Erfahrung. Mag sein, im Hintergrund spielt das Instrument der Schuldhaft eine Rolle als eine Art Zahlungs-Erzwingung.

Es gibt, angedeutet auch durch das μν λγω σοι, Wahrlich, ich sage dir, noch eine andere Tiefenebene. Einen letzten Ernst: „Hinter dem Prozess wird das Endgericht sichtbar, in dem es keine Gnade gibt.“(U. Luz, aaO.  S.260) Alles, was wir Menschen tun „kommt noch einmal zur Sprache.“(H. Gollwitzer, Krummes Holz – aufrechter Gang, München 1971; S.382) Als Anklage oder als Gnade. Solange aber das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, das Gott sprechen wird und nicht wir Menschen, ist noch Zeit, zur Umkehr, zur Versöhnung. Gnadenzeit. Gnadenfrist.  

 Die Herausforderung n unser Denken und Glauben:

Es ist nicht von ungefähr, dass Jesus als erste Konkretion der „besseren Gerechtigkeit“(5,20) das Reden ins Spiel bringt, den zwischenmenschlichen Umgang in dem Worten. Weil aus Worten Taten werden. In einer Zeit, in der in den „sozialen Medien“ der Hass tobt, wissen wir unm diese Verbindung von Wort zur Tat.  Weil dem behaupteten Recht oft genug das angemaßte Recht in den eigenen Händen folgt. Weil die Unversöhnlichkeit nicht nur Beziehungen vergiftet, sondern auch den, der sie verweigert. Wer sich nicht versöhnen kann, wer auf seinem Recht beharrt, sperrt sich selbst ein in das Gefängnis seiner Rechthaberei und beraubt sich so der eigenen Freiheit, die ihm doch von Gott her zugedacht ist.

 

Herr Jesus, Du hast uns mit dem Vater versöhnt, uns den Weg zu seinem Herzen geöffnet. Du willst nicht, dass wir anderen das Leben nehmen, ihnen das Lebensrecht absprechenin Worten und durch Taten.

Gib Du doch, dass wir Menschen achten, das Leben achten, es schützen auch da, wo einer sich am Leben vergangen hat. Nimm uns die Waffen aus der Hand. Lass uns die Worte verlernen, die auch ohne Gewalt töten.

Mache uns zu Anwälten des Lebens. Amen