Auf dem Weg der Gerechtigkeit ist Leben

Matthäus 5, 17 – 20

  17 Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.

Das wirkt gegenüber den vorhergehenden Worten wie ein Neueinsatz. Darum trennen auch die meisten Kommentare und behandeln diese Verse 17 – 20 isoliert von den Worten über Salz und Licht und Stadt. Aber wie wäre es, diese Sätze zusammen zu lesen? Dann wird deutlich, dass die Bildworte vom Salz und vom Licht, von der Stadt auf dem Berge kräftige Zumutungen sind, höchst anspruchsvoll. Sie sind eben nicht nur Zuspruch, sondern sie fordern gleichzeitig Lebenspraxis ein. Darin berühren sie sich mit dem Gesetz.

In diesem Wort ich bin nicht gekommen schwingt etwas mit, was man nicht gleich bemerkt: es geht Jesus um Auftragstreue. Er ist nicht mit eigenen Einfällen unterwegs. Er hat eine Sendung zu erfüllen, einen Auftrag, der ihm vorgegen ist. Es gibt keinen göttlichen Auftrag, aufzutreten mit der Botschaft: Die Zeit der Weisung Gottes ist vorbei. Die tôrā geht nicht aufs Altenteil.

Jesus ist nicht gekommen, um eine reine Gesinnung zu verkündigen. Sondern, so sagt Matthäus: er ist gekommen, um das Gesetz zu erfüllen. Im Griechischen steht hier immer νόμος – das griechische Wort für das hebräische tôrā.  Willenskundgabe Gottes. Nie Paragraphendschungel und formal-juristischer Rechtskodex. Sondern Weg-Weisung. Es geht Jesus vom ersten bis zum letzten Wort um ein Tun, das dem Willen und den Weisungen Gottes entspricht. Es geht um Lebenspraxis.

Jesus hat ja nicht, damals nicht, heute nicht, zum Aussstieg ausder Welt aufgerufen. Er ist aus der Wüste zurückgekehrt in den Alltag nach Galiläa. Am See. Dort muss sich das Leben unter dem Achten auf das Gesetz, die Weisungen Gottes realisieren und bewähren. Keinen betrügen, nicht den raschen Vorteil für sich suchen, keine üble Nachrede, kein Einbrechen in fremde Ehen, keine Missachtung der alten Eltern.

Erfüllung des Gesetzes – freilich nicht in der buchstäblichen Gesetzesstreue. Wohl aber in der Hingabe an den Willen Gottes. Den eigenen Willen dem Willen Gottes anpassen. πληρόῶ – erfüllen ist bei Matthäus „ein exklusiv christologisches Verb. Nur Jesus (und Johannes der Täufer) erfüllt das Gesetz.“(U. Luz, aaO.  S.236) Das ist mehr als nur eine vollkommene Auslegung des Gesetzes. Dahinter steht das Bild: Jesus lebt das Gesetz. Er erfüllt es im Lassen und im Tun, im Reden und Handeln, in der Existenz. Nicht unbedingt wörtlich, aber ganz im Sinn und Willen des Vaters. Bis ganz ans Ende: „Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!“(26,39)

18 Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht. 19 Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich.

Auch daran liegt dem Evangelisten: das Gesetz, Gottes tôrā, bleibt in Geltung. Solange Himmel und Erde bestehen. Das erinnert an den Treueschwur Gottes nach der Sintflut: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“(1. Mose 8,22) Und Paulus teilt diese Sicht, wenn er schreibt: „Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“(Römer 11,29) Das Gesetz ist gute Gabe Gottes. Wie könnte es also je überflüssig werden, unerfüllt bleiben?

20 Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.

Es geht im Kommen Jesu um die bessere Gerechtigkeit, nicht um billige Gnade. Was macht die bessre Gerechtigkeit aus: Nicht nur ein paar Gebote zu halten, sondern alle – also mehr Quantität in Sachen gehaltene Gebote? Nach dem Motto: Mehr ist besser. Oder geht es in Wahrheit um eine neue Qualität, eine andere Art von Gerechtigkeit? Viel später im Evangelium wird Matthäus von Jesus die folgenden Worte überliefern: „Das Wichtigste im Gesetz: das Recht, die Barmherzigkeit und den Glauben.“(23,23) Stimmt das, so ist die bessere Gerechtigkeit ein Leben, das die Güte Gottes abbildet. Sein Erbarmen. Seine Gnade. Für Matthäus „ist wirkliche Gnade nicht nur geschenkte Gnade, sondern konkret gelebte Gnade.“(W. Klaiber, aaO. S. 101) So wie Jesus sie lebt.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Wir haben hier wohl auch Spuren einer innerchristlichen Debatte vor Augen. Auf der einen Seite die, die am Gesetz festhalten als der guten Weisung Gottes, auf der anderen Seite die, die das Gesetz für erledigt halten, für abgetan. Da ist ja der gesetzesfreie Weg zum Heil in Jesus geöffnet. An dieser Stelle sind die Worte ein unübersehbares Stopp-Schild: Jesu „Freiheit gegenüber bestimmten Vorschriften des Gesetzes bedeutet keinen Ausverkauf des Willens Gottes zu Schleuderpreisen, sondern zielt gerade darauf, dass dieser auch die kleinsten Details des menschlichen Miteinanders bestimmt.“ (W. Klaiber, aaO. S. 98) es ist charakteristisch für die Anfänge der christlichenGemeinde. Wenn es um Wegweisung für das Leben geht, nicht nur für die Frömmigkeit, dann fragen sie: „Was würde Jesus dazu sagen?“ Die Worte Jesu helfen, in Streifragen auch innerhalb der Gemeinde die Richtung zu finden.  Das ist der Grund der so sorgfältigen Überlieferung in den Evangelien, nicht nur bei Matthäus.

Eine weitere Überlegung: Wie wäre es, die Worte Jesu nicht nur auf das offenbarte Gebot Israels zu beziehen, sondern es weiter zu verstehen: Es geht nicht ohne die Gesetze, die dem Leben innewohnen: Wer nicht isst, verhungert, wer nicht trinkt, verdurstet, Wer nur sich selbst kennt, wer nicht andere respektvoll begegnet, isoliert sich selbst. Gerät in tödliche Einsamkeit. Es gibt Gesetzmäßigkeiten, die immer und überall gültig sind und ohne die das Leben sich selbst aufhebt. Jesus ist kein Anarchist und will keine Anarchie. Er will, dass wir dem Leben als der guten Gabe Des Vaters im Himmel dienen. Darum will er auch, dass wir die Lebensregeln, die dem Leben eingewoben sind, achten und erfüllen. So wie er sie selbst achtet und erfüllt.

Was mich bewegt:

Schließlich: einigermaßen selbstverständlich setzt Jesus voraus, dass es ein lohnendes Ziel ist, in das Himmelreich zu kommen. Dafür lohnt es zu fragen, ob man auf dem richtigen Weg ist. Heute (18. 7.19) habe ich gleich zwei Männer im Krankenhaus erlebt, die kein Ziel mehr sehen. „Wenn es doch vorbei wäre. Dann wäre es gut.“ Beide nicht schwer krank.  Dennoch nichts von Erwartung für das Leben zu hören. Weder Freude noch menschliche Nähe sind Hoffnungsschimmer. Schon gar nichts deutet auf Erwartung über den Horizont hinaus. Mich erschreckt das, weil ein Leben, von dem nur zu erhoffen ist, dass es bald vorbei ist, dass danach nichts mehr ist, keine Spur von Hoffnung mehr zeigt. Der Himmel ist kein Ort der Sehnsucht mehr. Was bleibt ist nur noch Leere.

 

Herr Jesus, Du gibst Dich ganz in den Willen Gottes, des Vaters im Himmel. Sein Wille wird zu Deinem Wollen. Davon leben wir, weil Du uns so den Weg freimachst hinter Dir her ins Vaterhaus. Du hast uns Deine Fußspuren hinterlassen, damit wir in sie eintreten, in ihnen unsere Spur finden.

Gib uns Deinen Geist, der uns die Freude an den Weisungen Gottes lehrt, der uns die Freude am Tun des Gerechten ins Herz pflanzt, der uns Erbarmen finden lässt, Schritte zur Versöhnung, Wege zum Frieden mit Gtt und den Menschen, auch mit uns selbst. Amen