Hört, wen Jesus glücklich preist

  „Mit der Bergpredigt ist kein Staat zu machen.“ Dieser Satz wird dem eisernen Kanzler Bismarck zugeschrieben. Er ist wohl gedacht als eine Rechtfertigung für das Eigenleben des Staates, der anderen Regeln zu folgen hat als denen, die in der Bergpredigt anklingen. Damit ist eine klassische Auslegung der Bergpredigt im Blick: sie gilt dem Einzelnen, sie gilt für die Frömmigkeit, aber nicht für das Leben, das sich den Realitäten stellen muss. Manche meinen, damit sei die Zwei-Reiche-Lehre, die man auf Luthers Denken zurückführt, auf dem Plan: Die Bergpredigt als hohe geistliche Moral, aber nicht wirklich lebenstauglich. Es wird sich zeigen müssen, ob sich diese Sicht auf die Bergpredigt bewährt, ob sie den Worten gerecht wird, ob sie der Intention des Matthäus entspricht. Er will uns, seinen Leserinnen und Lesern, den Christen, für die er sein Evangelium schreibt, ja in dieser Rede einen ersten Einblick in das Lehren Jesu geben. 

Matthäus 5, 1 – 12

 1 Als er aber das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte sich; und seine Jünger traten zu ihm.2 Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach:

Wieder fängt es mit dem Sehen an. So wie Jesus die Fischer am See gesehen hat, so wie er die Kranken, die zu ihm gebrcht worden gesehen hat, so sieht er das Volk.

 Die Frage ist: An wen richten sich die folgenden Worte? An das Volk, das er sah oder an die Jünger, die zu ihm treten? An die vier, die er  am See gefunden hat? Mehr sind es ja noch nicht, von denen Matthäus bis hierher erzählt hat. Oder vielleicht doch an beide Gruppen – sowohl das Volk als auch die Jünger?

Der Einstieg des Matthäus legt nahe: „Die Bergpredigt ist nicht nur für einen inneren Kreis bestimmt.“ (W. Klaiber, aaO.  S. 82) Erst recht, wenn man dem folgenden Satz zustimmt: „Jünger ist jeder, der sich von Jesus zu Gott rufen lässt.“(E. Schweizer, aaO.  S.44) Das öffnet den Kreis der Adressaten der folgenden Worte nicht nur auf  das Volk damals hin, sondern auch zu den Leserinnen und Lesern, auch zu uns heute, wenn wir uns denn von Jesus von Gott rufen lassen.

3 Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.                    4 Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.                              5 Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.                     6 Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.                                                                                                                                      7 Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.             8 Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.                  9 Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.

Gratulationsformeln. Statt selig, was heute viele Zeitgenossen irgendwie seltsam anmutet, kann man auch übersetzen: Wohl dem. Glücklich. „Hört, wen Jesus glücklich preist…“hat Kurt Walz in unseren Zeiten getextet. So weit so gut.

Aber was ist das mit denen, die Jesus da selig, glücklich preist, denen er gratuliert?  Wir würden doch weitaus eher sagen: Herzliches Beileid euch… Die Jesus seligpreist, beglückwünscht, sind nicht die Kandidaten für Führungspositionen in der Gesellschaft Israels: Es sind zerbrochene Leute. Zerbrochen an einer Welt, in der so vieles im Argen liegt, in der es viel mehr Fragen als Antworten gibt. Sie sind zerbrochen an einem Leben, das ihnen viele Striche durch die Rechnungen gemacht hat, das sie oft mit leeren Händen und verwehrten Wunscherfüllungen hat stehen lassen. Die Jesus seligpreist, denen ist oft genug das Heulen näher als das Lachen, das Verzagen näher als der flotte Spruch, der die Situation rettet.

„Jesus spricht zu Menschen in Not.“(W. Klaiber, aaO. S.84) Ausgerechnet sie preist Jesus selig. Es wäre zynisch, wenn Jesus ihre Defizite selig preisen würde. Sie darüber hinweg trösten. Aber das geschieht nicht. Er preist nicht ihre Not. Er gratuliert ihnen nicht zu ihren Niederlagen. Sondern er stellt den Defiziten und den bislang unerfüllten Sehnsüchten dies Eine entgegen: Die Erfüllung, die in ihm anbricht. Weil er ihnen nahe ist.

Er sieht sie in anderem Licht als in dem, das sie selbst auf sich fallen sehen. Nicht im Licht, das gnadenlos vor Augen stellt: Zu kurz gekommen. Auf der Verliererseite des Lebens. Er sieht sie als die, die auf das Reich der Himmel, das Gottesreich zuleben. Weil er ihnen dieses Reich nahe bringt. Er sieht die, die keine Machtmittel haben, denen der Lebensraum eng wird, die kaum Lebensmittel haben, als die, auf deren Seite Gott steht. „Gott wird sie sättigen. Er wird ihr Leben mit seiner Liebe und seiner Gerechtigkeit erfüllen.“ (W. Klaiber, aaO. S.88) Es ist das große Bild von dem Morgen, auf den kein Dunkel mehr fällt, von dem Leben, das allen Schmerz hinter sich hat, von der Freude, die keine Furcht mehr im Rücken haben muss.

10 Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich. 11 Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen. 12 Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden. Denn ebenso haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind.

 Es ist wichtig, auch diese Seligpreisungen genau zu hören: „Es geht nicht um ein Martyrium, das man legendär verklären könnte.“ (E. Schweizer , aaO.  S.56 ) Hier ist deutlich die Gemeinde im Blick, für die Matthäus sein Evangelium schreibt, die in ihrer Umwelt in die Isolation gerät, weil sie weltfremd ist, anderen Werten folgt als denen, die angesagt sind. Es mag sein, die Umwelt verneint sie, ächtet sie. Aber es gilt: Glücklich. Μακριοι. „So geht durch alle acht Heilsrufe hindurch das Ja Gottes an die auf ihn Angewiesenen und auf ihn Wartenden, das im vollmächtigen Zuspruch Jesu schon Wirklichkeit wird, obwohl die sichtbare Einlösung der Verheißung Gott allein zusteht und erst beim Kommen seines Reiches wahr werden wird.“ (E. Schweizer , aaO. S.56)

Das zu lesen stellt vor die Frage: Sind die Seligpreisungen folglich nur Zukunftsmusik? Oder brechen sie schon jetzt an? „Sie sind alle eschatologisch zu verstehen und durch die bereits in der Gegenwart erfahrene Gnade der Gegenwart Gottes nicht antizipiert. Matthäus hat „Bilder“ wie „Himmelreich“, „Erben des Landes“, „Gott schauen“ etc. sehr konkret verstanden.“ (U. Luz, aaO., S.218) Nicht schon vollendet, noch nicht am Ziel. Aber daran hält Matthäus fest: In der Gegenwart Jesu leuchtet diese noch ausstehende Einlösung schon auf.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Jesus hat sich diese Seligpreisungen nicht einfach ausgedacht. Sie nicht erfunden. Sondern er knüpft an an Worte, die er wohl schon in seiner Jugendzeit in der Synagoge gehört und gelernt hat. Seine Worte sind vorbereitet in so vielen großartigen Visionen der Propheten. Hier nur eine für viele: „Denn siehe, ich will Jerusalem zur Wonne machen und sein Volk zur Freude, und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens. Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht. Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse. Denn die Tage meines Volks werden sein wie die Tage eines Baumes, und ihrer Hände Werk werden meine Auserwählten genießen. Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des HERRN, und ihre Nachkommen sind bei ihnen. Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören. Wolf und Schaf sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Sie werden weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.(Jesaja 65, 18-25) Es ist der Geist des Propheten, der hier aus Jesu Seligpreisungen spricht. Der Geist Gottes!

Es geht im Evangelium nie um Originalität. Darum, etwas zu sagen, was noch nie einer früher gesagt hat, so gesagt hat. Es geht um das Reden der Worte, die der Geist Gottes eingibt, ins Ohr flüstert. So wird es Jesus seinen Jüngern sagen: „Wenn sie euch nun überantworten werden, so sorgt nicht, wie oder was ihr reden sollt; denn es wird euch zu der Stunde gegeben werden, was ihr reden sollt. Denn nicht ihr seid es, die da reden, sondern eures Vaters Geist ist es, der durch euch redet.“ (10, 19 – 20) – und so ist es auch bei ihm selbst. Er hat sic hder Leitung des Geistes anvertraut. Einen anderen Leiter brauchen wir auch nicht.

 

Herr Jesus, wie soll ich das glauben, wo ich jeden Tag das Gegenteil sehe: Glücklich sind, die es nach oben geschafft und sich durchgesetzt haben, die oben sind, sich alles leisten können und keine Sorgen haben. Sie schlafen nachts ruhig, sicher bewacht. Glücklich sind die Macht haben und sich nicht fürchten müssen vor den Machtworten anderer. Glücklich sind, die über Einfluss verfügen , die Welt gestalten können nach ihrem Willen – sie werden bewundert und umjubelt.

Herr Jesus, befreie mich von diesem Trugbild des Glücks. Befreie mich hin zu Dir, dass ich mir von Dir meinen Mangel ausfüllen lasse, meinen Durst stillen, meinen Hunger sättigen, meine Seele heilen lasse. Öffne mir das Herz, dass ich Dir glaube, wie Du mich und meinesgleichen seligpreist, weil wir Dich hören, Dir zugehören. Amen