Der unbedingte Ruf

Matthäus 4, 18 – 25

 18 Als nun Jesus am Galiläischen Meer entlangging, sah er zwei Brüder, Simon, der Petrus genannt wird, und Andreas, seinen Bruder; die warfen ihre Netze ins Meer; denn sie waren Fischer.

            Jesus ist auf dem Weg, am galiläischen Meer entlang. Warum und wohin spielt keine Rolle. Dort sieht er –  zwei Brüder in der Arbeit ihres Alltags. Fischer, die ihre Netze auswerfen. Eine Szene, wie sie sich Tag um Tag abspielt, damals. Heute.  

 19 Und er sprach zu ihnen: Folgt mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen! 20 Sogleich verließen sie ihre Netze und folgten ihm nach.

Der Prediger Jesus bleibt nicht allgemein und irgendwie unverbindlich. Er lässt es nicht bei Predigten, die an alle gerichtet sind. Sondern er spitzt seine Predigt zu, personalisiert, übersetzt sie in den Alltag der Brüder Simon und Andreas hinein. Genauer: er ruft sie aus ihrem Alltag heraus. Ein Ruf ohne jede Begründung. Kein Warum. Nur ein Weg: Folgt mir nach. „Kein Lebensprogramm, dessen Verwirklichung sinnvoll erscheinen könnte, kein Ziel, Kein Ideal, dem nachgestrebt werden sollte.“(D. Bonhoeffer, Nachfolge, München 1976, S.29) Nur dies eine: Hinter mir her.

Nur ein Ziel: Menschenfischer. ἁλιεῖς ἀνθρώπων. Das hört sich hart an: Menschenfänger. Das sollen sie werden auf dem Weg mit ihm. Es gibt nichts, was an den Beiden so wäre, dass es diesen Ruf begründen würde, keine Voraussetzung, warum sie es sind, die er ruft. Auch nicht ihr Beruf. Es ist allein sein Sehen, das Voraussetzung ist.

Es ist, als lasse der Ruf Jesu ihnen gar keine Wahl. Sie hören und folgen. Sogleich. εθωςstehenden Fußes. Die Netze bleiben liegen. Kein Abschied. Kein Zögern, keine Klärung, keine Bedenkzeit. Wenn er ruft, gibt es keine Abschiedsszenen. So unbedingt ist sein Ruf, dass nur „der radikale Gehorsam der beiden“ (U. Luz, aaO.  S.175) bleibt.

21 Und als er von dort weiterging, sah er zwei andere Brüder, Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, seinen Bruder, im Boot mit ihrem Vater Zebedäus, wie sie ihre Netze flickten. Und er rief sie. 22 Sogleich verließen sie das Boot und ihren Vater und folgten ihm nach.

            In der nachfolgenden zweiten Berufung ist fast alles wie bei der zuerst Erzählten. Aber es ist eben doch nicht nur eine Wiederholung. Über die Netze und das Boot hinaus wird sichtbar: Ihr Verlassen betrifft auch die Familie. Hier wird ausdrücklich der Vater Zebedäus benannt, der zurückbleibt. In anderen Berufungen bleiben andere zurück. Später wird in einem Jesus-Wort erkennbar werden, wie einschneidend dieses Nachfolgen sein kann, aber auch, welcher Lohn wartet: „Wer Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker verlässt um meines Namens willen, der wird’s hundertfach empfangen und das ewige Leben ererben.“(19,29)

Was die Berufung der Zebedäus-Söhne zusätzlich von der ersten Berufung unterscheidet: hier gibt es nicht einmal die Zielangabe: Menschenfischer. Der bloße Ruf genügt. „Im Rufen Jesu trifft sie Gottes Ruf. Es ist ein Ruf, in dem sich Gott einem Menschen ganz persönlich zuwendet und ihm zusagt: Du gehörst zu mir.“ (W. Klaiber, aaO.  S.75) Das reicht, um alles stehen und liegen zu lassen. Die so gerufen werden, verlassen ihr altes Leben, lassen alles zurück und treten ein in eine neue Existenz.

Es ist beidemale ein unbedingter Ruf. Da gibt es keine erkennbbare Voraussetzung bei den Gerufenen, die sie besonders qualifitzieren würde. Sie sind nicht Stammgäste in der Synagoge – zumindest erfahren wir es nicht. Sie sind nicht auf der Suche nach ihrer Lebensaufgabe. Die haben sie längst gefunden. Sie stecken auch nicht in einer Sinnkrise, aus der Jesus sie herausholen würde. Sie sind gut beschäftigt und in ihr Beschäftigtsein hinein trifft sie dieser Ruf Jesu.  Störend, umstürzend, unerwartet.

23 Und Jesus zog umher in ganz Galiläa, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen im Volk.

             Sammelbericht – so nennt die Wissenschaft solche Passagen wie diese Verse 23 – 25. Es werden keine einzelnen, anschaulichen Szenen gezeigt, keine Geschichten erzählt, sondern es werden gewissermaßen Tätigkeitsfelder zusammengefasst gezeigt. Drei Tätigkeiten Jesu werden vorgestellt: Lehren – Predigen – Heilen. Um das zu tun, wandert er durch ganz Galiläa. Von Ort zu Ort, durch die Täler, die Ebenen, das Gebiet am Galiläischen Meer. Einer, der das Wort ergreift und einer, der sich den Kranken zuwendet.

Περιπατν Umherwandernd. Es gibt eine regelrechte philosophische Schulrichtung, die Peripatetiker, die nicht still auf einem Stuhl sitzend, sondern im Wandeln, im Gehen lehrten. Es hat durch die Zeiten hin nicht an Versuchen gefehlt, Jesus irgendwie so philosophisch „einzugemeinden“. Aber das ist nicht wirklich überzeugend, weil er ja nicht als philosophischer Lehrer auftritt, auch keiner Schule angehört. Er ist ja nur „der Zimmermannssohn aus Nazareth“ (13,55), auf dem „der Geist ruht.“(3,16) 

Einer, der lehrt, sich mit den Schriften der Hebräischen Bibel, wohl auch mit Auslegungstraditionen der  Väter, auseinander setzt und sie „anwendungsbezogen“ auf heute zuspitzt. Sein Lehren wird in den Reden des Matthäus-Evangeliums noch deutlich gezeigt werden.

Vom Lehren unterschieden wird hier sein Predigen des Evangeliums. Dabei dürfen wir nicht mit unseren Ohren hören, wenn wir Evangelium hören. Wir hören Perikopen aus Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Wir hören vielleicht auch noch das Evangelium des Paulus, die Rechtfertigung der Gottlosen durch Jesus Christus. Wenn Jesus Evangelium predigt, dann sagt er das Reich Gottes an. Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen! Dann spricht er denen, die zuhören, die voraussetzungslose Nähe Gottes zu. Wie dieses Predigen ausgesehen haben kann, das zeigen uns vor allem die Gleichnisse, die Jesus erzählt.

Und schließlich ist von seinem Heilen die Rede. Immer wieder wird es Matthäus später erzählen, nicht mehr pauschal, sondern von einzelnen Menschen, denen Jesus so begegnet, dass sie wieder auf die Beine kommen, dass ihnen die Augen aufgehen, dass sie aufgerichtet werden, dass sie ein neuer Geist beseelt.

Das alles wird hier, bevor es in einzelnen Ereignissen auf dem Weg sichtbar wird, schon einmal pauschal benannt. Er begegnet auf dem Weg durch Galiläa Menschen und antwortet auf die Situationen, die er wahrnimmt, lehrend, predigend, heilend. Das darf man nicht auseinander reißen. Sein Lehren und Ausrufen des Reiches ist Teil des Heilens, sein Heilen Teil seines Predigens, der Ansage des Reiches. Es ist das heutige Zauberwort „Ganzheitlichkeit“, das hier aufleuchtet. Jesu Arbeit ist Wort und Tat, Ruf und Hilfe, Predigt und Heil. Zugespitzt: alles in seiner Person. Das ist Jesu Weg.

 24 Und die Kunde von ihm erscholl durch ganz Syrien.

             Weil er so auftritt, wird weit über den engen Bereich Galiläas hinaus über ihn gesprochen. Man erzählt sich von ihm. Er muss keine Propaganda für sich machen – es spricht sich herum, was da geschieht. Aber der schlichte Hinweis über Galiläa hinaus auf ganz Syrien mag ein erster Fingerzeig sein: „Was hier geschieht, gilt auch Menschen jenseits dieser Grenze. (W. Klaiber, aaO. S 78) Sein Auftreten ist kein Winkel-Ereignis, keine nur lokale Sensation. Von Anfang an überschreitet die Kunde von ihm Grenzen. Deshalb muss man auch nicht befürchten, dass das Evangelium an den Gemeindegrenzen und den Milieu-Grenzen unserer Zeit Schiffbruch erleiden wird. Es wird sich herumsprechen, so wie damals.

 Und sie brachten zu ihm alle Kranken, mit mancherlei Leiden und Plagen behaftet, Besessene, Mondsüchtige und Gelähmte; und er machte sie gesund.

             Was von ihm erzählt wird, führt dazu, dass viele zu ihm gebracht werden. Alle Geschlagenen, alle Geplagten, alle, für die jede Hilfe zu spät erscheint. Alle, die nur noch Opfer sind, der Umstände, der Krankheiten, der Mächte. „Da kann man nichts mehr machen“ heißt es von ihnen – und er machte sie gesund. θεράπευσεν – lautmalerisch könnte man wiedergeben: „er therapierte sie alle.“Wenn das kein Hoffnungssignal in die Zeit hinein ist.

  25 Und es folgte ihm eine große Menge aus Galiläa, aus den Zehn Städten, aus Jerusalem, aus Judäa und von jenseits des Jordans.

             Das Ergebnis: Zulauf. χλοι πολλοὶ. Viele Massen. Volksscharen ohne Ende. Was mir auffällt: Hier wird im Griechischen das theologisch so hoch besetzte Wortκολοθησα verwendet: sie folgten ihm nach. Es ist das gleiche Wort, mit dem unmittelbar zuvor beschrieben worden ist, wie Petrus und Andreas, Jakobus und Johannes hinter Jesus hergehen. Das könnte doch zeigen: Es gibt ein hinter Jesus Herlaufen, das nicht aus einem Rufen Jesu entsteht, sondern aus einem Sehen dessen, was er tut. Wie es bei ihm zugeht. Und dieses Nachfolgen ist nicht geringer in seinem Wert wie die Nachfolge, die durch sein Rufen entsteht.   

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Das Sehen Gottes ist der Anfang seiner Hilfe. So wird  es von Israel im Haus der Knechtschaft erzählt: „Und die Israeliten seufzten über ihre Knechtschaft und schrien, und ihr Schreien über ihre Knechtschaft kam vor Gott. Und Gott erhörte ihr Wehklagen und gedachte seines Bundes mit Abraham, Isaak und Jakob. Und Gott sah auf die Israeliten und nahm sich ihrer an.“ (2. Mose 2, 23b-25) Hier ist das Sehen Jesu und sein Rufen der Anfang eines neuen Weges. Auf dem Jesus sich seines Volkes annehmen wird. Mit diesem Sehen und Rufen fängt alles an.

Nur eine Erzählung von damals? Nur für die besondere Situation des Zwölfer-Kreises? Oder machen wir es uns zu einfach, wenn wir so denken? In aller Vorsicht und ohne Kokettieren: Ich selbst habe nie etwas Grundstürzenderes, Umwerfenderes erfahren als diesen ersten, bewusst wahrgenommenen Anruf Jesu in mein Leben hinein. Er hat alles verändert: Mein Selbstverständnis, Weltverständnis, meine Lebensperspektive. Ich vermag heute nicht mehr zu denken, wie mein Leben ohne diesen Anruf verlaufen wäre. Ich weiß nur: Er hat alles anders werden lassen.

Es sind harte Worte, aber sie machen deutlich, was auf dem Spiel steht für uns heute, worum es in dieser Geschichte geht, die vom Ruf Jesu an Petrus und Andreas, Jakobus und Johannes erzählt: „Ein Christentum ohne den lebendigen Jesus Christus bleibt notwendig ein Christentum ohne Nachfolge und ein Christentum ohne Nachfolge ist immer ein Christentum ohne Jesus Christus.“(D. Bonhoeffer, aaO.  S.30)Die Schritte weg von ihren Booten, hinter Jesus her, mit denen die vier auf das Rufen Jesu antworten, sind ihre ersten Glaubensschritte. Es werden nicht ihre letzten sein.

 

Herr Jesus,  Du rufst Menschen auf den Weg hinter Dir her, in Deine Nähe, in eine Lebensgemeinschaft mit Dir. Du versprichst nichts -nicht Erfolg, nicht Mühelosigkeit, keine großen Herausforderungen, nicht immerwährende Freude. Nur Deine Nähe schenkst Du

Ich danke Dir, dass mich Menschen in Deinem Auftrag gerufen haben – zum Glauben, zum Gehorsam, zum Leben auf Deinem Weg. Amen