Weitblick – Naherwartung

Jakobus 5, 7 – 12

7 So seid nun geduldig, Brüder und Schwestern, bis zum Kommen des Herrn.

            Das mag ein Wechsel sein. Der bitteren scharfen Anklage folgt die Aufforderung, geduldig zu sein. Μακροθυμήσατε – bewahrt euch großen Mut. Langmut. Es klingt in diesem Wort nicht geduldiges Aushalten, Stillhalten auch unter ungerechten Verhältnissen an, sondern eher ein zielgerichtetes Durchhalten. „Geduldig sein heißt vor einer Türe stehen, die einmal aufgehen muss; aber noch ist sie verschlossen und wir müssen davor warten, auch wenn wir es fast nicht mehr können.“(E. Thurneysen, Der Brief des Jakobus, Basel 1941/1959, S. 179) Denn  allen Unbilden der Zeit zum Trotz: der Herr wird ja kommen. Das steht im Wechsel der Zeiten fest. Mag sein, Zeiten ändern sich, werden unerträglich. Aber das Kommen des Herrn bleibt das „Ziel des Ausharrens.“(R. Hoppe, aaO. S. 148) Es ist wohl typisch Jakobus, dass er nicht dieses Ziel ausmalt, sondern darauf verweist, wie sich Ausharren, die Geduld lebenspraktisch zeigt.   

Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. 8 Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.

            Es ist kein zufällig gewähltes Beispiel. Landwirte warten, aber sie sind deshalb nicht untätig. Ihr Warten räumt Gott die Zeit ein, sein Werk zu tun. Frühregen und Spätregen sind ja seine Gaben. „Werdet ihr nun auf meine Gebote hören, die ich euch heute gebiete, dass ihr den HERRN, euren Gott, liebt und ihm dient von ganzem Herzen und von ganzer Seele, so will ich eurem Lande Regen geben zu seiner Zeit, Frühregen und Spätregen, dass du einsammelst dein Getreide, deinen Wein und dein Öl, und will deinem Vieh Gras geben auf deinem Felde, dass ihr esst und satt werdet.“(5. Mose 11,13-15) Es ist gelebtes Gottvertrauen, dieses Warten auf die kostbare Frucht der Erde

Bevor das Warten anfängt hat der Bauer ja schon gehandelt: den Acker mit der Egge vorbereitet, gepflügt, Dünger ausgebracht, gesät. Dann erst folgt die Zeit, für die Erwarten angesagt ist. Geduld.  Der Ackermann „wartet nicht nur, sondern er weiß, dass er warten muss, denn er weiß, warum er wartet.“(E. Thurneysen, aaO. S. 184)Wie weit ist diese Lebenshaltung entfernt von der Hektik unserer Tage, die glaubt, alles machen zu können und auch machen zu müssen, die an die Steigerung der Produktivität wie an ein Heilsversprechen glaubt, die mehr, immer mehr, will und das schneller, immer schneller.

Und wieder, zum zweiten Mal der Hinweis auf das Kommen des Herrn. Diesmal: es ist nahe. Mir läge es näher: Er ist nahe. Mir gefällt die vorsichtige Übersetzung der Lutherbibel von 1912: „Die Zukunft des Herrn ist nahe.“ παρουσία το κυρίου  – „Anwesenheit, Gegenwart, Beistand Ankunft des Herrn.“ Alle diese Wiedergaben sind möglich – so mein Wörterbuch. (Gemoll, Griechisch-Deutsches Schulwörterbuch, München 1957, S. 583) Es legen sich so viele Bilder nahe. „Die Zukunft“ ist unanschaulicher, unbestimmter, offener, aber genau dadurch vielleicht angemessener. Wir wissen es ja nicht, wie das aussehen wird.  Wenn er wiederkommt.

Was bis dahin angesagt ist: geduldig sein und die Herzen stärken. στηρίξατε τὰς καρδίας Einander ermutigen. Einander zu Herzen reden. „Stützen, befestigen, kräftigen, ermutigen.“(Gemoll. aaO. S. 689) Das steckt alles in diesem einen griechischen Wort mit drin. Warten auf den kommenden Herrn ist keine einsame Angelegenheit. Es führt zu den Mitwartenden. Nimmt das eigene Herz für sie in Anspruch. Christen sind nicht nur eine Wertegemeinschaft. Sie sind vor allem eine Wartegemeinschaft.

„Wir warten auf das Ereignis, das alles verändern soll.                                              Wir warten, weil wir wissen: das Maß der Zeit ist voll.                                              Herr Du kommst zu uns, wie Dein Wort es versprach.                                                  Herr, du kommst zu uns, deine Uhr geht nicht nach.                                                     Du befreist die Welt, Herr, zu deiner Zeit                                                                            und gibst uns die Hoffnung deiner Ewigkeit.“    J. Jourdan,  1983, Holzgerlingen

 9 Seufzt nicht widereinander, damit ihr nicht gerichtet werdet. Siehe, der Richter steht vor der Tür.

            μ στενάζετε, Seufzt nicht. „Das griechische Wort lautet wörtlich übersetzt: schmal dran sein, in einem Engpass stecken, keinen Ausweg sehen und dieser Ausweglosigkeit Ausdruck geben, darüber klagen.“ (E. Thurneysen, aaO. S. 190) Es ist die entgegengesetzt Haltung zur Geduld: die anderen lästig finden. Über sie seufzen. Sie als Belastung ansehen. Es gibt so viel Seufzen in unserer lieben Christenheit. Über die anderen, die anders glauben als ich selbst. Es sind austauschbare Seufzer: über die Liberalen, die nichts glauben, über die Evangelikalen, die alles zu wissen glauben, über die Engstirnigen und Engherzigen, über die, die nur beten und über die, die das Beten längst ad acta gelegt haben. Über die, die den Gottesdienst wie vor tausend Jahren wollen und über die, die keinen Stein auf dem andere lassen, wenn es um Gottesdienst geht. Bei uns wird viel widereinander geseufzt.

            Natürlich: wir haben unseren Jakobus-Brief gelesen. Wir wollen uns nicht als Richter aufspielen. Wir sagen: Jeder darf nach seiner Fasson selig werden. Aber wir seufzen doch. Es ist wohl häufiger so, wie es die kleine Geschichte erzählt:

„Zwei Priester, wahlweise Pfarrer und Pfarrerin, streiten sich, wie der Gottesdienst richtig gefeiert wird. Überraschung: sie werden sich nicht einig. Schließlich, des Streitens müde, sagt der eine, friedlich gestimmt: Es hat keinen Zweck. Wir hören auf. Sie dienen dem Herrn auf ihre Weise, Ich diene ihm auf seine Weise.“ Kein Urteil. Kein Richter. Aber es ist schon alles klar….  

10 Nehmt zum Vorbild des Leidens und der Geduld die Propheten, die geredet haben in dem Namen des Herrn. 11 Siehe, wir preisen selig, die erduldet haben. Von der Geduld Hiobs habt ihr gehört und habt gesehen, zu welchem Ende es der Herr geführt hat; denn der Herr ist barmherzig und ein Erbarmer.

            Diesem Seufzen stellt Jakobus noch einmal die Geduld entgegen. Aushalten. Einander tragen. Ertragen wohl auch. Und wählt dazu die Propheten als Vorbild des Leidens und der Geduld. Er könnte jetzt viele aufzählen – Jeremia und Hosea, Amos und Micha ben Jimla. Er lässt alle Prophetennamen weg und nennt stattdessen Hiob. Den, der mit Gott gerungen hat, der sich gegen den Weg Gottes mit ihm gesträubt hat, den Gott am Ende aber in Ehren angenommen hat. Sein Reden und Rechten mit Gott – über viele, lange Kapitel hin erzählt, nennt Jakobus Geduld.  Eine, die auf Gottes Erbarmen trifft und hoffen darf.  

            Im Wort πολύσπλαγχνός, das wohl nur im Neuen Testament begegnet, das  möglicherweise eine „christliche Sprachschöpfung“ ist, steckt das Wort mit drin, das immer von Jesus gebraucht wird: „es jammert ihn“(Matthäus 9,36), aber noch gesteigert durch den Zusatz: „viel“. Ich würde am liebsten interpretieren: „grenzenlos barmherzig.“ Darauf dürfen die Christen trauen. Die Erwartung des Jakobus: das Vertrauen auf den grenzenlos barmherzigen Gott lehrt einen barmherzigen Umgang mit denen, die mit uns auf dem Weg sind. 

 12 Vor allen Dingen aber, Brüder und Schwestern, schwört nicht, weder bei dem Himmel noch bei der Erde noch mit einem andern Eid. Es sei aber euer Ja ein Ja und euer Nein ein Nein, damit ihr nicht dem Gericht verfallt.

Ist das jetzt eine Steigerung: Vor allen Dingen? Oder doch nur ein neues Thema? Es passt schlecht zu den vorangegangen Worten. Aber auch schlecht zum nachfolgenden Abschnitt. Mir scheint es, als fiele Jakobus gerade noch etwas ein, was er auch noch loswerden will.

Vielleicht ist sein Einfall ausgelöst durch das Nachdenken darüber, dass Christen zu oft so tun, als hätten sie alles im Griff: Ihr Leben, ihre Planungen, ihre Sicht der Welt. Da rät Jakobus zur Vorsicht, zur Zurückhaltung. Auch zur Vorsicht darin, sich zu verschwören, sich in etwas zu verbeißen, So zu insistieren, dass die eigene Sicht als alternativlos dasteht. Dass man sie beschwören könnte.

Stattdessen – Rückgriff auf die Bergpredigt: Ein Ja ist ein Ja, ein Nein ist ein Nein. Ob Jakobus die Überlieferung der Worte Jesu kennt:  „Ich aber sage euch, dass ihr überhaupt nicht schwören sollt….Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“(Matthäus 5, 34.37)Mir scheint es naheliegend, dass er hier auf gemeinchristliche Überlieferung zurückgreift. Diesmal als eine Warnung und als Aufforderung: Klar und eindeutig miteinander umgehen. Aber nichts überhöhen. Auch nicht durch Schwüre. Wir sind nicht die Herren unserer Zeit, auch nicht durch unsere Worte. Im Ganzen scheint es mir eine große Mahnung zur Bescheidenheit im Blick auf sich selbst: Nicht zu groß und großmächtig von sich selbst,  den eigenen Möglichkeiten, auch dem eigenen Glaube denken.

Ich glaube, dass wahr ist, was wir manchmal sagen und singen:

„Meine Zeit steht in Gottes Händen.                                                                                  Nun kann ich ruhig sein ruhig sein in Dir.“               P. Strauch, 1981 

Was mich beschäftigt:

So lese ich diese Worte des Jakobus, für mich persönlich: Als die Einweisung in ein Leben, das nicht von den großen Aufgeregtheiten bestimmt und geprägt wird. Das auch nicht von Höhepunkt zu Höhepunkt gejagt ist. Christsein im Alltag – in der Zeit, in der nichts Besonderes passiert. – das scheint mir das Programm des Jakobus-Briefes zu sein.

Mit denen auskommen und für die da sein, die mir nahe sind. Denen ich nahe stehe. Ich Ruheständler, der keine öffentliche Funktion mehr hat. Das ist mein Bewährungsfeld: Der tägliche Umgang mit meiner Frau, freundlich und nicht geplagt. Ohne Seufzer. Die Geduld und Fürsorge für die Schwiegermutter, auch wenn sich vieles an Gesprächen wiederholt. Rufbereitschaft für Kinder und Enkel. Nicht unwillig, sondern zugewandt. Für sie beten, ohne ihnen das aufdringlich zu demonstrieren.

Und eben: Nicht seufzen. Nicht über die, die jetzt Verantwortung tragen. Auch dann nicht, wenn sie so ganz anders mit ihren Aufgaben und den Herausforderungen der Zeit umgehen als ich das tun würde. Ich habe meine Zeit gehabt, jetzt sind sie dran. Und sie haben ihre Einsicht in das, was zu tun ist, not-wendig – und die darf anders sein als meine Einsichten und Ansichten.  In dem allem: keine großen Worte, nichts beschwören, schon gar nicht den Untergang. Einfach geduldig unterwegs bleiben. 

 

Du heiliger Gott, von Deiner Geduld leben wir alle. Sie ist unerschöpflich. Wir strapazieren Deine Geduld. Manchmal missbrauchen wir sie wohl gar, aber Du kündigst sie nie auf .

Stärke Du uns die Geduld, dass wir einen langen Atem haben, Menschen nahe zu bleiben, unter schwierigen Bedingungen durchzuhalten. Stärke Du uns , dass wir den Weitblick nicht verlieren, der mit Deiner Zukunft rechnen lässt, auch wenn die Tage um uns herum trübe sind. Hilf Du uns durchhalten und halte Du uns – durch alle Dunkelheiten hindurch. Amen