Wehe euch Reichen

Jakobus 5, 1 – 6

1 Wohlan nun, ihr Reichen: Weint und heult über das Elend, das über euch kommen wird! 2 Euer Reichtum ist verfault, eure Kleider sind von Motten zerfressen. 3 Euer Gold und Silber ist verrostet und ihr Rost wird gegen euch Zeugnis geben und wird euer Fleisch fressen wie Feuer. Ihr habt euch Schätze gesammelt in den letzten Tagen!

   Noch einmal zur Erinnerung: Jakobus schreibt einen Brief an Gemeinden, an Christinnen und Christen. Kein Pamphlet gegen irgendwelche Reichen im weiten römischen Reich! Das zeigt doch: es gibt in dieser ersten Gemeinde Christen, die ziemlich begütert sein müssen. Die weit mehr haben als die anderen. Die in herrlichen Kleidern und mit goldenen Ringen(2,2) auftreten können und wohl auch häufig genug auftreten. Ist das Sozialneid, der Jakobus so reden lässt?

            Es ist gut, sich zu erinnern: „Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen.“(Matthäus 6,19) Die Bergpredigt und der Bergprediger steht hier „Pate“ für Jakobus. Es gibt eine tiefe Skepsis gegenüber dem offenkundigen Reichtum, der auch gerne offen gezeigt wird: „Man gönnt sich ja sonst nichts.“  „Zu den Satten ist das geredet, zu denen, die in falscher Sicherheit leben, zu denen, die im Sattel sitzen und die Initiative in der Hand haben und meinen, es grate ihnen und was sie tun, werde Bestand haben.“(E. Thurneysen, Der Brief des Jakobus, Basel 1941/1959, S. 169)  Christinnen und Christen in der christlichen Gemeinde .

            Jakobus hält das für absurd. Wenn doch das Ende der Zeiten nahe ist – was soll da dieses Schätze Sammeln, dieses Anhäufen von Besitz, der doch vom Zerfall und Verfall bedroht ist, jetzt schon gezeichnet? In den letzten Tagen wäre doch anderes angesagt. Man muss es wohl deutlich sagen: Es geht hier nicht darum, Leuten ihren Besitz madig zu machen. Sondern die Gefahr, die Jakobus sieht, ist, dass die Reichen ihrem Besitz trauen in der großen Krise der Welt und darüber vergessen, wer allein in dieser großen Krise retten kann.

 4 Siehe, der Lohn der Arbeiter, die euer Land abgeerntet haben, den ihr ihnen vorenthalten habt, der schreit, und das Rufen der Schnitter ist gekommen vor die Ohren des Herrn Zebaoth. 5 Ihr habt geschlemmt auf Erden und geprasst und eure Herzen gemästet am Schlachttag.

            Dazu kommt aber noch das andere: dieser Reichtum ist angehäuft worden durch Ausbeutung. Durch Lohndiebstahl. Durch vorenthaltene Löhne. „Auf abgebrochenen Lohn beruht der Reichtum der Reichen…. Abgebrochener Lohn ist es, wenn man seine Steuern nicht recht bezahlt, die das Gemeinwesen braucht. Abgebrochener Lohn ist es, wenn immer noch Dividenden ausgeschüttet werden, die weit hinaus gehen über gerechten Ertrag, während der Arbeiter nicht genug erhält, um seine Lebensmittel beschaffen zu können. Abgebrochener Lohn ist es, wenn der Besitzende hamstert und jeden Preis zahlt, um zu seinen Eiern oder seiner Butter zu kommen und  der Arme leer ausgeht.  Abgebrochener Lohn ist es auch, wenn der Mann zu Hause weiterhin wohlleben will, während die Frau kümmern und sorgen muss, um Speise und trank herbei zu schaffen.“ (E. Thurneysen, aaO. s. 177)

            Was wir hier lesen ist eine prophetische Scheltrede in den Spuren des Amos. „So spricht der HERR: Um drei, ja um vier Frevel willen derer von „Israel“ will ich sie nicht schonen, weil sie die Unschuldigen für Geld und die Armen für ein Paar Schuhe verkaufen. Sie treten den Kopf der Armen in den Staub und drängen die Elenden vom Wege. Sohn und Vater gehen zu demselben Mädchen, um meinen heiligen Namen zu entheiligen. Und bei allen Altären schlemmen sie auf den gepfändeten Kleidern und trinken Wein vom Gelde der Bestraften im Hause ihres Gottes. (Amos 1, 6-8) Es ließen sich leicht auch noch andere Prophetenworte hinzufügen. 

Das Erschreckende ist wiederum und immer noch: Es geht um Leute in der Gemeinde, nicht um eine, schon damals – und erst recht heute – berechtigte weltweite Kritik an Ausbeutung und Kapitalismus. Ich vermag nicht zu denken, dass Jakobus hier einfach einmal einen frühen „Kapitalismus-Kritiker“ gibt und zum Fenster hinaus redet. Wer würde damals ernsthaft davon bewegt sein, in Rom, in Jerusalem, in Athen und Korinth, wenn in einer kleinen Sekte einer die Reichen in Rom, in Jerusalem, in Athen und Korinth und anderen Handelsplätzen attackiert?

Ganz anders aber, wenn seine Worte innergemeindliche Adressaten haben. Es geht um Menschen, die sich Christen nennen. Die den Schritt getan haben, sich zu dieser Minderheits-Religion, die die Christen zur  Zeit des Jakobus ja jedenfalls noch sind, zu bekennen.   

Sie haben es sich gut gehen lassen – und weggeschaut. Weggeschaut, als sie hätten aufschreien müssen. Als sie hätten eingreifen können. Jakobus weiß: die Unrechtsgesellschaft des römischen Reiches – hier Patrizier, dort Plebejer, hier römische Bürger, dort Sklaven  -können diese Reichen nicht ändern. Aber in ihrem Einflussbereich sind sie handlungsfähig und ziehen es vor, nichts zu tun.

Man wird es sich vor Augen halten müssen: Jakobus riskiert, dass die angesprochenen Reichen sauer reagieren, Er riskiert mit seinen scharfen Worten die Einstellung von Unterstützung, das Ausbleiben von Geldern, den Rückgang von Spenden, auf die seine Gemeinden dringend angewiesen sind. Weil sie, die er so angreift, sich zu wehren wissen mit dem Mittel, über das sie reichlich verfügen. Mit ihrem Geld.

 6 Ihr habt den Gerechten verurteilt und getötet, und er hat euch nicht widerstanden.

Ein rätselhafter Schlusssatz. Er spielt auf eine Verurteilung und Hinrichtung an.  Umso dringlicher die Frage: Wer ist „der Gerechte“?  Eine Lösung: „Der Gerechte ist der Arme, was auch der Tradition der Armenfrömmigkeit entspricht“(W. Schrage aaO. S. 51)Dann liefe der Satz darauf hinaus: Ihr geht in eurer Raffgier über Leichen, symbolisch gesprochen, auch wenn keiner von euch ein Mörder oder Totschläger ist. Keiner als Richter in einem Gericht sitzt. Aber diese Raffgier hast ihren Anhalt auch in der Realität, Ihr pflegt einen „mörderischen Lebensstil“. (Kirchenpräsident Dr. V. Jung, Predigt am 15. 10.2015 in Lauterbach) Es macht guten Sinn, so zu lesen und stellt, einmal in der Spur des Jakobus, die Frage nach der Verhaltensänderung.

Man kann, darüber hinaus, auch noch einmal anders lesen. Was, wenn der Gerechte δκαιοςJesus wäre? Hingerichtet von einer Koalition aus Reichen, Machthabern und frommen Hierarchen. Er hat ja nicht widerstanden. οκ ντιτσσεται. Ganz richtig sagt mein Kommentar: „Das würde historisch nicht stimmen“(W. Schrage, aaO. S. 51) Weil die Hinrichtung Jesu Jahre früher war. Und meint zusätzlich: Auch in den Kontext nicht passen. In den Duktus, das Denken des Briefes

Da freilich widerspreche ich: Wie, wenn Jakobus sagt: Was ihr jetzt lebt und tut, betreibt das Geschäft derer, die Jesus gekreuzigt haben. Ihr tretet mit eurer Ausbeutung der Armen, mit eurem wirtschaftlichen Unrechts-System in ihre Fußstapfen. Ihr bringt den Gerechten um. Fromm wie ihr seid, lebt ihr nicht nur an ihm vorbei. Sondern tötet ihn. Ihr.

Ganz unmöglich ist es nicht, so zu lesen. Immerhin gibt es schon in der frühesten Zeit der Christen ja Sätze, die Jesus zugeschrieben werden: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan….Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.“(Matthäus 25,40.45) Es könnte doch sein, dass Jakobus in der Weiterentwicklung dieser Worte zu dem Schluss kommt: Was den Armen angetan wird als Ausbeutung, als Schändung ihres Lebens, das widerführt Christus. So gelesen wären die Armen die wahren Stellvertreter Christi auf Erden, ihm nahe in ihrem Leiden. 

So wird dieser Satz zur denkbar härtesten Anklage. Zu einer Anklage freilich, die ich wiederum nicht auf damals beschränken möchte, sondern die ich – vorsichtig fragend – auf uns heute beziehe: Ist dann unser „mörderischer Lebensstil“ (s.o.) nichts anderes als die Fortsetzung der Kreuzigung? Unser Konsumverhalten, Essverhalten, Verkehrsverhalten, unser Recht auf billig, das wir behaupten, die Ausbeutung der Umwelt – nichts anderes als ein Töten des Gerechten – und er, der ohnmächtige Christus widersteht uns nicht? Mich treiben diese Fragen um, ohne dass ich schon zu sagen wüsste, wo das enden soll.     

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Wie steht es mit dieser Anklage des Jakobus im Blick auf unsere Zeit heute? Auf meine Kirche, meine Ortsgemeinde, auf mich? Man kann die Worte des Jakobus natürlich sozusagen stellvertretend für die „Super-Reichen“ lesen als Anklage an sie: all die Milliardäre und Millionäre, die zu viel haben, die sich ein schönes Leben machen, die auch einmal 100.000€ spenden, aber am System nichts ändern. Die Gewinner eines Ausbeutungs-Systems sind, das weltweit agiert. Dann ist das Ergebnis: die sollen sich ändern. Die sollen endlich umkehren.

Schwieriger wird es schon, wenn es darum geht, wie es die Kirchen mit dem Geld halten. Von der Kirchensteuer werden viele schöne und wichtige Dinge finanziert – Gottesdienste, Diakonie-Stationen, Jugendarbeit, Freizeiten – und nicht zuletzt Pfarr-Gehälter und Pensionen. Natürlich hofft man, dass in allen Feldern fair bezahlt wird, dass Kirchen keine Arbeitnehmer*innen ausbeuten. Dass Putzkräfte in diakonischen Einrichtungen und bei Kirchengemeinden mehr als den Mindestlohn erhalten und  auch sonst Einrichtungen der Diakonie nicht durch dubiose Tricks auf dem Rücken ihrer Beschäftigten ihre Erträge erhöhen, Bilanzen schönen und Gewinn machen.

Unter die Haut geht es mir aber erst, wenn ich frage: Wie steht es bei dir selbst? Mit dem, dass Du in einer reichen Gesellschaft lebst und Teil hast an der Ausbeutung der Armen. Dass Du ein Gewinner ist, weil Du in dem Teil der Welt zuhause ist, der von der billigen Handarbeit profitiert, die bei uns keiner mehr machen will und auch nicht machen darf, weil die Löhne zu hoch geworden sind. Wir sind beteiligt, ob wir wollen oder nicht, am Elend der Näherinnen in Pakistan und Bangladesh,der Landarbeiter auf den Kaffee-Plantagen in Afrika und Südamerika. Der Obst-Bauern, die mit einem Hungerlohn abgespeist werden. Der Umwelt-Belastung durch dein Verkehrsverhalten. Da erst wird für mich der Text hart. Zur Herausforderung, weil mein eigener Lebensstil zur Debatte steht. Dann bin auf einmal ich selbst einer von denen, die Jakobus attackiert.

 

Mein Gott und Herr, manchmal bin ich froh, dass ich kein reicher Mann bin, dass ich mich nicht sorgen muss, ob ich mein Geld auch gewinnbringend angelegt habe, dass ich mich auch nicht sorgen muss, ob mit meinem Geld schräge Aktien gekauft sind, ob ich Gewinn schöpfe aus Kinderarbeit und Ausbeutung.

Manchmal aber stehe ich im Supermarkt und ahne: der Preis des Kaffee spricht vom Arbeitslohn der Plantagenleute, der Preis für Fisch vom Lohn der Seeleute, der Preis für die Milch von dem kargen Verdienst der Bauern. Die Preise werden nicht von ihnen gemacht, die die Arbeit tun.

Heiliger Gott, lass uns an unseren Platz tun was wir können, für gute Arbeitsverhältnisse und gerechten Lohn. Amen