Planen in Demut

Jakobus 4, 13 –  17

13 Wohlan nun, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen -, 14 und wisst nicht, was morgen sein wird.

            Wieder wird es gut sein, sich zu erinnern: Jakobus schreibt seinen Brief an Christen, nicht an irgendwelche Heiden. Nicht an Weltmenschen. Man darf es sich nicht zu einfach machen, indem man behauptet, „Jakobus beschreibe hier das Wesendes jüdischen Händlers aus der damaligen Zeit, der, beweglich wie er war, in der halben Welt herumreist, und überall seine kühnen Pläne hegt und verwirklicht, sein Geschäft aufbaut und seine Gewinne macht.“ (E. Thurneysen, Der Brief des Jakobus, Basel 1941/1959, S. 158) Es ehrt den Schweizer Theologie-Professor, dass er den Namen des Auslegers, den er mit diesen Worte zitiert, verschweigt. Auch, dass er ihm nicht die offene Anbiederung an den Antisemitismus vorhält, der im Nazi-Deutschland im Schwange ist.  Es reicht, deutlich zu signalisieren: diese Sichtweise ist falsch. 

            Jakobus schreibt nicht aus dem Fenster heraus, eine Fensterrede. Es gibt in der Gemeinde also Leute, die einen weit reichenden Terminkalender haben, langfristige Pläne aufstellen. Es gibt Leute, die viel geschäftlich unterwegs sind, über lange Monate hinweg. Geschäftigkeit ist keine Erfindung der Neuzeit. Auch Geschäfts-Tüchtigkeit nicht. Dass es so ist, konstatiert Jakobus relativ nüchtern.

„Tätige, rechtschaffen im Leben drin stehende Menschen sind hier gemeint.“ (E. Thurneysen, aaO. S. 159) DieKritik richtet sich nicht auf ihren Fleiß,  ihren Eifer, ihre Sorgfalt. Sie richtet sich auf die Folgen ihrer Geschäftigkeit. Es gibt eine ziel-gerichtete, weil zielfixierte Blindheit. Ihr wisst nicht, was morgen sein wird. Diese Blindheit sieht nur noch die eigenen Planungen, aber nicht mehr den Tag heute. Auch nicht mehr, dass jeder Tag ein Geschenk ist. Unverdient empfangen. Nicht selbst erworben. Sie traut auch nur noch den eigenen Planungen. Ich denke, die Worte richten sich nicht gegen vorsorgliches Handeln, wohl aber gegen die selbstgewisse Planungs-Sicherheit.                      

Es ist keine weltfremde Miesmacherei, die in manchen Liedern das Wort führt:

Wie eine Rose blühet, wenn man die Sonne siehet
begrüßen diese Welt,
die, eh der Tag sich neiget, eh sich der Abend zeiget,
verwelkt und unversehens fällt:

Wir rechnen Jahr auf Jahre; indessen wird die Bahre
uns vor die Tür gebracht.
Drauf müssen wir von hinnen und, eh wir uns besinnen,
der Erde sagen: Gute Nacht!    A. Gryphius 1650, EG 527

Und ähnlich klingt es aus dem Mund einer Frau

Wer weiß, wie nahe mir mein Ende! Hin geht die Zeit, her kommt der Tod;
ach wie geschwinde und behände kann kommen meine Todesnot.

Es kann vor Nacht leicht anders werden, als es am frühen Morgen war;
solang ich leb auf dieser Erden, leb ich in steter Todesgefahr.             Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolfstadt 1688, EG 530

Bemerkenswert ist ihre Antwort auf die Einsicht in die Hinfälligkeit des Lebens:
Mein Gott, mein Gott, ich bitt durch Christi Blut:
Mach´s nur mit meinem Ende gut.                                                                                                                                          

           Die adlige Frau aus dem 16. Jahrhundert setzt nicht auf Unvergänglichkeit, auch nicht auf eigenes Planen. Sie setzt auf Christi Blut. Auf das Erbarmen, das sich in der Hingabe am Kreuz zeigt. Auf den Weg, den er, Christus darin geöffnet hat, durch den Tod hindurch. Das steht im starken Kontrast zu der Diesseitigkeit, in der Jakobus seine Gedanken fortführt. 

Was ist euer Leben? Dunst seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet. 15 Dagegen solltet ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun. 16 Nun aber rühmt ihr euch in eurem Übermut. All solches Rühmen ist böse.

Stattdessen: Mit starken Worten verweist Jakobus auf die Vergänglichkeit. Man könnte auf die Idee kommen, er sagt das unter Rückgriff auf eine Art Todesweisheit, vielleicht auch aus Lebensüberdruss. Aber so ist das nicht. Er knüpft in seinen Worten hier an das Denken Israels an. Es sind Worte, wie sie auch in den Psalmen anklingen. Da ist vom Vergehen des Grases die Rede, hier vom Dunst, τμς, der in der Luft hängt und vergeht. „Windhauch, alles Windhauch“ heißt es bei Prediger (Prediger 1,2, Einheits-Übersetzung)

Jakobus teilt das Wissen der Psalmen, dass unser Leben Fragment ist und bleibt. Darum fordert er Demut auch im Planen. Fordert, nicht so tun, als wären wir selbst die Herren unseres Lebens, die Herren der Zeit. Die berühmte Bedingung des Jakobus „So Gott will und wir leben“ ist eine Aufforderung zur Bescheidenheit. Zur Einsicht, dass wir bei allem Machertum eben doch nicht unsere Lebenszeit selbst in Händen haben.  

Sie steht auch im Hintergrund des Liedes, das zum Jahreswechsel gerne angestimmt wird:

Der Du die Zeit in Händen hast, Herr, nimm auch dieses Jahres Last Und wandle sie in Segen.                  J. Klepper 1938, EG 64

Nur, dass Jakobus diese Einsicht auf die Zukunft angewendet sehen will – als Vorbehalt in allem Planen. Als Warnung und Bewahrung vor allem Übermut. Weil der Übermut allzu leicht vergisst, dass das Leben empfangen wird und nicht unser Besitz ist. „Wir werden mit unserem Leben nicht mehr rechnen als mit etwas Festem, Dauerhaften. Wir sind klug geworden und haben bedenken gelernt, dass wir sterben müssen und nicht wissen, was morgen sein wird.“ (E. Thurneysen, aaO. S. 163)

Wo es mit mir, mit uns hingehen wird, wie weit der Weg wird, wie viel Zeit mir bleibt – alles offene Fragen.  Gibt es Antwort? The answer, my friend, is blowin´ in the wind“ (B. Dylan) Aber wichtiger als eine Antwort auf „wie lange“ und „wohin“ ist mir die Zusage: mit all diesen offenen Fragen und den Ungewissheiten des Lebens bin ich doch in Gottes Händen. Geborgen.

17 Wer nun weiß, Gutes zu tun, und tut’s nicht, dem ist’s Sünde.

            Jakobus wäre nicht Jakobus, wenn er bei einer „philosophischen Überlegung über die Vergänglichkeit“ stehen bleiben würde. Ihm geht es auch hier wieder ums Tun. Er schärft es seinen Leser*innen, uns, ein: „Gott stellt dir Aufgaben und du sollst Augen bekommen für diese Aufgaben.(E. Thurneysen, aaO: S. 167)Die Gefahr der langfristigen und großräumigen Planungen ist doch, dass sie blind machen kann für das Nächstliegende. Man kann das Gute versäumen über den eigenen hochfliegenden Planungen. Übersehen, was in unmittelbarer Nähe zu tun ist. „Nächstenliebe fängt zu Hause an“ (Mutter Theresa)  

Es ist eine Gefahr, die nicht von der Hand zu weisen ist. Vor lauter berechtigtem und notwendigem Engagement für den fernen Nächsten kann es allzu leicht dazu kommen, dass der nahe Nächste am eigenen Küchentisch übersehen, vergessen, nicht wahrgenommen wird.  Es gilt – in der Ferne und der Nähe: „Wer sein Wissen um das Gute nicht in die Praxis umsetzt, dem wird diese Unterlassung als Sünde angerechnet.“(W. Schrage, aaO. S. 48)

Es ist eine mir unvergessliche Mahnung, die mir als jungem Pfarrer aus dem Mund eines alten Kirchenvorstehers „zuteil“ geworden ist, ganz im Sinne des Jakobus: „Die schlimmsten Sünden sind die Unterlassungs-Sünden.“

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

            Manchmal ist es ja erschreckend einfach, wie Werbeslogans etwas auf den Punkt bringen. Man möchte sich ärgern, dass man nicht selbst drauf gekommen ist. Kein Werbetexter, sondern ein im 3. Reich verfemter Autor hat das Kürzel für diese Botschaft des Jakobus gefunden, das sich tief einprägt: „Es gibt nichts Gutes außer man tut es.“(E. Kästner) Und ich sehe Jakobus im Himmel beifällig nicken. 

Mein Gott. Ich erschrecke über diesen harten Worten, bin ich doch auch einer, der ein Leben lang geplant hat, Termine abgearbeitet, stolz darauf war, dass er gesucht und gefragt ist.

Ich erschrecke über die Worte, weil ich es ja sehe, wie tief hinein verstrickt ich bin in weltweite Ausbeutung, in die Plünderung unseres Planeten, in Unrecht, das Menschenleben kostet. Ich töte niemand. Ich verurteile niemand. Aber ich bin Teil der Gewalt in der Welt. Gib die Kraft, wenigstens winzige Schritte zur Veränderung zu tun, da, wo ich lebe und handeln kann. Amen