Klartext aus Liebe

Jakobus 4, 1 – 12

1 Woher kommt der Kampf unter euch, woher der Streit? Kommt’s nicht daher, dass in euren Gliedern die Gelüste gegeneinander streiten?

            Jakobus bleibt undiplomatisch direkt. Hat er seine Mahnung zur Sanftmut vergessen?  „Sanftmut heißt bei Jakobus wie in der Bibel keinesfalls, dass wir zu allem schweigen, dass wir nicht zürnen, dass wir alles gehen lassen sollen, wie es will.“ (E. Thurneysen, Der Brief des Jakobus, Basel 1941/1959, S. 149)Es scheint, er  hat das Bild einer zerstrittenen Gemeinde vor Augen. Konkrete Situationen, über die er informiert worden ist. Das passt nicht zu einem Rundschreiben an alle, sondern spricht eher für einen klaren Adressaten-Kreis, auch wenn wir ihn nicht lokal zuordnen können. Er „stemmt sich gegen Fehlentwicklungen des Glaubens.“(W. Popkes, aaO. S. 209) Vielleicht müsste man präzise sagen: Gegen Fehlentwicklungen in den Gemeinden.

Er sieht darin nicht nur ein „Kommunikationsproblem“, sondern er sieht mehr, tiefer. Gefahren, von denen die Gemeinde und der Glauben bedroht sind. Und geht genau deshalb dem Ganzen auf den Grund. Es liegt an Euch. An eurem Verhalten. An dem, was euch lockt und reizt, woran ihr Freude habt, was eurem Geschmack entspricht. Das alles schwingt im Wort δονή – Gelüste – mit. eingedeutscht: Hedonie. Ihr seid lustbetonte und lustgeleitete, aber auch von der Lust dirigierte Leute. Das alles ist nichts Äußerliches, sondern es sitzt, wie wir sagen würden, tief in den Knochen. Fast könnte man sagen: Es ist verankert in der DNA. In der Wesensart. Trotz des Glaubens. Trotz der Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinde.

Wir tun gut daran, hier nicht gleich Wollust zu hören oder sexuelle Gier. Es geht  wohl primär um Streitlust, um die Lust am Gewinnen, am Rechtbehalten, daran, sich durchzusetzen. Der Kampf ums Sagen in der Gemeinde hat seinen eigenen Reiz – dem sieht Jakobus seine Adressaten verfallen.  

 2 Ihr seid begierig und erlangt’s nicht; ihr mordet und neidet und gewinnt nichts; ihr streitet und kämpft und habt nichts, weil ihr nicht bittet; 3 ihr bittet und empfangt nichts, weil ihr in übler Absicht bittet, nämlich damit ihr’s für eure Gelüste vergeuden könnt.

            Es ist ein hartes Urteil: Über allem Eifer und allem Streit, über allem Bitten der Gemeinde liegt ein Vergeblich. Es kommt nichts dabei heraus. Jakobus spricht seinen Leser*innen nicht das Engagement ab. Sie sind nicht träge. Sie sind im Gegenteil brennend im Eifer. Aber aller Eifer läuft ins Leere. In der Mitte, erschreckend: Ihr mordet! Das ist nicht wörtlich zu nehmen. Die Briefleser sind keine Mörder. Aber übertragen stimmt es: „Es herrschen Krieg und Kämpfe.“(R. Hoppe, aaO. S. 131) Statt miteinander gegeneinander. Statt Bitten Habenwollen. Zupacken, an sich reißen.

            Wo man so lebt, geraten die Worte Jesu in Vergessenheit: „Bittet, so wird euch gegeben.“(Matthäus 7,7) Es gibt nur noch Rechtsansprüche, aber kein Bitten mehr, nur noch zupackende Hände, aber keine leeren Hände mehr, die ausgestreckt werden, um zu empfangen.

Und wenn es dann doch einmal zum Bitten kommt, dann ist es verdorben, krank, weil es nur auf „Verzehr“ aus ist, auf den Gewinn für sich selbst. „Die Begierde verhindert das Gebet zwar nicht, verdirbt es aber.“(W. Schrage, aaO. S. 44) Weil die Begierde nur ein Ziel kennt: sich selbst und das eigene Wohlergehen. So verdreht ist das Beten mancher Christen: Gott soll „nur der Lieferant der Mittel sein, mit denen er sich behaupten und seine Stellung ausbauen kann.“(F. Grünzweig, aaO. S. 124) Das also gibt es, in der Gemeinde, auch im Gottesdienst – verdorbenes Gebbet, das sich nur noch selbstsüchtig um sich selbst dreht. Was für eine erschreckende Analyse der Wirklichkeit in der Gemeinde!

4 Ihr Ehebrecher, wisst ihr nicht, dass Freundschaft mit der Welt Feindschaft mit Gott ist? Wer der Welt Freund sein will, der wird Gottes Feind sein.

            Einmal mehr direkte Anrede. So spricht man mit Leuten, die man vor sich sieht. Hier deutet sich an, was der Kern des Problems ist: Jakobus hat eine Gemeinde oder eine Gemeindewirklichkeit vor Augen, die sich an ihre Umwelt anpasst. Die mithalten will. Die Anerkennung der Gesellschaft dadurch sucht, dass sie ist, wie „man“ ist. Mitschwimmt. Ein bisschen religiös zwar, aber sonst auf der Höhe der Zeit.

            Es ist ein harter Satz, ein schroffes Entweder-oder: Wer der Welt Freund sein will, der wird Gottes Feind sein. Wer sich das Programm seines Lebens von den Regeln der Welt diktieren lässt, der verliert die Freundschaft zu Gott. Nicht, weil Gott sich abwendet, sondern weil er, der Weltfreund, sich, vielleicht sogar, ohne zu merken, von Gott abwendet, sich ihm entfremdet.

            Abtrünnige hieß es in der Lutherübersetzung 1956. μοιχαλίδες, Ehebrecher, nennt Jakobus solche Leute. Das ist alttestamentlicher Sprachgebrauch. Da wird die Untreue Israels gegen Gott oft mit dem Wort Ehebruch belegt. Ehebruch, weil sie die Bindung, die sie im Glauben an Gott eingegangen sind, verlassen. Weil sie die Liebe gegen Gott verlieren in der Liebe zur Welt. „Welt“ ist hier, trotz des griechischen Wortes κόσμος nicht die gute Schöpfung Gottes. Es gibt keine biblische Abwertung der Schöpfung Gottes. Sondern Welt steht hier für eine Lebensordnung ohne Gott. Für ein Umgehen mit dem Leben und den Gütern, das den Schöpfer als den Geber aller Güter und des Lebens abgeschrieben hat.

5 Oder meint ihr, die Schrift sage umsonst: Mit Eifer wacht Gott über den Geist, den er in uns hat wohnen lassen, 6 und gibt umso reichlicher Gnade? Darum heißt es (Sprüche 3,34): »Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.«

          Es ist Hochmut, der Menschen so denken lässt. Es ist ein eigensinniger Geist, der nur sich selbst kennt und sich Gott verweigert. Durch die beiden Zitate aus der Hebräischen Bibel will Jakobus, so verstehe ich ihn, den Weg zur Umkehr zeigen. Gnade statt Recht, Demut statt Hochmut. Sich dem Einfluss Gottes öffnen. Trotz aller Härte in seiner Gemeindeanalyse sagt Jakobus: es ist nicht zu spät. Die Gnade steht euch offen.

7 So seid nun Gott untertan. Widersteht dem Teufel, so flieht er von euch. 8 Naht euch zu Gott, so naht er sich zu euch. Reinigt die Hände, ihr Sünder, und heiligt eure Herzen, ihr Wankelmütigen. 9 Jammert und klagt und weint; euer Lachen verkehre sich in Weinen und eure Freude in Traurigkeit. 10 Demütigt euch vor dem Herrn, so wird er euch erhöhen.

Statt Ausbruch Umkehr. Statt das Weite und die Weite der Versprechungen der Umwelt zu suchen die Hinkehr zu Gott. Erneut. Naht euch zu Gott, so naht er sich zu euch. Es liegt nahe – Jakobus leiht sich Worte aus den Propheten: „Aber sprich zum Volk: So spricht der HERR Zebaoth: Kehrt euch zu mir, spricht der HERR Zebaoth, so will ich mich zu euch kehren, spricht der HERR Zebaoth.“(Sacharja 1,3) Nicht nur hier kommt mir Jakobus wie ein urchristlicher Prophet vor, der den Finger auf die Wunden seiner Zeit legt.

    Es ist ein leidenschaftliches Rufen nach einem Neuanfang, nach Umkehr. Nach neuen Schritten, die der Wirklichkeit Gottes entsprechen. Mich beschäftigt: das ist Anrede an Leute in der Gemeinde, nicht an Leute, die mit der Gemeinde und dem Glauben nichts am Hut haben. „Bußpredigt, um die Angesprochenen zu konkreter Umkehr zu bewegen.“ (M. Behnisch/D. Puttkammer, aaO. S. 75)

            Anrede aber, die weit entfernt ist von sanften Tönen. Ihr Sünder, ihr Wankelmütigen – wer eine Gemeinde heute so attackieren würde, wäre schnell allein, isoliert. Es ist eine Sache zu sagen: wir sind alle Sünder, aber eine ganz andere: ihr Sünder.   

            Hinter diesen Worten, die wir als harsch empfinden, steht, so denke ich, die Liebe. Nicht die Herrschsucht eines alten Mannes. Nicht die Herrschsucht eines Schreibers, der um seinen Einfluss bangt. Sondern die Sorge, dass Menschen den Weg des Glaubens verlieren und sich dabei verrennen. Jakobus ist weit entfernt von Sätzen, wie wir sie leicht einmal sagen, auch in der Kirche: `Da muss jeder selbst wissen, was für ihn richtig ist. Jeder nach seiner Fasson. Da gibt es keine Vorschriften.´   

            Nein, keine Vorschriften. Aber der leidenschaftliche Versuch, wachzurütteln, aus der falschen Sicherheit aufzuwecken. Diese Worte sind leidenschaftliches Werben um neue Schritte. Ein eindringliches Reden, weil es ja nicht um Larifari geht, sondern um der „Seelen Seligkeit“.

            Man merkt das nicht immer, aber Jakobus hat durch die Zeiten hin Menschen gefunden, die seine Worte aufgreifen, sie in die eigene Zeit hinein neu sagen.

Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit,
daß sie Deine Stimme hört, sich zu Deinem Wort bekehrt.
Erbarm Dich, Herr.                                    Chr. David 1728, EG 262     

Schlimm wäre es, wenn wir uns mit Singen begnügten und fröhlich und selbstsicher weiterschlafen.

   Für Jakobus steht zu viel auf dem Spiel als dass er sagen könnte: Da sieh du zu. Er kann nicht zusehen. Nicht schweigen. Er muss schreien, auch wenn es auf uns aufdringlich, intolerant und rechthaberisch wirken mag. Ob sie Jakobus und seinen Brief in der Urchristenheit gemocht haben?

11 Verleumdet einander nicht. Wer seinen Bruder verleumdet oder seinen Bruder verurteilt, der verleumdet und verurteilt das Gesetz. Verurteilst du aber das Gesetz, so bist du nicht ein Täter des Gesetzes, sondern ein Richter. 12 Einer ist der Gesetzgeber und Richter, der selig machen und verdammen kann. Wer aber bist du, dass du den Nächsten verurteilst?

            Sofort folgt auf die eher allgemeinen Rufe zur Umkehr  die konkrete Zuspitzung. Sehr direkt. Verleumdet einander nicht. Wieder das große Thema: reden übereinander. Hier präzisiert: schlecht reden übereinander. Dem anderen hinterherreden. Im alten Luther-Deutsch: afterreden. Hinter dem Rücken. Nicht offen ins Gesicht. Es ist ein wichtiger Hinweis: „Im rabbinischen Judentum wird die Verleumdung mit der Gottesleugnung gleichgesetzt.“ (R. Hoppe, aaO. S. 133) Das ist wohl für Jakobus sofort zustimmungsfähig.  

            Es ist das Geschäft des Satans, zu verleumden, zu verklagen, nur die Negativ-Botschaften vorzubringen (vgl. Hiob 1,9-11;2,4-5) Wer so als Ankläger der Brüder und Schwestern agiert, verletzt das Gebot – hier konkret: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“(Matthäus 22,39) Die Nächstenliebe ist der stärkste Riegel gegen das Gerede, „das dem anderen den Ruf zerreißt.“(M. Siebald) Dieser Riegel wird durch Verleumden für Null und nichtig erklärt.

            So sieht Jakobus das: wer den anderen verleumdet, obendrein auch noch verurteilt, der stellt sich über das Gesetz. Er maßt sich die Rolle des Richters an. Eine Rolle, die ihm nicht zusteht. Einmal mehr könnte sich Jakobus auf Paulus berufen. Bei dem heißt es: „Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.“(Römer 14,10)

            Auch darin sind sich die beiden einig, wohl mit allen Autoren des Neuen Testaments: Das letzte Wort ist Gottes Sache. Er spricht „das Wort, das tröstet und befreit.“(L. Zenetti, 1974) Ihm ist das Gericht vorbehalten, ihm allein. Die Aufgabe aller Worte, die wir machen, auch die Jakobus macht, ist kleiner: Zu einem Leben zu rufen, das sich der Verantwortung vor ihm, auch der letzten Verantwortung vor ihm bewusst ist. 

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

            Jakobus beherrscht den kirchlich-sanften Ton nicht. Seine Botschaft ist ein einziger heftiger Einspruch gegen ein säuselndes „Alles ist gut. Alles wird gut.“ Jakobus legt den Finger in die Wunden,  die er sieht. In die Wunde der Selbstsucht, die nur die eigen Sicht gelten lässt. In die Wunde der Herrschsucht, die alle anderen auf die eigene Linie bringen und zwingen will. In die Wunde der Ehrsucht, die sich so gerne ins rechte Licht rückt. Und weil wir diese Wunden bei anderen wittern, weil es ja wahr ist, dass man den eigenen verdrängten Schatten beim anderen immer besonders scharf sieht, darum gibt es diese vergiftete Atmosphäre – auch in der christlichen Gemeinde.

            Der Ausweg: So seid nun Gott untertan. Untertan hat einen schlechten Klang. Es stimmt: „Das ist nichts anderes als was man in einem Kriege die Kapitulation nennt.(E. Thurneysen, aaO. S. 156) Die Waffen strecken, den Widerstand aufgeben. „Bitten dürfen wir Gott, dass er uns helfe, zutiefst und zuinnerst, dass wir zum Frieden kommen mit ihm.“ (E. Thurneysen, aaO. S. 157)

„Der Friede Gottes will in dir beginnen,
du brauchst nicht lange, bis du es entdeckst:
Was Gott in dich hineinlegt, bleibt nicht innen –
Friede, der nach außen wächst.“                  M. Siebald, CD Worte wie Brot, 1994

            Das ist die Eigenart des Friedens Gottes – er wächst nach außen.   

 

Heiliger Gott. Lehre mich dieses einfältige Leben, dass ich mich dem Bösen verweigere, dass ich das Gute suche, Gutes über andere sage, ihnen mit Güte begegne. Lehre mich die heilige Einfalt, dass ich mich immer wieder Dir hinhalte, Dich um Wegweisung bitte und dann auch wirklich tue, was ich erkannt habe, was Du mir gezeigt hast als den Weg des Lebens. Amen