Weisheit – von oben

Jakobus 3, 13 – 18

13 Wer ist weise und klug unter euch? Der zeige mit seinem guten Wandel seine Werke in Sanftmut und Weisheit.

            Das klingt wie eine rhetorische Frage. Vielleicht aber steht auch dahinter, dass „mit dem Schlagwort „weise und verständig“ die angeblichen Lehrer ihren Anspruch formuliert“ (R. Hoppe, aaO. S. 127) haben. Vergessen oder gar nicht erst gehört scheinen die warnenden Worte des Paulus:  „Wer unter euch meint, weise zu sein in dieser Welt, der werde ein Narr, dass er weise werde.“(1. Korinther 3, 18) Darin sind sie sich merkwürdig nahe – Paulus und Jakobus, dass sie einem Denken entgegentreten, das sich selbst als weise einschätzt, als klug, sich selbst inszeniert als Lehrer.

            Bemerkenswert bei Jakobus: „Wenn er von Weisheit spricht, so denkt er nicht an etwas bloß Theoretisches, etwas Gedanklich nur, das in unseren Köpfen steckt.“ (E. Thurneysen, Der Brief des Jakobus, Basel 1941/1959, S. 137) Das Kriterium, das Jakobus für die Beurteilung der Weisheit einführt, ist der Lebenswandel. Ob die, die Weisheit für sich reklamieren, sanftmütig sind, ob sie einen guten Wandel  – καλή ναστροφή – führen. Ein schönes Benehmen an den Tag legen könnte man auch übersetzen. Oder gar: eine schöne Umkehr. Weil  ναστροφή eben auch „Umkehr“, „Möglichkeit zur Umkehr“ heißen kann (Gemoll. Griechisch-Deutsches Schulwörterbuch, München 1957, S. 61) Darum geht es Jakobus: dass einer die Möglichkeiten zur Umkehr, die der Glaube eröffnet, der Hinkehr zu Gott und den Menschen, auch wirklich nützt. „Man ist weise, wenn man mit seinen ganzen Leben unter die Gewalt Gottes kommt.“ (E. Thurneysen, aaO. S. 128)

            Es ist durchaus ungewöhnlich: Lehrer – um die Lehrer in der Gemeinde geht es hier wohl immer noch –  werden nicht nach den intellektuellen Fähigkeiten beurteilt, sondern nach ihrem ethischen Verhalten. Ganz nahe ist Jakobus mit diesem Denken bei den Briefen an Timotheus und Titus. „Ein Bischof soll untadelig sein als ein Haushalter Gottes, nicht eigensinnig, nicht jähzornig, kein Säufer, nicht streitsüchtig, nicht schändlichen Gewinn suchen; sondern gastfrei, gütig, besonnen, gerecht, fromm, enthaltsam; er halte sich an das Wort der Lehre, das gewiss ist, damit er die Kraft habe, zu ermahnen mit der heilsamen Lehre und zurechtzuweisen, die widersprechen.“(Titus 1,7-9) Ganz ähnlich 1. Timotheus 3. Es ist eben keine Privatsache, wie sich einer jenseits seines Amtes verhält, im Kreis der Freunde und Familien. Wir empfinden das womöglich als übergriffig, engstirnig, antiquiert. Aber diese Sicht macht ernst damit, dass das Leben unteilbar ist, nicht aufzuteilen in sakrale und profane Bereich, auch nicht aufzuteilen in Privatsphäre und Arbeitsplatz. Es geht immer um das Leben als Einheit.  

 14 Habt ihr aber bittern Neid und Streit in eurem Herzen, so rühmt euch nicht und lügt nicht der Wahrheit zuwider.

            Noch einmal in die gleiche Richtung: Was im Herzen ist, ist nicht nur innerlich. Es bestimmt ja doch das Verhalten, häufig mehr, als es einem lieb sein kann. Sobald aus dem Wahrheitsanspruch „eine Weisheit gegeneinander wird, eine schneidende, übertrumpfende, triumphale Wahrheit, die sich selbst stark machen und stark erweisen will, entstehen bittere Eifersucht und Feindschaften.“(M. Behnisch/D. Puttkammer, aaO.; S. 70) Konkurrenzen. Der Kampf ums Rechthaben. Das Schlimme daran ist, dass die Wahrheit dann verdunkelt wird, weil sie zur Waffe gemacht wird.    

 15 Das ist nicht die Weisheit, die von oben herabkommt, sondern sie ist irdisch, menschlich und teuflisch. 16 Denn wo Neid und Streit ist, da sind Unordnung und lauter böse Dinge.

            Das ist – so scheut sich Jakobus nicht zu sagen: menschlich. Irdisch, menschlich, ja: teuflisch. Besser und näher am griechischen Text: dämonisch. δαιμονιώδης. Das bringt Menschen voneinander weg. Das zerstört die Gemeinschaft. „Wir vergessen in der Praxis immer wieder aufs Neue, dass der Nächste, mit dem wir umgehen, unser Bruder, unsere Schwester ist, ein Kind des Vaters wie wir selbst.“(E. Thurneysen, aaO. S. 141f.) Man muss nicht irgendwelche Flattergeister am Werk sehen. Es reicht, sich klar zu machen, dass von einer zerstörten, lebens- und glaubensfeindlichen Atmosphäre die Rede ist. „In dieser Gemeinde herrscht dicke Luft. Ein Geist der Rechthaberei.“

            Es ist ein regelrechtes Begriffspaar in diesen Sätzen ζλος κα ριθεα. Neid und Streit. Weil der Neid eine negative Emotion ist, gerät auch der Streit sogleich mit unter Verdacht. Aber Jakobus selbst ist ja keiner, der jeden Streit vermeidet, schon gar nicht um jeden Preis. Wenn er in der Gemeinde den Umgang miteinander durch Bevorzugung der Reichen und Zurücksetzen der Armen gefährdet sieht, benennt er das und riskiert doch natürlich damit Streit. Eine Gemeinde, in der nicht und nie gestritten werden darf, ist doch nicht wirklich lebendig. Da ist längst Friedhofsruhe eingekehrt. Streit ist auch ein Zeichen von Leben. Konflikte benennen und austragen ist ein Signal für wechselseitigen Respekt. Wer alles gelten lässt, dem ist vermutlich irgendwann auch alles gleichgültig.

17 Die Weisheit aber von oben her ist zuerst lauter, dann friedfertig, gütig, lässt sich etwas sagen, ist reich an Barmherzigkeit und guten Früchten, unparteiisch, ohne Heuchelei. 18 Die Frucht der Gerechtigkeit aber wird gesät in Frieden für die, die Frieden stiften.

            Dem stellt Jakobus die andere Sicht entgegendie Sicht auf die Weisheit von oben. Er könnte zurückgreifen auf die Worte, die Salomo zugeschreiben werden: „Die Furcht des HERRN hasst das Arge; Hoffart und Hochmut, bösem Wandel und falschen Lippen bin ich Feind. Mein ist beides, Rat und Tat, ich habe Verstand und Macht. Durch mich regieren die Könige und setzen die Ratsherren das Recht. Durch mich herrschen die Fürsten und die Edlen richten auf Erden. Ich liebe, die mich lieben, und die mich suchen, finden mich. Reichtum und Ehre ist bei mir, bleibendes Gut und Gerechtigkeit.“( Sprüche 8, 13- 18) 

Er könnte nicht zuletzt gut auf Jesus verweisen. „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“(Matthäus 11,29) Und von ihm heißt es ja auch „Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung,“(1. Kor 1,30) Und auch das wird im Umfeld bekannt: In Christus liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis.“(Kolosser 2,3)

Jakobus entwickelt sein Bild von Weisheit nicht theologisch, von oben her, von Christus her. Er beschränkt sich, darf man sagen: bescheidet sich? Seine Worte stellen die Wirkungen in den  Vordergrund: Die Weisheit von oben ist lebensdienlich. Sozialverträglich. Sie trägt schöne Früchte: Erbarmen, Wahrhaftigkeit, Lauterkeit. Sie schafft eine Atmosphäre der Freiheit. Sie wird allen gerecht, ohne Vorzug und ohne Rückstellung.

Vielleicht darf ich es auch so sagen: Ein weiser Mensch, ob Mann oder Frau ist eher als ein Versöhner unterwegs denn als Spalter. Einer, der verbindet und nicht auseinander bringt. Einer auch, der nicht dominant sein muss, sondern anderen durchaus den Vortritt lassen kann. Wo Weisheit von oben ist, kennen Menschen  ihre Grenzen, dass sie nicht das letzte Wort haben.  Der Weise richtet auf und richtet nicht hin, mit Worten und Werken. Er stärkt den Rücken, ermutigt, auch und gerade die, die sich nicht von selbst trauen. Er übt, wie wir das heute gerne nennen „soziale Kompetenz“. Noch einmal: So weise sein können Männer und Frauen. Von oben her.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

            Die Gegenüberstellung „von unten“ – von oben“ begegnet auch im Johannes-Evangelium. Im Gespräch mit denen, die ihn in Frage stellen, bringt es Jesus auf den Punkt: „Ihr seid von unten her, ich bin von oben her; ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt.“(Johannes 8, 23) Darum können sie ihn nicht verstehen – verstehen im Sinn von anerkennen kann Jesus nur der, der „von oben her, von neuem geboren ist.“(Johannes 3,3.6) Damit ist klar gestellt: es geht um eine Weisheit von oben, die an Jesus Christus gebunden ist. „Wir haben, was Jakobus hier schreibt über die Weisheit von oben, erst dann verstanden, wenn wir verstehen, dass er in allen diesen Worten von Jesus Christus redet.“ (E. Thurneysen, aaO. S. 146)

Die Weisheit von oben ist Weisheit, die man nicht erwerben und erlernen kann – sie ist Geschenk, Folge der Neugeburt. Ihr Kennzeichen: sie dient dem Frieden. Den Verhältnissen, in denen das Leben sich entfalten kann. Das klingt ja im hebräischen Shalom immer mit, auch im Griechischen εἰρήνη. In der Gemeinde und durch die Gemeinde hindurch in der Welt. „Wer Frieden schafft, ist und macht wahrhaft weise.“(W. Schrage, aaO.; S. 42)

Im Hintergrund hat Jakobus vielleicht immer den vor Augen, von dem Paulus zu sagen weiß: „Durch ihn (Gott) aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung.“( 1. Korinther 1,30)

 

Mach Du uns weise, mein Gott, aus Deiner Weisheit. , Mache Du mich barmherzig, mein Gott, aus Deinem Erbarmen. Mache Du mich sanftmütig, mein Gott, aus Deiner Sanftmut. Leite Du uns in Deiner Gemeinde durch Deinen Geist, dass wir achtsam miteinander umgehen, behutsam, uns die Wahrheit nicht ersparen, aber auch nie aus ihr eine Waffe machen.

Richte Du unsere Augen immer wieder auf Dich, dass wir an Dir lernen, sanftmütig und geduldig, barmherzig und freundlich miteinander auf dem Weg zu bleiben, darauf zu achten, dass keiner und keine zurück gestoßen wird durch lieblose Worte, durch Streit und vergiftete Atmosphäre, in der keine Freiheit herrscht und die Liebe keine Chance hat. Amen