Gib mir die richtigen Worte

Jakobus 3, 1 – 12

1 , Nicht jeder von euch, meine Brüder soll ein Lehrer werden; da wir doch wissen, dass wir ein desto strengeres Urteil empfangen werden.

            Was für eine Warnung in einem Lehrschreiben. Vorsicht vor dem Streben nach der „Position“ des Lehrers der Gemeinde.

Nicht jeder soll ein Lehrer werden (wollen). Eine Warnung nur an die Brüder, weil damals die Schwestern als Lehrerinnen sowieso nicht im Blick und nicht möglich waren? So signalisiert es ja die spätere Anmerkung: „Wie in allen Gemeinden der Heiligen sollen die Frauen schweigen in den Gemeindeversammlungen; denn es ist ihnen nicht gestattet zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt. Wollen sie aber etwas lernen, so sollen sie daheim ihre Männer fragen. Es steht einer Frau schlecht an, in der Gemeindeversammlung zu reden.“(1. Korinther 14, 33-35) Heute sind die Verhältnisse im Blick auf das Lehren anders.

            Es ist noch kein abgeschlossener Kreis von Lehrern – διδάσκαλοι -, der der Gemeinde gegenüber steht. Vielmehr scheint es, dass die Aufgabe des Lehrens in der Gemeinde so attraktiv ist, dass sich manche, vielleicht sogar viele, danach drängen. Weil die Aufgabe mit Gewinn an Prestige verbunden ist? „Schlimm und erschreckend wäre es, wenn wir das Leben vor Gott für eine höchst einfache und allzu leichte Sache halten würden.“ (E. Thurneysen, Der Brief des Jakobus, Basel 1941/1959, S. 122)Und damit auch die Lehre darüber. Im Hintergrund wird man mitlesen dürfen: Es fällt Jakobus nicht leicht, diesen Brief zu schreiben. Er ringt ihn sich ab.  

Der Lehrer Jakobus weiß: mein Lehren ist vorläufig, halb fertig. Bruchstück. Er weiß: „Gottes Wort im Menschenmund“ ist eine Riesenverantwortung.“ (F. Grünzweig, aaO. S. 98)  Es ist im Gedächtnis der Gemeinde, was Jesus sagt: Für jedes unbedachte, „unnütze Wort“(Matthäus 12,36) sind wir Rechenschaft schuldig.

Die Worte des Jakobus sind weit entfernt von einer Selbstsicherheit, die eigene Worte für unfehlbar hält. Die eigene Lehre für die letzte, verbindliche Weisheit. Sie sind eine Warnung an alle, sich davor zu hüten, die eigene Position zu absolut zu setzen. Spätestens im Himmel werden wir es sehen: Unser auch hochgelehrtes Lehren war nur Gestammel.  

2 Denn wir verfehlen uns alle mannigfaltig. Wer sich aber im Wort nicht verfehlt, der ist ein vollkommener Mensch und kann auch den ganzen Leib im Zaum halten.

            Das gilt nicht nur für die Lehrer. Es gilt für alle. Wir alle sagen Worte, die wir besser nicht gesagt hätten. Wenn du doch geschwiegen hättest…. gilt nicht nur irgendwelchen vorlauten Leuten. Es ist die Gefahr aller und es ist die Herausforderung an alle: Sich im Wort nicht verfehlen – sich im Ton nicht vergreifen. Aber es geht noch um mehr als nur auf die Art und Weise seines Redens zu achten. „Man darf Gottes Wort nicht verwechseln mit all dem christlichen Reden, Schreiben und Predigen, das unter uns ergeht. Wir dürfen nicht übersehen, dass gerade in diesem christlichen Reden und Schreiben Gottes Wort durch unser Wort ebenso oft verschüttet, zugedeckt, auf die Seite geschoben und geschändet wird wie aufgedeckt und ausgerichtet.“ (E. Thurneysen, aaO. S. 127) Wir – Ausleger*innen, Prediger*innen verfehlen mannigfaltig. Was für ein Bußruf an uns als Kirchenleute.  

            Wer das könnte, hören, bevor er redet, seine Worte vor Gott bedenken, bevor er sie sagt, seine Rede zügeln, auch wenn es ihn noch so sehr drängt, der wäre weit auf dem Weg zu einem vollkommenen Menschen. Im Griechischen: τέλειος νρ. „Vollkommener Mann“. Vielleicht weil es um die Lehrer in der Gemeinde geht und die waren in den Augen des Jakobus alle Männer. An dieser Stelle haben wir mühsam dazugelernt. Auch Frauen können lehren und sind manchmal, nicht immer, gar besser darin als die Männer.

            Das macht den Vollkommenen aus, dass er dem Wort Gottes dient, dass er sich zügeln kann – seine Zunge, seine Gefühle, sein ganzes Wesen. Selbstbeherrschung nach allen Seiten. Jakobus ist offenkundig kein Freund der Parole: Lass raus, was dir auf der Zunge liegt. Lass es raus, bevor du daran erstickst. Sein Ideal ist anders.     

 3 Wenn wir den Pferden den Zaum ins Maul legen, damit sie uns gehorchen, so lenken wir ihren ganzen Leib. 4 Siehe, auch die Schiffe, obwohl sie so groß sind und von starken Winden getrieben werden, werden sie doch gelenkt mit einem kleinen Ruder, wohin der will, der es führt. 5 So ist auch die Zunge ein kleines Glied und rechnet sich große Dinge zu. Siehe, ein kleines Feuer, welch einen Wald zündet’s an! 6 Auch die Zunge ist ein Feuer. Eine Welt voll Ungerechtigkeit ist die Zunge unter unsern Gliedern: Sie befleckt den ganzen Leib und zündet die ganze Welt an und ist selbst von der Hölle entzündet. 7 Denn jede Art von Tieren und Vögeln und Schlangen und Seetieren wird gezähmt und ist gezähmt vom Menschen, 8 aber die Zunge kann kein Mensch zähmen, das unruhige Übel, voll tödlichen Giftes.

Das ist eine erschreckende Meditation zum Thema Zunge. So klein sie auch ist, keiner kann sie bändigen. „Die Verse 3 – 11 entfalten die ungeheure, ja dämonische Kraft der Zunge und führen in einem rasanten Gefälle zu pessimistischen Aussagen.“ (M. Behnisch/D. Puttkammer, Glaube hat Früchte, Texte zur Bibel 6, Neukirchen 1990, S. 69) Die Zunge züngelt und zündelt. Sie richtet Unheil an, schlägt Wunden. Selbst wenn alle Bestien zu zähmen sind – an der Zunge versagt diese Kunst.

            Schlicht gesagt: „Unser Ich will regieren in allem, was es redet.“ (E. Thurneysen, aaO. S. 130) Hier, in den Worten liegt oft genug der Anfang des Unheils. Mit der Abwertung von Menschen, die verbal anfängt, – ob „Bullen“ oder „Pinscher“, „blödes Schaf“ oder „dumme Sau“, „Kanaken“ oder „Untermenschen“, wird der Weg der Gewalt bereitet und legitimiert. Es gibt so etwas wie „mörderisches Gerede.“ Das sieht Jakobus – unausweichlich – und ist doch nicht bereit, es als unausweichlich zum Menschsein zugehörend zu entschuldigen. 

 9 Mit ihr loben wir den Herrn und Vater, und mit ihr fluchen wir den Menschen, die nach dem Bilde Gottes gemacht sind. 10 Aus „einem“ Munde kommt Loben und Fluchen. Das soll nicht so sein, liebe Brüder.

            So soll es nicht sein. In der Gemeinde, so lese ich, soll eine andere Lebenspraxis und eine andere Redepraxis eingeübt werden. Ein anderer Gebrauch der Zunge. Nicht mehr doppelzüngig. Der Mund, der Gott lobt, soll nicht Menschen niedermachen.

            In der Abendmahlsliturgie, wie ich sie gerne feiere, findet sich die Gebetsbitte:   

Verleihe uns,  dass die Lippen, die dich heute gepriesen haben, dich alle Zeit loben,  dass die Ohren, die dein Wort gehört haben,  verschlossen seien für die Stimmen des Streites und des Unfriedens,  dass die Augen, die deine große Liebe gesehen haben,  auch deine selige Hoffnung schauen.

            Und, als Alternative:

Verleihe uns,  dass die Zungen, die dein Lob gesungen haben,  hinfort die Wahrheit bezeugen,  dass die Füße, die in deinem Haus gestanden haben,  hinfort gehen auf den Wegen des Lichts, dass wir, die an deinem lebendigen Leib  Anteil gehabt haben,  hinfort in einem neuen Leben wandeln. Dir sei Dank für deine unaussprechliche Gabe             .

Beide Male geht, ganz in der Spur des Jakobus darum, dass die Feier des Gottesdienstes ihre Fortsetzung findet in der Lebensweise der Feiernden.

Es liegt nahe, hier auch an Luther zu erinnern, seine Auslegung des 8. Gebotes: „Du  sollst  nicht  falsch  Zeugnis  reden wider  deinen  Nächsten. Was  ist  das? Wir  sollen  Gott  fürchten  und  lieben, dass  wir  unsern  Nächsten  nicht  belügen,  verraten,  verleumden  oder  seinen  Ruf  verderben, sondern  sollen  ihn  entschuldigen, Gutes  von  ihm  reden und  alles  zum  besten  kehren.“ Oder, ganz schlicht: Sich das schlechte Geschwätz verbieten,  den flotten Spruch herunterschlucken – und lieber – vermeintlich langweilig – loben, loben, loben. 

11 Lässt auch die Quelle aus „einem“ Loch Süßes und Bitteres fließen? 12 Kann auch ein Feigenbaum Oliven oder ein Weinstock Feigen tragen? So kann auch eine salzige Quelle nicht süßes Wasser geben.

            Kurz gesagt: es ist „widersinnig und naturwidrig“ (W.Schrage, aaO.  S. 40), was wir Menschen mit der Zunge anrichten können. Es widerspricht dem Schöpfer, wenn wir sein Bild, unseren Mitmenschen, mit der Zunge hinrichten. Gerade diese letzten Worte machen deutlich, dass Jakobus uns nicht an die Herrschaft der Zunge ausgeliefert sieht, sondern er will, dass wir den Kampf aufnehmen, um die richtigen Worte und das maßvolle Reden ringen.

            Es stimmt wohl: Was Jakobus hier treibt, ist keine „hohe Theologie“. „Nicht einmal einigermaßen anspruchsvolle Predigt. Jakobus warnt eigentlich nur vor der zerstörerischen Macht des Daherredens…. Wer sich konkret um Gemeindegestaltung zu bemühen hat, weiß, wovon der Autor spricht.“ (R. Hoppe, Glaube in der Bewährung, Bibelauslegung für die Praxis 25, Stuttgart 1990, S.126f.)  

Zu den todsicheren Tipps, wenn es darum geht, wie eine Gemeinde ruiniert wird, gehört: Viel übereinander reden statt miteinander. Die Fehler der anderen ins Gespräch bringen. Dafür sorgen, dass alle wissen, welche Leichen wer im Keller hat.

Was mich beschäftigt:

            Es gibt Texte, die verlangen förmlich danach, dass man sie analysiert, ihren theologischen Gehalt erhebt, sie für die Frömmigkeit fruchtbar macht. Es gibt aber auch die Texte, die einen stellen, die fragen: Wie ist das bei Dir? Wie hältst Du es mit Deinen Worten? Wie hältst du es mit dem Hören? Wie steht es bei Dir um die Unterscheidung zwischen Deinen Worten und dem Wort Gottes? Gehörst Du zu denen, von denen gesagt ist: „Was sie reden, das soll vom Himmel herab geredet sein; was sie sagen, das soll gelten auf Erden.“(Psalm 73,9) Hast Du gelernt und übst Du: Rasch zum Hören, langsam zum Reden. Demütig sein vor deinem Gott?

Das alles überlegt sich ja noch leicht im Blick auf andere, im Blick auf das mediale Dauergeschwätz. Aber richtig gelesen habe ich doch erst, wenn ich mich selbst in Blick nehme: wie hältst du es mit dem Reden, mit dem Kritisieren, mit dem Aufspießen von Schwächen und Fehlern? Keine Frage, es kann nicht darum gehen, nichts mehr zu sagen, Kritikwürdiges nicht mehr zu beleuchten. Aber es wird schon um die selbstkritische Frage gehen müssen: wie oft rede ich nur, um billigen Applaus und begeisterte Lacher einzufahren, die auf Kosten anderer gehen? Wie oft vergesse und übergehe ich einfach, was ich doch schon als Konfirmand gelernt habe: „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsern Nächsten nicht aus Falschheit belügen, verraten, verleumden oder hinter seinem Rücken reden, sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren.“(M.Luther, Erklärung zum 8. Gebot, Kleiner Katechismus

            In diesen Tagen – Sommer 2019 – ist eine Debatte um Hass-Kommentare im Internet und Hetzreden auf Marktplatzen im Gange. Angeschoben durch den Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und unappetitlichen Kommentaren dazu. Es ist nicht weit bis zur Forderung: Verbieten, verfolgen, bestrafen. Der Staat wird sich an dieser Stelle wehrhafter zeigen müssen, als es in der Vergangenheit war. Nur: Es wird nicht mit Verboten und Strafverfolgung getan sein.

            Die Hassgedanken sind in der Welt und sie finden auch Worte. Immer wieder. Mir scheint: Die Worte des Jakobus sind zuallererst eine Anleitung zur Selbstprüfung: Baut dein eigenes Reden Brücken oder reißt es sie ein? Kann man Achtung hinter deinen Worten spüren oder sind sie Zeugnisse von Verachtung? Dienen sie der Wahrheit oder sind sie nur Verschleierung und Verachten der Wahrheit? Ich kann nicht das Reden der Welt verändern, die Kommentare im Internet, die unsäglichen Äußerungen auf Marktplätzen. Was ich – hoffentlich – verändern kann, ist mein eigenes Reden, weil ich mich dem Geist öffne, der mein Herz – Quelle aller Gedanken und aller Worte – verwandeln will und kann.

 

Heiliger Gott, ich bin verantwortlich für meine Worte. Du wirst mich einmal fragen, ob meine Worte aufgerichtet haben oder hingerichtet, ermutigt oder entmutigt, getröstet oder vernichtet. Du wirst mich einmal fragen, ob ich meine Jahre zugebracht habe mit Geschwätz, ob ich viel Worte um nichts gemacht habe.

Lehre Du mich zu schweigen, wenn die Zeit des Schweigens ist, zu reden, wo ich im Deinetwillen reden muss, nicht zurück zu weichen, wenn der Widerspruch nötig ist, eintreten auch in Worten für die, die keine Stimme haben.

Gib Du mir die richtigen Worte zu ihrer Zeit. Amen