Zupacken – es gibt viel zu tun

Jakobus 2, 14 – 26

14 Was hilft’s, liebe Brüder, wenn jemand sagt, er habe Glauben, und hat doch keine Werke? Kann denn der Glaube ihn selig machen?

            Jakobus bleibt bei seinem Thema, dem Glauben, der nur Folgen in den Worten hat, aber nicht im Tun. Was ändert solch ein Glauben? Und: Für wen ändert er etwas? Ist so ein Glaube rettender Glaube? Der selig macht, den Himmel aufschließt? Es ist offenkundig: Jakobus argumentiert durchgängig von dem Blick auf das Ziel her – und das Ziel ist: Seligkeit. Gerettet sein.

Nicht im Blick auf das Sein in der Welt, sondern im Blick auf die Möglichkeit, dieses Ziel in falscher Sicherheit zu vertun, gewinnen die Worte über den Glauben ihre eigentliche Schärfe. Wenn der Glaube zum Nichtstun führt, verführt er.   

Der Einwand scheint auf der Hand zu liegen: Jakobus hätte besser Paulus-Briefe sorgfältig lesen sollen. „Ist es nicht eine ganz falsche Auffassung vom Glauben, wenn man verlangt, dass der Glaube Werke zeitigen soll?… Man könnte weiter fragen: Ist denn das Evangelium ein Moralbuch, eine Sammlung von Vorschriften und Geboten, die wir zu erfüllen haben?“(E. Thurneysen, Der Brief des Jakobus, Basel 1941/1959, s. 109 f.)Das sind Anfragen, die über fast 2000 Jahre unermüdlich wiederholt worden sind! Sie haben den Ruf dieses Briefes kräftig ins Negative gezogen. 

 15 Wenn ein Bruder oder eine Schwester Mangel hätte an Kleidung und an der täglichen Nahrung 16 und jemand unter euch spräche zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch!, ihr gäbet ihnen aber nicht, was der Leib nötig hat – was könnte ihnen das helfen?

            Um seinen Gedanken zu konkretisierten, bringt Jakobus ein Beispiel. Man kann doch den Hilfsbedürftigen, ob Bruder oder Schwester nicht abspeisen mit schönen Worten. Man kann doch nicht Leute in Seenot einfach ersaufen lassen – gleich, woher sie kommen. Es ist doch geradezu zynisch, die Hilfe schuldig zu bleiben, aber mit Worten ermutigen zu wollen. „Wer nicht die Nichtigkeit des bloßen Redens erkennt, der betrügt sich selbst.“ (W. Popkes, aaO. S. 97) 

Wer dieser Erden Güter hat, und sieht die Brüder leiden,
Und macht den Hungrigen nicht satt, lässt Nackende nicht kleiden;
Der ist ein Feind der ersten Pflicht, Und hat die Liebe Gottes nicht.                                                C.F. Gellert 1757, EG 412

 17 So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber.

            Aus dem bisher Gesagten folgt das harte Urteil. Solcher Glaube ohne Werke ist tot in sich selber. Er hat keine Zukunft, keine Kraft, kein Leben. „Der Glaube will konkret werden, sonst ist er gar kein Glaube.“(W. Popkes, aaO. S. 204)   

          Man kann danach fragen, ob Jakobus hier eine Auseinandersetzung mit Paulus führt. Mit dessen Sicht vom Glauben. Paulus liegt ja ausgesprochener Maßen daran, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.(Römer 3,28) Aber mit diesen Worten und seinem allein durch den Glauben redet Paulus nicht der Untätigkeit der Christen das Wort. Er wehrt nur ab, dass man sich durch das Halten des Gesetzes, durch seine „Werke“, seine Gesetzestreue, den Himmel verdienen könnte. Mit keinem Wort ist Paulus auf Untätigkeit aus, wohl aber will er der Versuchung wehren, so etwas wie eine christliche Leistungsbilanz zu erstellen. Meine Vermutung: darin können sich Paulus und Jakobus schnell einig werden.   

18 Aber es könnte jemand sagen: Du hast Glauben und ich habe Werke. Zeige mir deinen Glauben ohne die Werke, so will ich dir meinen Glauben zeigen aus meinen Werken.

            Es ist auch nichts mit einer „christlichen Arbeitsteilung“ – hier die fromm Glaubenden, da die fromm Tätigen. Jeder nach seinem Gusto. Jeder nach seiner Wesensart. Man kann schöne Theorien bilden: „Es sei Anlage- und Erziehungssache. Es handele sich um verschiedene Menschentypen mit verschiedener Verhaltensweise. Der eine sei eben ein mehr innerlicher Mensch oder ein Denker, ein Intellektueller. Ihm gehe es vor allem um eine „saubere Theologie“. Der andere sei mehr ein Praktiker, ein Willens- und Tatmensch.“ (F. Grünzweig, aaO. S. 89f.) Wer so denkt, der redet der Spaltung der Gemeinde das Wort: hier die Beter, da die Täter, hier die Frommen, da die sozial Engagierten.

Die unselige, ja verheerende Spaltung von Verkündigung und diakonischem Handeln ist für Jakobus ein Schreckensbild. Eine Perversion, sowohl des Glaubens wie auch des Handelns. Das Handeln, das Jakobus sucht, wächst aus dem Glauben. Es ist seine sichtbare Seite. Und doch ist es auch nicht ohne Probleme, so zu argumentieren. „Sichtbar sind Taten der Liebe und hoffnungsvolle Handlungen. Dass es tatsächliche Liebe und wirklich Hoffnung ist, was sie hervorbringt, muss jeweils zugetraut werden und ist nicht beweismäßig abzusichern.“ (M. Behnisch /D. Puttkammer, aaO. S. 62)

19 Du glaubst, dass nur einer Gott ist? Du tust recht daran; die Teufel glauben’s auch und zittern. 20 Willst du nun einsehen, du törichter Mensch, dass der Glaube ohne Werke nutzlos ist?

            Ich frage mich: Wen hat Jakobus bei seinen Worten vor Augen? Vermutlich Leute in der Gemeinde, die glauben, mit dem Aufsagen von Bekenntnissen sei schon alles getan. Mit dem Gottesdienst seien alle „Christenpflichten“ erledigt. Christsein ist Gottesdienst feiern. Christsein ist damit vollständig beschrieben, dass einer sagt: Gott gibt es.

            Dem hält Jakobus entgegen: Kein Zweifel. Gott ist. Das weiß alle Welt. Sogar die Dämonen. Sogar die Teufel. Aber: das bloße Zugeständnis, dass Gott ist, ist noch gar nichts wert. Es ändert ja nichts  am Leben. Es macht keinen Unterschied.

            Es sind härteste Konsequenzen: „Du kannst zur Hölle fahren, würde Jakobus sagen, mit deiner ganzen scharfgeschliffenen Theologie, deiner Rechtgläubigkeit, deinem positiven Christentum ohne Werke, Dort unten in der Hölle „glauben“ sie nämlich auch,  dort ist man auch „positiv“ – aber in einer schauerlich fruchtlosen vergeblichen Weise.“ (E. Thurneysen, aaO. S. 117)  Wo der Glauben nur ein Denkspiel ist und kein Lebensspiel wird, da ist er vergeblich. Vom Tod angefressen.   

 21 Ist nicht Abraham, unser Vater, durch Werke gerecht geworden, als er seinen Sohn Isaak auf dem Altar opferte? 22 Da siehst du, dass der Glaube zusammengewirkt hat mit seinen Werken, und durch die Werke ist der Glaube vollkommen geworden. 23 So ist die Schrift erfüllt, die da spricht (1.Mose 15,6): »Abraham hat Gott geglaubt und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden«, und er wurde »ein Freund Gottes« genannt (Jesaja 41,8). 24 So seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glauben allein.

            Es folgt eine Bibelstunde des Jakobus. Thema: Abraham und die Opferung Isaaks. Indem Abraham Isaak bindet und bereit ist, ihn zu opfern, handelt er. Tut er, was er soll. Gehorcht dem Befehl Gottes. Da ist nichts nur Gedachtes. Es ist dieses Tun, das ihn als Freund Gottes genannt werden lässt. In seinem Tun zeigt sich seine Glaube vollkommen.  τελειώθη. Einmal mehr steht hier eine Form des griechischen Wortes, das am Kreuz das letzte Wort Jesu ist: „Es ist vollbracht.“ „Vollkommen“ meint hier nicht perfekt, makellos – sondern es meint: dieser Glaube geht seinen Weg bis zum Äußersten, bis ans Ende. Es sind diese konkreten Schritte, die den Glauben ausmachen.

 25 Desgleichen die Hure Rahab, ist sie nicht durch Werke gerecht geworden, als sie die Boten aufnahm und ließ sie auf einem andern Weg hinaus?

  Zweites Thema: Rahab. Das ist die Frau, die die israelitischen Kundschafter in Jericho in ihrem Etablissement verbirgt, sie durch ihre Lügen schützt. Ihnen aus der Bredouille hilft und sie über die Mauer abseilt. (Josua 2,1-22) Was sie tut, ist entscheidend. Nicht, was sie denkt oder glaubt. Ob sie an den richtigen Gott glaubt oder richtig an den Gott Israels glaubt.

            Bemerkenswert: Auch der Hebräerbrief führt Rahab unter den großen Beispielen des Glaubens an. „Durch den Glauben kam die Hure „Rahab“ nicht mit den Ungehorsamen um, weil sie die Kundschafter freundlich aufgenommen hatte.“(Hebräer 11,31) So denkt auch Jakobus: In ihrem Tun ist Rahab ein Beispiel des Glaubens.

 26 Denn wie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot.

            Jetzt hat es Jakobus geschafft und fasst zusammen: Glaube ohne Werke – tot. So wie ein Leib ohne Geist tot ist. Es ist bemerkenswert: An keiner Stelle werden von Jakobus Glaubensinhalte diskutiert oder in Frage gestellt. Es geht nicht um die Zustimmung oder Ablehnung von einzelnen Sätzen des Bekenntnisses. Es geht einzig und allein darum, ob aus den geglaubten und wohl auch gesprochenen  Sätzen auch Handeln wird, ob den Worten Taten folgen.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

        Wie kommt es, dass Paulus und Jakobus so unterschiedliche Positionen vertreten können, von denen man gerne sagt, dass sie gegeneinander stehen? Der eine beharrt auf dem Glauben ohne Werke, der anderen auf den bloßen Werken – und man könnte den Eindruck haben: der Glaube interessiert ihn nicht.

   Mein Erklärungsversuch: Beide sprechen in unterschiedlichen Zeiten und unterschiedene Situationen. Die Gegenüber des Paulus sind nicht zuletzt Menschen mit einem jüdischen Hintergrund, die auf die Erfüllung des Gesetzes, die Werke des Gesetzes als ihren Heilsweg setzen. Jakobus dagegen hat eine christliche „Mittelschicht-Gemeinde“ vor Augen, die in der Gefahr steht, den Glauben auf das Feiern von schönen Gottesdiensten zu reduzieren.

            Darum drängt der eine, Paulus, darauf: Es ist nichts mit dem selbst erarbeiteten Weg in den Himmel. So befreit Paulus das Tun von einer Verzweckung, die es im Grund entwertet. Und der andere, Jakobus, drängt: Damit ihr den Weg in den Himmel nicht verschludert, braucht es die Konsequenz, euer Handeln aus Glauben. Und schützt so den Glauben davor, nur eine schöne, aber folgenlose innere Überzeugung zu sein. Daraus lerne ich: es gibt das Evangelium immer nur als Botschaft in eine konkrete Situation hinein, nie als eine überall gleich gültige und damit womöglich gleichgültige Wahrheit.  

            Ein Zusatz aus der Kirchengeschichte: Luther hat sich als Mönch um gute Werke abgemüht – Fasten, Beten, Selbstgeißelung. Eine ordentliche religiöse Leistungsbilanz. Darin war der Mönch Luther Spitze. Es hat lange gedauert, bis er verstanden hat: Das sucht Gott nicht bei mir. Was er bei mir sucht ist eine Glaube, der in der Liebe tätig ist. Dann ist Luther dazu übergegangen, den Bau von Schulen zu fordern und zu fördern. Die Solidarität füreinander. Nächstenliebe. Vor solchen guten Werken müssen auch Evangelische sich nicht hüten!

 

Mein Gott, davor habe ich Angst, dass mein Glauben folgenlos sein könnte, nur schöne Worte, dass ich über den Himmel nachdenke, aber die Erde versäume.

Mein Gott, mache Du mich tatkräftig. Lehre mich handeln aus Glauben, das Gute tun, zupacken, wo ich gebraucht werde. Nicht um mir den Himmel zu verdienen, sondern einfach aus Liebe zur Erde, zu den Menschen, zu Dir. Amen