Vor Gott sind wir alle gleich

Jakobus 2, 1 – 13

1 Meine Brüder und Schwestern, haltet den Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn der Herrlichkeit, frei von allem Ansehen der Person.

            Die persönliche Anrede geht weiter – und vermittelt so den Eindruck eines ausgesprochen zugewandten Schreibens. Fast wie eine Predigt, in der die direkte Anrede Aufmerksamkeit weckt.  Aufmerksamkeit für das, was Jakobus über den Glauben sagt Er bestimmt ihn näher als Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn der Herrlichkeit. Da ist nicht von dem irdischen Jesus die Rede, nicht von dem, der einer ist wie wir. Der Glaube hängt an dem, an dem die Herrlichkeit, δόξα, aufleuchtet. Der Glanz, der Gott zu eigen ist. Der Glanz aber auch, der einmal den Christen zu eigen sein wird. „Wenn aber Christus, euer Leben, sich offenbaren wird, dann werdet ihr auch offenbar werden mit ihm in Herrlichkeit.“(Kolosser 3,4) 

            Weil das so ist, verträgt der Glaube nicht, dass man sich am Ansehen der Person orientiert. An ihrer Rolle, die sie spielt. An dem Status, der ihr gesellschaftlich zukommt. Es geht nicht um ein Verleugnen der Einmaligkeit, der Würde des Einzelnen. So wird ja jeder angesehen – als ein einmaliges Geschöpf Gottes, als Unikat, als Original. Aber es geht um die gesellschaftliche Rolle, „das Etikett, das einer trug. Es war einer ein Sklave, ein Bürger, ein Händler, ein Feldherr.“(F. Grünzweig, aaO.  S. 68) Dieser gesellschaftliche, soziale Status darf keine Rolle spielen im geschwisterlichen Miteinander der Gemeinde. Keine Bevorzugung, keine Vorzugsstellung.  Jakobus kennt noch keine „kirchlichen Räume“. So steht hier das Wort Synagoge: συναγωγὴ.  Gemeint ist der Raum, wo die Christ*innen sich versammeln.

            Die Begründung für das Nichtansehen ist „hoch aufgehängt“: Christus „allein kommt göttliche Herrlichkeit zu. Deshalb ist es unmöglich, wenn in seiner Gemeinde einer bevorzugt wird, weil er in glänzendem Gewand auftritt.“ (M. Behnisch/D. Puttkammer, aaO. S. 54)Mit dieser Sicht auf die Gemeinde ist sich Jakobus seltsam einig mit Paulus: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“(Galater 3,28) 

2 Denn wenn in eure Versammlung ein Mann käme mit einem goldenen Ring und in herrlicher Kleidung, es käme aber auch ein Armer in unsauberer Kleidung, 3 und ihr sähet auf den, der herrlich gekleidet ist, und sprächet zu ihm: Setze du dich hierher auf den guten Platz!, und sprächet zu dem Armen: Stell du dich dorthin!, oder: Setze dich unten zu meinen Füßen!, 4 ist’s recht, dass ihr solche Unterschiede bei euch macht und urteilt mit bösen Gedanken?

            Fühlen sich die Leser des Jakobus ertappt? Oder können sie souverän sagen: Bei uns doch nicht. Ich kann mir schlechterdings nicht vorstellen, dass Jakobus sich dieses Beispiel, diesen Fall nur einmal so ausgedacht hat. Deshalb halte ich es für naiv, zu schreiben: „Man darf aus dem fiktiven Beispiel keine Rückschlüsse auf die Situation der Gemeinden ziehen. (W. Schrage, aaO. S. 25)

Mein Verdacht: Jakobus hat das wiederholt beobachtet. Er nimmt hier Praxis aufs Korn, die nicht unüblich ist. Die eben nicht nur einmal irgendwo passiert ist. Sondern dass er in sein Rundschreiben an die zwölf Stämme (1,1)so argumentiert, verweist auf eingefahrene und eingeschliffene Verhaltensweisen. Vielleicht hat Jakobus ja sogar, wenn er der Herrenbruder ist, am eigenen Leib erlebt, wie er bevorzugt behandelt worden ist. Es ist eine Feststellung gängiger, normaler Praxis – und gerade darin ist sie für Jakobus so aufregend und erschütternd. „Da ist Furchtbares geschehen! Bei euch gilt der Reiche mehr als der Arme. Das ist Verrat. Ihr seid Verräter, und zwar Verräter am Heiligsten, das ihr habt, Verräter am Glauben.“(E. Thurneysen, Der Brief des Jakobus, Basel 1941/1959, S. 96) Übertreibt der Ausleger an dieser Stelle?

Vielleicht ist es ja noch aufregender: diese Praxis wird missionarisch begründet. „Die Gemeinde ist augenscheinlich offen für beiderlei soziale Schichten, ärmere und höhere; es ist immerhin bemerkenswert, dass – wenn auch vielleicht vereinzelt – solche Leute den Weg in die Versammlung finden.“(W. Popkes, Adressaten, Situation und Form des Jakobusbriefes, Stuttgarter Bibelstudien 125/126, Stuttgart 1986, S. 54)  Damit reichere Leute aber den Weg in die Gemeinde finden, damit sie sich willkommen fühlen – und bleiben (!), muss man mit ihnen so umgehen, wie sie es gewöhnt sind: Ihre Rolle achten. Ihre Würde respektieren. Aus genau dem gleichen Grund, weil sie es so gewöhnt sind, kann man ja auch die armen Schlucker mit den abgerissenen, verdreckten Sachen auf die hinteren Plätze verweisen.  

 5 Hört zu, meine lieben Brüder! Hat nicht Gott erwählt die Armen in der Welt, die im Glauben reich sind und Erben des Reichs, das er verheißen hat denen, die ihn lieb haben? 6 Ihr aber habt dem Armen Unehre angetan. Sind es nicht die Reichen, die Gewalt gegen euch üben und euch vor Gericht ziehen? 7 Verlästern sie nicht den guten Namen, der über euch genannt ist?

            Mir kommt es so vor, als wolle Jakobus seine Leser von einer Sackgasse bewahren. Diese Sackgasse heißt: Anpassung an die Lebens- und Wertvorstellungen reicher Leute. „Die Gemeinde möchte am Sozialprestige der Wohlhabenden Anteil gewinnen. Sie verfügt demnach selber nicht genügend darüber und verfällt in Servilität. Man bemüht sich darum, durch Angesehene selbst Ansehen zu gewinnen.“(W. Popkes, ebda.) Er will sie auch davor bewahren, aus dem Glauben eine bloße Sache der Innerlichkeit zu machen, die mit den Äußerlichkeiten, auch mit dem Verhalten in der Welt nichts zu tun hat. Das ist sein Einspruch, „dass der Glaube zwar wohl etwas tief Innerliches ist, aber dass dies tief Innerliche, wenn es inwendig wirklich da ist, auch auswendig werden will, ja auswendig werden muss, oder dann ist es auch inwendig nicht vorhanden.“ (E. Thurneysen, aaO. S. 98)

            Es geht Jakobus um die Bewahrung der Gemeinde vor einer Sackgasse, der Sackgasse der reinen Innerlichkeit. Eine Sackgasse ist das deshalb, weil die Realität verkannt wird. Weil die Gemeinde gerade in diesem Achten auf die Person sich so am Vordergründigen, nicht aber am Grundlegenden orientiert. Grundlegend ist: Die Wahl Gottes ist auf die Armen gefallen. Sie sind Erben des Reiches. Wenn die Gemeinde sich an die Reichen, gemeint sind wohl im heutigen Sprachgebrauch eher Mittelständler und Aufsteiger, anpasst, dann verspielt sie damit die Wahl Gottes. Sie macht sich abhängig von denen, die sich im Stillen über sie lustig machen.  

8 Wenn ihr das königliche Gesetz erfüllt nach der Schrift (3. Mose 19,18): »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst«, so tut ihr recht; 9 wenn ihr aber die Person anseht, tut ihr Sünde und werdet überführt vom Gesetz als Übertreter.

            Dieser Ausrichtung an der einen Schicht stellt Jakobus das Gebot, das königliche Gesetz, entgegen. Die Liebe zu Nächsten. Unterschiedslos. Ohne Rücksicht auf Status, Geschlecht, Rasse, Herkunft.

            Man kann über den Ausdruck das königliche Gesetz, νόμος βασιλικς, stolpern. Stünde da nur `das Gebot´, wäre es klar: Rückverweis auf die Schriften Israels. Man kann sich auch behelfen durch die Erinnerung, dass in Wahrheit Gott der HERR der König Israels ist. „Der HERR, der König Israels, ist bei dir, dass du dich vor keinem Unheil mehr fürchten musst.“(Zephanja 3,15) Aber das ist eher selten so ausdrücklich gesagt. Näher liegt mir, dass der erhöhte Christus als „König aller Könige“(Offenbarung 17,14; 19,16) benannt wird und dass er, menschgeworden, das Gebot der Nächstenliebe neben das Gebot der Gottesliebe als das höchste Gebot gestellt hat.

            Was Jakobus hier der Gemeinde vorhält, hat ein Echo in der deutschen Gesetzgebung gefunden: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“(Artikel 3,3 Grundgesetzt der BRD). Ob es in der Wirklichkeit der Zivilgesellschaft immer eingehalten wird, steht auf einem anderen Blatt.

            Aber es ist charakteristisch für Jakobus. Er scheut sich nicht, der Gemeinde zu sagen: wenn ihr nicht so lebt, wie ich es euch sage, dann tut ihr Sünde, dann verlasst ihr den guten Weg des Evangeliums und des Gesetzes. Für Jakobus ist, das lässt sich schon hier erkennen, das Evangelium von Jesus Christus eine streng verpflichtende Botschaft. Es ist ihm auch Gesetz und als solches letzte Bindung.  

 10 Denn wenn jemand das ganze Gesetz hält und sündigt gegen ein einziges Gebot, der ist am ganzen Gesetz schuldig. 11 Denn der gesagt hat (2.Mose 20,13-14): »Du sollst nicht ehebrechen«, der hat auch gesagt: »Du sollst nicht töten.« Wenn du nun nicht die Ehe brichst, tötest aber, bist du ein Übertreter des Gesetzes

            Darin ist sich Jakobus einig mit Paulus: Das Gesetz ist unteilbar. Man kann nicht unterscheiden und wegdisputieren: Es war ja nur ein Gebot, das ich übertreten habe. Mit dem einen Gebot ist das ganze Gesetz verletzt. Es gibt das Gesetz nicht häppchenweise. Sondern es ist in seiner Gänze Lebensverpflichtung.

            Die Kritik des Jakobus zielt darauf, dass wir uns im Ansehen der Person einem fremden Regelwerk unterwerfen. Dem Regelwerk, das sagt: die Reichen und Erfolgreichen zählen mehr als die Armen und Erfolglosen.  Dem Regelwerk, das aber nicht nur an dieser Stelle greift. Es ist mit diesem Regelwerk der Erfolgsgesellschaft wie mit dem Gesetz: es gibt nur ganz oder gar nicht. Die Spielregeln der Erfolgsgesellschaft sind so wenig teilbar wie die Tafeln des Gesetzes. Man kann nicht in beiden Systemen gleichzeitig spielen. Entweder der Glaube leitet oder Regelwerk der  Welt. Da gibt es keine friedliche Ko-Existenz.

 12 Redet so und handelt so wie Leute, die durchs Gesetz der Freiheit gerichtet werden sollen. 13 Denn es wird ein unbarmherziges Gericht über den ergehen, der nicht Barmherzigkeit getan hat; Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht.

            Diesem laxen Umgang stellt Jakobus seine Sicht entgegen. Mit dem Ausblick auf das Ende, auf den Tag des Gerichtes. Nicht als Schreckensbild. Sondern als Orientierungshilfe. Es geht darum, das Gesetz der Freiheit im eigenen Leben zu bewahren.

Was damit gemeint ist, erschließt sich mir aus dem nachfolgenden Hinweis auf die Barmherzigkeit. λεος. Es ist die Freiheit, die den anderen nicht festlegt auf sein Tun, die vergeben kann. Die aufrichtet, die sich des Hilflosen erbarmt. Die freie Gabe des Lebens ist. So wie Gott frei ist in seinem Erbarmen – an Jesu Weg hin zu den „Mühseligen und Beladenen“ (Matthäus 11,28) ist das überdeutlich abzulesen – so ist auch die Gemeinde frei in ihrer Zuwendung zu allen, Armen und Reichen, Hilfsbedürftigen und Angewiesenen. Diese Freiheit erwartet kein Echo von denen, die Erbarmen erfahren. Sie rechnet nicht mit Gegenleistung.     

Einmal mehr: Jakobus besteht darauf, dass aus dem Glauben, aus der erfahrenen Zuwendung Gottes ein Tun der Christen erwächst. Er will, dass die guten Gotteserfahrungen spürbare Folgen haben im eigenen Handeln. Im Tun. Dieses Tun wird wunderbar gerechtfertigt werden im Gericht. Darauf setzt  Jakobus.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

            Diese Passagen kann ich nicht lesen, aufnehmen, bedenken, ohne anzumerken: die kirchliche Wirklichkeit sieht anders aus. Bei Katholiken, bei Protestanten, bei den Freikirchen, bei den Orthodoxen, wohl auch bei denen, die sich besonders bibeltreu wähnen. Überall gibt es kirchliche Würdenträger. Überall gibt es das Ansehen der Person, das sorgfältige Achten auf die soziale Rolle in der Gesellschaft. Überall gibt es genau das, was Jakobus als eine Möglichkeit beschreibt, als eine Szene, wie sie sich in einer Gemeinde, der  Versammlung – heißt doch: im Kirchenraum, abspielen kann.  

            Man wird gut daran tun, sich vor Augen zu halten: „Jakobus will nicht hetzen gegen die Reichen. Warum soll man nicht auch reich sein dürfen? Ein Siegelring und ein Pelzmantel brauchen uns noch keineswegs zu scheiden von Gott und der Gerechtigkeit seines Reiches. Aber ganz gewiss ist eins: Auch wenn man Besitz hat, ist man vor Gott nichts anderes als ein armer und elender Mensch, der trotz Siegelring und Pelzmantel nur davon lebt, dass Jesus Christus sich erbarmt hat über alle Armen und Elenden.‘‘(E. Thurneysen, aaO. S. 102) Dieses Wissen soll den Umgang in der Gemeinde prägen.

            Ins Persönliche gewendet: Die Kritik des Jakobus trifft mich. Wie oft habe ich in der Jugendarbeit auf die Prominenz von Leuten gesetzt. Als Bob Dylan fromme Lieder gemacht hat. Wenn sie Sportlerinnen und Sportler als Christen geoutet haben. Wenn eine bekannte Figur aus dem Kultur-Betrieb die Bedeutung des persönlichen Glaubens unterstrichen hat. Das war mehr wert als der Hinweis auf die Person des Küsters, des Kirchenvorstehers, der gerade ohne Arbeit war, der Hausfrau, die sich in der Gemeinde engagiert.

            Auch das spiegelt doch das Setzen auf angesehene Personen: Zitate von Martin Luther, Johannes Calvin, Karl Barth oder Dietrich Bonhoeffer haben ein anderes Gewicht als die Zitate eines No-Name-Autors. Es ist nicht so leicht, dieser Gefahr der Bevorzugung prominenter Figuren zu entgehen.  

 

Jesus, wie weit sind wir entfernt davon, alle so anzusehen wie Du sie siehst: barmherzig und gnädig, ohne mit Dankbarkeit zu rechnen, voll Erbarmen aus dem einfachen Grund, weil es Deine Art ist. Aus diesem Erbarmen lebe ich. Lehre mich, dieses Erbarmen auch zu leben In der Zuwendung zu allen, mit denen ich zu tun habe. Amen