Hören und Tun

Jakobus 1, 19 – 27

19 Ihr sollt wissen: Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn. 20 Denn des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist.

            Erstaunlich. δελφοί μου γαπητοί· meine lieben Brüder bleibt in der neuen Luther-Übersetzung unübersetzt. Warum? Unklar. Ich hänge daran, weil es ein Signal ist: Daran liegt Jakobus, dass er nicht von oben herab redet. Darum: meine lieben Brüder. Ich ergänze sachgemäß: meine lieben Schwestern. So sieht Jakobus die Gemeinde – es sind alles geliebte Leute. Sie müssen deshalb nicht auch gleich schon liebe Leute sein. Das „geliebt“ ist unabhängig von der eigenen Liebeswürdigkeit. Auch wenn es leichter sein mag, liebenswürdige Leute zu mögen als Kratzbürsten.

           Der Verlust dieser knappen Anrede führt dazu, dass der Adressat der Sätze nicht mehr deutlich ist. Sie sind keine Allerweltsätze, an alle gerichtet, sondern sie sind Sätze, die sich an die Menschen richten, die in der Gemeinde unterwegs sind. Die neutestamentlichen Schriften neigen nicht dazu, alle Welt zu mahnen. Sie mahnen die Gemeinde. Vielleicht darf und muss man sogar noch einen Schritt weiter gehen: „Wir sehen vor uns die kleine Versammlung der ersten Christen, irgendwo zusammengekommen in einem Privathaus, um miteinander zu hören, was Gottes Wort durch Propheten und Apostel zu uns sagt, dann aber auch, um sofort über das Gehörte miteinander ins Reden zu kommen, und zwar in ein sehr bewegtes, sehr beteiligtes, ja in ein leidenschaftliches Reden über Gottes Wort.“ (E. Thurneysen, Der Brief des Jakobus, Basel 1941/1959, s. 57)Dann wäre diese kleine Wendung „meine lieben Brüder und Schwestern“ wie eine Anrede in der Predigt – liebe Gemeinde, ihr wisst.

Wisst – steht da und meint: Ihr kennt das. Meint aber mehr noch: Prägt es euch ein, so dass es euch auch wirklich prägt. Euer Verhalten, euer Reden, euer Hören. Es geht nicht um ein intellektuelles Wissen, auch nicht um bloßes Bescheid-Wissen, sondern um Wissen, das Verhalten prägt.

            Es geht um gute Regeln für das Miteinander, zuvörderst in der Gemeinde. Rasch zum Hören. Ganz Ohr. Ganz aufmerksam. Es geht nicht nur um das zeitlich schnelle Hören – das steckt zwar vorzugsweise im Wörtchen ταχς. Aber der Zusammenhang zielt nicht auf Tempo oder Tempoverlangsamung, sondern auf einen sorgfältigen, bedachten, klaren Umgang. Sich nicht verschließen, wenn Zuhören angesagt ist, sich nicht abwenden, nicht verweigern. sich dem anderen, Bruder, Schwester wirklich zuwenden.

            Dazu passend, umgekehrt: βραδς, langsam mit den eigenen Worten. Bedächtig. Maßvoll. Dem Zorn  – Zügel anlegen und ihm nicht freien Lauf lassen. Und, es ist die Sicht des lebenserfahrenen Schreibers: Der ungebremste Zorn  richtet allzu oft Unheil an. Auch der vermeintlich gerechte und heilige Zorn.Man kann das Wort  ργή auch statt mit Zorn mit „Gemüt, Temperament, Charakter, Leidenschaftlichkeit, Eifer, Affekt“ (Gemoll Griechisch-Deutsches Schulwörterbuch, München 1957, S. 549) übersetzen. Dann geht um Mäßigung in der Debatte, um den Verzicht, die eigene Position in einem Gespräch – auch über den Glauben – für die einzig mögliche zu erklären. Um den Versuch, geduldig der Wahrheit des anderen auf die Spur zu kommen. 

            Es ist ein so wesentlicher Rat: „Gerade da, wo wir ins Reden kommen möchten über die Sache unseres Glaubens, gerade da mischt sich so leicht eine falsche Leidenschaft in unser Reden ein. … Um Menschen wirklich zu Gott zu führen, muss man langsam sein im Reden; man darf nicht heftig werden; alles Leidenschaftliche, alles aufeinander-Losstürmen, alles Einander-Überreden-Wollen muss unterlassen werden.(E. Thurneysen, aaO. S. 63)

In einer Zeit, in der Talk-Shows einen großen Raum in der Fernseh-Unterhaltung einnehmen, bekomme ich oft das Gegenteil vorgeführt: Statt Zuhören das Ringen um das eigene Wort. Statt sorgfältig wahrnehmen, was der/die Andere sagt, immer schon wissen: Ich bin dagegen. Statt der Suche nach dem Konsens der Monolog des eigenen Rechthabens.  Es ist kaum auszudenken, wie viel Substanz Talk-Shows gewinnen könnten, wenn diese Ratschläge des Jakobus beherzigt würden. Aber das gilt wohl auch für unser eigenes Unterhalten und miteinander Reden.

21 Darum legt ab alle Unsauberkeit und alle Bosheit und nehmt das Wort an mit Sanftmut, das in euch gepflanzt ist und Kraft hat, eure Seelen selig zu machen.

            Vom Reden untereinander, von den Worten, die wir einander sagen kommt Jakobus mühelos zu dem Wort. λόγος. So absolut gebraucht ist das Wort das Wort der Wahrheit (1,18), das rettende Wort, das Wort, das Gott an uns richtet. Dieses Wort ist – jetzt kommen die Christen als Adressaten in den Blick – in euch eingepflanzt. So sollen sie miteinander umgehen, so sollen sie sich gegenseitig ansehen in der Gemeinde, in sie ist das Wort eingepflanzt und so sind sie selbst in den, der das Wort ist, Christus, eingepflanzt.  

            Vielleicht ist es gut, Gleichnisse Jesu hier mitschwingen zu hören: „Siehe, es ging ein Sämann aus zu säen….. Einiges fiel auf gutes Land und trug Frucht, einiges hundertfach, einiges sechzigfach, einiges dreißigfach.“(Matthäus 13, 3.8) So sieht Jakobus seine Leserinnen und Leser: Gutes Land, das dabei ist, Frucht zu tragen. Dieses Wort bringt Menschenherzen – so würden wir wohl statt Seelen sagen – zurecht. Man könnte auch schlicht sagen: Das Wort hat Kraft, Leben zu retten. Der griechische Wortlaut erlaubt das durchaus. Es schließt die Zukunft Gottes auf.  

22 Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein; sonst betrügt ihr euch selbst.

            In manchen Kirchen hängt dieses Wort als Mahnung an der Kanzel. Seid Täter des Wortes. Jakobus, dem so viel am raschen Hören liegt, weiß zugleich: Hören allein tut es freilich nicht. Es muss auch zum Handeln kommen. Wenn der Glaube nur Mundwerk bleibt und nicht auch Handwerk wird, dann ist er verkürzt, verkümmert.

            Es ist ein Selbstbetrug, wenn es beim Hören, bei den schönen Worten bleibt. Bei den „höchst erbaulichen Gedanken“ (M. Siebald). Es ist die Gefahr, dass wir aus dem Wort Gottes eine Spruchsammlung für alle möglichen Gelegenheiten machen. Für Grußworte, Segensworte, Worte auf dem Weg, Worte zum Sonntag, zum Montag. Wenn Worte folgenlos bleiben, können sie auch ungesagt bleiben. Weil sie zum Selbstbetrug werden. Oder, in der Jugendsprache von heute, nur Gelall sind.    

            Was aber ist das – ein Täter des Wortes zu sein? Wie wird man das? „Es heißt, dieses Wort das Wort Gottes so an mich herankommen lassen, dass es mich, mich selbst betrifft, mich bewegt, mich mit meinem ganzen Leben, mich mit Leib , Seele und Geist, so dass ich fortan mein Leben lebe als ein von diesem Wort Getroffener, Verhafteter, Getriebener und Getragener.“(E. Thurneysen, aaO. S. 71) Aus dem Hören kommt das Handeln, aus dem Hören wird das Handeln verwandelt, wird es christusgemäß.

23 Denn wenn jemand ein Hörer des Worts ist und nicht ein Täter, der gleicht einem Menschen, der sein leibliches Angesicht im Spiegel beschaut; 24 denn nachdem er sich beschaut hat, geht er davon und vergisst von Stund an, wie er aussah.

            Es ist ein starkes Bild: Der Spiegel zeigt jemand das eigene Gesicht. Aber nur solange, wie er oder sie vor ihm steht. Wenn aber der Platz vor dem Spiegel verlassen ist, zeigt der Spiegel nichts mehr. Das Bild gerät in Vergessenheit.

          Tun bewahrt vor dem Vergessen. Was ich immer wieder tue, vergesse ich nicht. Was ich nicht regelmäßig tue, verlerne ich und vergesse ich. Das gilt für so einfache Dinge wie Rechenformeln – wer weiß schon noch seine Formeln aus dem 9. oder 10. Schuljahr? – für Befehle in einem PC-Programm. Für Geräte im Haushalt. Was nicht stetig benutzt wird, erfordert immer wieder neue Aneignungen. Es ist die Gefahr, die über jedem Gottesdienst steht: dass wir nach Hause gehen und die Predigt loben. Über allem Loben aber vergessen zu tun, was wir gehört haben. Uns von diesem Wort auch wirklich leiten zu lassen.

25 Wer aber sich vertieft in das vollkommene Gesetz der Freiheit und dabei beharrt und ist nicht ein vergesslicher Hörer, sondern ein Täter, der wird selig sein in seiner Tat.

            Das gilt aber eben auch in geistlichen Dingen. Wer das, was er gehört hat als den Willen Gottes, als das vollkommene Gesetz der Freiheit, tut, der behält es auch. Dessen Leben wird davon geprägt. Ich übertrage für mich: Wer sich vom Erbarmen Gottes in seinem Alltagshandeln leiten lässt, mit anderen barmherzig wird, der vergisst das nicht als den Grund, auf dem er steht. Auch geistliche Dinge prägen sich nur durch Wiederholung ein. Durch die Aneignung im eigenen Tun.  

            Selig in seiner Tat – da steht μακάριος. Das Wort, mit dem die Seligpreisungen Jesu anfangen. Einer der glücklich ist, dem man Glück wünschen darf. Einer, dem es gut geht, bei dem Guten, das er tut. Inzwischen pfeifen es die Psychologen wie die Spatzen von den Dächern: Gutes tun tut denen gut, die Gutes tun. Es baut auf.

26 Wenn jemand meint, er diene Gott, und hält seine Zunge nicht im Zaum, sondern betrügt sein Herz, so ist sein Gottesdienst nichtig.

            Umgekehrt: Gott dienen verlangt Selbstdisziplin. Auch im Reden. Verlangt, dass ich meine Zunge im Zaum halte. Wo das nicht geschieht, nützt auch alle Beschönigung nichts. „In unseren Worten leben wir. Da lassen wir unserem Selbst die Zügel schießen und da sieht man es dann: wir sind immer wieder die alten Menschen.“(E. Thurneysen, aaO. S. 85) Es ist die Gefahr, die alle Frömmigkeit bedroht, auch alle Religiosität. Sie kann zum Selbstbetrug werden. Dazu führen, dass wir uns etwas über uns selbst vormachen. Das Wort θρησκεία kann Gottesdienst bedeuten, aber auch Religion. Es ist, das ist für das Verständnis wichtig, nicht auf den Kult bezogen, nicht auf Sonntag 10 – 11 Uhr. Es ist der Gottesdienst im Alltag der Welt. Der wird verdorben durch Geschwätzigkeit, übles Nachreden, durch folgenloses Gerede. 

 27 Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott, dem Vater, ist der: die Waisen und Witwen in ihrer Trübsal besuchen und sich selbst von der Welt unbefleckt halten.

            Dem stellt Jakobus, ganz in der Tradition prophetischer Rede, den richtigen Gottesdienst gegenüber. Wie ihn der Vater im Himmel will. Die Waisen und Witwen in ihrer Trübsal besuchen. Aufsuchen. Ihnen zur Seite stehen. Sie versorgen. Das ist Handeln in der Spur Gottes. Der HERR behütet die Fremdlinge  und erhält Waisen und Witwen.“ (Psalm 146,9) Das ist zugleich auch die Unbeflecktheit, die Jakobus meint. Seine Frage: „Findet sich in deinem Leben etwas von diesem Dienst an ein paar Armseligen, Schwachen und Kranken, zu denen du dich stellst?“ (E. Thurneysen, aaO. S. 90)  Es geht nicht um Rückzug aus der Welt, nicht um Abstand zur Welt, sondern um Abstand zu den Verhaltens- und Denkweisen, die Witwen und Waisen sich selbst überlassen.

            Unbefleckt ist nicht, wer kultisch rein ist, sondern wer sich sittlich verhält. Sich engagiert für die, denen die Sorge Gottes gilt. Wer sich den Maßstäben der Welt verweigert: „Dem Karrieredenken, dem Ansprüche-Stellen, der Gleichgültigkeit gegenüber Gott und den Menschen, der Anpassung an den Zeitgeist.“ (nach F. Grünzweig, der Brief des Jakobus, Wuppertaler Studienbibel NT , Wuppertal 1976, S. 64) Wer sich um andere sorgt, verliert womöglich die Angst mehr um sich selbst.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

            Es zieht sich als roter Faden durch die Briefe des neuen Testamentes: die ersten Worte gehören allemal dem Formulieren der Grundlagen des Glaubens. Erst kommt das Wort. das Evangelium. Die Botschaft vom Erbarmen Gottes, das in Christus Gestalt gewonnen hat. Dann folgt die Darlegung, was es heißt, aus diesem Glauben zu leben. Was „Gehorsam des Glaubens“(Römer 1, 5) ist.  Auf den Zuspruch folgt der Anspruch oder noch anders. aus dem Zuspruch folgt der Anspruch. Diese Reihenfolge findet sich auch bei Jakobus – aus dem Hören folgt das Handeln. Es gibt kein Evangelium, das nicht auf das Handeln drängt und es gibt kein Handeln des Glaubens, das auf die Grundlagen des Evangeliums verzichten könnte. Es ist die Aufgabe aller aktuellen Verkündigung, diese beiden Pole immer zusammen zu halten.   

Heiliger Gott, Dein Wort will Wurzeln schlagen in meinem Herzen, in meinem Denken. Dein Wort will mein Handeln leiten, meinen Füßen den Weg zeigen, meine Hände zum Zupacken bringen, mich auf den Weg stellen – dorthin, wo ich gebraucht werde.

Gib Du mir, dass Dein Wort meines Fußes Leuchte ist, ein Licht auf meinem Weg, das mich leitet in meinem Handeln, mich zu denen führt, die mich brauchen. Amen