Unausweichlich: Versuchungen

Jakobus 1, 13 – 18

13 Niemand sage, wenn er versucht wird, dass er von Gott versucht werde.

            Jakobus bleibt bei seinem Stichwort: πειρασμός Versuchung. Anfechtung. Die Lutherübersetzung scheint verschiedene Sachverhalte nahezulegen. Aber im Griechischen ist es ein Thema. Es geht um Augenblicke, in denen Entscheidungen zu fällen sind, ein falscher Weg verlockend erscheint und der richtige Weg wenig attraktiv.

            Man muss genau lesen. Jakobus bestreit nicht, dass es Versuchungen gibt. „Kein Menschenleben ohne Versuchung. Ja, kein Tag, keine Stunde, an denen wir nicht versucht würden!“(E. Thurneysen, Der Brief des Jakobus, Basel 1941/1959, S. 45) Es gehört zur Normalität des Christenlebens, dass es nicht konfliktfrei ist, nicht ohne Anfechtung, nicht ohne Versuchung. Woran Jakobus liegt: der Grund der Versuchung ist nie in Gott, se wird nicht von Gott geschickt. Er ist immer in uns. 

Mir kommt es so vor, als reagiere Jakobus auf Sätze und Gedanken, die in den Gemeinden geäußert werden. „Es geht ihm wohl schlicht und einfach um die Bekämpfung falscher Ausreden und Ausflüchte.“(W. Schrage, aaO. S. 18) Es liegt in der Natur des Menschen (?), sich herauszureden. „Die anderen sind schuld.“ – „Die Verhältnisse haben mich gezwungen. “ – Oder gar: „Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.“ (1. Mose 3, 12) Am Ende der Ausreden-Liste ist es häufig genug Gott, der verantwortlich gemacht wird.   

Denn Gott kann nicht versucht werden zum Bösen, und er selbst versucht niemand. 14 Sondern ein jeder, der versucht wird, wird von seinen eigenen Begierden gereizt und gelockt. 15 Danach, wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod. 16 Irrt euch nicht, meine Lieben.

            Es geht um die Frage der Verantwortung für das eigene Leben. Das eigene Handeln. Man darf diese Verantwortung für das eigene Tun nicht wegschieben, schon gar nicht Gott in die Schuhe schieben. Es bleibe doch immer ich, der handelt. Trickst, Täuscht. Lügt. Sich hinreißen lässt. Der eigenen Gier folgt. Der Glauben an Gott entlässt nicht aus der Verantwortung für das eigene Leben, das eigene Handeln. Sondern er befreit zur Verantwortung, weil er die Bergung in  der bedingungslosen Treue Gottes glaubt.    

            Es ist eine kleine Psychologie, die hier vorgeführt wird.  „Es ist das Bild einer Jagd, das Jakobus hier verwendet. Ein Fischwird gefangen mit dem Köder oder ein wildes Tier läuft dem Köder nach aus seinem Versteck heraus und geht in die Falle. So geht es mir, wenn ich versucht werde.“ (E. Thurneysen, aaO. S. 49)Mag sein, Gott stellt uns mit den Herausforderungen des Lebens auf die Probe. Aber nie, um uns zu versuchen, uns zu Fall zu bringen. Es sind immer die eigenen Sinne, Begierden, πιθυμίας, die in Versuchungen die Führung übernehmen, zu Fallstricken werden. Ob es die Gier nach Macht ist, die Gier nach Ansehen, die Gier, immer mehr haben zu wollen. Jakobus ist weit davon entfernt, den Begierden und Wünschen des eigenen Herzens sozusagen wertneutral gegenüber zu treten.

            Jakobus sieht sehr wohl die Verlockungen, die Versprechungen, den falschen Glanz. Und weiß, dass auf den Spuren dieser Begierden sich die Dinge verselbständigen. Aus der Begierde erwächst Sünde, aus der Sünde der Tod. Es sind regelrechte Geburtsvorgänge, die daraus folgen, dass einer der Versuchung in sich selbst Raum gibt, den Lügenversprechen, die das Leben verheißen, aber den Tod mit sich bringen. Am Ende ist man diesem Geburtsvorgang ausgeliefert. Die Freiheit geht verloren. Übrig bleiben die Gefangenschaft unter die Sünde und der Tod.

            Mir scheint, dass Jakobus hier aus dem Fundus der Weisheit schöpft: „Frau Torheit ist ein unbändiges Weib, verführerisch, und weiß nichts von Scham. Sie sitzt vor der Tür ihres Hauses auf einem Thron auf den Höhen der Stadt, einzuladen alle, die vorübergehen und richtig auf ihrem Wege wandeln: »Wer noch unverständig ist, der kehre hier ein!«, und zum Toren spricht sie: »Gestohlenes Wasser ist süß, und heimliches Brot schmeckt fein.« Er weiß aber nicht, dass dort nur die Schatten wohnen, dass ihre Gäste in der Tiefe des Todes hausen. (Sprüche 9, 13-18)

Von den Versuchungen muss man wohl unterscheiden, dass das Leben uns Bewährungen abverlangt. Das es manchmal auch gilt, die Treue zu Gott durchzuhalten. So wie Hiob, der allen Unglücksfällen zum Trotz an Gott festhält. Auch in seinen Fragen, Klagen und Anklagen. „In diesem allen sündigte Hiob nicht und tat nichts Törichtes wider Gott.“(Hiob 1,22) Daran gilt es  festzuhalten: Gott selbst versucht niemand. Er will keinen, der auf seinem Weg geht, zu Fall bringen.    

Manchmal sind Übersetzungen auch ein wenig lustig. Normalerweise sagt die neue Luther-Übersetzung 2017 für δελφοί Brüder und Schwestern. Hier aber schweigt sie, obwohl man vom Griechischen her – δελφοί μου γαπητοί – durchaus übersetzten dürfte: Irrt euch nicht, geliebte Brüder und Schwestern. Hier sind sie beide gleichermaßen im meine Lieben verschwunden. Weil es doch auf der Hand liegt, dass man die Schwestern gar nicht erst ermahnen muss, sich nicht zu irren?   

 17 Alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichts, bei dem keine Veränderung ist noch Wechsel von Licht und der Finsternis. 18 Er hat uns geboren nach seinem Willen durch das Wort der Wahrheit, damit wir die Erstlinge seiner Geschöpfe seien.

            Das ist die Antwort des Jakobus auf diese irrige Annahme:  Alles Gute kommt von Gott. Und darum kann das Dunkle, das Böse nicht auch von ihm kommen. Er ist doch der Vater des Lichtes. Im Griechischen steht das: Vater der Lichter. Ungewöhnlich für das Neue Testament. Vielleicht ist es eine Hilfe, sich zu erinnern, wie es in der Offenbarung heißt:  „Die sieben Sterne sind Engel der sieben Gemeinden, und die sieben Leuchter sind sieben Gemeinden.“(Offenbarung 1,20) Da stehen die Sterne für Engel und Leuchter für die Gemeinden.

Gott verstellt sich nicht. Er wechselt nicht nach Lust und Laune. Er ist nicht wankelmütig. Da ist kein Hin und Her zwischen Licht und Finsternis. Und weil Gott so Licht ist, darum ist es auch sein Wille, dass die Christen Lichter sind. Dazu machen sie sich nicht selbst – das werden sie – durch die Geburt aus seinem Willen. Durch das Wort der Wahrheit, das in ihnen Wurzeln schlägt. Frucht bringt. 

So sollen die Christen „Erstlinge“ sein. Nicht Schlusspunkt, auch nicht Schlusslichter, sondern der Anfang einer Entwicklung, die Gott setzt. παρχήν Das gleiche Wort gebraucht Paulus, wenn er über die Auferstehung nachdenkt: „Ein jeder aber in seiner Ordnung: als Erstling Christus; danach, wenn er kommen wird, die, die Christus angehören; danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt vernichtet hat.“(1. Korinther 15, 23-24) Auch hier wird durch die Auferstehung Jesu ein Prozess in Gang gesetzt, ein Prozess aus dem Heilswillen Gottes heraus. In den alle hinein gezogen werden sollen.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Das alles, was mit dem Stichwort Versuchung zusammen hängt, kommt nicht von außen, durch die Umstände auf uns zu. Es ist die Analyse der Schrift, die Jakobus hier teilt: Es ist unser Herz. „Aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung.“(Matthäus 15,19) Anders gesagt. Es sind wir selbst. Wir sind in diesem Geschehen Subjekt und nie nur Objekt, nie nur Opfer. „Es ist nicht nur Gedankenlosigkeit, sondern das ist unser aller Drang und Wille, das ist die Lust, die in uns lebt. Ganz von innen heraus sind wir getrieben, den bösen Versuch zu wagen, unser Leben zu leben aus uns selbst heraus und ohne Gott. Das ist die Versuchung!“(E. Thurneysen, aaO. S. 50)

Mit diesen Gedanken sollen alle Ausreden abgeschnitten werden. Täter sind für ihr Tun verantwortlich. Sie können es nicht Gott in die Schuhe schieben. Nicht ihre Veranlagung als Entschuldigung heranziehen. Es geht, das liegt für mich auf der Hand, Jakobus im Gespräch mit der Gemeinde auch darum, Gott freizusprechen. Er ist nicht der Versucher. Selbst die Hiobs-Erzählung gibt das nicht her. Das ist eine herbe Botschaft: Wir können die Suche nach dem Erzbösewicht, der an allem Elend der Welt schuld ist, einstellen. Denn am Ende dieser Suche werden wir nur uns selbst gegenüber stehen.

Mein Gott , bewahre mich davor, Dein Bild zu verdunkeln. Bewahre mich davor, Dich zu beschuldigen, wo es um meine Verantwortung geht, Dir anzulasten, was ich versäumt habe. Bewahre mich vor allen Versuchen, Dir oder anderen meine Schuld in die Schuhe zu schieben.

Hilf mir, dass ich das helle Bild Deiner Liebe vor Augen habe, auch dann, wenn das Leben mir harte Proben abverlangt. Amen