An Zwei-Seelen-Leute

Jakobus 1, 1 – 12

1 Jakobus, ein Knecht Gottes und des Herrn Jesus Christus, an die zwölf Stämme in der Zerstreuung: Gruß zuvor!

            Wir wissen nicht sicher, wer Jakobus ist. Allerdings gilt: „Nur Jakobus, der Herrenbruder, ist in der Urchristenheit so bekannt, dass die bloße Namensnennung ihn hinreichend ausweist.“(M. Behnisch/D. Puttkammer, Glaube hat Früchte, Texte zur Bibel 6, Neukirchen 1990, S. 10) Dann wäre also  unser Briefschreiber der Bruder Jesu, Sohn Josefs und der Maria. Er selbst stellt sich so nicht vor. Ihm reicht: ein Knecht Gottes und des Herrn Jesus Christus. Das mag an Selbstvorstellungen von Paulus erinnern, der sich auch als Knecht Jesu Christi bezeichnet. Darin steckt keine eigene Geringschätzung,  sondern ganz im Gegenteil: Knecht Gottes ist schon – spätestens seit dem Propheten Jesaja – ein Würde-Name.

            Jakobus schreibt an die ganze Christenheit. Das signalisiert er mit den zwölf Stämmen. Es ist kein Brief an eine einzelne Gemeinde, sondern eher ein Rundschreiben an alle. Die in der Zerstreuung, διασπορά, leben. Versprengt unter die vielen, die Völker. Es ist die Normal-Existenz der ersten Gemeinde. „Sie ist versprengt und zerstreut unter allen Völkern. Sie ist versprengt selbst dort, wo sie als Gemeinde scheinbar noch zusammen wohnt.“(E. Thurneysen, Der Brief des Jakobus, Basel 1941/1959, S. 9)Die Christ*innen  sind nirgendwo in der Mehrheit, sondern immer Minderheit, untergemischt unter die anderen, die anders glauben, andere Götter verehren, anders leben. 

            Ganz knapp, karg, im Vergleich zu anderen Grüßen in anderen Briefen sein Gruß zuvor. χαίρειν. Auf mich wirkt das fast schon unhöflich. Wie „Tach“ oder „Gude“. Aber immerhin – auch die Einladung zur Freude schwingt in diesem Wort mit.

 2 Meine Brüder und Schwestern, erachtet es für lauter Freude, wenn ihr in mancherlei Anfechtungen fallt, 3 und wisst, dass euer Glaube, wenn er bewährt ist, Geduld wirkt. 4 Die Geduld aber soll zu einem vollkommenen Werk führen, damit ihr vollkommen und unversehrt seid und kein Mangel an euch sei.

            Ohne Umschweife kommt Jakobus zur Sache. „Es liegt kein besonderer Glanz über den Worten des Jakobus. Er redet in seinem ganzen Brief eine harte, karge und strenge Sprache. (E. Thurneysen, aaO. S. 10) Er nimmt Erfahrungen auf, die wohl alle haben: mancherlei Anfechtung. Was kann damit gemeint sein? „Ständige Gefährdungen und Versuchungen der der Frommen in der Diaspora der Welt.“(W. Schrage, der Jakobusbrief, NTD 10, Göttingen 1973, S. 15) Schwierigkeiten, die sich einem unbesorgten Leben in den Weg stellen. Menschen, die einen fordern und manchmal ärgern. Anfeindungen. Ausgegrenzt werden. Vielleicht auch inneren Spannungen, von denen ja später auch noch die Rede sein wird. Alles Erfahrungen, die eher schwer sind. Jakobus will, dass diese Erfahrungen als Schritte auf dem Weg des Glaubens bewältigt werden. Als Herausforderungen, die den Glaubenden weiter reifen lassen, dem Glauben Tiefgang verleihen.

Jakobus fordert dazu auf, solche Schwierigkeiten für lauter Freude zu achten. Warum das so sein soll, erklärt er hier zunächst noch nicht. Nur dass es so sein soll. „In ihnen muss die bereits getroffene Glaubensentscheidung sich prüfen lassen und sich bewähren.“(M. Behnisch/D. Puttkammer, aaO. S. 45)Von daher ist es ein logischer Schritt:Es geht um Geduld. Es geht um Glauben. Es geht um ein Durchhalten bis ans Ende. Dieses Durchstehen lässt zu Leuten werden, die vollkommen sind, τέλειοι. Diedem Ziel entsprechen, das ihnen zugedacht ist. In meinen Worten: Der Vollendung in der Herrlichkeit Gottes.      

            Man kommt dem besser auf die Spur, wenn man sprachliche Zusammenhänge sieht: Jesus „liebt seine Jünger bis ans Ende (Johannes 13,1) erzählt das Johannes-Evangelium. „Es ist vollbracht.“(Johannes 19,30) ruft Jesus am Kreuz. Immer ist  das gleiche griechische Wort im Spiel, das hier mit „vollkommen“, „ans Ende“ übersetzt wird. Die dieses Ziel erreichen sind τέλειοι. Am Ziel. Nicht vollkommen in einem moralischen Sinn, so wie wir von „Heiligen „ reden. Aber sie haben es geschafft – bis ins Ziel. Das ist ihre Vollkommenheit.      

 5 Wenn es aber jemandem unter euch an Weisheit mangelt, so bitte er Gott, der jedermann gern gibt und ohne Vorwurf gibt; so wird sie ihm gegeben werden.

            Zur Bewährung des Glaubens braucht es neben der Geduld auch Weisheit. Die sich nicht den Blick verstellen lässt durch die Lebensumstände. Weisheit ist mehr praktische Vernunft als die Fähigkeit zu theoretischen Überlegungen. Darum darf man Gott bitten und solche Bitten wird er erhören. Ganz so, wie es in den Psalmen sichtbar wird.     

HERR, zeige mir deine Wege und lehre mich deine Steige!  Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich!       Psalm 25, 4-5

            So darf man vertrauensvoll bitten, weil Gott ja der ist, der gerne gibt, der das Beten seiner Leute erhört. Gott, so sieht es Jakobus, schilt nicht, wenn einer ihm seine Bedürftigkeit zeigt. Wir können aufhören mit Versteckspielen. „Wir geben uns alle so sicher. Aber im Grunde sind wir unsicher, so ratlos, so preisgegeben.“(E. Thurneysen, aaO. S. 23) Gott hofft auf Ehrlichkeit und reagiert nicht auf sie mit Vorwurf. Er freut sich am Vertrauen, das darin sichtbar wird. Im Hintergrund darf ich vielleicht die Worte Jesu mithören: „Bittet, so wird euch gegeben. Sucht, so werdet ihr finden. Klopft an, so wird euch aufgetan.“(Matthäus 7,7)

6 Er bitte aber im Glauben und zweifle nicht; denn wer zweifelt, der gleicht einer Meereswoge, die vom Winde getrieben und bewegt wird. 7 Ein solcher Mensch denke nicht, dass er etwas von dem Herrn empfangen werde. 8 Ein Zweifler ist unbeständig auf allen seinen Wegen.

            Zum ersten, aber nicht zum letzten Mal weist Jakobus darauf hin: Bitten duldet keine Halbherzigkeit. Keinen Zweifel. Es braucht „das unbedingte Vertrauen auf die Erfüllung der Bitte durch Gott.“(W. Schrage, ebda., S.16) Das könnte sich so anhören, als sei das zweifelfreie Beten zwingende Voraussetzung dafür, dass Gott helfen kann. Ich halte so eine Sichtweise für hoch problematisch, weil die die Freiheit Gottes verspielt

            Es gibt auch heute die durchaus harte Sicht bei unerfüllten Gebeten: `Du hast nur nicht genug geglaubt. Du warst innerlich voller Zweifel.´ Aber das ist häufig genug genau unsere Situation, wenn wir beten: „Wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie es recht ist.“ (Römer 8, 26) Wir gleichen oftmals Leuten, die in ihren inneren Vorbehalten stecken bleiben und innerlich zerrissen sind, auch in dem, was wir erhoffen. Da ist das harte Urteil des Jakobus erschreckend: „Wer aber so in sich zerspalten bleibt, empfängt nichts.“ (W. Schrage, ebda., S. 16)

            Ein Zwei-Seelen-Mann ist so jemand. δίψυχος. „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust.“ So sind wir, oft. Es ist gut, dass es auch andere Worte in den neutestamentlichen Überlieferungen gibt, die dieser Halbherzigkeit, dem Zweifel Rechnung tragen. „Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst – alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“(Markus 9,23-24) Beides hat ein Recht: das Wort, das uns tröstet über unserem unsicheren Vertrauen und das Wort, das uns zur Eindeutigkeit Mut machen will und zur Gewissheit  ruft. Auch zur eigenen, inneren Festlegung.

Man kommt nicht aus der Haltung des Zweifels heraus, wenn man sie zur prinzipiell einzig möglichen Haltung in Dingen des Glaubens erklärt. Skepsis als Grundhaltung beschädigt nicht nur den Glauben, sondern das ganze Leben. Es gibt auch eine naive, meinetwegen auch im wahrsten Sinn des Wortes alternative (=von oben geborene) Gewissheit in Dingen des Glaubens. Die meint Jakobus wohl. Sie ist aber Geschenk und nie selbst erzeugte Haltung.   

9 Der Bruder aber, der niedrig ist, rühme sich seiner Höhe; 10 wer aber reich ist, rühme sich seiner Niedrigkeit, denn wie eine Blume des Grases wird er vergehen. 11 Die Sonne geht auf mit ihrer Hitze und das Gras verwelkt, und die Blume fällt ab und ihre schöne Gestalt verdirbt: so wird auch der Reiche dahinwelken in dem, was er unternimmt.

            Dass es dem Schreiber nicht um so etwas wie persönliche Selbstvervollkommnung geht, zeigen diese Worte. Jakobus erinnert an die Vergänglichkeit. An die Hinfälligkeit. Die Sprache der Psalmen liefert ihm wohl das Material für seine Worte.  

Du lässest sie dahinfahren wie einen Strom, sie sind wie ein Schlaf, wie ein Gras, das am Morgen noch sprosst, das am Morgen blüht und sprosst und des Abends welkt und verdorrt.         Psalm 90, 5 – 6

Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr.          Psalm 103, 15 -16

            Es ist nicht unsere Leistung, wenn wir zweifelsfrei sind. Wenn wir im Glauben fest stehen. Wenn unser Leben beständig ist. Es ist Gottes Gabe in unser vergängliches Leben hinein. Oder mit Paulus: Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen.“(2. Korinther 4,7)

12 Selig ist, wer die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die Gott verheißen hat denen, die ihn lieb haben.

            Ein bisschen mag das charakteristisch sein für das Denken des Jakobus. Auf diese nüchterne Feststellung der Vergänglichkeit und diese Aufforderung zu einem ungeteilten Bitten folgt eine Seligpreisung. Nicht der Anfechtung. Jakobus sagt eben nicht: Selig sind die Angefochtenen. Sondern er preist die selig, die in den Anfechtungen standhalten, Geduld, πομονή, bewahren. Durchhalten. Die nicht weglaufen vor den Prüfungen des Lebens.

            Sie empfangen großen Lohn. στέφανος τς ζως. Den Kranz des Lebens. Den Sieg. Ganz ähnlich klingt es im Sendschreiben nach Smyrna: „Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“(Offenbarung 2,10) Die Schreiber der ersten Schriften der Christenheit haben wenig Hemmungen zu sagen: Glauben lohnt sich. Durchhalten auch in der Bedrängnis lohnt sich. Weil Gott die Treue sieht, die Geduld sieht, auch den angefochtenen  Glauben – und ihn beantwortet. Mit seiner Gabe der Liebe antwortet auf die Liebe, mit der er geliebt wird. 

Was mich beschäftigt:

            Dieser Briefanfang geht so schmucklos rasch hinweg über die äußeren Umstände. Wir erfahren nichts über die Situation der Empfänger – außer wir schließen durch die Worte es Jakobus auf sie zurück. Sie haben es nicht leicht. Sie stehen unter Druck. Es mag auch innere Zerreißproben in der Gemeinde geben. Es gibt Zweifler, Starke im Glauben, Arme, Reiche, Angefochtene. Sie alle sucht der Apostel in seinen Worten. Ihnen alle stellt er Gott vor Augen, „dass dieser Gott ein gebender Gott ist. Gott ist in einer großen Bewegung begriffen, in einer Bewegung des Schenkens, in der Bewegung unbegreiflicher Liebe zu uns hin. Er ist der Gott, dessen Wesen es ist, nur zu schenken.“ (E. Thurneysen, aaO. S. 28) Wenn das der Anfang einer „strohernen Epistel“(Luther)ist, so glänzt darin schon Gold. Man muss es nur sehen.

Heiliger Gott, wie oft geht es in mir hin und her, wie oft bin ich innerlich zerrissen, unsicher, tastend nach Klarheit und Festigkeit. Ich danke Dir, dass ich mit Dir reden darf, mit Dir rechnen darf, auf Dich zählen darf, auch wenn ich manchmal meiner selbst nicht sicher bin. Aber mein Zerrissen-Sein darf Dich nicht hindern, Gutes an mir zu tun, mein Bitten zu hören, auch das Bitten, an dem der Zweifel nagt. Amen