Nicht allein bleiben

Matthäus 7, 7 – 11

 7 Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. 8 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.

             Was für eine Weite! Was für ein Vertrauen! Was für eine Zumutung! Die Worte hören und sich davon angezogen fühlen ist eins. Aber auch das passiert sozusagen automatisch, dass der Zweifel sich meldet, Die Erfahrung. Das wissen wir doch: Bitten laufen ins Leere, finden keinen Echo, keine Antwort. Gebete bleiben unerhört.  Nicht alle, aber doch mehr als wir gut aushalten. „Nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott.“(D. Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, DBW Band 8, S.569) Das klingt wie eine notwendige Eingrenzung dieses so unglaublich weiten Jesus-Wortes.

Es ist vielleicht so, dass die Worte Jesu anknüpfen an eine Verheißung, die dem unter die Völker zerstreuten Israel gilt: „Ihr werdet dort den HERRN, deinen Gott, suchen, und du wirst ihn finden, so du ihn von ganzem Herzen und von ganzer Seele suchen wirst.“(5. Mose 4, 29) Jesus ist in seinem Reden nicht so, dass er seine Worte aus der Luft greift. Er greift die Worte seines Vaters im Himmel auf und hält sie denen hin, die er ansieht als die zerstreuten Schafe Israels(9,36).

Unsere Einwände gehen weiter, immer weiter: Es gibt vergebliches Suchen, nicht nur nach verlegten Gegenständen. Vergebliches Suchen nach Lösungen, nach Weggefährten für das eigene Leben. Nach Liebe. Nach Gerechtigkeit. Nicht alle Türen gehen auf. Nach der fünfzigsten  vergeblichen Bewerbung werfen manche das Handtuch: Für mich geht keine Tür mehr auf.

„Weiß Jesus nichts von nicht erhörten Gebeten?“(W. Klaiber, aaO. S. 143) Er, der beten wird: „Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!“(26,39)Es könnte sein – es ist gerade umgekehrt: Weil Jesus weiß, wie bedroht das Beten ist, wie rasch einer/eine sagt: Es ändert ja doch nichts. Der Himmel bleibt verschlossen, es ist keiner da, der hört, darum sagt er diese Worte. Weil die Ermutigung zum Suchen, Bitten, Anklopfen nötig ist wie das  tägliche Brot.  

Hinter den Worten Jesu steht sein Vertrauen auf den himmlischen Vater. Sein Vertrauen, dass er allen mitteilen möchte, mit allen teilen möchte, die sich um ihn sammeln. Die ihn hören. Es ist das Rufen in ein Beten über die eigenen Grenzen hinaus. In ein Vertrauen, dass sich nicht von vornherein durch Einwände, Erfahrungen und Zweifel ausbremst. Das sich nicht mehr traut, die eigenen Hoffnungen zu denken, zuzulassen und auch vor Gott zu sagen, allen inneren Stimmen zum Trotz. „Nicht allein bleiben“ weiterlesen

Grenzfall Normenkontrolle

 Matthäus 7, 1 – 6

1 Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. 2 Denn nach welchem Recht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden.

Sind das immer noch die gleichen Leute, die hier angesprochen sind? Die zuvor in die Freiheit vom Sorgen gerufen worden sind, in ein Leben im Heute. Es scheint eine Brücke zu geben von den Sorgen um das eigene Leben und Auskommen zu dem Urteilen über andere. Eine Brücke, über die es sich immer wieder leicht geht, weil die Urteile über die anderen auch ablenken von den eigenen Ängsten und Sorgen.

Der Ruf in die Sorglosigkeit verbindet sich in den Worten Jesu mit der Aufforderung, auf Urteilen und Richten zu verzichten. Das Bewerten. „Das kann man gelten lassen.“ höre ich.  „Gerade noch so.“ spüre ich. Wer will, dass eine Gemeinschaft, eine Gruppe zerbricht, der hat eine todsichere Möglichkeit: mann/frau muss nur laut und deutlich alle negativen Urteile von sich geben, die er/sie über andere in sich trägt oder die ihm zugetragen worden sind. Danach ist er/sie mit größter Sicherheit allein.

Es liegt eine zerstörerische Kraft in solchen Urteilen. Darum durchzieht die Schriften des Neuen Testamentes auch die Aufforderung zum Verzicht auf dieses Richten und Urteilen. Bei Paulus: „Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.“ (Römer 14,10) Bei Jakobus: „Einer ist der Gesetzgeber und Richter, der selig machen und verdammen kann. Wer aber bist du, dass du den Nächsten verurteilst?“(Jakobus 4,12) Es ist das Wissen, dass alle menschlichen Urteile vorläufig sind. Häufig nur ein Kampf mit den eigenen, nicht angenommenen Schattenseiten. Nur einem steht es wirklich zu, über uns zu urteilen: Gott selbst.

Das ist auch der letzte Grund für diese Worte Jesu: wer über andere urteilt, sie gar verurteilt, der maßt sich Gottesrechte an. Erst recht, wenn es ein Urteilen ist, gegen das es keine Instanz mehr geben soll. „Der ist nicht gläubig“. – „Der ist ein hoffnungsloser Fall.“ – „Da ist Hopfen und Malz verloren“. Es gibt eine Neigung, Gottes Urteile vorwegzunehmen. Sie sitzt tief und sie hat mit der angemaßten Gottgleichheit zu tun „Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“(1. Mose 3,5) Urteilsfähig in allem, auch im Letzten. „Grenzfall Normenkontrolle“ weiterlesen

Sorgt nicht – seid frei

Matthäus 6, 25 – 34

25 Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?

             Jetzt argumentiert Jesus. Mit bestechend schönen Bildern. Wie ein Lehrer der Weisheit. Es ist der Schluss „vom Größeren auf das Kleinere“(E. Schweizer, aaO. S. 104) Der das Leben – und das ist doch unzweifelhaft die größte Gabe – gegeben hat, wird der nicht auch für Nahrung und Kleidung sorgen? Das ist eine Voraussetzung, die viele heute nicht mehr so teilen, „dass Leib und Leben uns vom Schöpfer gegeben sind.“(E. Schweizer, ebda.) Eine Überzeugung, von der Jesus hingegen ausgehen kann, dass seine Hörer, immer noch die Jünger und das Volk, sie mit ihm teilen.

             Wir heute müssen für diese Grundüberzeugung als Kirchen neu werben. Sie der Sicht entgegenstellen, die den Menschen als Produkt seiner selbst sieht. Als Ergebnis einer Liebesnacht, wenn es gut geht. Als Zufalls-Produkt einer flüchtigen Begegnung. Als Ergebnis ärztlicher Kunst in der künstlichen Befruchtung. Aber als Geschenk aus dem Himmel? Wer will das denn heute noch zu sagen wagen? Von sich selbst oder von seinen Kindern?

26 Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie? 27 Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt? 28 Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. 29 Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. 30 Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?

Es geht im gleichen Stil weiter. Wieder mit unübertrefflich schönen Worten. Einer Bildsprache, die unmittelbar zu Herzen geht. Anrührt. Diesmal geht das Schlussverfahren den umgekehrten Weg – vom Kleineren zum Größeren. Wenn Gott schon die Sorglosigkeit der Vögel nicht ins Leere laufen lässt, wie sollte er dann die, die um Jesus herumstehen, Männer Frauen, Junge, Alte, Kinder, Greise, leer laufen lassen mit ihren Bedürfnissen?

Wenn er die Lilien ausstaffiert mit unaussprechlicher Schönheit, wenn er das Gras so üppig überschüttet mit Glanz, das doch morgen schon bloßes Heu ist  – wie viel mehr wird er Gutes tun an seinen Menschen. An euch, ihr Kleingläubigen? So direkt wird Jesus jetzt. Mancher Hörer oder Hörerin auf dem Berg mag sich nicht nur angeschaut fühlen, sondern durchschaut bis in die Tiefen des Herzens. „Sorgt nicht – seid frei“ weiterlesen

Wo ist mein Schatz?

Matthäus 6, 19 – 24

19 Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen. 20 Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen. 21 Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.

             Der innere Einwand der Zuhörer*innen auf dem Berg ist förmlich zu hören: Er hat leicht reden, dieser Wanderprediger in Galiläa. Er hat ja nur, was er auf dem Leib trägt. Aber wie soll diese Worte der hören, der ein Haus hat, der Schätze hat, der umgeben ist von Gütern und Gaben, Insignien seines erfolgreichen Lebens, der Diebstahl-Sicherungen eingebaut hat? Das ist doch die Angst, die Besitzende haben: dass einer kommt und stiehlt oder dass plötzlich alles wertlos ist, von Motten zerfressen, vom Zahn der Zeit zernagt.

Es singt sich leicht, als Lied auf der Wanderschaft, auf der Wallfahrt:

„Wenn der HERR nicht das Haus baut,  so arbeiten umsonst, die daran bauen.             Wenn der HERR nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst.     Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzet                                und esset euer Brot mit Sorgen;  denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf.“                       Psalm 127, 1 – 2

             Wenn aber einer ein Haus hat oder ein Haus zu bauen unternimmt, dann fühlt er sich nicht ernst genommen mit diesem Lied. Wenn einer täglich rechnen muss, damit mit dem Einkommen auszukommen ist, dann  ist er mit solchen Gesängen vielleicht sogar provoziert. Und wenn er, Jesus, der nichts hat davon redet, dass alle Schätze r Welt nichts sind, Mottenfraß, dann klingt das auch nach Provokation.

Klar ist: Dem Habenwollen wird mit diesen Worten Jesu nicht das Wort geredet. Der menschlichen Gier, die „Grundkapital des Kapitalismus“, ein „Baustein der menschlichen Natur“ ist (Olaf Henkel vor Jahren in einer TV-Sendung), wird hier nicht das Wort geredet. Irgendwie wird all das, womit man auftrumpfen könnte und nicht nur in der Werbung heutzutage auftrumpft: „Mein Haus, mein Auto, mein… alles mein“ –eher nebensächlich, wenn nicht gar als hinderlich angesehen. Jesus scheint nicht wirklich viel Respekt zu haben vor den Reichtümern, die wir so ansammeln im Lauf des Lebens. „Wo ist mein Schatz?“ weiterlesen

Einladung zur Freiheit: Fasten

Matthäus 6, 16 – 18

16 Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauer dreinsehen wie die Heuchler; denn sie verstellen ihr Gesicht, um sich vor den Leuten zu zeigen mit ihrem Fasten. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.

                  Der Kreis schließt sich. Erst die Übung der Barmherzigkeit, dann die Übung des Gebets. Jetzt die Übung des Fastens. Wieder geht es um Verhalten, das in der Umwelt Jesu gebräuchlich ist, das wohl auch in der Gemeinde des Matthäus eher selbstverständlich geübt worden ist. Es gibt das Fasten am großen Versöhnungstag, das Fasten im Gedenken an die Zerstörung Jerusalems. Buße und Trauer bestimmen das Fasten. Als Jona seine Bußpredigt in Ninive ausrichtet, ordnet dort das Volk (!) ein Fasten an, als Zeichen der Umkehr:  „Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und ließen ein Fasten ausrufen und zogen alle, Groß und Klein, den Sack zur Buße an.“(Jona 3, 5)

Was so für die Gemeinschaft gängige Praxis ist, gibt es auch im Leben des Einzelnen: Fasten, um sich dem zu stellen, was das Leben belastet. Buß-Fasten. Trauer-Fasten. Kein Wunder, dass es nicht mit fröhlichem Gesicht ausgeübt wird. Auch kein Wunder, dass es das Angesicht entstellen kann, dass Gesichter unansehnlich werden. Kein Glanz, kein schöner Schein.

Nun ist wichtig: Jesus polemisiert hier nicht grundsätzlich gegen das Fasten. Sondern nur gegen ein Fasten, das zur Demonstration der eigenen Frömmigkeit entgleist.Wieder geht es gegen die Heuchlerποκριταί, Wieder gilt: Das muss nicht eine bestimmte Gruppe meinen. Wohl aber meint es ein Verhalten, eine Praxis, die nicht die Öffnung zu Gott hin im Zentrum hat, sondern die Sichtbarkeit für andere. Das gesehen werden will. Sein scharfes Urteil: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Das Einzige, was bei dieser Art Fasten herauskommt, ist die Anerkennung durch andere, aber eben kein himmlischer Lohn. Das Verhältnis zu Gott wird sich nicht ändern, schon gar nicht vertiefen.

 17 Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht, 18 damit du dich nicht vor den Leuten zeigst mit deinem Fasten, sondern vor deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.

             Dem stellt Jesus ein anderes Fasten gegenüber. Aber jetzt nicht in den Spuren des Jesaja, der Gerechtigkeit und Solidarität als das wahre, eigentliche Fasten heraus stellt. „Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat? Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“(Jesaja 58, 4-7) Jesus bleibt bei der „frommen Übung“. Aber er will sie radikal anders gestaltet sehen.

Äußerlich eine irgendwie alltägliche Vorbereitung auf ein Fest: „Das Waschen des Gesichts, der häufige, von den Rabbinen empfohlene Besuch der Bäder und das Einreiben mit Öl waren Bestandteil der täglichen Hygiene.“(U. Luz, aaO.  S.327) Vielleicht darf man so weit gehen und sagen: Jesus empfiehlt das Verbergen der Sehnsucht nach Gott, die ja hinter jedem wirklichen Fasten steht, in einer Alltagsgestalt. Zum zweiten Mal in kürzester Folge (vgl 6,6) wird Gott als Vater, der im Verborgenen ist; gekennzeichnet und darauf verwiesen: Er sieht in das Verborgene.

Auch wenn die eigene Frömmigkeit vor Menschen nicht zum Strahlen kommt – Gott sieht sie. Und Gott antwortet auch darauf. Er wird vergelten. Es lohnt sich, weil Gott die Sehnsucht nach ihm nicht ohne Antwort lässt. Das ist eine der unbefangenen Botschaften des Matthäus: Gott vergilt. Der Glaube lohnt. Frömmigkeit geht nicht als nutzlose Übung ins Leere. Sie frommt.

Darüber hinaus: vielleicht geht es bei dem Waschen und Salben, bei dem schönen Gesicht ja auch darum, dass Fasten hier eine Art Vorwegnahme wird, nämlich die Vorbereitung auf den Festjubel, wenn sich das Leben vollenden wird, wenn der Bräutigam kommen wird. Auch das sind ja Bilder, die dem Matthäus-Evangelium geläufig sind. Dann ist Fasten nach vorne ausgerichtet, darauf, dass einmal das Angesicht strahlen wird vor Freude.

„Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein.“                                           Psalm 126,2

             Ob man so weit gehen darf. Sich äußerlich schön zu machen in einer Fastenzeit hat es damit zu tun, das einer auch innerlich schön werden will. Dass einer sich vom Ballast seines Leibes und vom Ballast seinr Seele entleeren will. Dass einer empfangsbereit werden will für Gott. Fasten als Leerwerden vor und für Gott, damit er die innere Leere füllen kann.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

             Almosen – Beten – Fasten sind drei Elemente des frommen Lebens, das Jesus hier ordnet. Auch das Leben in der neuen Zeit, die mit Jesus angebrochen ist, geht nicht ohne Ordnungen, ohne Lebensmuster. Diese Verhaltensweisen stellt der Evangelist durch die Worte Jesu seinen Leserinnen und Lesern vor als gute Lebensmuster. Es lohnt sich, sich um sie zu mühen.

Wir haben es also mit einer Art jesuanischer Lebensordnung zu tun. Bei weitem nicht so wortreich wie kirchliche Lebensordnungen heutzutage. Diese fromme Ordnung des Lebens steht in der Mitte der Bergpredigt. Wohl kaum zufällig, sondern bewusst gestaltet. Weil die Frage nach dem gerechten Leben, nach der „besseren Gerechtigkeit“(5,20) eben nicht nur eine Frage nach dem sozialen Verhalten ist. In diesen Übungen lenkt Jesus die Aufmerksamkeit auf die Innenseite der Gerechtigkeit, um die es auch in den Anti-Thesen – ich aber sage euch – geht, auf die Grundausrichtung des Herzens.

 

Herr Jesus, Du willst uns Mut machen, dass wir uns austrecken nach Gott, nach Dir, dass wir unserer Sehnsucht Raum lassen, die Dich sucht. Geborgenheit über den Tag hinaus.

Manchmal müssen wir uns befreien von dem, was wir besitzen und was uns besitzt, damit wir uns ausstrecken können allein nach Dir. Manchmal müssen wir uns befreien von der Suche nach Anerkennung irgendwo, damit wir es verstehen und begreifen: Du hast uns längst erkannt und anerkannt

Hilf Du uns, dass wir Dein Ja über uns und zu uns glauben, damit wir frei werden. Amen

Beten – kinderleicht!

Matthäus 6, 5 – 15

5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.

 Es gehört in den Intim-Bereich, zumindest hier bei uns: Beten. Öffentlich zu beten gehört sich nicht in Deutschland. Das ist in anderen Gegenden der Welt, Kulturen und Religionen anders. Bei uns wird öffentlich nur von den berufenen Vertretern der Religionen gebetet.

Im Israel zur Zeit Jesu ist das anders. In der Synagoge, auf der Straße – überall gibt es betende Leute zu sehen. Es ist erlernte und geübte „jüdische Praxis, am Morgen, Mittag und Abend zu beten.“ (W. Klaiber, aaO.  S.121) Wo immer man auch gerade sein mag.

ποκριτα, Heuchler, hat Jesus im Blick. Deren Verhalten gilt es zu vermeiden. Man tut gut daran, sich nicht gleich innerlich darauf festzulegen, dass Jesus damit Pharisäer und Schriftgelehrte angreift. Es geht um die Haltung, nicht um eine spezifische Gruppe. Das griechische Wort findet sich auch im Deutschen: Hypokritiker. Es sind Leute, die alles kritisieren. sie haben ein ausgeprägtes Problem-Bewusstsein. Sie klagen öffentlich und vielbeachtet über Missstände. Sie sind gerne demonstrativ mit Forderungen unterwegs. Es ist nicht wirklich schwer, die Vertreter dieser Geisteshaltung heutzutage zu finden.

   Nicht das Beten als solches ist für Jesus problematisch – ist er doch selbst einer, der viel und nächtelang betet – sondern, dass es zur Demonstration werden kann. Zur öffentlichen Aktion und zur Selbstdarstellung: „Schaut her, so steht es zwischen mir und Gott.“

Ob damit wirklich ortsübliche und zeitübliche jüdische Praxis getroffen ist? „Das Gebet war vermutlich für die meisten Juden etwas zu Selbstverständliches, um als Mittel zu besonderer Selbstdarstellung geeignet zu sein.“(U. Luz, aaO.  S.325) Deshalb neige ich dazu, in diesen Worten stärker eine Warnung an die Leser und Leserinnen des Evangeliums  zu lesen und nicht Kritik an Juden und damals gängiger Praxis.

Da freilich haben diese Worte bis heute Sinn. Erinnern sie doch daran, dass uns beim Beten nicht irgendwelche außengeleiteten Motive bestimmen sollen – die Lust an der eigenen schönen Gebetsprache, die Demonstration der eigenen Frömmigkeit, die Anerkennung durch eine Gruppe, in der Beten „dazu gehört“. Das alles ist gefährlich – und es gehört zur Redlichkeit im eigenen Frommsein, diese Gefahren nicht zur Seite zu schieben. Sie bedrohen unser Beten, immer wieder. „Beten – kinderleicht!“ weiterlesen

Achtung! Fromm!

Matthäus 6, 1 – 4

 1 Habt Acht auf eure Gerechtigkeit, dass ihr die nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden; ihr habt sonst keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel.

             Waren die Worte zuvor aus der Auseinandersetzung mit den Worten und Wegweisungen der Schrift erwachsen, so folgen jetzt Worte, die auf das Verhalten der Leserinnen und Leser des Evangeliums zielen. Denn sie stehen hinter den Jüngern und dem Volk, die erste Adressaten der Bergpredigt gesen sein mögen.

Habt acht. Προσχετε. Das ist ein sehr seltenes Wort. Es begegnet im Neuen Testament nur hier und einmal im Lukas-Evangelium. Auch dort in einer Warnung: Hütet euch vor den Schriftgelehrten.“ (Lukas 20,46) Das gemeinsame: es geht jedes Mal um ein Leben, das nicht mit dem Schein zufrieden ist, nicht auf den schönen Schein setzt. Sondern dass sich um wahrhaftiges Sein müht. Um das zu erreichen gilt: Seid wachsam! Selbstkritisch. Selbstkritik ist kein Privileg der tyrannischen KPdSU unter Stalin&Co. Es ist eine Haltung, die im Christentum eingeübt wird. Unter anderem in den geistlichen Übungen des Ignatius von Loyola, auch in der Beichte.

Die Übersetzung in der der Luther-Bibel 2017 des Wortes δικαιοσύνη mit Gerechtigkeit ist ein Fortschritt. Die alte Übersetzung mit  Frömmigkeit die Gedanken doch verengend in eine bestimmte Richtung lenkt: Frömmigkeit verbindet sich alltags-gedanklich mit Gottesdienstbesuch, Beten, Bibellesen, schön von Gott reden. Sie hat so mancher billigen Polemik gegen fromme Leute und frommes Getue Vorschub geleistet

Gerechtigkeit ist die Bedeutung, die dem gemein-griechischen Wortgebrauch am ehesten entspricht. Gemeint ist „das menschliche Handeln, wie es Gott, der himmlische Vater, will.“(U. Luz, aaO.  S. 328 ) Es ist also eine tatkräftige Angelegenheit, die auf der Erde gelebt wird, die anderen zugutekommt und die nicht demonstriert, dass man dabei ist, sich einen Platz im Himmel zu erdienen oder gar zu erdienern. So hat Luther das Wort „fromm“ ja ursprünglich gebraucht: fromm = nützlich. Deshalb konnte er von einem frommen Landsknecht reden, einem, der nicht zwingend das Gebetbuch auswendig konnte, sondern auf den im Kampf Verlass war. „Achtung! Fromm!“ weiterlesen

Wirklich alle?

Matthäus 5, 38 -48

38 Ihr habt gehört, dass gesagt ist (2.Mose 21,24): »Auge um Auge, Zahn um Zahn.«

             Das kennt Israel als die Weisung Gottes seit altersher. Als strenges Gebot, das die Verhältnismäßigkeit fordert und der zügellosen Rache in den Arm fällt. Es ist ein Abschied von der Maßlosigkeit der Urzeiten:  „Und Lamech sprach zu seinen Frauen: Ada und Zilla, höret meine Rede, ihr Frauen Lamechs, merkt auf, was ich sage: Einen Mann erschlug ich für meine Wunde und einen Jüngling für meine Beule. Kain soll siebenmal gerächt werden, aber Lamech siebenundsiebzigmal.“(1. Mose 4, 23-24) Alles, was wir heute als fortschrittlich einschätzen, dass Strafe ein Maß finden muss an der Schwere der Tat, das ist hier vorgegeben. Die billige Polemik, dass es im Alten Testament oft genug um maßlose Rache gehe, wird diesem Rechtssatz nicht gerecht. Allerdings kann der Satz auch missbraucht werden „als Instrument der Durchsetzung eigener Ansprüche.“(E. Schweizer, aaO.  S.78) Aber das ist nicht seine ursprüngliche Intention.

 39 Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.

             Es kann durchaus sein, dass Jesus sich zunächst gegen diesen Missbrauch des Satz als Argumentation für das eigene Recht wendet. Aber er geht mit seinen Sätzen weit darüber hinaus. Ihr sollt dem Übel nicht widerstreben. Aber, so höre ich es als innere Stimme bei mir selbst: Wer dem Übel nicht widersteht, der fördert es, der lässt ihm freien Lauf. Und wir haben doch auch gelernt: Man muss dem Rad in die Speichen fallen, wenn das Rad dabei ist, jemand zu überrollen. Man kann schon fragen, ob die Schlussfolgerung stimmt: „Jesus ruft zum Verzicht auf jeden Widerstand auf.“(E. Schweizer, aaO. S.79)

Es scheint auf dieser Linie zu liegen, wenn er als Antwort auf eine Ohrfeige nicht das Zurückschlagen erlaubt, sondern im Gegenteil fordert, auch die andere Backe hinzuhalten. Sich nicht wehren, sondern dulden. Auch entehrende Schläge. Denn das ist der Schlag mit dem Handrücken – „eine ganz besonders starke Beleidigung“.(U. Luz, aaO.  S.294) Das kann doch nicht ernst gemeint sein . „Wirklich alle?“ weiterlesen

Ja und Nein genügt

Matthäus 5, 33 – 37

 33 Ihr habt weiter gehört, dass zu den Alten gesagt ist (3.Mose 19,12; 4.Mose 30,3): »Du sollst keinen falschen Eid schwören und sollst dem Herrn deinen Eid halten.«

                   Wenn es kein Vertrauen gibt, kommt das Leben zum Erliegen. Darum liegt es auf der Hand, was zu den Alten gesagt ist. Es geht in der Forderung, keinen Meineid zu schwören,  um die Verlässlichkeit der Worte. Erst recht, wenn es beim Schwur zu einer Berufung auf Gott kommen soll. „So wahr mir Gott helfe“. Das ist nicht einfach nur eine „religiöse Eidesformel“. Sondern es ist die Anrufung Gottes als Zeuge für das, was ich da einem anderen zusage oder was ich in der Öffentlichkeit als Selbstverpflichtung auf mich nehme: Coram Deo. Im Angesicht Gottes.

Daneben steht die andere Pflicht: Was man Gott versprochen hat, das muss man auch halten. Wunderschön sichtbar in der Jakobs-Erzählung. Als Jakob auswandert. legt er ein Versprechen ab. „Und Jakob tat ein Gelübde und sprach: Wird Gott mit mir sein und mich behüten auf dem Wege, den ich reise, und mir Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der HERR mein Gott sein.Und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Steinmal, soll ein Gotteshaus werden; und von allem, was du mir gibst, will ich dir den Zehnten geben.“(1. Mose 28, 20-22) Als er, zwanzig Jahre später, zu einem reichen Mann geworden und mit einer Schar von Frauen und Kindern gesegnet, zurückkehrt, wird erzählt: „So kam Jakob nach Lus im Lande Kanaan, das nun Bethel heißt, samt all dem Volk, das mit ihm war, und er baute dort einen Altar und nannte die Stätte El-Bethel, weil Gott sich ihm daselbst offenbart hatte, als er vor seinem Bruder floh.“(1. Mose 35,6-7) Die Versprechen Gott gegenüber sind zu halten.  pacta sunt servanda. „Ja und Nein genügt“ weiterlesen

Vom Schutzraum der Ehe

Matthäus 5, 27 – 32

27 Ihr habt gehört, dass gesagt ist (2.Mose 20,14): »Du sollst nicht ehebrechen.«

             Der Einstieg wiederholt sich: Ihr habt gehört. Darüber gibt es keinen Streit. Das ist gemeinsame Grundlage. Es ist offensichtlich, dass Jesus dies, was alle gehört, gelernt haben, nicht in Frage stellt. Gibt es eine Anti-These, so heißt sie nicht: Es ist Quatsch, Scheidung ist doch nicht so schlimm. Das bleibt unserer Zeit vorbehalten, dem biblischen Gebot unsere statistischen Zahlen entgegen zu stellen. Als ob sie eine tiefere Wahrheit für sich hätten als eben nur die nackte Zahl. Als ob durch die bloße Zahl auch nur eine einzige Scheidung auch nur im Ansatz gerechtfertigt wäre.

„Welcher falsche Ton wird richtig dadurch, dass ihn jeder pfeift?                                Und welcher saure Apfel wird süß dadurch, dass jeder nach ihm greift?             Welches schiefe Bild hängt gerade dadurch, dass es viele sehn?                                 Welcher tote Weg führt weiter dadurch, dass ihn viele gehn?                                   Wer hat denn gesagt, dass Unrecht kleiner wird durch Addition,                                und dass Gott uns wegen unsrer Solidarität verschont?

Ich fürchte fast, dass es nicht wichtig ist,                                                                            ob uns das passt, was bei Gott richtig ist,                                                                                und ob mit uns noch viele andere lieber tun, was ihm missfällt.                                Ich glaube nicht, dass die Menge zählt.                                                                                                              M.  Siebald, CD Ich gehe weiter 1974

28 Ich aber sage euch: Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen.

             Jesus stellt seinen folgenden Satz nicht dem Gebot als Einspruch entgegen, sondern er stellt ihn als ein Schauen in die Wurzeln des Ehebruchs neben das Gebot. Es ist nicht so, dass der Ehebruch erst im fremden Bett beginnt. Er beginnt früher – in der Begehrlichkeit, mit den Phantasien, in den Gedankenspielen. „Jesus verbindet das siebte Gebot mit dem zehnten Gebot: Du sollst nicht begehren.“(W. Klaiber, aaO. S. 105) Und: es geht nicht um das Sehen aller  Frauen, sondern um das begehrliche Sehen auf eine Ehefrau. γυνακα ist die Ehefrau, nicht die Frau. „Vom Schutzraum der Ehe“ weiterlesen