König Alkohol?

Sprüche 23, 29 – 35

29 Wer hat Weh? Wer hat Leid? Wer hat Zank? Wer hat Klagen? Wer hat Wunden ohne Grund? Wer hat trübe Augen?

            Eine Frage folgt der anderen. Sechsmal wird so gefragt – fast als würde das ganze Leben abgeschritten. Vor dem inneren Auge der Lesenden entsteht das Bild einer Jammergestalt. Da ist einer, der fix und fertig ist. Nicht mehr kann, nicht mehr will. Der sich selbst nicht mehr kennt und nicht mehr helfen kann. „Man könnte diesen Spruch als Auffächerung des unordentlichen Wesens verwenden.“(W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel AT, Wuppertal 1985, S. 230) Zank, Klagen, Wunden, trübe Augen – das alles signalisiert eine trübsinnige Existenz. Er/sie stiert nur noch so vor sich hin.  

30 Die bis in die Nacht beim Wein sitzen und kommen, gemischten Wein zu kosten. 31 Sieh den Wein nicht an, wie er so rot ist und im Glase so schön steht: Er geht glatt ein, 32 aber danach beißt er wie eine Schlange und sticht wie eine Otter.

            Rückblende: Der so dasitzt, der hat ja anders angefangen. Er ist verlockt worden. Vom Wein, der so gut aussieht. Von der Atmosphäre, in der man so schön beieinander ist. „Dort wo man singt, das lass dich ruhig nieder“ – Wein, Weib und Gesang. Es ist das Versprechen unbeschwerter Geselligkeit. Auch von Vergessen der Alltagssorgen. Es gibt diese seltsame Leichtigkeit des Seins, wenn man seine Sorgen in einem Glas Wein ertränkt hat – wobei jeder weiß: ein Glas wird nicht genügen.

            Nur: Was sich als Entlastung angeboten hat, entpuppt sich als Gefährdung. „Der schöne rote Wein verwandelt sich im Körper in (Nerven-)Gift. Wie die Begegnung mit einer Schlange, gar der Biss einer Giftschlange einem Spaziergang ein furchtbares Ende bereitet, so gefährlich, ja tödlich sind die Folgen des Weins.“(W. Dietrich, aaO. S. 231)Wer einmal am Bett eines im Alkohol Abgestürzten gestanden hat, weiß, das hier nichts übertrieben ist.  

            Ist es eine Warnung, eine hoch symbolische Erzählung, wie vom ersten, der den Weinbau erfunden hat, erzählt wird? „Noah aber, der Ackermann, pflanzte als Erster einen Weinberg. Und da er von dem Wein trank, ward er trunken und lag im Zelt aufgedeckt. Als nun Ham, Kanaans Vater, seines Vaters Blöße sah, sagte er’s seinen beiden Brüdern draußen. Da nahmen Sem und Jafet ein Kleid und legten es auf ihrer beider Schultern und gingen rückwärts hinzu und deckten ihres Vaters Blöße zu; und ihr Angesicht war abgewandt, damit sie ihres Vaters Blöße nicht sähen.“(1 Mose 9, 20-23) Von Anfang an ist klar, was der Wein anzurichten vermag. Er kann die Besinnung rauben. Er kann einen Menschen entblößen, hilflos machen, so dass er nicht mehr für sich selbst einstehen kann.

33 Da werden deine Augen seltsame Dinge sehen, und dein Herz wird Verkehrtes reden, 34 und du wirst sein wie einer, der mitten im Meer schläft, und wie einer schläft oben im Mastkorb. 35 »Sie schlugen mich, aber es tat mir nicht weh; sie prügelten mich, aber ich fühlte es nicht.


33 Da werden deine Augen seltsame Dinge sehen, und dein Herz wird Verkehrtes reden, 34 und du wirst sein wie einer, der mitten im Meer schläft, und wie einer schläft oben im Mastkorb. 35 »Sie schlugen mich, aber es tat mir nicht weh; sie prügelten mich, aber ich fühlte es nicht.

            „Seltsame Halluzinationen und taumelnde Rauschzustände oder sogar totale Bewusstlosigkeit.“(H. Ringgren, Sprüche, in ATD 16, Göttingen 1967, S. 96)Koma-Saufen.Der Versuch, sich das Leben schön zu trinken. Wegzutrinken, zu ersäufen, womit man nicht fertig wird.Meine Erinnerung reicht in die 50-er und 60-er Jahre.Hin zu Männern, die man erbärmlich allein gelassen hat mit dem, was sie erlebt haben – als Soldaten, als Täter und Opfer zugleich. Es ist kein Wunder, dass die manchmal im Rausch das Vergessen gesucht haben. Es ist eher ein Wunder, dass sie es nicht dauernd gesucht haben.

            Was hier beschrieben ist, nennt man gerne einmal Filmriss. Trinken bis zur Bewusstlosigkeit. Es ist eine merkwürdige Geschichte, untermauert aus ungezählten Erfahrungen: Betrunkene stürzen und verletzen sich nicht. Sie fallen von Mauern, stürzen einen Abhang hinab, scheitern an einer Abwärtstreppe – aber sie spüren nichts. Es ist, als wäre der Schmerz ausgeblendet, das Schmerzempfinden abgeschaltet. Frühere Zeiten, die noch keine Narkose kannten, haben sich das zu Nutze gemacht, wenn sie den „Operations-Schmerz“ dadurch gemildert haben, dass sie den zu Operierenden reichlich Schnaps eingeflößt haben.

            Schließlich und das mag das Ziel sein: Keinerlei Erinnerung. Alles verschwimmt hinter dem Schleier, versinkt in der Tiefe des Rausches. Es ist, als wäre es nie gewesen.

Wann werde ich aufwachen? Dann will ich’s wieder so treiben.«

            Nur der schwere Kopf am nächsten Tag bleibt. Es ist die frühe Analyse des Suchtverhaltens. Nichts von dem, was der Betrachter von außen sieht, was ihn erschrecken lässt, warnen lässt, kommt an.  „Die Gebundenheit des Menschen an sein Laster wird durch dieses Selbstgespräch unterstrichen. Es gelingt ihm aus eigener Kraft nicht, aus diesem Teufelskreis herauszukommen.“ (W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel AT, Wuppertal 1985, S. 232)Erst wenn wir die moralische Kategorie „Laster“ durch die nüchterne Diagnose „Sucht“ ersetzen, wird der Weg zur Hilfe – vielleicht – frei werden.         

„Einmal trifft es einen jeden: etwas, was du nicht erhoffst nicht einmal befürchtest wirft dich aus der Bahn.                                                                                   Und es stirbt dir einer weg, den du liebtest und du heulst und dich starrt nur noch ein leerer Sessel an.

Dann ist nichts mit Heile Gänschen“, nichts mit „Wird schon wieder gut“, denn dann brauchst du einen, der die Leere füllt. Kluge Sprüche an der Bar von einem, der mal freundlich tut halten deine Wunden frisch, deine Sehnsucht ungestillt.

Ist ein Prost, ist ein Prost nicht ein ziemlich schlechter Trost?                            Glaubst du wirklich, dass dich das auf die Dauer aufrecht hält?                              Und ein Rausch, und ein Rausch ist ein ziemlich schlechter Tausch.                        Eine Träne wird nicht süßer, wenn sie in ein Bierglas fällt.“                                                         M. Siebald, CD Das ungedüngte Feld, Holzgerlingen 1976

            Es ist eine nachdenkliche Frage: wie gehe ich mit den Schicksalsschlägen um, die mir den Boden unter den Füßen wegziehen. Es ist die Frage, die auch an eine Gemeinde gestellt ist: wie gehen wir mit denen um. die vom Schicksal hart gebeutelt werden, so hart, dass sie aus dem Tritt kommen? Ziehen wir uns zurück? Überlassen wir sie ihrer Einsamkeit? Warten wir, bis sie wieder – wie von Zauberhand – auf die Beine kommen? Oder bleiben wir nahe, auch in der Trostlosigkeit, auch wenn sie abgesackt sind, auch wenn sie dauerhaft benebelt sind? 

           Es ist ja die Frage, die sich mit diesem literarischen Glanzstück in den Sprüchen stellt: Sind es Worte zum Schmunzeln – so ist es. Ist das eine folgenlose Analyse? Eine, die den Trinker auch noch über sein Elend hinaus dem Spott preisgibt? Dann wäre es einfach nur unbarmherzig. Die Worte sind eine Warnung: Auch gute Gaben Gottes – der Wein ist da, dass „er des Menschen Herz erfreue“ (Psalm 104,14) – können durch den Missbrauch zur Gefahr werden. Es könnte aber ja sein – es ist eine Passage, die zur Nähe herausfordert, die will, dass man dem Drang zur Wiederholung in den Arm fällt. Durch Zuwendung, durch Nähe, durch Zuhören. Durch Solidarität, die über das „Prost“ hinausgeht. Es ist gut, dass die Sprüche an dieser Stelle nicht die Moralkeule schwingen, dass sie darauf vertrauen, dass Menschen den Absprung aus der Alkoholfalle finden können. 

 

Heiliger Gott, ich sehe so viel zerstörtes Leben, weil das Maß verloren gegangen ist; das Maß in der Arbeit – wie viel werden gejagt bis sie zusammenbrechen; das Maß in der Sexualität – wie viel brechen darunter zusammen, dass sie es nicht mehr bringen; das Maß auch im Umgang mit dem Alkohol, das er Herr wird über das Leben. Sucht statt Freude.  

Der Wein soll unser Herz erfreuen, Aber er ist auch ein Zerstörer der Seelen. Er soll das Fest verschönen, aber er ist auch zu oft- eine Falle, e, in Gift, das die Zunge lähmt, Worte verschwimmen lässt, den Verstand raubt.   

Hilf Du, dass wir keinen allein lassen, der zum Opfer seines Trinkens geworden ist, keinen zum Gespött machen, keinen noch verurteilen: Selbst schuld. Hilf Du, dass wir die Freude am Wein bewahren, weil wir ja vor Augen haben, dass wir einmal den Wein teilen werden – ohne alle Schattenseiten – in Deiner Ewigkeit. Amen