Hinhören – Hinschauen

Sprüche 21, 13 – 31

13 Wer seine Ohren verstopft vor dem Schreien des Armen, der wird einst auch rufen und nicht erhört werden.

            Im Mittelmeer ertrinken Menschen. In Europa geht alles seinen Gang. Geht es uns nichts an, was vor unserer Haustür geschieht.  „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“(M. Niemöller, Ostern 1976) Das Weghören und Schweigen fällt auf die zurück, die sich dem Schreien verweigern.

            Es ist die Mahnung, die  auch in den Sprüchen steht, die hier das andere Verhalten einfordert: „Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind. Tu deinen Mund auf und richte in Gerechtigkeit und schaffe Recht dem Elenden und Armen.“(31, 8-9) Man wird sich hüten müssen, die Herausforderung in diesen Worten zurück zu weisen mit dem Fragen: wer sind denn die, die nicht selbst für sich reden können? Wer sind denn die, deren Schreie wir hören sollten? Es gibt das Schreien in der Nähe, vor der eigenen Haustür und das Schreien in der Ferne – und beides kommt an unser Ohr. Die Frage ist: wozu bewegt es uns?

14 Eine heimliche Gabe stillt den Zorn und ein Geschenk im Verborgenen den heftigen Grimm. 15 Dem Gerechten ist es eine Freude, zu tun, was recht ist, aber den Übeltätern ist es ein Schrecken. 16 Ein Mensch, der vom Wege der Klugheit abirrt, wird weilen in der Schar der Toten. 17 Wer gern in Freuden lebt, wird Mangel haben; und wer Wein und Salböl liebt, wird nicht reich. 18 Der Frevler wird als Lösegeld gegeben für den Gerechten und der Verächter für die Frommen.

            Es braucht nicht den großen Auftritt. Es braucht nicht die große Öffentlichkeit. Gutes tun kann man auch im Verborgen, ohne Pressemitteilung. Wieder hat Jesus genau gelesen und ausgelegt: „Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut,“ (Matthäus 6,3) Es hat seinen Wert in sich, anderen zu helfen. Auch dann, wenn es öffentlich unbemerkt bleibt. Was es dafür braucht, ist die Fähigkeit, wegzublicken von sich selbst, einen weiteren Horizont als das eigene Wohlergehen zu haben.

            Der enge Horizont des ewigen Ich, ich, ich  dagegen führt in die Isolation. Sehr scharf gesagt, letztlich in die Schar der Toten. Wer nur selbstbezogen lebt, schneidet sich vom Fluss des Lebens ab, auch dann, wenn er gerne in Freuden lebt. Es gibt so etwas wie eine göttliche Gerechtigkeit – einmal mehr von Jesus proklamiert in seiner Erzählung vom reichen Mann und dem armen Lazarus: „Abraham aber sprach: Gedenke, Kind, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet, du aber leidest Pein.“(Lukas 16,20) Der Reichtum der Welt reicht nicht über die Todesgrenze hinaus.

19 Besser in der Wüste wohnen als bei einem zänkischen und zornigen Weibe. 20 Im Hause des Weisen ist ein kostbarer Schatz an Öl; aber ein Tor vergeudet ihn.

            Eine gewisse Sprunghaftigkeit ist den Sprüchen zu eigen. Mir erschließt es sich nicht, wie es zu dem Blick-Wechsel auf das zänkische und zornige Weib kommt. Es macht einen Unterschied, ob es in einem Haus laut, rechthaberisch von beiden Seiten her – Mann und Frau –  zugeht, oder ob es ein gutes Miteinander gibt. Ob es „läuft wie geschmiert“ und die Reibungsverluste aneinander gering sind. wo man sich ständig aneinander abarbeitet, bleibt nicht allzu viel Raum für die Lebensfreude. 

21 Wer der Gerechtigkeit und Güte nachjagt, der findet Leben, Gerechtigkeit und Ehre. 22 Ein Weiser ersteigt die Stadt der Starken und stürzt ihre Macht, auf die sie sich verlässt.

            Jetzt wird nachgelegt: Man findet, was man sucht – wer Gerechtigkeit und Güte sucht, wird am Ende nicht mit leeren Händen dastehen. Es ist die Frage, die sich jede*r für den Weg seines Lebens stellen muss: Wonach strebe ich? Was ist mir wichtig für mein Leben. Im Mund Jesu hört sich das so an: „Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.“(Matthäus 5,6) In diesem Hunger, so darf man wohl lesen, steckt eine große Kraft. Sie kann sogar scheinbar unüberwindliche Mauern überwinden. 

            Es ist ein Gedanke, der einen schon beschäftigen kann: Ein Mädchen mit einem Plakat vor einem Parlament – was für ein Anfang. Menschen, die auf die Straße gehen, weil sie nicht mehr schweigen wollen zum Miet-Wahnsinn – was für ein Anfang. Wenn die Zeit für eine Idee gekommen ist, wird sie nichts aufhalten können.

23 Wer Mund und Zunge bewahrt, der bewahrt sein Leben vor Not. 24 Wer stolz und vermessen ist, heißt ein Spötter; er treibt frechen Übermut.

            Ich weiß nicht alles, Ich muss nicht alles wissen. Ich muss mich davor hüten, auf Lacherfolge aus zu sein. Wir leben in einer Zeit, in der die Spötter Konjunktur haben. Sie heißen Comedy-Star und machen Heute-Show. Nichts ist leichter, als sich über das Versagen anderer lustig zu machen. Nichts ist einfacher, als die Fehler anderer anzuprangern. nur: ob das ganze Gerede und Gespött fruchtbar ist, eine Hilfe zu besseren Wegen – das steht auf einem anderen Blatt.   

25 Der Faule stirbt über seinem Wünschen; denn seine Hände wollen nichts tun. 26 Den ganzen Tag begehrt die Gier; aber der Gerechte gibt und versagt nichts.

            Seit vielen Jahren ein Begleitsatz meines Lebens: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“(E. Kästner) Wer darauf wartet, dass ihm wie im Schlaraffenland die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, wird verhungern. Der Faule baut Luftschlösser, der Gerechte dagegen tut, was dran ist. „Er arbeitet fleißig und umsichtig. Bei seiner Genügsamkeit hat er bald einen Überfluss erarbeitet, der es ihm gestattet, großzügig zu helfen.“(W. Dietrich, Das Buch der Sprüche, Wuppertaler Studienbibel AT, Wuppertal 1985, S. 205f.) Das kennzeichnet eine gerechten Menschen, dass er nicht eng ist, nicht spart, wo er helfen kann. Damit ist keine Bedingung genannt, die man erfüllen muss, um ein Gerechter zu sein. Sondern so sind gerechte Leute ihrem Wesen nach.          

27 Der Frevler Opfer ist ein Gräuel, wie viel mehr, wenn man’s darbringt für eine Schandtat. 28 Ein lügenhafter Zeuge wird umkommen; doch wer zu hören versteht, dessen Wort bleibt.

            Geht es um Vertuschen? Geht es um den Anschein von Frömmigkeit, während man in Wahrheit nichts damit am Hut hat? Oder ist das gemeint, dass es diesen Zweispalt gibt zwischen den sonntäglichen Kirchgang und dem alltäglichen Leben? „Wird das Opfer nicht in der rechten Gesinnung dargebracht, so ist es Jahwe ein Gräuel.“ (H. Ringgren, Sprüche, in ATD 16, Göttingen 1967, S. 85)Es ist wohl gut zu ergänzen:  der rechten Gesinnung muss auch das richtige Tun folgen. 

29 Der Gottlose macht ein freches Gesicht; aber wer fromm ist, macht seine Wege fest. 30 Keine Weisheit, kein Verstand, kein Rat besteht vor dem HERRN. 31 Rosse werden gerüstet zum Tage der Schlacht; aber der Sieg kommt vom HERRN.

            Was bleibt? Was verleiht dem Leben Beständigkeit? Was ist ein tragfähiger Grund für die eigenen Lebensschritte? Das sind Fragen, die diese Sätze auslösen. Selbstsicherheit ist kein solides Fundament. Und: „Auf Erden vermag Weisheit viel, aber Gott gegenüber richtet sie nichts aus. (H. Ringgren, aaO. S. 86) Es ist eine nüchterne Einsicht, die die Weisheit, den Verstand, den Rat begrenzt sieht. Wir wissen nicht alles. Wir können nicht alles. Wir verstehen nicht alles. In den Schriften, die wir der „Weisheit Israels“ zurechnen, meldet sich auch ein Wissen zu Wort, das Wissen, Weisheit, Klugheit als nur vorläufig, nur relativ ordnet. Es ist wie eine frühe Vorwegnahme von Sätzen des Paulus: „Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?“(1. Korinther 1,20) Das ist kein Plädoyer für Denkfaulheit. Es ist aer eine Grenz-Ziehung:

„Unser Wissen und Verstand ist mit Finsternis umhüllet, wo nicht deines Geistes Hand uns mit hellem Licht erfüllet; Gutes denken, tun und dichten musst du selbst in uns verrichten.“                         T. Clausnitzer 1663, EG 161

            Ob unser Leben Bestand hat, hängt zuerst und zuletzt an Gott. Auf ihn zu trauen, lässt sichere Schritte Tun. Es ist die Grundüberzeugung hinter den Sprüchen, dass das Leben empfangen wird, dass es nicht unser Projekt ist, das wir verwirklichen, dass es Gabe ist und wir die sind, die mit leeren Händen da stehen und nur so reich beschenkt werden können.  

 

Mein Gott, von Anfang an hast Du es so gewollt, dass wir nicht für uns allein leben. Du hast uns zur Gemeinschaft geschaffen, zum Miteinander. Darum willst Du auch unser Miteinander mit Dir.

Es ist eine der großen Versuchungen: Ich bin mir selbst genug. Ich kümmere mich um meine Angelegenheiten. Und solange Unrecht mich nicht trifft, geht es mich nichts an. Aber es geht mich etwas an, wenn die Erde verbraucht wird, die Umwelt verschmutzt, das Klima sich durch unser Gier verwandelt. Es geht mich etwas an, wenn der Lebensraum eng wird, wenn meine Enkel um ihre Bleibe fürchten müssen, weil das Geld nicht reichen wird für die Miete.  Es geht mich etwas an, wenn wir die Zukunft verbrauchen.

Gib mir offene Augen, dass ich nicht wegsehe. Gib mir den Mut, meine Stimme zu erheben. Gib mir genug Entschlusskraft zu ändern, was ich ändern kann – in meinem Leben. Amen

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